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Neue jüdische Presse · 1911-12-08 · Heft 48 (8.12.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 48 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 48 — geöffnet. Vier in Lumpen gehüllte Gestalten tragen halbgebückt, damit sie nicht an die niedere Decke stoßen, einen Sarg hinans. Man sieht den Vieren «m, daß sie dieses Geschäft nicht mit Liebe ausführen. Doch sie kommen nicht dazu, den Sarg unsanft auf die bereitstehendc Bahre zu stellen: starke Arbciterhändc erfassen die letzte Hülle des toten Kameraden und lassen sic sanft aus die Bahre gleiten. Heiße Tränen fallen aus die in der Sonne leuchtenden weißen Tannenbrctter. Bedeckten Hauptes sprechen die Männer Gebete. Frauen sieht man hier nicht. Nur aus dem entferntesten Winkel des Gartens schauen drei Frauengestaltcn hervor. Die Aeltcste von den Dreien, die die kleidsame Tracht der deutschjüdischeu Krankenschwestern trägt, lehnt gegen einen Baum und läßt die tränenfeuchten Blicke über den glitzernden Meeresspiegel gleiten. Plötzlich gibt sie sich einen Ruck. „Sonja, ich hatte soeben eine Vision!" Die Angeredete wendet hastig de» Kopf, so daß die braunen Locken fliegen. Sonja ist ein echt russischer Typ, kurze Haare, immer nachlässig gekleidet. Wie oft entfernte Schwester Ena ihrer Hilsswärterin und so lieben Freundin lächelnd die Stecknadeln und nähte eigenhändig Knöpfe und Haken an Sonjas Blusen? Aber das waren auch Sonjas einzige Fehler, sonst hatte sie nur Vorzüge. „Sonja, ich starrte und starrte in die Wellen," fährt Schwester Ena fort, „da war cs mir, als ob plötzlich unser Brunnen vorn im Hofe aus dcni Meere emporwüchsc, und David stand und zog Eimer um Eimer in die Höhe. Mit einmal wandte er mir sein schweißtriefendes, vor Anstrengung verzerrtes Gesicht zu, ließ den eben emporgezogenen Eimer wieder in die Tiefe sinken und.sagte mit Augen, aus tcncn mich Todestrauer anblicktr: „Schwester, ich kann nicht mehr!" Ein heftiges Schluchzen läßt Schwester Ena nicht weiter sprecht:». Slawa, ihre zweite Hilfswärterin, ist in Tränen ausgebrochcn, doch schnell ermannte sie sich wieder und fragte vorwurfsvoll: „Warum haben sie sein Los nicht erleichtert, Schwester?" sic blickt dabei nach dem aufgcbahrten Kollegen, dessen Tage so wenig und böse ivaren, und der doch noch so gern gelebt hätte. Schwester Ena blickt liebevoll zu der schlanken Mädchengestalt empor, selbst in der gegenwärtigen Stimmung muß sie das liebe, schöne, graziöse Rassenmädel bewundern. Wie sie da vor ihr steht: gertenschlank, achtzehnjährig, die herrlichen blonden Zöpfe einfach um das Haupt geschlungen, so gleicht sie selbst einem Frühlingstage. Umflorten Blickes schaut sie antwortheischend aus Schwester Ena. Diese lächelt trübe, und zu Sonja gewandt spricht sic: „Soll ich mich verteidigen, Sonja? Sie sind länger hier als Slawa." Andere sollen sich verteidigen, wenn sie können," erwidert Sonja mit blitzenden Augen. „Sic, Schwester, haben ihre Pflicht getan, mehr als Pflicht. Daß es dem Acrmstcn nicht mehr genützt hat, daß Sie ihm einen Arbeiter stellten und aus Ihrer eigenen Tasche bezahlten, wenn er sich zu elend zum Arbeiten fühlte, — ist es Ihre Schuld? Sie, liebe Schwester, brauchen sich an dieser Bahre keine Vorwürfe zu machen!" Schwester Ena nickte. Ach, Sonja, für elende' 200 Franken hätte man das Wasser vom Brunnen in die Küche leiten können, die Verwaltung hatte kein Geld dazu. Und er, der hier bleich und tot liegt, er war erst 24 Jahre alt" — sie macht eine Handbewcgnng nach der Seite zu, wo die Männer beten — „ihn trieb die Not, - die krasse, die kein Erbarmen kennt; Weib und Kind litten Hunger, und er arbeitete, bis er niedersank. Sonja, ich kann das schweißtriefende, verzerrte Antlitz nicht vergessen. Menschen hätten ihm helfen können mit ,ein wenig Liebe und gutem Willen. Er kam wie wir alle, das Heilige Land zu suchen. Aber nur, uni in ihni gebettet zu werden, hat er cs gefunden." „Junge Menschen kommen aber, um auf dem heiligen Boden zu wirken; die Alten kommen, um darauf zu sterben," entgegnet Sonja. „Es ist erst so kurze Zeit, daß ein anderes Opfer hier aufgcbahrt war. Er war erst 19 Jahre alt, auch ein Arbeiter, der infolge zu schlechter Ernährung und unverständiger Pflege zugrunde gegangen war. Das Krankenhaus konnte zuletzt auck) nicht mehr helfen. Wer kennt die Opfer alle?" ,ZLissen Sic, Sonja, eines tut mir bitter wehe," fährt Schwester Ena mit tonloser Stimme fort, „daß die Verwaltung trotz all' meiner Bitten die vier stämmigen Araber, die sich hier herumdrücken, nie hat richtig arbeiten lassen. Solange ich hier bin, arbeiteten die, wenn es ihnen just beliebte, während David" — sie konnte vor Tränen nicht weiter sprechen. Slawa umschlingt sie mit beiden Armen. Plötzlich fahren alle drei zusammen, eine Türe hatte in den Angeln gekreischt. „Jetzt trägt man ihn hinaus" . . . AE alle Männer draußen sind, schreiten die drei Mädchen den sich Entfernenden ein paar Schritte nach, dann gehen sie durch die kreischende Türe ins Haus. -Bor der kleinen elenden Hütte, die beim Frankfurter Israelitisches Fannlienblatk. Jasfaer „Schaaer Zion" - Hospital die Totenhalle vorstellt, machen die drei noch einmal Halt. „Gedenkt Ihr noch," fragt Slawa, „was der Verstorbene über das Totenhaus gesagt hatte?" „Ich weiß mehr als genug," antwortet Sonja und hält beide Hände vors Gesicht; sie will nichts mehr sehen und hören. „Auch ich erinnere mich noch sehr gut," aniwortet Schwester Ena, „daß er für sein erstes erspartes Geld eine anständige Leichenhalle wollte bauen lassen." „Maskini Tand!"') rufen die arabischen Diener, die gesund und munter mit ihrem halben Dutzend Weibern in der Sonne hocke», den Mädchen nach. Verächtliche Blicke sind Antwort genug für die falschen Schmeichler. Dann wieder Stille. Ruhig liegt der Garten im Frühlingsglanzc. Das leuchtet und flinimert, lockt und kost, als ob nichts geschehen wäre. Das Meer singt sein sehnsuchtsvollstes Rauschen und Raunen, Welle aus Welle tänzelt spielerisch kosend an den Strand, symbolisch alles Kommen und Gehen ans dieser Erde andeutend. Im Krankenhausc ist es totenstill. Sämtliche Räume sind geschlossen. In jedem Frühling entläßt das „Schaar Zion" - Hospital Kranke und Angestellte. Schwester Ena sicht oas zum ersten Make, daß man ein Hospital schließt. „In Jaffa ist es immer so," sagen ihr die Angestellten. „Aber was wird ans Euch, Sonja miB Slawa und Eurem Kollegen Chajim, der sechs kleine Kinder zu ernähren hat?" „Das kümmert keinen Menschen!" Sonja sagt es bitter, während ihre riefen, schwärmerischen Augen einen starren Ausdruck annehmen. ~ „Haben Sic schon 'Arbeit gefunden?" fragt Schwester Ena weiter. Die Gefragte schüttelt den Kopf. Näher zu Schwester Ena erantrctcnd, sagt sic hebräisch, damit cs Slawa, die der Sprache noch nicht mächtig ist, nicht verstehen soll. „Ich, Schwester, werde schon Arbeit finden, sie wissen, lvie wenig ich brauche. Aber Slawa hat sieben kleine Brüder, und der Vater ist unterwegs nach Amerika, dort Arbeit zu suchen und hat die letzte Barschaft mitgenommen, — was soll ans denen werden?" Schwester Ena zuckt wehmütig die Achseln. Sie faßt sich an die Stirn, alle Farbe ist aus ihrem Gesichte gewichen. Außer Chajim. Slawa und Sonja ist die alte Köchin, die schon mehr als zwanzig Jahre dem Hanse dient, brotlos geworden. Wenn sie recht nachdenkt, so sollte sic doch eher die Lebenden, die hungern und darben müssen, als den von allem Erdenleid erlösten David beweinen. — Aber nun heißt cs packen, es ist keine 'Arbeit mehr hier für Schwester Ena. Wie schwer sällt es ihr, Stück für Stück von den Wänden zu nehmen. Fortgehen müssen von heiliger Erde. — Alle Wünsche, Träume, Hoffnungen hier begraben! — Schwester Ena muß das Fenster schließen. Das vertraute Rauschen des Meeres, das sie so sehr liebte, macht ihr das Herz zum Brechen schwer. Nun ist auch dieses traurige Geschäft zu Ende. Slawa hat fleißig geholfen. Noch ein letzter Blick! Wie häßlich jetzt das Zimmer aussieht, wie traut war es, als es Schwester Ena noch bewohnte? Und nun fort von dieser Stätte des Jammers und Elends! Am Hasen in Jaffa herrscht ein reges Treiben. Durch die Mengen Waren, die hier aufgestapelt liegen, hindurch zu gelangen, ist kaum möglich. Kameltreiber, die ihre riesigen Tiere, ohne ans die Fußgänger Rücksicht zu nehmen, durch die enge Straße treibe», Eseljnngen mit schwer beladenen Grautieren aller Gattung und in jeder Größe, Bettler, zwischendurch elegante europäische Reisende, die sich ängstlich durch dieses Gewühl drängen. Berkäuser, die laut schreien, vervollständigen dieses wilde, orientalische Bild. Schwester Ena war dieses Straßenbild vollkommen vertraut und immer gleich interessant und anheimelnd. Hier ruft ihr der Ansichtskartcnvcrkäuser zu, sie hätte noch nie etwas bei ihm gekauft. Aber seelenvergnügt, so echt morgenländisch zufrieden, preist er lachend immer wieder seine schöne Ware an. Geldwcchslertische, Süßigkeitsstände, rauchgeschwärzte Kaffeebude», alles nicht sehr appetitlich, aber über allem der ewig strahlende Himmel Palästinas leuchtend. Nun noch das letzte auf der deutschen Post in Empfang nehmen, dann noch ei» paar Schritte bis zum Boot, — und der heilige Boden ist verlassen! — Schwester Ena findet Slawa und Sonja schon auf dem Schiffe vor. Bald sind sie in ein Gespräch verliest. „Ich wollte noch einmal zur Kosel Maarvwi nach Jerusalem fahren," hören Ivir sie sprechen, „um von unserer heiligsten Erinnerung Abschied zu nehmen, — aber es ging nicht. Ich habe das Geld, das ich für die Mise gebraucht hätte, wegi) Armer David (arabisch). gegeben; wenig genug >var es ja, aber mehr geben konnte ich nicht. „Und 20 Franken haben Sie einem Arbeiter geliehen, der es Ihnen wohl nie zurückgeben kann! Und dreimal haben Sie für mittellose Arbeiter die 5 Franken Eintrittspreis an das Hospital entrichtet. Und Ihre Winterjacke haben Sie verschenkt! — Sie werden frieren auf dem Schiffe!" Schwester Ena hält Sonja lachend den Mund zu. „Kleine Eiferin, cs ist ja Frühling, ich werde nicht frieren." Aber Sonja fährt unbeirrt sort: „Und ich selbst schulde Ihnen noch 5 Bischlik."* 3) Die Sprecherin ist bei diesen Worten, wenn möglich, noch bleicher gelvorden, als sie es ohnehin schon >var. Es ist ihrem stolzen Gemütc zu bitter, daß sie der Schwester nicht das' geliehene Geld znrückerstatten kann! — „Sic, Trotzkopf!" mit diesen Worten wendet sich Schwester Ena dem ehrlichen Mädchen zu, „Sie wollen woinöglich noch sich selbst anklagen, daß Sie die paar elenden Heller nicht zurückerstatten können! — Betrachten Sie doch Ihre Lage und sagen Sie mir dann, ob Sic sich anklagen können? Erstens wußten Sie nicht, daß ich so schnell abreiscn würde, denn sonst hätten Sie das Geld gar nicht geliehen. Zweitens werden Sic mir das Geld schicken, sobald Sic cs können. Drittens, wenn überhaupt hier von einem Unrechte die Rede sein kann, dem: ich schenke Ihnen ja das Geld, so sind Ihre Arbeitgeber doch schuld, daß Sie borge» müssen. Bei einem Monatsgehalt von 15 Franken ohne Kleider als Krankenwürterin, da müssen Sic ja borgen. Jeder redliche, gute Mensch wird so denken und Sie entschuldigen. — Doch nun ist der dlbschiedsmoment gekommen!" Die beiden umarmen und küssen Schwester Ena, und versprechen, sic in gutem Andenken behalten zu wollen. Sonja steht noch allein auf Deck. Die Morgensonne wirft Strahlenreflexe auf ihre braunen Locken, so daß sie golden leuchten. Und nun preßt sie Schwester Ena die Hand, wortlos. Dann eilt sie die Schiffstrcppe hinab. Der Bootsmann hat schon zweimal zum Verlassen des Schisses gemahnt Schwester Ena sicht ihr an die Reling gelehnt nach. „Sonja, an der Kosel Maarawi gedenken Sie mein, — Sie wollen ja nach Jcruscholajim gehen!" Ein tiefer Seufzer hebt Schwester Enas Brust. Sonja winkt mit 'der Hand, eine weiße, schmale Leidenshand. „Im eschkachech Jcruscholajim". — Der Wind hat die Worte hergeführt. Pfeilschnell fliegt das Boot dem Lande zu, kaum ist der Sing-Sang der arabischen Ruderknechte noch zu vernehmen. ^"Sonja steht noch immer aufrecht im Boote, ihre Locken fliegen. Sie weiß noch nicht, wo sie die nächste Nacht das müde Haupt betten soll, — aber der Mut, die Liebe zuni heiligen Lande verlassen sie nicht. Schwester Ena nickt ihr noch einmal zu: „Fahrwohl, stolze Streiterin, Märtyrin, du bist eine von den ersten, — und die ersten müssen geopfert werden!" ftOTIK J-«. M, HU. P. Heit], Uf 1 I IR Ecke N*uo Mainzers».o Weissf'auenstr. tl. Elektr. Kleinbeleuchtung. Taschenlampen. Eingesandt. War»ung! Ein junger Wiener, Aloys Reich, hat sich verschiedenen Mitgliedern der Posencr Ortsgruppe als Vertreter des „Jüdischen Verlags" vorgcstellt und uns gehörige Bücherobjcktc zu veräußern gesucht. Reich ist, nachdem er beim Leeren einer Nationalfondsbücherei in den Räumen des Zentralbureaus überrascht wurde, unserem Dienste entlaufen. Er hat anscheinend eine Reihe von Büchern entwendet. Wir ersuchen, uns die Mitteilung zu machen, falls er Bücherobjekte anzubringen sucht. Reich ist ca. 18 Jahre alt, mittlerer Statur und hat hellblondes Kraushaar. Berlin. Jüdischer Verlag, G. m. b. H. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 9. Dezember {=18 Kislev): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min. in Berlin 4 Uhr 42 Min. Wochen«schnitt: Wajischlach. Nachdem der Feind im Rücken — Laban — unter Gottes Beistand abgcwendet war, galt es, dem entgegenkommenden sich zuzuwenden. Esau zieht Jakob mir 400 Mann entgegen. In dreierlei Art trifft Jakob Vorbereitungen. Er sendet Boten mit Geschenken voraus, um Versöhnung zu erwirken; ,er bereitet sich kriegerisch vor, indem er sein Lager in zwei Hälften abteilt; endlich betet er. Als Esau mir Jakob zusammentrifft, wird er versöhnlich gestimmt, nimmt Geschenke au und wendet sich wieder heimwärts. Die Begleitung durch Esau schlägt Jakob aus, offenbar aus "Mißtrauen. — In der Nacht -) Resimaucr. 3) Ein Bischlik hat den Wert von 50 Psg.

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