Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 48 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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fmditifdirs JFomilirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Ml. 2.— ««d ch-lchäftsDell- Srankfurt a. m.. LrrrrsvstrrrtzL 7 P-kefo« 10507. HeransgsVer: Kals cheis. JnsertionSpreise: Die viergefpallene Petttzefte.... . 25 ffg. Die Rellamezeile. . wo „ Platz- und D aten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Franksint a. M. unter No. 4884. _ ■ 9. Jahrgang. Freitag, de« 17. Li8lvv 5672 (8. Dezember 1911) Nr. 48 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Aus den Ereigniffen des Tages: 1. Jacob Schiff und die russische Paßfrage; 2 Zum Todestag Saul PinchaS Rabbinowitz. — Der Verband der jüd. Jugendvereine Deutschlands. — Ausall er Welt. — Feuilleton: eiliger Boden. — Eingesandt. — Wochenalend er. — Familiennachrichten. — Briefkasten. Ans der Wett der Gedanke«. (Betrachtungen und Besprechungen) Bon Ben-Kohelettz. XI. Haschiloach. (Schluß). Man muß die Artikel des Tr. Klatzk i n selbst lesen, um ihre ganze Schön-? heit empfinden zu können. Hinzu kommt der Reichtum der Sprache, die . Präzision der Ternlina, die Wärme des Stils, die Tiefe der Gedanken, die Weite des Horizontes, und die Höhenluft der reinen Sphäre, in der sich die Artikel bewegen, die alles in allem jede Whandlung zu einer bleibenden Arbeit machen. "Allerdings, die Artikel haben dies nicht, w.as man gerade heute, int Zeitalter des Amerikanismus, von schriftstellerischen Leistungen so oft fordert: praktischen Wert und reale Nutzanwendung. Ter moderne Durchschnittsleser wird vielleicht die Nase rünlpfen über Artikel, die den Titel: „8ub specie aeterni" tragen und also beginnen: „Hast du schon jemals den Geschmack der Ewigkeit gekostet? Wenn du dessen teilhastig geworden bist, Heil dir!" Gewiß, praktischen Wert, positives Wissensmatcrial geben die Artikel nur wenig, Nüchternen, prakfischen Börsenjobbern werde ich sie auch nicht empfehlen, auch der Verfasser nicht; nicht einmal der gebildete Durchschnittsleser wird sie voll würdigen können. Sie . sind eben für Feinschmecker, diese Essays. Sic sollen für die geistige Nahrung des Lesers nicht das Weizenbrot liefern, sondern das Dessert, wenn man wirklich Arbeiten, die uns die Wege zmn Aufbau einer Weltanschauung weisen, als Luxus und Dessert bezeichnen nnll. Gourm.ands und Feinschmecker aber gehen an alleiniger Weizenbrotkost zugrunde; ihnen ist das Dessert zumindest ebenso unentbehrlich wie das Brot. Für solche und ähnliche sind diese Essays bestimmt; solche und ähnliche werden in ihnen hohen künstlerischen Genuß und ästhetisch-philosophische Anregung finden. Und so wage ich es denn, trotz dieses scheinbaren Mangels dieser Arbeiten, sie als ein Ereignis in der Jahresgeschichte des „Haschiloach" zu feiern und dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß unser reifer Neulings uns noch recht viele solcher voll entivickelter und kerniger Erstlingssrüchte seines Geistes schenken möge. Was außer diesen zwei Ereignissen der publizistisch-philosophische Teil des „Haschiloach" bietet, ist im großen ganzen recht gut; wir müssen uns aus Raummangel nur ans die Nennung der wichtigsten beschränken, wobei wir schon die Artikel literarisch-krtischen Charakters hinzunehmen: „AbrahamGeiger" v. Tr.Zipronowitsch, „Die griechische Tragödie" von Arjeh Simon, der „historische Gedanke" von Moses Kleinmann, „In der allgemeinen Literatur" von Nahum S o k o l o w, „Freiheit und A p i k o r s u s" von I s ch I w r i und „Zwei Mendelehs" von Tr. Joseph Klausner. Dagegen drücken die Artikel des Tr. Mclamed, die wohl zum Teil gute Feuilletons wären, aber durchaus nicht als Leitartikel einer ernst sein wollenden wissenschaftlichen Zeitschrift figurieren dürsten (dies gilt in erster Reihe für den Aufsatz: „Zwei historische Gesetze") und ein Artikel, der streng genommen nicht zu diesem Jahrgang gehört, den wir aber hier doch erwähnen wollen, das Niveau dieses publizistisch-philosophischen Teile beträchtlich herab; wir meinen den Aufsatz von Ewen Schaisch: Takonas hajahadus (Tie Reform des Judentums). Es hat uns geradezu stappiert, eine solche — sagen wir es heraus — Geschmacklosigkeit als Leitartikel im „Haschiloach" zu finden. Wir sprechen gar nicht von der aller Tradition ins Gesicht schlagenden Tendenz dieses Artikels, von der praktischen Unausfichrbarkeit der cnw ivickelten Gedanken, wir sprechen nur von seiner — man kann es nicht anders nennen — geschmacklosen Eigenart. All die lächerlichen Mätzchen unserer Assimilanten von vor 56 Jahren, all die Nörgeleien und Bekrittelungen „moderner" Fortschrittler am jüd. Gebetbuch finden sich hier wieder, hier im Jahre 1911 und in /einem nationalen Organ. Hat denn der Redakteur gar nicht das Assimilatorische wahrgeaommen, das in dieser Sucht, alles Ursprüngliche, Kräftige, .Konkrete und Lebenswarme, das unser Judentum sich noch durch das Ghetto hinübergerettct hat, zu verbannen; nicht das Lächerliche und Groteske, das in der Wiederholung dieser schon vor Jahrzehnten gepredigten und heute glücklicherweise schier vergessenen Banalitäten liegt? Es ist schlimm, daß ein hebräischer nationaler Autor von heute einen solchen Artikel schreiben konnte, doppelt schlimm, daß dieser Schriftsteller ein Rabbiner ist, schlimmer aber noch als all dies, daß der Redakteur des „Haschiloach" einen solchen Artikel an erster Stelle Abdrucken konnte. Die Kritik, die er in der übrigen hebräischen Presse erfahren hat — selbst in der religiös-radikalen —, wird die Redaktion des „Haschiloach" darüber belehrt haben, daß, wenn auch allerdings — wie sie sagt — die Zeit gekommen ist, sich mit den religiösen Fragen des Judentums näher, intensiver zu beschäftigen, diese Beschäffigung keinesfalls sich in den Bahnen längst überholter Banalitäten bewegen darf und wird. Wenn wir von dem rein wissenschaftlichen Teil des „Haschiloach" noch die Aufsätze: „Joseph II. und die Juden Galiziens" von Dr, Bracher, „Rabbi Dvh hamagih von Mesheritsch" von Sch. H. Horodetzky, „Ter Goluth in Babylon zur Zeit Esras undNehemias" von Tr. I. Klausner, und „Diebstahl und Raub in der Bibel" von Tr. Zipronowitsch erwähnen: wenn wir vom belletristisch-literarischen Teil den Roman von M.Smilanski: „Hadassah", die Erzählungen und Skizzen „Mirjam" von T. B. Sluzki, „Ein Besuch" von I. Tusch mann, „Unreinheit und Heiligkeit" von M. Siko, „Zwei Generationen" von I. Lcwonrin und die Gedichte: „Es hat mir Gott nicht gezeigt . . ." und: ,,llnd wer es auch sei . . ." von B i a l i k, „Es wird sein am Ende. . ." von Scheiur und die lyrischen Beiträge von Tschernichowski, Fichmann, Lerner, S^chimonowitz u. a. nennen, wenn wir den gediegenen monatlichen politischen Rückblick von Jchudi poschut lobend hervorheben und .der vortrefflichen Gedenknummer nach dem Tode Lewinskys mit Anerkennung gedenken, so glauben wir annähernd die lvichtigsten.Arbeiten des „Haschiloach" genannt zu haben. Alles in allem: Noch steht der „Haschiloach" an der Spitze der hebräischen Presse, noch trägt er den Stempel wissenschaftlichen Ernstes und literarischer Gediegenheit an sich, aber gegenüber den früheren Jahren ist er doch merklich zurückgegangen. Wir wollen hoficn, daß dieser Rückgang nur zeitweilig ist, daß es den vereinten Kräften von Redaktion und Schriftstellern bald gelingen wird, den „Haschiloach" in der Tat zu einem erstklassigen Organ zu gestalten, das seiner Tradition, seiner Redaktion, seinen Mitarbeitern und der hebräischen Literatur zur Ehre gereichen wird. Ans den Ereigniffen des Tages. 1. Jacob Schiff und die russische Patzfrage. Tie Paßftagc in Amerika hat noch immer nicht ihre Erledigung gefunden. Trotz aller Bemühungen seitens der amerikanischen Judenheft und trotz aller Versprechungen seitens der Regierung ist in der Angelegenheft noch nicht der geringste Fortschritt erzielt worden. Tie russische Regierung ist unnachgiebig, hieß es stets, Amerika tut alles, was es kann, es läßt sich aber nichts erreichen. Diese Darstellung der Sachlage mußte stets verdächttg und nicht ganz einwandsftei erscheinen; es war nicht anzunehmen, daß bei wirklich energischem Borgehen der Vereinigten Staaten nichts zu erreichen sei, daß die russische Regierung es zur Lösung ihres Handelsvertrages mit Amerika wird kommen lassen, nur um nicht einigen amerikanischen Juden Einlaß zu gewähren. Ist doch der Antisemitismus der russischen Gewaühaber nicht prinzipieller sondern rein praktischer, geschäftsmäßiger Natur. Man mußte daher annehmen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten in ihrer Bchandlung der Frage nur lau vorgegangen ist; und daß diese Annahme richtig war, ist in den letzten Tagen ans Licht der breiten