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Neue jüdische Presse · 1911-12-01 · Heft 47 (1.12.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 47 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatl. Kr. 47 der harmonische, geschlossene Aufban der Artikel, wir finden es hier wieder, in anderer Form und in größerem Maße. Tie Architektonik der Essays des Tr. Klatz kin ist wesentlich verschieden von der der Arbeiten Achad-Haams. Tiefer bietet mehr das Einfache ini Aufbau, jener das Künstlerische; dieser hält sich stets an der großen, geraden Linie, jener hat hier und da die Arabesken, die Verzierungen gern; dieser ist kalt in seiner architektonischen Größe, jener warnr und buntfarbig in seiner Reichhaltigkeit und Berschicdenartigkeit. Achad-Haam stellt die Prämisse auf und - leitet mit unauswcichbarer, zwingender Logik die Folgerungen ob; Tr. Klatzkin liebt cs, den Leser plötzlich zu der Grundidee zu sichren, ihn zu überraschen, ihn nicht immer auf der geraden Landstraße zu leiten, sondern ihn durch Hecken und Gebüsch plötzlich auf das Ziel hinzuwcnden; beü>e aber haben sie das eine, das Wichtigste, gemeinsam: den vorherbestinlmten Plan im Aufbau, das künstlerische Maß der einzelnen Teile, das harmonischeVerhöltnis der verschiedenen Abschnitte untereinander. , (Schluß folgt.) Aus de« Ereignissen des Tages. Zur Frage des Chief-Rabbinats. Einige Monate sind nun bereits seit dein Ableben des Chief-Rabbi Adler s. A. vergangen, und' die Wahl eines Nachfolgers ist noch immer nicht erfolgt. Tic Gründe sind leicht ersichtlich. Es ist nicht - leicht, eine Persönlichkeit ausfindig zu machen, die die Eigenschaften in sich verbindet, die mair von deni geistigen Oberhaupt dxr englischen Judenheit fordern muß: Repräscntationsfähigkeit, sicheres' Auftreten nach außen, Energie, Verständnis nach innen und außerdem noch eilt bedeutendes jüdisches und profanes Wissen. In der Zwischenzeit aber beginnen sich schon die Schwierigkeiten bemerkbar zu machen, die der neue Chief-Rabbi, wer er auch sei, vorfinden wird: die Widerstände gegen die Institution des Chief-Rabbinats an sich. Wir haben schon sofort nach dem Hinscheiden Adlers auf diese Tatsache hingewiesen und haben auch dann die Berechtigung dieses Widerstandes dargelegt. Ta wir es' jedoch für unmöglich halten, daß die Forderung der Abschaffung dieser Institution überhaupt jetzt an den maßgebenden und entscheidenden Stellen durchdringen soll, halten wir es für wichtiger, darauf hinzuarbeiten, daß wenigstens der neue Chief-Rabbi nicht in dieselben — bewußten oder noigchrungcncn, wir lassen cs jetzt dahingestellt sein — Fehler verfällt, die Adler begangen hat, und die im wesentlichen in der Unterdrückung jedes selbständigen Geistes in den einzelnen Gemeinden bestanden. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir behaupten, daß es denr neuen Chiej-Rabbi fast u nmöglich sein wird, diese Fehler zn begehen; denn von Tag zu Tag merkt man immer niehr, daß die Gemeinden aufwachen und ihre Sclbständigkeii zu fordern und ourchzusetzen beginnen. Tie verschiedenen Stimmen, die' gegen das Chics- Räbbinat überhaupt laut werden, find ein deutliches Symptom dieses neuerwachten Selbständigkeitsgeistes. Wollen die Männer, die über die Wahl des Chief-Rabbi zu bestimmen haben, diese» neuen Geist nicht übersehen, und wollen sie für die Zukunst die Streitigkeiten und Reibflächen vermeiden, so müssen sic von vornherein bei der Wahl sich dessen bewußt sein, daß der neue Chief-Rabbi andere Funktionen wird ausüben und zum großen Teil anders wird wirken müssen als der alte. Er wird auf die selb st herrliche Kontrolle, der einzelnen Gemeinden verzichten müssen, wird nicht mehr suchen dürfen, in seiner Person das gesamte innere Leben der englischen Judenheit zu konzentrieren, sondern den einzelnen Strömungen Bewegungsfreiheit und Spielraum lasten müssen. In diesem Falle kann die Beibehaltung des Chief-Rabbinats sogar noch günstige Folgen haben, insofern, als das Vorhandensein einer Leitung und obersten Instanz für die gesamte englische Judenhest an sich recht wünschenswert ist. Anreger, aber nicht Selbstherrscher, Förderer und nicht Autokrat, verständnisvoller Führer und mithelfcnder Leiter, das soll der Chief-Rabbi sein, und wenn er dies feilt wird, kann er nur Ersprießliches leisten. Tenn einen großen. Vorzug hat das Chief-Rabbinat, der bei einer Abschaffung desselben verloren gehen würde: es bedeutet eine äußere Garantie für die Einheit der englischen Judenheit. Aus diesem Grunde müssen wir auch gegen eine» Plan Stellung nehmen, von dem man in de» letzten Wochkn Kunde erhalten hat: der Plan, eine Art von zweiten Obcrrabbin c r zu schaffen. Ter Plan geht vom Sohne des vor kurzem verschiedenen Lord Swahthling aus, der sich bekanntlich große Verdienste uni die Förderung und Erhaltung des traditionellen Judentums in England erworben hat. Wie verlautet, soll dieser in feinem Testamente ein Legat ausgcsetzt haben, mit dessen Mitteln der Posten eines Rabbiners stör die osteuropäische Judenheit Londons geschaffen werden soll, und sein Sohn soll bereits bald die Entscheidung in der Wahl treffen wollen. Damit wird formell zwar nichts am bisherigen Zustand geändert, faktisch jedoch gewissermaßen ein zweiter Okcrrabbiner geschaffen. Taß damit der eigentliche und beste Zweck des Chief-Rabbinats wcgsällt, ist klar; ebenso klar, daß damit immerhin gewollt oder ungewollt ein. Riß gezogen wird innerhalb der Judenheit Englands, daß damit die Kluft zwischen englischen und osteuropäischen Juden nur erweitert wird. Doch, wie man hört, sollen Lord Rothschild und die jhm nahestehenden Kreise mit allen Mitteln bestrebt sein, die Vollstrecker des Willens Lord Swaythlings von der Ausführung des Planes abzubringen. Naturgemäß muß dann von Lord Rothschild und den anderen Persönlichkeiten, die über die Wahl des neuen Chief-Rabbi entscheiden, gefordert werden, daß dieser in religiöser und traditioneller Hinsicht seinem Vorgänger gleiche, daß ein streng traditionell gesinnter Rabbiner den Posten erhalte. Tenn nur in diesem Falle fällt der Zlrcck, den Lord Swaythliirg! bei der Bestimmung seines Millens im Auge gehabt hat, weg: der Wunsch, das traditionelle Judentum zu festigen und zu sichern. Tie nächsten Wochen müssen schon die Entscheidungen bringen. Hoffen wir, daß dieselben günstig sein werden, günstig für die Förderung und Festigung des traditionellen Judentums in England und damit auch günstig für das Schicksal und innere Leben der englischen Judenheit in der Zukunft überhaupt. Brief aus Ungarn. Das ungarische Judentum steht an der Schwelle einer historischen Periode. Tie nächsten Wochen sollen entscheiden, ob die Regierung den Wunsch der N c o 1 o g i e nach einer Zwangsantonomie erfüllt, oder ob sie den Wünschen der Orthodoxie Rechnung trägt, die von einer Bereinigung nichts wissen will. Am 5. Dezember versammelt sich die ungarische Orthodoxie, um zu den brennenden Fragen Stellung zu nehmen. Tie Landcsversammlung, zu der jede orthodoxe Kchilla zwei Delegierte zu entsenden haß soll diesmal nicht nur die Manifestation des orthodoxen Gedankens werden, sie ist bestimmt, der Regierung, die in allerletzter Zeit sich zn Konzessionen für die andere Partei herbeiließ, zn demonstrieren, daß hinter der orthodoxen Leitung ivic ein Mann die organisierte Judenmasse steht, die, wenn es sein muß, auch den Mut besitzt, der Regierung ihren Willen durch die Macht des ^Stimmzettels aufzuzwingen. Zugleich mit der Landesvexsammlung werden sich die Vertreter der „Machsike Hadas"- B erb indun g zusanrmenfinden, um in parallelen Sitzungen das Feld ihrer dcmnächstigen Tätigkeit abzugrenzcn. Was die Organisation der Gesetzestreuen durch vierzig Jahre versäumte, hat dieser junge Verein, der seine Kraft nicht in ewigem Kamps verbrauchen muß, in der kurzen Spanne zweier Jahre nachzutragen versucht. Das Jeschiwawesen wird durch ihn saniert. Er zeigt Verständnis für die soziale Entwicklung, organisiert die Stellenvermittlung der sabbathaltenden Kaufleute und Privatbeamten und geht jetzt daran, die Fürsorge der verwahrlosten Kinder im orthodoxen Sinne zn regeln. Wer als Sieger aus der Entscheidungsschlacht heimkehren wird, ist jetzt schwer zu wissen. Tie Männer der Regierung reiten die hohe Schule der Diplomatie. Da sie es mit keiner der beiden Parteien verderben wollen, zwinkern sic wohlgefällig nach beiden' Seiten. So ist fürs nächste Budget ein Posten von 240000 Kronen vorausbestimmt zur Vorarbeit der endgültigen Lösung der Autonomie, was den Wünschen der Neologic entspricht. Anderseits aber läßt der Justizministcr offiziell wissen, daß er den Standpunkt der Orthodoxie vollauf respektiere . . . Unter den wenigen, die sich den objektiven Blick für das Desolate dieses Verhältnisses bewahrt haben, ist der Generalsekretär der Pester Hauptgemeindc, Tr. Weißburg, zu nennen, der jrotz seiner exponierten Stellung! bei der neologen Gemeinde den Mut hat, das Unleidliche dieser Kämpfe zu beklagen, die in einer Zeit toben, wo sich alle Abgründe erschließen, um uns zu verschlingen. „In der Schule werden jüdische Lehrer und Schüler entrechtet; ans dem Lande wird die jüdische Masse durch die Konsumgenossenschaften boykottiert, durch das Sonntagsrnhegesetz wird der Grundpfeiler jüdisch-religiöser Existenz erschüttert: das großstädtische Judenproletariat wächst in. schauriger Dimension ins Unendliche, und die Führer haben für all das kein Auge und kämpfen einzig und allein für papierne Rechte, die uns unr keinen Schritt näher bringen. Tie großen, brennenden Fragen, die jedem Offenblickenden aus Schritt und Tritt auffallcn, werden weder durch eine einheitliche noch durch eine zweifache Organisation gelöst. Machtfragen können nicht durch ein philosophisches System erledigt werden. Ebensowenig wirtschaftliche Probleme durch konfessionelle Organisationen ..." Z i o n i. Brief aus Palästina. Ter Krieg mit Italien gibt uns Juden Gelegenheit, zu beweisen, wie innig wir mit den Interessen des türkischen Reiches verwachsen sind. Das zeigen z. B. die Spenden für den Roten Halbmond, der die Pflege der verwundeten türkischen Soldaten zur Aufgabe hat. Allein in Jerusalem sind bis jetzt 800 P,fund von jüdischen Spendern gegeben worden. Ini Laufe der nächsten Monate wird eine syrisch-englische Gesellschaft mit der Ausbeutung der P e t r o l e u m- und Phosphatschätze im Ostjordanlande beginnen. Unsere Bauern dürften deshalb Nutzen von diesem Unternehmen haben, da bei der Gewinnung des Phosphates ein guter, billiger Kunstdünger abfällt. Tie Bahn Haifa -- Akko ist abgesteckt worden. Tic deutsche Baufirma Gebrüder Bciharz in Haifa hat den Ban eines Teils der' Bahnstationen erhalten. Ein ans den angesehensten Rabbinern Jerusalems bestehendes Kollegium verteilte am 1. November zum ersten Male die von dem Philanthropen S. Per sitz-Moskau gestifteten Preise. In der Talmud-Thora gelangten zwei Preise von je 10 Rubel für oie besten Kenntnisse in der Bibel und zwei Preise von je 15 Rubel für die besten Kenntnisse im Talmud' zur Verteilung. An der I e s ch i b a h Ez - C h a j i m gewann ein Zögling! den großen Preis von 300 Rubel. Ferner wurden zwei weiteren Zöglingen eine Prämie von 100 Rubel und eine solche von 50 Rubel znerkannt. — Das hebräische Gymnasium in Jaffa stellte Tr. I. 'Zippernowitsch als Lehrer für Talmud, und althebräische Literatur

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