Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 47 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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frnrlitifilirs fnmilirntilitl. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— i. ... .- nnd ch-kH-ftsstelle: Srankfurt s. m.. LrrnssstVrrtz» 7 VtZcfou 10507. Herausgeber: Kalg Heis. ■ Jnsertiondpreis«: Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 25 Pfg. Die ReklamezeUe. . . 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, de» 19. Kislev 5672 (1. Dezember 1911) Nr. 47. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Aus den Ereignissen des Tages: Zur Frage des Chtef- Rabbinats. — Brief aus Ungarn. — Brief aus Pa ästina. — Die jüdischen Handwerker Berlins und die Gemeindeverwaltung. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Em Opfer des ,,Fortsch>itls." — W o ch e n -Ka l en d er. — Allgemeine Mitteilung en. — F a m i l i e n n a ch r i ch t e n. Ans der Welt der Gedanken. (Betrachtungen und Besprechungen) Bon Ben - Kvheleth. XI. Haschiloach.*) Ter „Haschiloach" ist noch immer die einzige bedeutsame hebräische Monatsschrift. Ob das ivohl ein Ehrenzeugnis für ihn selbst oder ein Armutszeugnis für die hebräische Literatur bedeutet? Wohl beides. Tenn wenn cs einerseits auch schwer ist, eine neue Monatsschrift zu gründen, die dem „Haschiloach" gleichkommen könnte, so ist es doch anderseits ivieder ein Symptom der Armut und Begrenztheit der hebräischen Presse von heute, das; sic nur über ein einziges regelmäßiges Organ verfügt, das sich durch seine wissenschaftliche Note und seinen publizistischen Ernst Über die "Alltagsbedeutung erhebt. Ein solcher Mangel wäre noch zu begreifen und zu rechtfertigen/ wenn wir im „Haschiloach" wirklich die Monatsschrift besäßen, die allen literarischen und wissenschaftlichen Bedürfnissen des ernsten hebräischen Lesepnbliknms genügen würde. Mer darauf — es tut uns leid', es sagen zu müssen — darf der „Haschiloach", wie er heute ist, keinen Anspruch erheben. Er hat cs auch früher unter der Redaktion Achad-Haams nicht in vollem Maße getan, heute aber ist er weniger als je dazu imstande. Wir sprechen gar nicht davon, daß seine atraditionelle Richtung, sein bibelkritischer Standpunkt ihm von vornherein^ fiir den traditionell gesinnten Teil des hebräischen Publikums seine Bedeutung und "Autorität nimmt; dies wäre noch, rein literarisch betrachtet, kein absoluter Fehler (und nur vom literarischen Standpunkt ans soll hier über den „Haschiloach" geurteilt werden; daß ivir ihn voin traditionellen Standpunkt aus ablehnen müssen, ist zu klar, als daß es der alleinige Maßstab unserer Kritik sein könnte), aber auch, nur literarisch und wissenschaftlich geivertet, erfüllt nicht der „Haschiloach" alle Anforderungen, die ivir a>t ein Organ, das, was Ernst und Gediegenheit anbetrifft, an der Spitze der hebräischen Presse stehen ivill, stellen müssen. Er ist leerer geworden, der „Haschiloach", und wird es immer mehr. Nicht air Uinfang; Heft für Heft umfaßt heute wie früher seine sechs Druckbogen. Aber inhaltlich. Für eine Monatsschrift enthält er zuviel Belletristik — und auch diese ist nicht immer erstklassig —, zu wcuigwisseu- *) Haschiloach. LiterarischMissenschastliche Monatsschrift. Redakteur: Dr. (y Klausner. Band 23 und 24. schaftliche Artikel und vor allem zu wenig Abhandlungen jener Gattung, die auf der Scheidegrenze zwischen höherer Publizistik nnd populärer Philosophie steht. Für diese teilweise Leere kamt man keines,vegs nur den „Haschiloach" verantwortlich machen Sie ist zum guten Teil das B er sch u l d en d er h e b r ä i s ch c n S ch r i f t st el l e r von heule. Tenn es ist ein offenes Geheimnis — und ein flüchtiger Blick in das Inhaltsverzeichnis eines Jahrganges bestätigt cs —, daß! sich ein großer Teil unserer heutigen hebräischen Publizisten nnd Schriftsteller, wenn nicht gar der größere, am „Haschiloach" nicht beteiligt. Es ist hier nicht der Ort, die Ursachen dieser Teilnahmslosigkeit, die in diesem Falle schier >vie Gegnerschaft wirkt, zu untersuchen; daß es .alles in allein für die heutige hebräische Presse eine Schuld bedeutet, ist für uns klar. Wer auch der Redakteur des „Haschij loach" sein möge und! welche Kreise ihn auch in erste" Linie fördern mögen, Tatsache ist doch, daß e ein Teil der gesamten hebräischen Presse s.i und zivar alles iir allenr noch ihr vornehmste I Und damit ergibt sich für die hebräische Pres. | die Ehrenpflicht, dieses Organ, das noch immer daS einzige rein rvissenschaftlich-literarische ist, in einer Weise auszugestalten, daß es der hebräischen Literatur Ehre macht. Wenn der „Haschiloach" unzulänglich i st — w i r sprechen es offen aus — so ist dies eine viel größere Schande für die gesamte hebe ä i s ch e P r e s s c, f ü r s amtliche h e b r ä isch c S ch riftst el l er, als für seine Redaktion. Tamit wollen wir diese keineswegs von aller Schuld entlasten. Tenn wie es einerseits die Pflicht der hebräischen Schriftsteller im gan'zcn ist, den „Haschiloach" zu fördern, so ist es andererseits erste und wichtigste Aufgabe de Redaktion, die einzelnen Kräfte zur Mitarbei hcranzuziehen. Mit perönlichen Zänkereien und literarischen Preßfehden um Bagatellen dient man weder der hebräischen Literatur im allgemeinen, noch dem „Haschiloach" im besonderen. Nur durch friedliche, verständnisvolle Zusammenarbeit von Redaktion nnd Schriftstellern kann eine Regeneration des „Haschiloach" erzielt werden! * Ter publizistisch-philosophische Teil des „Häschilvach" hat im vergangenen Jahre zwei Ereignisse aufzuweisen; das eine bilden die Artikel des Altmeisters des „Haschiloach", Achad- H a a m, und das andere die "Arbeiten eines Neulings in unserer hebräischen Literatur, des Tr. Jakob Klatzkin. linier den "Artikeln Achad-Haams steht an erster Stelle sein rasch bekannt gewordener Aufsatz: Al schtei hassipim (in Deutsch erschienen in „Ost und West" unter dem Namen: Wesen des Judentums). Der Artikel weist alle Vorzüge uud Eigenarten Achad-Haamischer Schreibweise auf, die auch diejenigen anerkennen und bewundern müssen, die mit dem leitenden Gedanken des Artikels nicht einverstanden sind, und auch wir zählen zu ihnen; vollendete Klarheit in der Gedankencntwicklung, äußerste Präzision im "Ausdrnck, vollste Konsequenz in der Turchführung der ausgestellten Thesen und ruhige Harmonie im Aufbau der Gedanken. Tiefe Eigenschaften niachen "Achad-Haam zu einer so seltenen nnd großen Erscheinung in der hebräischen Literatur, dem Tummelplatz so vieler Wirrköpfe und ungereifter Gedanken, und verleihen allem, was seiner Feder entstammt, jene künstlerische Abrundung, die gerade ocn Genuß des gebildeten Lesers ansmacht. Tiefer bedeutsame "Artikel, iir dem Achad-Haam seine Anschauung über die Grundidee nnd das Wesen oes Judentums auseinanoersetzt, bedeutet das eine bleibende Ereignis in >er Geschichte des verflossenen Jahres des „Haschiloach". TaS andere bilden die Artikel des Herrn Dr. K l a tz k i n. ES sind drei größere Abhandlungen ,Zimzum haneschonroh" (Enge des Bewußtseins), .midas hocmeS" (Kriterium der Wahrheit) nnd I.histaklus banczach" (Lud specie aeterni). Tiefe drei Artikel bilden daS erste, ernste luftreten des Tr. Klatzkin in der hebräischen Literatur. Uno sic bedeuten ein stolzes Auftreten; sie sind alles andere als Arbeiten eines Neulings, diese Ersttingsartikel, vielmehr erscheinen sie als die durchdachten Gedankenrcihcn eines philosophisch gereiften Kopses. Mehr noch. Ich möchte sagen, die Artikel sind mindestens ebenso wertvoll unr dessentwillcu, was in ihnen nicht enthalten ist, wie um der Gedanken willen, die sie bieten. Tenn dies ist das Eigenartige und Eindrucksvolle an ihnen, daß sie sich nicht als einzelne, losgelöste Joeenrcihen darstellen, sondern als Stückwerke und Teile einer sic alle umfassenden Weltanschauung. Was Tr. Klatzkin dem Leser gibt, sind nicht unzusammenhängende Edelsteine, die untereinander keine Verbindung haben, sondern sind Perlen eines Bandes, Ringe einer Kette, Steine eines Gedankenbaues. Alan merkt ihnen an, daß hinter, ihnen etwas sieht, was noch größer ist als sie selbst: eine einheitliche, abgerundete Weltanschauung. Man sieht diese durch die einzelnen Arbeiten gleichsam durchschimmern, sich in ihnen langsam ausbaucn. Und erst wer dieses merkt, >vcr in Ueferem Erfassen den inneren Zusammenhang der einzelnen Aussätze fühlt, >vcr ihren gemeinsamen "Ausgangspunkt und Urquell wahrnimmt, ist imstande, ihren vollen Wert zu erkennen und zu schätzen. Toch nicht minder schier als in ihrem reichen nnd tiefen Ideengehalt liegt die Bedeutung dieser Abhandlungen in der Form, in der diese Gedanken dargestellt und entwickelt werden. Tenn mit dieser Form hat Tr. Klatzkin fast eine neue Gattung in der hebräischen Literatur geschaffen, die Gattung des — nennen wir es — philosophisch-künstlerischen Essays. Tenn dies bildet in der Tat neben ihrem philosophischen Gehalt das Neue, Originelle, Eigenartige und Bewundernswerte dieser Artikel: ihre künstlerische Form. Tics, was an Achad-Haam so groß uird einzigartig ist,