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Neue jüdische Presse · 1911-11-24 · Heft 46 (24.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 46 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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St. 46 ‘ Brief aus Palästina. Wirrer eine erfreuliche Erntenachricht. Die Kolonie Ekrön erntete diesmal mehr als tausend Säcke Sesam (der Sack % Ztr.). Täglich werden etwa 20 Fuhren dieser Samenkörner, aus deren erster Pressung ein dem Olivenöl gleichwertiges Oel gewonnen wird, und die in ihren weiteren Bestandteilen als Breiin- und Schmieröl und zur Fabrikation von Seife und chinesischer Tusche Verwendung finden, nach. Jaffa verlWen. ' Auch von neuen Gründungen kann wieder Mitteilung gemacht werden. Der Chemiker Kliniker errichtet in der Jerusalem benachbarten Kolonie Mo za eine Seifen- und Olivenölfabrik, und der aus Kowno (Rußland) eingewanderte Arzt Tr. Auerbach will bei Jaffa ein Sanatorium für Lungenkranke erbauen; er hat bereits ein geeignetes Terrain erworben. Mit dem 1. Cheschwan begann in den J affaer jüdischen Schulen, das neue Schuljahr. Die Frequenz der Schulen stellt sich wie folgt: Gymnasium 300, Mittelschule Tachkenomin 196, Talmud-Thora 110, Volksschule des Hilfst Vereins 140 und Alliauceschule 140. Das Gymnasium eröffnete die 7. Klasse. Tie Mittelschule Tachkemoni hat neue Lokalitäten gemietet und in der Person des früheren Leiters der Jaf.'aer Bibliothek Haus eine neue Lehrkraft gewonnen. Der neue Chachambaschi stattete dem Gymnasium, der Tachkemoni und der Talmud-Thora längere Besuche ab. Aus Jerusalem ist ein bedeutsames Ereignis zu melden. Samstag Abend ist in h e b r ä i s ch c r Sprache ein T h e a t e r st ü.ck aufgeführt worden. Das Stück, Don Jizchak dlbrabanel, hatte ein großes Publikum' angezogen; man hörte nach der Vorstellung allgemein den W u n s ch n a üj einem ständigen hebräischen Theater äußern. Zum Schluß noch eine gute Prognose für die F r ü h j a h r s e r n t c! Es hat bereits geregnet, und das Pflügen konnte deshalb schon begonnen werden; — eine diesmal außergewöhnlich frühe Erfüllung der ersten Voraussetzung zu einer guten Ernte. Berliner Brief. e. Berlin, 20. November 1!>11. Die „In dische Toyubechallc" der Berlin e r Bnei Briß-Logen versendet soeben den Geschäftsbericht, Danach wurden vom 1. November 1910 bis 31. März 1911 127 Abende veranstaltet und dafür 16560 JL verausgabt. Die populär-wissenschaftlichen Vorträge, mit denen die Abende ihren Anfang nahmen, waren den verschiedensten Gebieten von Wissenschaft, Literatur und Kunst entnommen. Unter den Vortragenden finden wir die bekanntesten Namen der Berliner jüdischen Welt: Rabbiner und Lehrer, Redakteure uud Schriftsteller, Rechtsanwälte und Universitätsprofessoren. An den an die Vorträge sich anschließenden musikalisch-deklamatorischen. Unterhalt.nngeie wirkten insgesamt 485 Personen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man ein Wort über die Zweckmäßigkeit der Toynbeehalle verlieren. Albend für Abend genießen 400 bis 500 Personen den Segen der Belehrung und Unterhaltung. -In dem Jahresberichte sind statistischen Erhebungen enthalten über Alter, Beruf und Landeszügehörigkeit, aus denen man ersehen kann, daß Ungehörige aller Berufe — von Ingenieuren, 'Studenten bis Fabrikarbeitern und Portiers — und alle Altersstufen Gäste dieser Halle sind. Der Belehrung soll die Toynbeehalle dienen. Sicherlich kann in einem guten dreiviertelstündigen Vprtrag etwas geboten werden. Aber daneben müßten noch Kurse.in spezifisch jüdischen und in allgemeinen Fächern abgehalten werden. . 'Der Unterhaltung fall die Toynbeehalle dienen. Aber warum will man diese Wohltat nur Erwachsenen gönnen, warum nicht auch Kindern. Am Nachmittage ist doch die Toynbeehalle frei. Ein paar Gesänge, ein Märchen, schön und kindlich vorgelesen, gewährt den Kindern einen Genuß, au den sie'noch wochenlang denken. Es wäre zu wünschen, wenn die Leitung der Toynbeehalle mit diesen Vorschlägen einen Versuch ^machen würde. Fvanffürker Israelitisches FanMenblatk. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Das Kuratorium der HirschHildcs hei mer-Stiftung, das aus den Herren Dr. Arth u r K a h n, M a x Jaffa, Prof. Dr. E n gen M i t t w o ch und Dr. Phil. Joseph C a r l e b a ch besteht, fordert dazu auf, am Montag, den 27. November (6. Kislcw), dem Todestage Hildesheimers, in allen jüdischen Gemeinden Sammlungen vorzunehmen. Die Gelder sind an das Bankhaus Jaffa & Lewin, Berlin NW. 7, einzusendeu. Berlin. Ueber die Volkszählung vom 1. Dezbr 1910 liegen erst jetzt ganz exakte statistische Zahlen vor. Demnach betrug die Zahl der Juden Preußens an diesem Tage 415 867 (am 1. Dezbr. 1905: 409 501), von denen.87°'° in den Städten und nur 13°/o auf dem Lande wohnten. Die Juden haben in dem Jahrfünft nur um 1,55°/° zugenommen, während das Wachstum der gesamten preußischen Bevölkerung sich auf 7,7°/» beziffert. Geringe Geburtenzahl, Mischehen und Taufen uud Ausweisungen aus dem Auslande zuge-ogencr Juden sind schuld an diesem für die Inden nngünstigen Resultate. Cassel. In d»r Gegend von Felsberg, in dem durch den Abg. Lattmann vertretenen Reichstagswahlkreise Cassel-Melsungen, feiert der r ü d e st e A n t i s e m i t i S m u s Orgien. Das geht ans einer dem „Casseler Volksblatt" cingesandten Ansichtspostkarte niedrigster Sorte hervor. Die Illustration der in Felsberg verfertigten Karte zeigt ein viertel Dutzend jüdischer Händler mit scheußlich karikierten Gesichtern, die einen Bauersmann unter einer Presse ausmergeln bis aufs Blut, lvähreud zwei jüdische Viehhändler mit dem letzten Stück Vieh des ausgepreßteu Bauern davonziehen. Diese Illustration begleiten Textvcrse, von denen die folgenden angeführt seien: „Jage jeden stets davon. Er heiß' Jtzig oder Kohn, Meyer, Levy, Davidssohn, Seligmanu und Seligsohn, Mannheimer und Oppenheimer, Wiener, Speier, Höxter, Wolf, Hirsch und Bür lind dergleichen Viecher mehr! Und in diesem dürren Jahr, Wo nur wenig Regen war, O, ich wünsche jedenfalls: Es regne heißes Schweineschmalz, Daß die ganze kosch're Truppe . Brat' in der verhaßten Suppe." NegenSburg. In M e m m i n g e n war ein 88 j ä h ri g e r, schwerkranker Jude a u s - gewiesen worden nnd sollte — trotzdem sich damit Lebensgefahr verknüpfte — nach Rußland transportiert werden. Distriktsrabbincr Dr. Meyer- Regensbnrg wandte sich im Namen der Menschlichkeit sofort aii den Magistrat und an das Staatsministerium. -Daraufhin verfügte das Ministeriuni unter dem 15. November wie folgt: „Im Einverständnis mit dem K. Staatsministerium der Finanzen wurde die K. Regierung von Schwaben und Neuburg veranlaßt, mit dem Distriktsrabbinate Regensbnrg in Verhandlungen cinzutreten und von dem Vollzug der Ausweisung abzusehen, wenn binnen angemessener Frist die Unterbringung des Mannes in ein is - raelitisches Krankenhaus erfolgt oder die Bezahlung der K r a n k e n h a u s k o st e n sich er ge stellt ist." - Distriktsrabbiner Ai eher bittet nun um Zusendung von Spenden, für diesen Fall. . -t. Stratzburg. Die Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 lassen. erkennen, daß der schon bisher beobachtete R ü ck g a n g d e r j ü d i s ch e n B e v ö l k e r u n g auch im letzten Jahrfünft in Elsaß-Lothringen angedauert hat. Bei der letzten Volkszählung wurden 30183 oder 1,62°/° Juden in Elsaß-Lothringen gezählt, d. h. 1225 Personen oder 3,86°/° weniger als bei der vorletzten Volkszählung. Seit dem Jahre 1871 sind die Juden von 40 812 auf 30183 Personen zurückgegangcn. Oesterreich-Ungar». Wien. Die Münchener Loge lM. O. B. B.) hat in einer ihrer letzten Sitzungen den hochherzige» Beschluß gefaßt, die von ihr in der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden ausgestellten Gegenstände unter Wahrung des Eigentumsrechtes dem Wiener Jüdischen. Musen m dauernd zu überlassen. Im Interesse der Zentralisierung jüdischer Ausstellungsobjekte, die sonst in ihrer Verzettelung gar nicht zur Geltung kämen, ist dieser Beschluß mit Freuden zu begrüßen und zur Nachahmung zu empfehlen. Budapest. Auch ist in Ungarn ist die Zahl der Geburten bei den Inden, niedriger als bei - der anderen Bevölkerung. Sie Seite 3. betrag z. B. im Jahre 1909 — auf je 1000 Personen berechnet — 27,97 gegen 38,26 der Katholiken nnd 33,87 der Protestanten. Frankreich. Paris. Die aus dem Osten eingewandetten Juden bewohnen meist einige Straßen im vierten Arrondissement, in der Nähe des Rathauses. Sie sind meist Handwerker und Kleinhändler und leben in recht ärmlichen Verhältnissen. Einzelne unter ihnen haben es jedoch zu einigem Wohlstand gebracht und infolgedessen den Konkurrenzneid der christlichen Geschäftsleute wachgerufen. . Schon vor zwei Jahren sind in einzelnen nationalistischen Blättern gehässige Angriffe auf die „ausländischen Einwanderer" erschienen. Damals trat die christliche Schriftstellerin Severine diesen antisemitischen Ausfällen entgegen, während eine Wwehr von jüdischer Seite nicht erfolgte. Neuerdings hat nun der „Verband der selbständigen Kaufleute und Gewerbetreibenden im vierten Bezirk" eine Eingabe an den Ministerpräsidenten gerichtet, worin die Regierung ersucht wird, Maßnahmen gegen die Einwanderung unerwünschter Element e zu ergreifen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den „unerwünschten Elementen" in erster 'Reihe die armen osteuropäischen Juden zu verstehen sind, die im freien Frankreich eine Zufluchtsstätte und Gelegenheit zu redlichem Broterwerb suchen. Merkwürdigerweise stehen die „offiziellen" Kreise der Pariser Jnd enh eit dieser ganzen Hetze, deren antisemitischer Charakter doch klar zutage liegt, gleichgültig und untätig gegenüber. Großbritannien. London. Der vor ISOJahren gegründete . Board of Depnties, eine Institution, die die englische Judenheit vertritt, hat heute noch ihre alten Statuten. Aber nicht allein, daß die Statuten nicht in unsere Zeit passen, — auch der Board of Deputies selbst hat die Fühlung zur Gegenwart verloren. Der Grund hierfür ist ein sehr einfacher: Die Plutokratie, die die Geschicke der Organisation leitet, besteht aus Ignoranten in jüdischen Dingen und hat keinerlei Fühlung zur jüdischen Masse. Besonders in den letzten Jahren hat der Board viele Fehler gemacht — wir erinnern an ' seine merkwürdige Haltung in der Ehescheidungsfrage nnd bei dem Schüchtgesetze. — Es besteht daher in den weitesten Kreisen eine lebhafte Mißstimmung gegen ihn. Hoffentlich gestaltet sich diese Mißstimmung zu einem Sturme gleich dem, den die Pariser Leitung der Alliance jetzt erlebt hat. Amerika. New-Aork. Die Protestbewegung gegen die ■- ( Zurücksetzung amerikanischer jüdischer Reisende i n R n ßl an d nimmt ständig an Ausdehnung zu. Großes Aussehen macht eine Versammlung von vierhundert Geistlichen Vertreter der verschiedenen christlichen Secten, die als Protestversammlung gegen diese Zurücksetzung hier stattfand. Den Vorsitz führte der 80 jährige Bischof James Courtny. Er sprach in seiner Rede in Tränen aus über das bittere Unrecht, das den Juden zugesügt wird. Nachdem die Versammlung einstimmig eine Protestresolution angenommen hatte, ergriff der zu diesem Zwecke eingeladnene frühere Botschafter Oscar lstianß das Wort zu einer Rede Wer die Lage der Iuden in Rußland. Die Rede niachte tiefe» Eindruck und veranlaßte eine Resolution,' die .dem russischen Botschafter zur ilcbcrmittlung an seine Regierung überreicht werden soll. Rew-Nork. Das von dem Verband galizischer und Bukowinaer Inden mit einem Kostenauswande von mehr als 100 000 Dollars errichtete Alterst» er sorgungshans ist dieser Tage im Beisein behörderlicher Vertreter und der angesehensten Kreise der jüdischen Gesellschaft ein geweiht worden. Das Gebäude ist ein monumentales Werk neuzeitlicher Baukimst nnd entspricht in seinem Innern den weitgehendsten Forderungen der Hygiene. Rew-Aork. Die an zwei MMonen zählende Deutsch-Amerikanische Vereinigung hat auf ihrer Generalversammlung eine scharfe Resolution gegen die Erschwerung der Einwanderung angenommen. In der Resolution wird u. a. gefordert, daß besonders des Einwanderungs-Inspektors Williams Tätigkeit untersucht werden solle. Handelsministcr Nagel hatte bisher Williams Politik unterstützt; die Resolutton hat Wer auf ihn Eindruck gemacht, und er hat sich persönlich nach Ellis Island begeben und mit den Vorstehern der dort tättgen gemeinnützigen Gesellschaften konferiert.

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