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Neue jüdische Presse · 1911-11-24 · Heft 46 (24.11.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 46 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Rr. 46 ist die allerletzte Mitteilung der T. K.-G. Sie läßt uns - nämlich folgende Notiz zugehen: „Die heutige kombinierte Sitzung der Deutschen Konferenzgemeinschaft und des Berliner Lokal-Komitees nahm eine» durchaus friedlichen Verlauf. Die Mitteilungen, die Justizrat Dr. Blau-Frankfurt über seine Verhandlungen in Paris gemacht hatte, erweckten die bestimmte Hoffnung, daß man schon in nächster Zeit zu einem Ausgleich mit den Pariser Mitgliedern des Zentralkomitees kommen werde. Wenn auch in Deutschland die Abneigung gegen die Einführung der Kooptation, so wie sie vorgeschlagcn ist, noch immer besteht, so wird doch auch auf der anderen Seite nicht verkannt, daß der bisherige Wahlmodus sehr erhebliche Unzuträglichkeiten mit sich führte und einer durchgreifenden Aenderunz unterzogen werden muß. Man hofft, auf dieser Lage sich mit Paris einigen zu können und hat auch dieser Hoffnung in einem an das Zentralkomitee gerichteten Brief Ausdruck gegeben." Wie man sieht, ist in dieser Mitteilung nichts mehr von dem mutigen Kampfesgcfühl und der entschlossenen Energie des bisherigen Auftretens der D. K.-G. zu merken: Der Geist, der den Alliancetag und die Resolution, die er faßte, beherrscht hat, ist . geschwunden. .. Geschwunden vor dem Aeinniütigen Gefühl der Kraftlosigkeit! , Während noch zwei Wochen vorher, her Alliancetag die einstimmige Resolution gefaßt ha", daß die Einführung des KöoptationsprinzipeZ den Charakter der Alliance vernichtet, ' spricht das Kommunique nur noch davon, daß „in Deutschland die Abneigung gegen die Einführung der Kooptation, so. wie. sie vorgeschlagen ist, noch immer besteh^. — Man beachte, aus der entschlossenen Ablehnung der Kooptation ist eine Abneigung geworden, und Abneigung ist — wie man weiß — ein sehr diffiziler und ungenauer Begriff; Abneigung ist schließlich nur eine ästhetische Geschmackssache, und wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir prophezeien, daß es den Pariser Herren nicht allzuschwer fallen dürste, diese Abneigung zu überwinden. Man beachte aber noch eines: die Abneigung besteht nur gegen die Kooptation, „so wie sie' vorgeschlagen.ist". Also die Bedenken gegen das Prinzip dn: Kooptation an sich hat man bereits fallen lassen! Man ist nur der Kooptation in der Form, wie sie das Pariser Komitee vorschlägt, abgeneigt; das will sagen, daß man bei einigen Aenderungen in der Form der Kooptation damit einverstanden fein wird. Damit aber ist der prinzipielle Gegensatz Zwischen Paris und Berlin, den kein Kompromiß aus der Welt schassen konnte, in eine faktische Differenz inbezug auf Detailfrag en umgewandelt worden, und nun natürlich Hat der Bericht recht, wenn er von der ,;bestimmten Hoffnung" spricht, „daß man schon in nächster Zeit zu einem Ausgleiche mit den Pariser Mitgliedern des Zentralkomitees kommen weide". Doch weiter. „Auch in Deutschland", teilt das Kommunique mit, „wird nicht verkannt, daß der bisherige Wahlmodus sehr erhebliche Unzuträgljchkeiten mit sich führte und einer durchgreifenden Aenderung unterzogen werden muß". Das ist in der Tat sehr merkwürdig.' Einmal hat man bisher gar nichts von diesen „sehr erheblichen Unzuträglichkeiten" gehört, und ferner, — selbst wenn es so sein sollte, handelt es sich denn gegenwärtig um die einzelnen Unzuträglichkeiten, die der bisherige Wahlmodus hat, und die dann gewiß veickessert werden sollen, oder nicht vielmehr darum, das Wahlrecht im Prinzip zu retten gegenüber den Parisern, die es inr Prinzip abschaffen wollen? Es heißt ja die Sachlage verwirren; nicht nur dies: es heißt sie radikal umgestalten zugunsten der Pariser, macht inan aus dem prinzipiellen Kampf eine taktische Differenz! Wird dies gemacht — und dies ist bereits, wie' man aus dem Bericht ersieht, gemacht worden. — so ist dies gleichbedeutend mit einem prinzipiellen Sieg des Pariser Komitees, — und. das Kommunique, das von der Hoffnung spricht, „daß man sich aus dieser Grundlage mit Paris werde einigen können", gibt in diplomatischer, vorsichtiger Form diesen priuzipicllen Sieg zu. Es dürste daher keine Uebertreibung und keine Prophezeiung sein, wenn wir behaupten, daß der Sieg des Pariser Komitees und die Niederlage der D. K.-G. bereits perfekt sind. Wir wollen heute nicht untersuchen, weiches die Ursachen dieses Zurückweichens der D. K - G. sind. Wir können auch noch nicht wissen, welcher Art die Zugeständniffe sein werden, die das Pariser Komitee der D. K.-G. machen wird, und müssen aus demselben Grund auch noch mit dem endgültigen Urteil über das Verhalten dcr D. K.-G. zurückhalten. Wir wissen ja nicht, was sie als Gegenleistung für ihren Verzicht auf das gegenwärtige Wahlrecht erlangen wird. Aber das eine wollen wir schon jetzt betonen, um darüber keine Mißverständnisse auskommen zu lassen: Es ist ganz gleichgiltig, ob die D. K.-G. der etwaigen prinzipiellen Abschaffung des Wahlrechtes zustimmen wird; wird diese durchgesetzt, so ist der bisherige Charakter der Alliance Jsraelite Universelle vernichtet. Es ist eine andere Frage, auf die wir noch zurückkümmen werden, ob dies nicht auf der anderen Seite auch manche Vorteile haben-wird; für jetzt soll nur die Tatsache konstatiert weroen, daß mit dem Momente der Abschaffung des demokratischen bisherigen Wahlrechtes die Alliance Jsraelite Universelle als solche, in dem Sinne, in dem sie vor 50 Jahren gegründet worden ist, vernichtet sein wird. Sie mag dann eine Schulorganisation, ein Hilssvereiu oder — was es auch sein 'mag, bleiben — und auf all diese Möglichkeiten werden wir nach Bekanntgabe des endgültigen Resultates zu sprechen kommen —, eine Alliance Jsraölite Universelle wird sie dann nicht mehr sein. Wir wollen nicht glauben, daß die Leiter der D. K.-G. sich die Illusion gemacht haben, zu glauben, daß sie auch nach der Abschaffung des Wahlrechtes den Charakter der Alliance noch werden bewahren können. Wir glauben vielmehr, daß sie sich der Konsequenzen ihres Handelns wohl bewußt waren. Weshalb' aber haben sie dann prinzipiell den Parisern nachgegeben? Wir kennen noch nicht die einzelnen Gründe. Aber im großen ganzen wird es wohl der Wünsch gewesen sein, endlich einmal sich mit dem .Pariser Komitee endgiltig verständigen zu könne n und den andauernden Kämpfen und St eitigkeiten ein Ende zu machen. Es steht sehr in Frage, ob dieser Wünsch ihr Hand An vollständig rechtfertigt. Jedenfalls aber werden sie dann gleich der deutschen Regierung diesen Wünsch als mildernden Grund für ihr Vorgehen anführen und die Erzielung des Verständnisses als hervorragendsten Erfolg ihres Verzichtes preisen können. Wie doch der Vergleich bis ins Einzelne stimmt. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft macht es wie die deutsche Regierung. Fragt sich nur, ob sic nicht bei der jüdischen Oeffentlichkeit dieselben Gefühle. Hervorrufen wird wie die deutsche Regierung beim deutschen Volke: bei vielen lebhafte Entrüstung, bei den-anderen resignierte Zufriedenheit. Tie endgültigen Resultate werden entscheiden müssen, zu welcher Seite wir gehören werden.' 2 Der Hebräertag in Galizien. Diese Wochehat' in Lemberg eine dreitägige Tagung stattgefunden, die die erste ihresgleichen in Galizien und auch in anderen 'Ländern ist; sie führte den stolzen Namen Hebräertag. Es war dies eine von den Vertretern der vornehmsten hebräischen Organisation Galiziens veranstaltete Zusammenkunft, zu oec alle bedeutenderen Organisationen Vertretungen entsandt hatten, und die den Zweck haben sollte, über die Mittel und Wege zu beraten, die zur Förderung und Verbreitung der hebräischen Sprache in Galizien uöttg sind. Das Interesse für die neuerwachtc hebräische Sprache ergreift immer weitere Kreise, und die Tendenz zur Hebräisierung des Judentums ist eine der hervorstechendsten, kräftigsten und erfreulichsten in der allerletzten Geschichte des Judenttims. Tie vor einem Jahre erfolgte Gründung der „Organisation für hebräische Sprache und Ltteratur" war nur der sichtbare Ausdruck dieser immer stärker werdenden Tendenz. Nirgends ist diese Tendenz naturgemäß stä.ker und lebhafter als in den Kreisen der osteuropäischen Judenheit. Während in Rußland jedoch infolge der brutalen Unterdrückung seitens der Regierung diese Tendenz, wie so viele andere, an ihrer Betätigung gehindert wird, befindet sich die Judenheit Galiziens in der glücklicheren Lage, in ihrem inneren jüdischen Leben sich frei bewegen und entfalten gu können. In Rußland ist die Einberufung eines solchen Hebräertages eminent schwierig, säst unausführbar; als im vorigen Jahre in Kiew eine Konferenz stattfand, um über die Arbeiten zur Förderung der hebräischen Kultur in Rußland zu beraten, konnte sie nur dank einer besonderen Freundlichkeit des Generalgouverneurs und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten tagen; in Galizien fallen alle diese äußeren Hindernisse weg. Aus diesen Gründen ist auch die Förderung und Verbreitung des Hebräischen in keinem.Lande leichter zu betreiben, nirgends natürlicher als in Galizien. Auf der einen Seite ein starkes jüdisches Zentrum, auf der andere« Seite völlige' innere Freiheit; wo ist ein geeigneterer Boden fiir die Pflege der jüdischen Kultur als hier? Allerdings ist noch eins nö-ig: Arbeit, zielbcwußte, planvolle Arbeit. Und daß die Pflege des Hebräischen innerhalb der gäli? zischen Judenheit noch nicht zufriedenstellend ist, kann nur auf den Mangel einer solchen z'elbcwußtcn, planvollen Arbeit zurückgeführt tmrren. Selbst wenn hier und da einzelne eifrig gearbeitet haben, so fehlte, doch ihrem Wirsen die Einheitlichkeit, die Gemeinsamkeit, die zielbewußte Ordnung. All dies will der „Hebräertag" endlich schassen. Er will die vielen einzelnen Kräfte, die im ganzen Lande um die Verbreitung des Hebräischen bemüht sind, zusammenfassen und ihnen so die Stoßkraft und Wirkung verleihen, die ihnen bisher mangelte. Tie Tagesordnung des. Hebräectages läßt erkennen, daß die Veranstalter recht wohl ihre Aufgaben erkannt haben. So haben sie auch der Erziehungsfrage einen wichtigen Teil ihrer Beratungen gewidmet. Und in der Tat, für das osteuropäische Judentum gibt es heutp nur wenige Probleme von solcher Bedeutting wie die Jugenderziehung. Der rasche Abflckl innerhalb weiter Kreise der jüdischen Jugend Osteuropas, die Indifferenz für alles Jüdische sind Symptome der gefährlichen und ungesunden Verhältnisse, die gerade ans diesem Gebiete herrschen. Daß adert dieses Problem mit dem! der Förderung des Hebräischen aufs engste. zusammenhängt, ist klar. Denn einerseits kann man diese Jügend nicht besser wieder für uns zurückgewinnen, als. indem man sie der hebräischen Kultur wieder zuführt, und andererseits gibt es für die Berbreftung des Hebräischen kein besseres Mittel als die Gewinnung der Jugend. Es ist dämm nur richtig und begrüßenswert, daß der Hebräertag sich intensiv mit den Problemen der Jugenderziehung beschäftigt hat. Welches die unmittelbaren praktischen Folgen des Hebräertages sein werden, läßt sich noch nicht sagen. Daß er aber eine große Wirkung ansüben wird, darf - schon jetzt als sicher gellem Selbst wenn die konkreten Erfolge sich noch nicht sofort wahrnehmen ließen, so wird doch die ideelle Wirkung, die Hebung des Interesses für, daS Hebräische, sicherlich bedeutend sein. Und wir sind auch überzeugt, daß die konkreten Resultate selbst nicht lange auf sich werden warten lassen. Wir hoffen, daß der „Hebräertag" das endlich er-, reichen wird, was solange der Arbeit für das Hebräische in Galizien gefehlt hat: die straffe Organisierung - aller tätigen Kräfte, ihre Ordnung nach einem zielbewußten Plane und die Vernrehrung ihrer Wirkungsfähigkeit. ' Sollte dem Hebräertag dies gelingen, j«„ wird er eine neue Episode in dem Hebräisierungsprozessc der galizischen Judenheit' einleiten und. sich so ein besonderes Verdienst um diese und um das Judentum insgesamt erworben haben.-"

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