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Neue jüdische Presse · 1911-11-24 · Heft 46 (24.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 46 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Frankfurter Israelitisches FamMenblaü. Nr. 46. G Metoa. Ei» Opfer -es „Fortschritts." Eine galizische Geschichte von S. Horowitz. (Fortsetzung.) Seit dem letzten Besuche Frau Nagelfcins be> der Familie Pascheles hatte sich ihre Gemütsstimmung noch mehr verdüstert. Mirjams Anblick hatte ihrem Geiste aufs neue ihre ganze Vergangenheit, ihre Lebensweise in der alten Gasse, ihr Elternhaus und alles, was damit zusammenhing, nahegerückt, sodaß sic desto schmerzlicher den grellen Kontrast empfand. Mirjam ioar das Ebenbild ihrer verblichenen Mutter, und Frau Lea jwäynte den Schatten ihrer Jugendfreundin Sarah zu schauen, der ob ihres Wortbruches zürnend auf sie blickte. Ihr Mann wußte nicht mehr Maß zu halten, er spöttelte -über ihre heiligsten Empfindungen, und wenn sie kleinlaut wagte, ihm über seine Gesinnungsänderung Vorstellungen zu machen, rümpste er verächtlich die Nase und meinte, daß die mittelalterliche Atmosphäre des Judenviertels ihren Geist noch umneble, ' so daß sie sich zu seiner Sonnenhöhe nicht emporznschwingen vermöge. „Wir müssen das alte Gerümpel in die Rumpelkammer werfen," erwiderte er. „Alles, ivas uns an die Vergangenheit erinnert, verwischen, uns dem Fortschritt in die Arme werfen, die steifen, ungelenken Glieder in dem Zeitstromc baden und die alten Skrupel fahren lassen." Frau Nagclsein wußte auf diese hochtrabenden Phrasen nichts zu entgegnen, sie begriff nicht, was ihr Gatte darunter verstand, so wie er selbst nicht wußte, was der „Fortschritt", der ,,Zeitgeist" wirklich bedeute. Sie sah nur, daß er, wie cs ihr vorkam, eine gottlose Lebensweise führte. Doch sie vermochte nichts dagegen auszurichten, dazu waren ihre Kräfte zu schwach, und in ihrer Hilflosigkeit würde sie vielleicht ihre Hände verzweifelt in den Schoß gelegt haben, wenn die Mutterliebe sich! leicht dagegen gesträubt hätte. Hier handelte es sich auch um ihr einziges Kind; Rüben mußte dem schädliche» Einflüsse entrückt werden. Aber wie das bewerkstelligen? Sollte sie den Sohn gegen die väterliche Autorität auswiegeln und die heiligsten Bande lockern? Das litt ihr frommes Gemüt nicht. Wenn es ihr aber gelänge, ihren Sohn nach ihrem Willen zu' verheiraten, — sicher würden sich dann die 'Heilvollen Folgen von selbst einstellen, und mit der Ausführung dieses Planes durfte nicht gezögert werden, sollte nicht di: verderbliche Saat tief Wurzel fassen. Und wiederum schwebte Mirjams Bild ihrem Geiste vor. Sie.war die richtige. Sie wußte cs, er war dem Mädchen immer gut gewesen, war auch immer ein gehorsames Kind — und mit vereinten Kräften dürste es vielleicht gelingen, den Vater zu bewegen, daß er in diese Verbindung willige. Wie gerufen trat eben Rüben ins Zimmer und schritt auf seine Mutter zu,. Er war ein hochgewachsener, etwa 22 jähriger Jüngling, in seinem Aeußeren dem Vater nicht unähnlich, das Temperament aber erinnerte an seine .Mutter. Frau Nagelsein winkte ihm näher zu treten. Robert begann von seinen Erfolgen auf einergestrigen Unterhaltung zu erzählen, daß er von allen Seiten niit Aufmerksamkeiten und Komplimenten überschüttet worden sei, ja, daß sogar Fräulein X., eine bekannte Schönheit aus vornehmem, christlichem Hause, ihn allen anwesenden Herren vorzog und am meisten mit ihm getanzt habe. Frau Nagclsein unterbrach seinen Redefluß: „Mein lieber Sohn, auf diese Erfolge bin ich nicht stolz; sie verwunden mein jüdisches Herz und machen mich um Deine Zukunft besorgt. Ich habe nichts als Dich auf Erden, Du shist die Stütze meines Alters, ich will Dich zum Juden erzogen haben, auf daß ich in Deinen Armen einst meine Seele aushauche und Du mir die Augen zudrückest." Mt einer ungestümen Gcberde breitete sie ihre Arinc aus, und Robert ruhte an ihrer Brust, ihre Hände mit Küssen bedeckend. Die Mutter lächelte unter Tränen wie verklärt und fuhr fort: „Die Versuchungen sind groß, und man muß auch an die Zukunft denken. Du bist kein Kind mehr, das beste wäre daher. Du verheiratest Dich!" Robert schaute die Mutter verwundert an, und sic fuhr fort: „Glaube nicht, daß ich. Dich etwa wie ein unmündiges Kind behandeln will. Im Gegenteil! Ich schmeichle mir. Dir auf Halbem Wege cntgegenzukommcit, glaube ich doch, die Neigung meines Kindes zu kennen. Ist cs doch unmöglich, daß Dein Gefühl für Mirjam verblaßt sein könnte!" Rüben . machte eine Hastige Bewegung, seine Wangen bedeckten sich mit einer höheren Röte, die Augen leuchteten, er öffnete den Mund, >vie um zu sprechen, und die Mutter schloß: „Du weißt, daß ihre sterbende Mittcr Eure Hände zum Zeichen des Verlöbnisses ineinander gegelegt hat. Trotzdem will ich Deinen Entschluß nicht beeinflussen. Willst Du Mirjam nicht, nun, so muß ich auf meinen Licblingswunsch verzichten." Rüben ergriff die Hand seiner Mutter, drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß auf dieselbe und fragte: „Und der Vater?" „Der Vater wird, hoffe ich, unserer vereinten Bitte nicht widerstehen." Herr Philipp Ragelfein war nicht gerade in der besten Laune, als Mltter und Sohn ins Zimmer traten. Er schien auch keine weitere Notiz von ihnen nehmen zu wollen. Aber Lea näherte sich ihm nnd begann: „Feiwel!" Wie wütend sprang er von seinem Stuhle empor und „Feiwel, Feiwel!" kam cs grollend aus seiner Kehle. „Was für .Feiwel? Hier gibt's keine Feiwel; ich heiße Philipp, und so will ich genannt sein! Wie heißt Feiwel? Bin ich denn irgend ein Jud' aus der „Gasse", daß ich F.'iwel heißen sollte?" Frau Nagelfein sah zwar ein, daß die Aussichten für ihre Sache nicht günstig standen, sie wollte aber nicht mehr zurückweichen. „Wir koinmcn jetzt zu Dir, lieber Mann, in einer wichtigen, die Zukunft unseres einzigen Kindes betreffenden Angelegenheit. Unser Sohn hat sich mir nämlich anvcrtraut, daß er seiner Jngcndgespieliu und Anverwandten Mirjam gewogen ist und beim alten Isaak um ihre Hand . . ." Sie hielt jäh inne, denn, wie von einer Natter gestochen, zuckte Herr Philipp zusammen. „Was, was?" keuchte er, „der Robert will die Mirjam freien? Der Sohn des Herrn Philipp Nagelfein, mein einziger.Erbe, soll das erste beste Aiädchen aus der „Gasse" heiraten? Dazu habe ich ihn studieren lassen, in feine christliche Gesellschaft geschickt, daß er wieder dorthin gerate, von wo ich mich hinausgearbcitet habe? Was taugt mein ganzer Fortschritt, wenn mein Soh>l. durch, eine distinguierte Heirat meinen Namen nicht verherrlichen soll? — Daraus wird nichts, sage ich Euch. Schlagt Euch diese dumme Kindergeschichte aus dem Kopfe. Herrn Nagelfeins Sohn kann und soll höher hinaus, und damit basta! . . . (Schluß folgt.) ml. W. Albert, Id. P. Wanleiei, Ecke N»ua Malnzerttr. u. Welssfrauenstr. II. Elektr. Kleinbeleuchtung, Taichenlampen. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem hvneb.) Samstag, den 25. November (= 4. Kielen Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 80 Min. in Berlin 4 Uhr SO Min. Wochenabschnitt: Tanldaus. — Geburt der Zwillingsbrüder Esau nnd Jakob. Ersterer ist rötlich, rauh, haarig und roh an Sitten; letzterer schlicht, häuslich und fromm. Esau Liebling Jsaks, Jakob mehr voil der Mutter geliebt. Jakob kaust Esau die Erstgeburt ab um ein Gericht Linsen. Die Erstgeburt hatte heiligernste Bedeutung: sic berechtigte und verpflichtete zum Gottesdienst in der Familie nach des Vaters Tode. Dazu war Esau weder fähig noch würdig! Ausdrücklich wird auch beim Verkauf hervorgehoben, daß Esau ' aß und trank, davonging und die Erstgeburt verachtete. — Jsak will ahnungslos den Erstgeborenen segnen. Er weiß nichts von dem Verkauf dieses heiligen Rechtes. Esau.ging aufs Feld, Wildbret zv bringen; er verschweigt den Verkauf, obwohl Jakob „so klar, wie der helle Tag" sich das Recht zusichern ließ. Esau ist ein Betrüger. Jakob bringt nun auf Rebekkas Geheiß Ziegenböcklcin, nach Wildbretart bereitet, dem Vater. Hals und Hände sind mit Fellen bedeckt. Jsak soll auf schonende Art über Esaus Charakter und das Vorgefallene aufgeklärt werden. Er erkennt an der Stimme Jakob. Später kommt Esau. Jsak soll ihn segnen. 'Seine stillen Zweifel werden ihm zur Gewißheit: Esau ist gottlos! Jsak nimmt seinen Segen nicht zurück. Dennoch nennt Esau den Jakob Betrüger, droht ihm sogar mit dem Tode. Jakob flieht nach Haran. Dem Vater gibt er schonender Weise als Grund.an, daß er sich von dort eine Frau holen wolle. Jsaks Segen begleitet ihn. — Ferner wird von der Wegnahme Rebekkas durch den Philisterfürsten Abimelech berichtet. Er gibt sie wieder zurück. Die Philister bereiten Jsak wiederholt Schwierigkeiten, als er Brunnen grub. Endlich 'findet er Ruhe vor diesen Ehikanen. _' OttenDacbcr Drudtluft - üniage Telefon 123. Offanbach 8. HL Telefon 128. Unübertroffene bewährteste T8DPlChr8lnl08ll||* Eingesandt. Ich warne vor einem raffinierten Schwindler, Abraham Seelmann, 25 Jahre alt, angeblich Rabbinatskandidat aus Berlin, der sich als lungenkrank ausgibt, Rezepte und Zeugnisse vorzeigt, Kassen und Privatleute in sehr zudringlicher Weise belästigt und hierzu' vorzugsweise die Dämmerung oder die Nacht benützt. ' ' Rothenburg a. Tauber, 19. November 1911. Moses H o f m a n n, Lehrer. Carl Grebenau, JSSi Juwelen-Uhren- Gold‘u-Silberware"- Answahlsendungen gerne za Diensten. An die Sparer der Boten Marken. In Ihrem eigenen Interesse liegt es,1 bei allen. Ihren Weilinachts-l£iiikaufen nur in den Geschäften zu kaufen, welche, die Boten Marken ausgehen. Gemeinnütziger Rabatt-Spar-Verein, Frankfurt a. M. Der Vorstand. Büro: Töugesgasse 21. Telephon 11774.

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