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Neue jüdische Presse · 1911-11-24 · Heft 46 (24.11.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 46 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrartkfrtrter IsraelitistlkS forailiruklott. 'PedaKtis« ««- ch-fch-ftsjtekk: Srsnltturt s. M.. Vtt'fon 10507. Heransgever: Halg ch-is. 9. Jahrgang. Freitag, den 3. Kisley 5672 (24. November 1311) Nr. 46. Diese Zeitung.erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bet der Post , abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Jnsertionspreife: Die viergefpaltene Petitzelle.... . 25 ffa. Die Rellamezeile. Platz» und Datrn-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Eine außerbiblifche Passah-Urkunde aus biblischer Zeit. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Das Zurückweichen der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft; 2. Der Hebräertag in Galizien. — Brief aus Palästina. Beniner Brief. — Aus alter Wett. — Feuilleton: Ein Opier des Fortschritts^ — Wochen-Kalender. — Familien- Rachrichten. — Allgemeine Mitteilungen. — Briefkasten.__ Etüe außerbiblische Passah-Urkunde aus biblischer Zeit. Von Rabb. Dr. S. Jampel, Schwedt a. O. Wir haben in diesem geschätzten Blatte im Jahre 1909 in einer Reihe von Artikeln die Bedeutung der jüdisch-aramäischen Jnschriftensunde, welche in den letzten Jahren in Oberäghpten gemacht wurden, eingehend besprocheir und ihren ungemein großen Gewinn für die jüdische Religionswissenschaft gebührend gewürdigt. Tie damals' von der Königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin herausgegebenen Urkunden repräsentieren aber nur einen Bruchteil Ses gesamten Fundes unter den Ruinen der Jnselstadt Elephantine am Nilkatarakt an der nubisch-abessinischen Grenze. Der bei weilen größere Teil' dieser wundervollen Entdeckung konnte wegen »iattgelhafter Bearbeitung und Entzifferung damals noch nicht' der Oeffentlichkeit übergeben . Soeben ist nun von der General Verwaltung der Kgl. Müsseen in Berlin Sie vollständige Sammlung publiziert worden, die eine fast unübersehbare Fülle reigions- und kulürrgeschichtlich außerordentlich bedeutsamer Dokumente aüfweist, darunter die amtliche Ankündigung des Passahfestes für die Judengemeinde Elephantine. ' Der offizielle Schreiber dieser Urkunde ist ein in dieser Jnschriftensammlung sehr viel g:- »annter, im höheren persischen Staatsdienste stehender Jude namens Chananja, der öfters in kürzerer Form auch Chanani genannt wird. Diese zweite Namensform ist religionswissenschaf - lich nicht ohne Wichtigkeit^ da auch ein Bruder? Nehemias (Nehem. 1, 2) Chanani hieß. Bedenkt man nämlich, daß auch Nehemia, bevor er Pascha von Jerusalem wurde, ein hoher Beamter am persischen Königshofe war, und daß ec ferner von seinem von Jerusalem zurückgekehrten Bruder in einen Weise spricht, die darauf schließen läßt, daß auch' dieser Chanani im persischen staatsdienstlichen Aufträge in den syrischen Ländern geweilt habe, und berücksichtigt man endlich das chronologische Moment, daß nämlich dieses Passah-Edikt aus dem fünften Regierungsjahrc des Königs Darius stammt — somit also nur wenige Jahre, nachdem Nehemias in Jerusalem das dortige Judentum auf das (iblische Gesetz und besonders auf die Beobachtung der Feste verewigt hat, an die obcrägyptischen Juden ergangen ist —, dann' ergibt sich Sie höchste Wahrscheinlichkeit, daß wir in diesem hohen persischen Staatsbeamten Chanani den Bruder des Nehemias, des Reorganisators des zweiten jüdischen Reiches, vor ,uns haben. Diese Passah-Ansage übermittelt Chanani im Namen des „persischen Königs und im Aufträge des Arsames, des persischen Statthalters in Aegypten, an die genannte Judengemeinde. „Ter König Darius hat diesen Auftrag dem ägyptischen Statthalter erteilt," heißt es im Edikt. 'Auch dieses.Moment ist sehr lehrreich. Ungefähr drei Jahrzehnte vorher kam Esra von Babel nach Palästina mit einem Fenn an vom persischen König Artaxerxes I., dem Batcr dieses Darius, der ihn ermächtigte, das biblische Gesetz in Jerusalem zur Geltung zu bringen. Wörtlich heißt es dort. (Esra 7, 25): „Tu aber, Esra,' nach der Weisheit Gottes, die in deiner Gewalt, setze ein Richter und Beamte, alle, die die Gesetze. deines Gottes kennen, und denen, die sie nicht kennen, mache sie kund. Wer aber nicht das Gesetz deines Gottes und das Gesetz des Königs tun wird, über den ergehe schnell ein Urteil, es. sei zum Tode oder zur Ausrottung, es sei zur Buße an Habe oder zur Haft." Nicht nur christliche, sondern auch jüdische Gelehrte freierer Richtung hielten es für ihre Pflicht, über die Aufschneiderei dieses Berichtes, nach welchem der König des persischen Großreiches sich die genaue Befolgung des jüdischen Gesetzes so sehr angelegen sein läßt, zu lächeln und zu spötteln. Hier in unserer Jnschriftenpublikation lesen wir in einer zeitgenössischen Urkunde die Anordnung des Darius, des Sohnes des Artaxerxes, dessen Ferman Esra hatte, betreffs des Passahfestes, Der Wortlaut dieser Passah-Ansage, welche allerdings sehr fragmentarisch erhalten ist, lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: Zeile 1 ist unleserlich. Zelle 2 „An Jedouha und seine Genossen, die judäische Mllitärkolonie. Euer Bruder Chananjah. Das Hell meiner Brüder usw. .- . . Zelle 3, Und nun in diesem Jahre, dem Jahr 5 des Darius, ist von dem König an Arsames die Botschaft geschickt worden. Zeile 4, Jetzt sollt Ihr nun also zählen , . . vier .... Z. 5, Und vom 15. bis zum 21. des . . . Zeile 6, Seid rein und nehmt Euch in acht . . . Arbell ... Zelle 7, . . . nicht trinket, und jede. Sache, in der Sauerteig ist . . . Zelle 8, Vom Sonnenuntergang bis zum 21. Nißan . . . Zelle 9, Und gehet dann in Euere Häuser und macht Schluß zwischen den Tagen , . . Zelle 10 unleserlich. Zeile 11, An meine Brüder, Jedoujah und seine Genossen, die judäische Mllitärkolonie. Euer Bruder Hananjah". Beim Lesen des aramäischen Textes merkt man sofort, daß Zeile 5 und 8 ein direktes Zitat aus II B. M. 12, 18. ist, ebenso Zelle 9, „Gehet in Euere Häuser" aus V. B. M. 16, '7; da diese Sätze sich wie der Targum zu jenen Bibelstellen anhören. Diese Passah-Urkunde ist das älteste außerdiblische Denkmal-, welches auf den Pentateuch Bezug nimmt? ja überhaupt das älteste außerbiblifche Dokument, welches religiösen.In hal- Tie Wichtigkeit dieser Urkunde für unsere Religionswissenschaft läßt sich für den Laien kaum schildern. Ein Beispiel wollen wir hier jedoch anführen. In Nehemia 8. wird erzählt, daß Esra, Nehemia und noch einige gelehrte Leviten die aus der babylonischen Gefangenschaft Zurückgekehrten für den ersten Tischri nach Jerusalem versammelten, um dortselbst in feierlicher Weise das Tischri-Fest zu begehen. Diese feierliche Versammlung des gesamten Volkes benützte 'Esra dazu, ihm das biblische Gesetz vorzulesen. Dann heißt es (V. 14): „Ta fanden sie geschrieben in der Lehre, daß der Ewige durch Moses befohlen habe, daß die Kinder Israels wohnen sollen in Hütten am Feste des siebten Monats." Tie ersten Worte dieses Verses „Da fanden sie geschrieben in der Lehre" besagen dem Wortlaute nach, daß der Gesamtheit des Volkes und sonnt auch seinen Lehrern das biblische Gesetz gar nicht bekannt war. Und wenn es dazu noch in Vers 17 heißt: „Denn sie haben seit den Tagen Josuas, des Sohnes Nuns, so nicht getan" d. h. kein Suckothfest gefeiert, so hat hier die Krllik erst recht fteies Spiel, alle möglichen und unmöglichen Hypothesen betreffs des Pentateuchs zu konstruieren. Der Schreiber unseres Passah-Ediktes nun, der fast um dieselbe Zeit pentateuchische Sätze zittert, beweist damit, dass die biblischen Worte „Da fanden sie geschrieben" nicht buchstäblich zu nehmen sind. Es handelt sich also hierbei, nne der Leser sieht, nicht bloß um . die korrektere oder ungenauere Interpretation eines biblischen Verses, sondern um das ganze Kulturbild des erilischen Judentums zur Zeit der Entstehung des zweiten Mischen Reiches. Ja, zuverlässigere Bibelkommentare als Urkunden aus biblischer Zeit kann es überhaupt nicht geben. Möchten uns nur viele solche Funde vergönnt sein. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Das Znrückweichen der Deutschen Koufereuz- Gemeiuschaft. Tie Deutsche Konferenz-Gemeinschaft scheint es in ihrem Verhalten gegenüber dem Pariser Zcntralkontttee ähnlich zu machen, wie die deutsche Regierung in ihrem Verhalten zur französischen. Beide beginnen ihre Aktton mit großem Getöse, die eine schickt ein 'Schiff nach Agadir, die andere beruft einen „Alliancetag" ein, — und ivas kommt dabei heraus? Für die Regierung ein Stück Kongo, für die D. K.-G. einige kleine Zugeständnisse. So scheint es wenigstens zu sein; über da»? wirkliche Resultat läßt sich noch nichts sagen, denn noch sind die Verhandlungen zwischen Berlin und Paris nicht beendet. Aber es scheint so kommen zu wollen. Un) der Beweis dafür

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