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Neue jüdische Presse · 1911-11-17 · Heft 45 (17.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 45 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 630/0 aller verstorbenen Jüden unentgeltlich und 23°/o zu den niedrigsten Kosten beerdigt werden. Sie sind der Freizügigkeit beraubt und sind aus xin Gebiet zusammengepfercht, das nicht einmal einzwanzigstel des europäischen Rußlands ausmacht, und das nicht einmal seine ursprünglichen Bewohner ernähren kann. Es findet infolgedessen eine starke Auswanderung nach A m e r i k a statt. Hier kommen die Juden als die ärmsten aller Emigranten an, den» sie bringen durchschnittlich nur 8,7 Dollar mit, (die deutschen Einwanderer dagegen 28, 4>ie Franzosen 37, die Japaner 39 Dollar). Bald gelingt es ihnen hier jedoch, sich emporzuavbeiten und zu Vermögen zu kommen. In Amerika ist die politische Gleichberechtigung nicht nur theoretisch sondern auch praktisch durchgcsührt, dagegen ist der gesellschaftliche Antisemitismus von einer Stärke, wie man ihn in Europa nicht kennt. Auch der angesehendste Jude wird zur christlichen Gesellschaft nicht zugelassen. Wie ist nun die Entwickelungstendenz dieser Verhältnisse? Sollte es in Europa zu einer freiheitlichen Gesetzgebung kommen, so kann die Entwickelung entweder dieselbe Bahn cinschlägen lwie in dem letzten Jahrhundert in Westeuropa, in dem die Juden die Förderer des Kapitalismus in Rußland wurden, oder wie im Mittelalter, in deni die Juden die Kreditgeber warne. — An eine freiheitliche Gestaltung der östlichen Gesetzgebung ist nicht zu glauben, vielmehr werden die Rechte der Juden immer mehr eingeengt und ihre Lage wird am treffendsten Uiit dem Wort „Pogrom" gekennzeichnet. Da auch, die Auswanderung immer mehr erschwert wird — denn auch Amerika beginnt sich gegen die Einwanderung der östlichen Juden zu sperren —, so scheint sich das ru bestätigen, was Pobjedonoszew als Lösung der russischen Judenfrage bezeichnet Hat: Ein Drittel wandert aus, ein Drittel verhungert und ein Drittel wird totgeschlagen. — In Deutschland behauptet man auf der einen Seite einen llntergang des Judentums, während man auf der anderen Seite von dem Wachsen seines Einflusses spricht. Der relative Rückgang der Zahl der Juden läßt sich, statistisch belegen, denn sowohl die Eheschließungen als auch, die Geburten bleiben hinter denen der anderen Bevölkerung zurück, so daß diese trotz der günstigen Sterblichkeitsziffern der Juden stärker wächst. Mer auch die Behauptung der zunehmenden I n d a i s i e r u u g der .christlichen Gesellschaft trifft nach Sombarts Meinung zu. Sombart stellt die These auf: In dem Maße, wie der Untergang der 'Juden sich vollzieht, wächst der Einfluß der Juden, und zwar, weil der Untergang sich vollzieht. Wenn ein Faß Oel auf einen benachbarten Papierballcn auslänft, so ist das Oel zwar in dem Faß nicht mehr vorhanden, aber das Papier ist vollständig mit ihm durchdrängt, Aber je mehr die Juden in die christliche Sphäre hineinkommen, irm so größer werde auch die Gegensätzlichkeit zwischen Juden und Nichtjuden. Aus diesem Grunde wäre auch in Frankreich; und Amerika der soziale Antisemitismus so stark. Die Assimilation lKtte ihre Möglichkeitsgrenze in den von beiden Seiten zugegebencn, unleugbar bestehenden blutsmätzigen Unterschieden. (Zum Beweis dafür, daß diese Unterschiede auch von jüdischer Seite anerkannt werden, verliest Sombart einen größeren Abschnitt aus Lichtheim, Programm des Zionismus.) Die Mischehen, auf die man früher so große Hoffnungen ^gesetzt habe, hätten ein tragisches Schicksal gehabt, 12»/o aller Mischehen wären wieder getrennt Irvrdcn, die Kinder aus diesen Ehen wären zwar von außergewöhnlicher Schönheit, aber in moralischer Hinsicht von geringer Widerstandskrast. Zum Schlüsse verwahrt sich Sombart dagegen, daß man derartige tatsächliche .Feststellungen von der Gegensätzlichkeit zwischen JUdcn und Nichtjnden als Antisemitismus, der ihm vollkommen fernliege, verdächtige. Man dürfe die Augen gegen die Tatsachen nicht verschließen, sonst betreibe man Vogel- Strauß-Politik. H. G. Sitzung des ziouist. großen Aktionskomitees. (Schluß.) Dr. H a n t k e berichtete über die Verhandlungen mit der Föd e r a t i o n Misr ach i. Nach längerer Debatte wurde folgendes beschlossen: 1. Es wird mitdem Misrachi ein Mkommen dahin getroffen, daß der Vorsitzende der Föderation Misrachi, Dr. Franck, zu den Sitzungen des großen A. C. regelmäßig mit beratender Stinnne Hinz »gezogen wird, und daß der Misrachi in dem Kulturausschuh, der zur Vorbereitung aller von der zionistischen Organisation unternommenen kulturellen Arbeiten dienen soll, eine gebührende Vertretung erhält. 2. Zur Ausführung der kulturellen Arbeiten beschließt das A C. die Wahl eines Ausschusses - , von ß Mtgliedertt. In diesem Ausschuß . soll ein Mitglied des E. A C. den Vorsitz §§wüt!furfer Israelitisch^ FamMenblatk. Seite 3. führen. Von den 6 Mitgliedern des Kulturausschusses sollen 3 Mitglieder gemäß den Personalvorschlägen des Misrachi gewählt werden. Ferner gab ber E. A. C. dem A Ci. die Erklärung ab, daß es zur Ausführung des Kongreßbeschlusses, wonach die Zionistische Organisation nichts unternehmen darf, was dem Religionsgcsetz widerspricht, in-strittigen Fragen eine r a b b i n i s ch e A u t'o r i t ä t zuzieheu wird) his dem A. C. Ratschläge oder Gutachten unterbreiten soll. Die Entscheidung liegt in allen Fragen bei dem A. C. Hierauf tourde der KnlturausschUß wie folgt gewählt: So ko low (Vertreter des E. A. C., Dr-. Buber, L, Motzkin,Dr. Heinr. Löwe, Robb. Dr. Wilhelm Levy, Dr. Pick und M. Berlin. Dr. Hantle erstattete nunmehr Bericht über die Frage der Anerkenunng des Order os Anc ie n t Ma c c ab e ans als Föderation. Es gelangte der folgende Antrag zur Annahme: Der O. o. A M. soll als Föderation anerkannt werden, sobald dem E. A C. sowohl von dem Order wie von der English Zionist Federation die schriftliche Erklärung zugegangen ist, daß beide sich einen gemeinsamen Council bilden wollen. Dieser gemeinsame Council soll der Organisatwn gegenüber den englischen Zionismus vertreten, und das E. A. C. soll mit ihm verkehren." Ans dem übrigen Teil der Verhandlungen sei noch berichtet, daß für Zwecke der Ausbreitung der hebräischen Sprache 2000 JL bewilligt wurden. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Frankfurt a. W. In unseren Assimilanterikreisen, in denen >vir häufig ungerechtere Beurteilung finden als in üns ungünstig gesinnten nichtjüdischen Kreisen, kann man die Behauptung hören, der Jude habe keine geschickte Hand» sondern tauge nur für Arbeiten des Kopfes. Wer nicht ganz indifferent an den Erscheinungen des jüdischen Lebens vorbeigeht, weiß, daß der größte Teil der östlichen und orientalischen Juden aus Handwerkern und Arbeitern besteht und daß die Bestrebungen, die Juden des Westens wieder den Bernsen der Hand zuzuführen, in ihren Resul« taten nur Ehre für die jüdische Gesamtheit bedeuten werden. Wie richtig das ist. zeigte eine Ausstellung der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem, die diese Woche in der Frankfurt-Loge zu besichtigen war. Die Früchte und Konserven aus der Gärtnerei, die Schöpfungen der in dem Schuhmacher-, Bäcker-, Tischler- und Buchbinder-Handwerke unterwiesenen Schüler und die Handarbeiten der Mädchen vereinigten sich da zu einem Bilde, dessen Gesamtcindruck gradezu ein imponierender genannt werden muß. Frankfurt a. M. Die Thellin-Borträge Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Nobel, die jeden Sonntag nachmittag 6 Uhr in der Synagoge am Börneplatz stattfindcn, haben eine für religiöse Vorträge einzigartige Höhe der Besucherzahl erreicht, denn etwa 400 Personen wohnten letzten Sonntag diesen in Form und Inhalt hervorragenden Borträgen bei. Frankfurt a. M- Die Zahl der Teilnehmer an der auf den 12. Nov. nach Frankfurt berufenen erweiterten K u r a t o r i u m s s i tz u n g der Israelitischen Erziehungsanstalt A h l e m war übcraits groß. Der zum Vorsitzenden gewählte Jos. Wisloch gedachte, nachdem er namens der Frankfurt-Loge die Versammlung begrüßt hatte, des seit der letzten Tagung verstorbenen Kommerzienrats Langenbach- Darmstadt und insbesondere Eduard Cohens. Dem vom Vorsitzenden des Vorstandes, S. Rein hold, erstatteten Bericht ist u. a. zu entnehmen, daß die Knäbenanstalt stets voll besetzt ivar und statt der 100 Zöglinge 200 hätten ausgenommen werden können, wenn Raum und Mittel zur Verfügung ständen. Die entlassenen Lehrlinge der verschiedenen Betriebe kamen gut unter, gum Teil in leitende Stellungen. Etwa 20 Prozent Entlassenen sind selbständig. IM neuorganisierten Mädchenhaus sind von 60 verfügbaren Plätzen 54 besetzt. Die Gesamtzahl der bislang ausgebildeten jungen Leute beträgt 192. Die Gärtnerei hat trotzder ungünstigen Sommerwitterung — dank der neu angelegten Bewässerungsanlage — gute Ergebnisse gebracht. Die Bäckerei und die Schneiderei decken den ganzen Bedarf der Anstalt, erstere besitzt auch Privatkundschaft. Die Finanzlage der Anstalt läßt nach dem weiter erstatteten Bericht Direktors Berliner Zn wünschen übrig. Er sagte in seinem Berichte: Wir haben im Jahre 1910 etwa 5000 Mark mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben; in diesem Jahre ist.es ähnlich; hie Mehrausgabe beträgt etwa 14000 Mark. Mit solchen Ausgaben sind natürlich rmsere Betriebsmittel erschöpft, ja wir mußten sogar Schulden machen. Wenn nicht durch Legate unsere Finanzen aufgebessert worden wären, dann müßten wir eine Anleihe machen. Im Etat finden Sie, daß wir auch für das nächste Jahr mit einer Mindereinnahme von 5800 Mark rechnen müssen. Ein großer Teil der Zuwendungen besteht in Legaten. Wir dürfen das Geld nicht erst dann bekommen, wenn die Leute tot sind, sondern die Freunde Ahlems müßten cs bei Lebzeiten stiften. Redner appellierte an die Mitarbeit der Anwesenden und wies auf die dringende Notwe n - digkeit der Errichtung eines neuen Knabenhanses hin. Auch eine rirMge Turnhalle für den Winter sei erforderlich. Herr Strauß, ein Mitglied des Frankfurter Lokalkomitees, berichtete über die erfreuliche Entwickelung der hiesigen Ortsgruppe. Die Mitgliederzähl und -beiträge — letztere z. Zh JL 3649.-> sind auch im Jahre 1911 wieder gewachsen. Direktor Silberberg, der Leiter der Anstalt, wies aus die Ausstellung hin, die bekanntlich in der Frankfurt-Loge stattfindet. Im Einzelnen berichtete er über die innere Entwickelung der verschiedenen Betriebe. Von den Schulpflichtigen widmen sich 60 bis 70 Prozent der Bodenkultur als Beruf, die übrigen fast alle dem Handwerk. Hoher Wert wird ans eine allseitige körperliche Ausbildung gelegt.! In dem weiteren Verlauf der Verhandlungen begründete Rechtsanwalt Dr. Guggenheim- Ofsenbach die Anregung, eine ähnliche Anstalt wie Ahlem auch in Süddeutschland zu errichte n. Rechtsanwalt Dr. Baerwald erwiderte harauf, daß Ahlem einen Etat von ca. 'Jfc 120000.— jährlich habe und daher zunächst. gestärkt werden müsse. Rabbiner Dr. Munk berichtete, daß im Schüler- und Lehrlingsheim Marburg ca. 90 Zöglinge regelmäßig im Gartenbau beschäftigt sind. Stadtverordneter Fromm regte an, daß Wanderlehrer für Gartenbau und Haussertigkeit in die kleinen jüdischen Gemeinden gesandt werden. L. Nickelsberg-Ofsenbach, gab anheim^ die Mädchenanstalt, die sich wohl nicht recht bewährt höbe, in eine Knabenanstalt umzuwandeln. An der Diskussion beteiligten sich noch R o senthal-Würzburg, Direktor Carl Herzberg, L. Picard-Frankfurt und J.-R. Dr. Wolfers Hannover. Der Vorsitzende dankte für die Anregungen von Dr. Guggenheim und Fromm, die von der Simon' scheu Stiftung (die nebenbei bemerkt bereits 70 jüdische Gemeinden für Schsulgärten unterstützt) später vielleicht verwirklichst werden könnten. Außerdem werde die Stiftung in Peine eine Anstalt errichten zur Ausbildung jüdischer Lehrer in Handfertigkeit und verwandten Unterrichtsfächern. Berlin. Anläßlich der Berhandlungen des Verbandes der deutschen Juden hielt der Jüdische Frauenbund eine Borstandssihumg ab. Waren doch vier Frauen aus dem Vorstand als stimmberechtigte Teilnehmer zu den Berbandsverhandlungen und. dem von der jüdischen Gemeinde gegebenen Festmahle geladen, bei welcher Gelegenheit auch die Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes. Bertha Pappenheim - Frankfurt a. M.» das Wort nahm. In eifrigster Arbeit wurden folgende Hauptpunkte der Tagesordnung der Borstandssihung erledigt: Die angeschlossenen Ortsgruppen gaben ihre Berichte, woraus zu entnehmen ist, daß sich Frankfurt a. M. mit der Bahnhofsmission, Stargardt/? mit den Vorarbeiten für eine im Anschluß an die bestehenden Berufsberatungen von konfessionellem Gesichtsunkte aus zu gründende Beratungsstelle und aus den gleichen Motiven mit gemeinnütziger Stellenvermittlung beschäftigt. Die Münchener Ortsgruppe wird neben lokalen hauptsächlich statistische Arbeiten für den Bund liefern, während Breslau mit der Zentralisation aller Breslauer konfessionellen Wohlfahrtspflege beschäftigt ist. Leipzig ist durch den Tod seiner Vorsitzenden im Sommer in seinen Arbeiten gehemmt gewesen, wird aber unter seiner neuen Vorsitzenden im Winter die Arbeiten neu aufnchMen, und die neu geschaffene Ortsgruppe Karlsruhe hat sich die Aufgabe des Fs. B. Stellenvermittlung, Bahnhofsmission, Dienstbotenfürsorge nsw>. zu eigen gemacht. Einen erfreulichen Fortschritt der Bundesarbeit zeigt das gemeinsam von dem Verband der evangelischen J'nngfrauenvcreine, dem deutschen Nationalderband der katholischen Mädchenschutzvereine und ber Mteilung Mädchenschütz des jüdischen Frauenbundes herausgegebene Plakat mit Schutzadressen für alleinreisende Frauen u n d M q d ch c n, das in allen deutschen Eisenbahnen in der 3. und 4. Wagenklasse ausgehängt worden ist. Andere Aufgaben, wie die Herausgabe eines Almanachs, wurden erörtert, und - auf die in Aussicht stehende staatliche Versicherung der Privatbeamten wurde im Interesse auch der Angestellten des jüdischen Frauenbundes und der angeschlossenen Vereine aufmerksam gemacht. Mit dem Bericht Über die erneuten Vorarbeiten für die-Gründung eines Internationalen

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