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Neue jüdische Presse · 1911-11-17 · Heft 45 (17.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 45 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamMenLlatk. Nr. 45. Jüdischen Fraucnbu » dcs schloß die Tagung. In einer zum zwecke der Propaganda am Montag Vormittag einbernfcncn allgemeinen zwanglosen Sitzung besprach die Vorsitzende des Bundes, Bertha Papvenheim --Frankfurt a. M, die, Tagung des Verbandes der deutschen Inden und die dort gehaltenen Referate aus dem Gesichtswinkel der Frauenarbeit rmd wies darauf hin, daß die Arbeit des Verbandes der deutschen Inden rascher voran gehen wird, wenn erst die Frauenarbeit die erhoffte Stellung in der Gesamtarbeit einnchimcn wird. Auch die Arbeit des jüdischen Frauenbundes kann nicht immer aus dem Vollen getan werden, sondern es muß ein großes Stink „heiliger Kleinarbeit" geleistet werden, die von eminentester Bedeutung ist. Aus der bisher geleisteten Kleinarbeit ist als wichtigster Faktor das Heim des Bundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt'«. M_ für gefährdete und schutzbedürftige Jugendliche Hervorgcgangen, ein Heim, welches als ein Krankenhaus für Moralkranke zu betrachten ist. Da das Heim aber große pekuniäre Kirsten erfordert, so spricht der Bund die herzliche Bitte aus, überall für das Heim Propaganda zu machen und Beiträge zu schaffen. Das Heim stellt nicht eine Belastung, sondern 'Entlastung der Vereine und Gemeinden dar, da sich! in jeder Stadt moralisch Schutzbedürftige finden. Stuttgart, 13. Novbr. Der staatsrechtliche Ausschuß der Wgeordnetenkammer wird kommenden Donnerstag zur Beratmig des Gesetzentwurfs der Israelitischen Religionsgemeinschaft zusammentteten. Berichterstatter ist der Mgeordnete Kübel, Mitbcrichterstatter der Mbg. Dr. V. Kiene. Stratzburg. Aus Beschwerde des Israelit. Konsistoriums gegen den' Erlaß des Generalkommandos, Ivonach die israelittschen Einjährigen, die wegen des auf den 2. Oktober fallenden jüdischen «Feiertags erst am 3. Oktober eintteten konnten, bis zum tz. Oktober 1912 nachdienen sollten, hat das Generalkommando seinen Standpunkt geändert. In der Antwort des Generalkommandos heißt es: „Für die israelitischen Einjahrig-Freiwilligen, welche am 3. Okt. 1911 eingestellt wurden, bleibt die Möglichkeit bestehen, für den 1. und 2. Oktober 1912 beurlaubt ooer vom Dienst befreit zu werden, mtt der Einschränkung, daß die bestimmungsgemäße Frist von 14 Urlaubstagcn nicht überschritten wird. Eine Benachtelligung dürfte deshalb für sie nicht eintreten." Ei« Opfer -es „Fortschritts." Eine galizische Geschichte von S. Horowitz. (Fottsetzung.) 2. Reb Isaak Paschelcs, ein siebzigjähriger Greis, ging in seinem Zimmer in großer Erregung aus und ab. Seine hohe, vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt schien die niedere Zimmerdecke berühren zu wollen; sein langer weißer Bart, vom hasttgen Gange bewegt, wallte auf die Brust nieder, und ein Sammetkäppchen bedeckte sein kahles, ehrwürdiges Haupt. Er durchmatz aufgeregt das Gemach, und manchmal bewegten sich seine Lippen leise, als wollten sie den ihn bestürmenden Gedanken Ansdruck verleihen. Im Zimmer war es sonst ruhig, nur das Ticken einer Standuhr unterbrach die Stille, und durchs Fenster fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, daß die purpurnen Stteifen auf Reb Isaaks weißem Barte golden schillerten._ Reb Isaak näherte sich dem offenen Fenster und sog die würzige Abendlust ein. Die Aussicht ging auf einen kleinen Garten, und nur gedämpft drang der Straßenlärm in die abgeschiedene Behausung des Greises. Er wandte seine Blicke gegen den in der glitzernden Pracht der Abenddämmerung prangenden Hori-ont, und sein Anlitz nahm solch einen mildfeierlichen Ausdruck an, seine Seelenstiinmung wurde eine so gehobene, daß die patriarchalische Erscheinung wie von einem strahlenden Nimbus umflossen erschien. Wie unbewußt falteten sich seine Hände, er wandte sei» Antlitz gegen Osten, und leise bewegten sich seine Lippen, das Mincha-Gcbct verrichtend. Er verharrte noch lange sinnend in stiller Andacht. Erst das Oeffnen der Tür fuhr störend in die feierliche Stille seines Sinnens. Mirjam war es. Sie stellle eine angczündete Lampe aus den Tisch und drückte einen Kuß auf die Hand ihres Großvaters. Mirjam'. — So mußte wohl auch Mirjam, Moses Schwester, in Schönheit geprangt haben, als sic neunzehn Jahre alt war. Das Gesicht brünett, rosig angehaucht und voll Liebreiz, von üppigen Lockenwellen umrahmt und kohlschwarze, ernst blickende Augen. Mirjam war schon früh Waise geworden, und der Großvater mußte an ihr Eltcrnstclle vertreten. Er leitete ihre Erziehung, und wenn sie auch nach den Begriffen des Herrn Nagelstin nicht das Prädikat „modern" verdiente, so war sie dafür eine olide Erziehung. Freilich, eine perfekte Salon- )ame war Mirjam nicht, sie konnte weder das Klavier maltraitteren - noch französisch parlieren noch mit dem Fächer manövrieren. In der srivolen Romanliteratur war sie nicht bewandert, aber dennoch belesen, und wenn sie auch keine sentimentalen Verse verfassen konnte, so wußte sie sich doch in Prosa ttefsend auszudrücken. Der alte Isaak gab wenig auf sogenannte äußere Vorzüge, er sorgte mehr für die Ausbildung des Gemütes, und Mirjam brachte auch allem Schönen und Guten reges Verständnis entgegen. Der greise Großvater konnte ihr natürlich die Mutter nicht ersetzen, und das trug dazu bei, daß ihr ganzes Wesen das Gepräge des Ernstes zeigte. Infolgedessen kannle sic keine oberflächlichen Gefühle. Wenn sic sich einnial einer Empfindung hingab, so senkte diese ihre Sonde bis auf ihren Herzensgrund. In erster Linie stand die abgöttische Verehrung für ihren Großvater, zu der das Andenken an diie Heimgegangenen Eltern den Hintergrund bildete. Die Szene am Sterbelager ihrer Mutter hatte sich ihrem Herzen tief eingeprägt; sie sah noch die segnend ausgebreiteten Arme sich auf sie und Rüben, den Gefährten der Jugend, legen. Das neunjährige Mädchen hatte damals freilich kein Verständnis für die Geberdensprache, wußte nicht, wozu die sterbende Mutier ihre Hände ineinander legte, aber mit der Zeit mußte selbst dem naiven Mädchen eine Ahnung aufdämmern, umsomehr, als verschiedene Bemerkungen ihrer Um gebung diese Vermutung bestätigten. Der Wille ihrer Mutter war ihr ein heiliges Vermächtnis, und sie betrachtete sich als Rubens Verlobte. Aber auch Risten trug dazu bei, daß ihre Ge, fühle für ihn erstarkten, und obwohl Zeit und Ver, hältnisse sie etwas entfremdeten, so schlug sein Herz doch warm für seine Jugendgespielin. Selbstredend wußte der Großvater von diesem stillschweigend anerkannten Verhältnis, und das war eben die Ursache seiner Erregung. Er kannte das tiefernste Naturell seiner Enkelin ebenso gut wie die jetzige Gesinnung Nagelfeins. Der Herr Robert war auch nicht mehr der ehemalige Risten; so wie er jetzt war, mochte er ihn gar nicht als Gatten seiner Mirjam wissen, und das erzeugte in ihm düstere Gedanken. Er nahm in seinem Lehnstuhle Platz, mid Mirjam leitete das Gespräch mit der Mitteilung ein, daß Frau Nagelfein in seiner Abwesenheit dage wesen' sei. „Sie war so niedergeschlagen," - fuhr sie fort, „so ganz gebeugt, ihr Blick hatte so etwas Ernstwehmütiges, daß ihr etwas Unangenehmes wider, fahren sein muß. Gegen mich war sie wie immer zärtlich, aber was niich am meisten wunderte, ist, daß während sie mich mit mütterlichen Liebkosungen überhäufte,. ihre Augen sich umflorten und ihrem Herzen schwere Seufzer sich entrangen. Ich merkte, daß ein großes Leid die gute Frau drücke, fragte sie auch nach dem Grunde ihrer Niedergeschlagenheit, ist sie doch meine zweite Atutter; aber sie schloß mir den Mund mit Küssen, und um nicht indiskret zu erscheinen, konnte ich natürlich nicht weiter in sie drängen. Sie erkundigte sich auch fürsorglich nach Deinem Befinden, Großväterchen. Ich sah cs ihr an, wie unlieb cs ihr war, Dich nicht angetroffen . zu haben. Vielleicht wollte - sie sich über den Kummer, der sie drückt, mit Dir aussprechen und Deinen Rat cinholen. Ich versprach ihr, daß wir sie recht bald besuchen werden, aber seltsamerweise erwiderte sie nichts darauf, ja, es kam mir vor, als käme ihr unser Besuch nicht gelegen. Du tätest ttotzdcm gut, wenn Du Hingehen möchtest. Dir wird sie sich anvertrauen, und Du wirst ihr Rat und Trost spenden." Reb Isaak hörte schweigend der Mitteilung seiner Enkelin zu. Seine Stirne umwplkte sich, er glättete sich mit der Handfläche seinen langen Bart, zog Mirjam an sich und drückte einen Küß auf ihre Stirne. „Du weißt, mein Kind, daß ich der Familie sehr gut bin, und daß ich besonders für Frau Nagelfein alles tun möchte, wenn sie meiner je bedürfen sollte. Mer das ist nicht der Fall, ihr fehlt gottlob nichts." Er schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er fort: „Ich will Dir den Grund ihres veränderten Benehmens sagen. Du, , mein unschuldiges Kind, weißt nicht, daß die Leute oder richtiger, daß die geänderten Verhältnisse die Denkweise der Leute ändern, wüßtest Du cs, dann hättest Du den Schlüssel zum Benehmen der Frau Nagelfein. Sie mit ihrem gutmüttgen, gläubigen Gemüte hängt noch an uns, kann sich in die neue Umgebung nicht hineinfinden, und das macht, daß sic . mit sich selbst unzufrieden ist. Ihr Mann aber ist keiner tiefen Empfindung fähig, er hascht nur nach grellen Effekten. Er schämt sich seiner Vergangenheit, er schämt sich der „Gasse", in der er geboren, erzogen und auch reich geworden. In seiner Eitelkeit genieren ihn. seine allen Bekannten, ja selbst der heilige Glaube unserU Väter ist ihm ein Hemmnis, und von seiner eingebildeten Größe geblendet, möchte er alle und alles, seine Familie und seine Herkunft vergessen. Wie ich aber Frau Nagelfein kenne, kann sie diese modernen Ideen ihres Mannes nicht teilen, denn ihr Wesen wurzelt in der alten Umgebung. Andrerseits aber ist sie zu schwach, um gegen den Willen ihres Mannes ankämpsen zu können, und das verdüstert ihr Gemüt und raubt ihr jeden Halt. Ich vermute, daß ihre Besuche bei uns von ihrem Manne nicht gutgeheißcn werden, und das macht sie auck» besangen. Das sind aber Familienangelegenheiten, in die sich niemand mischen darf. Darum ist es für sie und für uns besser, wenn wir ihr allmählich die völlige Trennung erleichtern. Sic paffen nicht mehr in unsere und wir nicht mehr in ihre Mitte, und wenn Frau Nagelfein merken wird, daß auch wir gleichgiltiger, kühler werden, wird sie vielleicht den Bruch weniger schmerzlich empfinden. Und auch Robert kann nicht mehr die Sympathien Rubens für uns teilen'; trägt doch sein Vater dafür Sorge, aus seinem Innern jede Erinnerung an die Vergangenheit auszumerzen. Wenn er uns dennoch von Zeit zu Zeit besucht, so geschieht es, weil er von Natur ein guter Junge und mehr der Mutter als dem Vater ähnlich ist. Doch Wersen wir einen Schleier über die früheren Projekte." Der Greis hauchte schnell einen Kuß auf die Stirn des Mädchens und verließ hastig das Zimmer. Wie aus einem Traume erwachend, schaute Mirjam ihrem Großvater nach. Der Schluß der langen Rede hallte ihr in den Ohren wieder, sie versuchte die wirren Gedanken zu sammeln, und es dämmerte ihr eine Ahnung auf. Ja, sie kannte ihren Großvater, wußte, daß er jedes Wort überlegt, und es mußte deshalb auch dem Schlußpassus „werfen wir einen Schleier über die früheren Projekte" ein tiefer Sinn zu Grunde liegen. Also, es war sein Wille, daß sie Rüben vergesse, daß sie ihr pietätvoll gepflegtes und großgehegtes Gefühl aus ihrem Innern reiße, — und das alles, weil Philipp Nagelsein, jetzt reich ist, weil er andere Ansichten, andere Gedanken hegt. Aber was hat denn das mit ihrer — mit ihrer Liebe zu schaffen? „Die Leute schämen sich ihrer Vergangenheit, die alten Bekannten sind ihnen im Wege", hat der Großvater gesagt, und er weiß Menschen zu beurteilen. Aber Rüben, ihr Rüben, kann das auch auf ihn angewendet werden? Warum sollte er nicht der Alte geblieben sein? Weil er jetzt andere Gesellschaft anfsucht? Nein, er ist noch, immer der Alte, hat er ihr doch erst jüngst so seelenvoll ins Auge geschaut, daß beider Hände in einander zitterten. Sie näherte sich dem Fenster, strich sich das Haar aus der gedankenschweren Stirne, und ihre Angen suchten das sterubesäete Firmament, wie um sich da Gewißheit zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.) flDTIIf i. W. IM. lob. P. Warnen!}, Es J J[ Ecke Neue Nainzerstr. u. Weissfiauenstr. tt. Elektr. Kleinbaleuchtung. Taschenlampen. Wir bitten unsere Leser, ihre« Bedarf unter Bezugnahme ans nufer Blatt bei unsere» Inserenten zn decken. Frankfurter Israel. Famttieublatt. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem I-oavb.) Samstag, den 18. November (=27. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Mn. Sabvat-AuSgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 30 Min. in Berlin 5 Uhr — Min. Wochenabschnitt: Chajc-Soro. — Der Tod Soras, die 127 Jalste alt wurde. Der Maus der Höhle Machpela. Abraham erwirbt diese. Höhle von den Ehittern. 400 Schekel zahlt er Efraun,. der sich anfangs den Anschein gab, als wollte er die Höhlte schenken. Die Höhle wird Fanrilicngruft Mrahams. Sie befindet sich zu Hebroü. (Die Türken bewachen sie heute noch als Heiligtum.) — Jsaks Heirat. Nicht von' den heidnischen Mitbürgern Kanaans soll . Jsaks Frau. sein. Um in Mrahams Familie zu. Passen, soll sie an ihrer Gastfreundschaft erkannt werden. Mrahams Knecht Elieser zielst mit zehn Kamelen, beladen mit ikoshbarcm Gut, nach Mesopotamien. Seine Sendung ist vom Glücke begünstigt. Er betet, und Gott schickt ilstn Rebekka zu, die Tochter Beturls, pines Verwandten seines Herrn. Sic . ist sehir gastfreundlich, will unaufgefordert alle Kamele tränken. Elieser übernachtet in Betucls Haus. Uni anderen Morgen zielst er niit Rebekka ab. Jsak kommt entgegen. Er. führt die junge Frau in Saras Zelt und' findet in ihr, tröstenden Ersatz' für seine Mutter. <— Abraham nimmt ein zweites Weib, Ketura. (Der Tradition nach Hagar! Deren Nachkommen werden

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