Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 45 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 45 Durch den Beschluß ver Berliner Misrachikonfcrenz, nach dem 10. Kongreß in der Organisation zu verbleiben, war ja zwar prinzipiell eine Einigung vorhanden; praktisch aber noch nicht ganz. Tenn noch mußten der Misrachi und mit ihm alle gcsetzcstreuen Zionisten wirkliche Garantien haben,. Saß die nun einsetzcnde kulturelle Arbeit in der Tat sich auf der Basis des Kongrcßbeschlusies vollziehen werde,, der erklärt, daß dabei nichts gegen das Religionsgesctz untcriwnunen werden dürfe. Ties ist nun invollstem Maße geschehen, ja in noch reicherem Maße, als wir es erwartet haben. In die neugebildcte Kulturkommission, die insgesamt aus 6 Mitgliedern und einen: Mitglied des E. A. C. als Vorsitzenden besteht, darf der Misrachi 3, also die Hälfte, entsenden; und da airch einer der anderen drei auf gesctzcstreuem Boden steht, wird die Majorität dcr Kommission von gcsctzestreuen Zionisteir gebildet. Ferner hat das A.-K. beschlossen, bei allen strittigen Fragen eine r a b b i n i s ch e Autorität hinzuzuziehen. All diese Beschlüsse sind ja nichts neues; sie find nur nähere Ausführungen des Kongrcßbcschlusses, der auch seinerseits nur eine Wiederholung schon längst gefaßter Beschlüsse war. Aber diese Beschlüsse des A.-K. dokumentieren :wch einmal deutlich und nachdrücklich, daß der Zionismus cs mit seiner feierlichen Erklärung, nichts gegen die Tradition zu unternehmen, auch heilig und ernst nimmt. Freilich, diejenigen, die ein Interesse daran haben, den Zionisnrus als religionsfcindlich hinzustellen, unsere „Rcligionsrettcr" sowohl von rechts als auch von links, werden sich auch durch diese Beschlüsse nicht belehren laßen. Sie wird inan aber auch niemals überzeugen können. All denen aber, die Wahrheitsliebe genug besitzen, um das für wahr Erkannte auch auszusprechcn, werden die Beschlüsse zeigen, daß die Märe von der Religionsfeindlichkcit des Zionismus eben nur eine Märe ist, ausgcdacht von falsch Sehenden oder bös Meinenden. Tie falsch gesehei: haben, mögen sich durch, diese neuerliche Dokumentierung des Zionismus, das Rcligionsgcsctz zu achten und zu respek.icren, belehren lassen und ihren Irrtum erkennen, die Böswilligen aber nwgen bleiben wo sic sind; die Zeit, die Geschichte, dcr Zionismus wird über sic zur Tagesordnung, übergehen. Alles in allem wap die Sitzung des Großen Aktions - Komitees ein deutlicher Ausdruck von dem ernsten, realen Sinn, der im Zionismus Platz gegriffen hat, von dem festen Vorsatz, praktische, positive Arbeit zu leisten, inrmcr weitere Kreise dcr Judenheit, immer mehr Positionen Palästinas zu gewinnen. Uiw es ist zu hoffen und zu wünschen, daß das ' E. A. C. energisch und zielbcwußt aus diese:» Wege und in diesem Sinne seine Arbeit sortsetzcn und all das, was die Organisation von' ihn: erwartet, auch erfüllen wird. Tie Epoche reiner Begeisterung und Schwärmerei ist vorüber; der Zionis- Nlus ist in das Stadium des positiven Schaffens getreten; dcr Wille dazu beseelt die gesamte Bewegung; früher oder später müssen die Erfolge cintrcfsen. 2: Der Kongreß der jüd. Jugend Italiens. Ein ungewöhnlicher Kongreß hat dieser Tage in Florenz getagt, ein Kongreß, ebenso unerwartet wie erfreulich, ebenso ungeahnt wie glückverheißend: ein Kongreß d c r j ü d i s ch c n Jugend Italiens. Unsere Leser werden staunen, und wir gestehen, auch wir haben in: ersten Augenblick gestaunt; ein jüdischer Kongreß in Italien? dem Muttcrlande dcr Assimilation! und dazu noch ein Kongreß nicht der wenigen Greise der allen Generation, die noch jüdische Lust in ihrer Jugend geatmet und nun noch etwas davon sich erretten und erhalten wollen, nein, ' ein Kongreß dcr jüdischen Jugend, die schon als verloren galt, als untergcgangcn, als gestrichen in unserer Bilanzlistd. . Italien! Welchen ..Klang hat dieser Name, nicht nur den ästhetischen Klang seiner ewigen Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Kunstwerke. nicht nur den künstlerischen Klang seiner schönheitsdurstigen Bewohner, nicht nur den romantischen Klang seiner paradiesischen Natur und seines azurblauen Himmels, nein, auch gut jüdischen Klang hat dieser Name; und Bilder jüdischer Größe zaubert er vor unser rückwärtsschaiirndes Auge. Tie scharfe Feder des sackrischen Emanuel Horaumi, die mhstericndurchdrungcnc Muse des. großen M o s e s C h a i m Luzzatti und den Feucrgeist des großen San:uel Tavid Luzzatti ruft uns dieser Name ins Gedächtnis zurück :::it vielen aiweren minder bedeutenden Geistern der Judenheit dieses Landes. Eines der Zentren der jüdischen Geschichte war dieses Italien einst gewesen, eine Hochburg jüdische,: Wissens, eine Zufluchtsstätte für unsere Verfolgten, eine Hauptstätte für die Betätigung jüdischen Handelsgcistes. Tie verschiedensten äußeren unb inneren Ursachen — es ist hier nicht dcr Ort, sie näher därznlegen —, haben cs erreicht, daß diese itasienische Judenheit im .letzten Jahrhundert immer mehr sich vom Judentum entfernt hat, bis> sic endlich in: großen Schadal (Sch. D. Luzzatti) gleichsam zum letzten Mal ihre jüdische Kraft konzentrierte, um dann ' fast ganz vom Schauplatz der jüdischen Geschichte zu verschwinden. Taufen und Mischehen griffen rapide um sich, und diejenigen, die noch dem Namen nach Juden blieben, waren es den: Sinne nach auch nicht mehr. Und so hielten wir denn schon oiese italienische Judenheit in chrer Masse für verloren, sie schied für unseren jüdischen Horizom fast gänzlich aus, und da -- da auf einmal dieser Kongreß. Allerdings, es tut uns weh, dies zu sagen, aber besser, die bittere Wahrheit cingestchen, als trügerische Illusionen sich vorzuspiegcln: eine E rneuerung der italienischen Judenheit erwarten wir auch von diesem Kongresse nicht, c r w a r t e n w i r überhaupt nicht mehr. Ter Assimüationsprozeß ist schon zu weit vorgeschritten, Heilung ist so gut wie nicht mehr möglich. Deswegen soll man Viesen Kongreß in seiner Bedeutung nicht überschätzen. Aber äußerst erfreulich bleibt es doch, einmal als Symptom des Ncgenerationsgeistcs, der sogar bis in die geistig entlegensten Teile des modernen Judcntums hineindringt; sodann aber, weil er, wenn auch nicht die italienische Judenheit so doch eine große Zahl italienischer Juden uns retten und erhalten kann. Und wie lehrten doch unsere Weisen: „Kol hamekajem nefesch achas brjisroel, keilu kijem aulom moleh!" (Wer eine Seele in Israel rettet, rettet gleichsam eine ganze Welt.) Es ist abzuwarten, welche reale Folgen dieser Kongreß haben wird; ob der begeisterte Wille, der viele seiner Teilnehmer beseelt hat, sich auch praktisch, durchzusctzen vermögen wird. Davon wird natürlich der positive Wert dicscs Kongresses abhängcm Mer wenn er auch Praktisch nicht allzurcichc Erfolge und Nachwirkungen haben soll, er bleibt dennoch ein höchst erfreuliches und bedeutsames Ereignis sowohl im Leben der italienischen Judenheit als auch in den: der allgemcinen. Er hat gezeigt, daß der neu erwachte Wille zur inneren Regeneration Unerwartetes, Ungeahntes erzielen kann. Hoffen wir, daß er noch mehr 'innerhalb dcr italienischen Judenheit erreichen wird. Schon Goethe hat es ausgesprochen: „Ter Wille eines ganzen Volkes ist wcke eine magische Kraft; ihn: ist nichts unerreichbar!" Brief aus Palästina. Ter erste Herb stiegen ist nicdergegangen, und damit haben Pflügen und Aussaat ihren Anfang gcnonunen. Temnächst wiro in Jerusalem mit dem Bai: einer elektrischen Straßenbahn begonnen. Tie Unternehmerin, eine französische Gesellschaft, bewirbt sich auch, um die Konzession zur Anlage eines Elektrizitäts- und Wasserwerkes. In der Nähe der deutschen Templerkolonie Sarona ist an eineytz Juden aus Pethach-Tikwah, der einen größerem Geldbetrag bei sich trug, ein Raubmoro verübt worden. Bon dem Täter :ehlt bis jetzt jede Spur. Ucbrigens lassen die Sicherheitsverhältnisse immer noch , zu wünschen übrig. So hatte die Kolonie Rischon-le-Zion in letzter Zeit verschiedentlich Diebstähle und Uebecfälte zu verzeichnen. Ter Gemcindevorstand von- Rischonlc-Zion sprach deshalb bei dem Kascha von Jerusalem vor; der Pascha, versprach, sofort die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Die Cholera in Haifa ist im Erlöschen. Bon 100 Erkrankungen fielen 15 auf Juden. Seit drei Monaten besitzt Haifa durch die Initiative Tr. Elias Au erb ach,'s ein jüdisches Krankenhaus mit 15 Betten. Die Leitung dieses Krankenhauses uniecsteht Fräulein AnnyBallo. Bon der erwachten hebräischen Sprache. In Krakau ist soeben die erste Nummer eines hebräischen Tageblattes, das den Namen „Bath-Kol" („Das Echo") trägt, erschienen. Tie neue Zeitung wird von Dr. Josef Seliger, dem Gründer und ehemaligen Leiter der Tachkemonischule in Jaffa, redigiert. Sie steht auf streng traditionellem und zugleich nationaljüdischem Standpunkt. Bon Max N o r d a u s „M ä r ch c n", die voriges Jahr bei Otto Hendel in Halle erschienen sind, ist eine hebräische Ausgabe aus der Feder Tavid Frischmanns herausgekommen. Ebenso ist Hermann Stracks „Einleitung in den Talmud" ins Hebräische übertragen worden. Das Werk erscheint im Berlage der Zeitung „Hasman" in Wilna. Prof. Sombart über: „Tie Zukunft der Juden." Berlin, 14. November. Das Buch Tombarts „Tie Juden uni» das Wirtschaftsleben" hat dem Verfasser viele Anfragen darüber eingetragen, was :::::: sür praktische Folgerungen aus de:: Feststellungen seines Werkes zu ziehen seien. Diese Anfragen haben Sombart veranlaßt, sich eingehend mit dem.Judenproblein zu befassen, und die Ergebnisse seiner Untersuchungen will er nunmehd in zwei Vorträgei: über „die Zukunft der Indes:" der Oeffeutlichkeit mrterbrciten. Der erste dieser Vorträge hat am vergangenen Montag stattgesunden und beschäftigte sich mit den gegenwärtigen Verhältnissen der Juden und mit der Entwickelungstendenz dieser.Verhältnisse. Ter zweite Vortrag soll die Bewertung des Zustandes und . praktische Vorschläge bringen. Eine kritisch: Würdigung der Ausführungen So:nbarts mutz also noch bis nach dein zweiten Vortrag aufgeschobei: werden, heute sei nur dcr Gcdankengang des ersten Vortrages skizziert. Sombart führt ungefähr Folgendes ans: Es gibt nach den neuesten Statistiken ungefähr 11 Millionen Juden, die sich nach ihrer sozialen und kulturellen Lage in 3 Gruppen teilen lassen, nämlich in östliche (ca. 7»/®' Millionen), westliche (ca. Ii/. Millionen) und amerikanische Juden (ca. 2 Millionen).' ' Unter den w c st l i ch c n Juden sind nach ihrer Stellung zumJüdentnum sämtliche Schattierungen von den „nicht mehr völlig Orthodoxen" jbis zu den extremsten Freigeister,: vertreten. Die soziale Lage der westlichen Juden hat sich,'in den letzten 100 Jahren in beispielloser Weise gehoben. Sie sind politisch gleichberechtigt, beherrschen das Wirtschaftsleben — wenngleich sie auf diesem Gebiete den Kulminationspunkt'schon überschritten zu habe:: scheinen —> haben auf allen Gebieten der geistigen Betätigung eine einflußreiche Stellung!, und' auf höheren Schulen und Universitäten übersteigt ihre Zahl den allgemeinen Durchschnitt um das I bis 4fache. In die Gesellschaft gelangen die Juden meistens schon in der zweiten oder dritten Generation, während dies bei Otichtjuden erst in der vierten bis fünfte» Generation der Fäll ist. Aus diesem Umstande erklären wir auch die Eigenschaften, die man gewöhnlich als jüdische bezeichnet, die aber nichts weiter als Parvenueigensch asten sind. — Ein ganz entgegengesetztes Bild zeigt die Lage der in ihrer Masse noch orthodoxen östliche »Juden Diese sind politisch entrechtet, stehen auf einer wirtschaftlich niedrigen Stufe imd sind auf Zufallserwerv angewiesen. Ihr Einkommen ist minimal) und ihre Lage wird immer irnertÄglicher. In-Odessa müssen