Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-11-17 · Heft 45 (17.11.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 45 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692761--06554-2701569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gitan&fntUt Jfrnflitifdirs finilinlilatt. nnd chefch-fr-sterre: Sranltturt s. M.. Lttrrs-vstVrrK» 7 Hekeso« 10507. Hevansgever: Kaly Geis. 9. Jahrgang. Freitag, de« 26. 6Il686lnvnn 5672 (17. November 1911) Nr. 4L. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Poft abonniert im In» und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— JnsertionSpreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Rellamezeile.100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. 9t unter No. 4864. Inhalt des HanptblatteS. Artikel: Das Marokkoabkommen und die Juden. ■— Aus den Ereignissen des Tages: 1. Die Sitzung des Aktions-Komitees; 2. Der Kongreß der jüd. Jugend Italiens. — Brief aus Palästina. — Von der erwachten hebräischen Sprache. — Professor Sombart über: .,Die Zukunft der Juden/'— Sitzung des zionist. großen Aktionskomitees. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein Opfer deS „Fortschritts" — Wochen-Kal ende r. —Familiennachrichten. Das Marokkoabkommen nnd die Juden. Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich betreffend Marokko sind beendet; die beiden Mächte haben sich geeinigt, und der Friede, der. so lange bedroht war, ist gesichert. Es ist nicht hier der Ort, die allgemeine politische Bedeutung dieses Abkommens zu behandeln; vielmehr' soll es nur auf seine besondere Bedeutung, für uns Juden hin kurz betrachtet werden. F.ür uns Juden hin? Hat das Marokkoabkommen, ein Ereignis internationaler Politik, für uns Juden spezielle Bedeutung? Auf den ersten Blick scheinbar nicht, näher betrachtet wohl, sogar eine recht beträchtliche. Diese Bedeutung ist; zweifacher Natur: einmal allgemein-kultureller und sodann politischer Natur. Vom allgemein-kulturellen Standpunkt aus müssen wir! Juden diese Sicherstellung des Friedens und die Förderung der Friedensidee, die der Marokkovertrag! enthält, auf das lebhafteste begrüßen. Denn kein Volk hat mehr Ursache und mehr Recht, sich über einen allgenleinen Kulturfortschritt zu ftcuen, wie das jüdische. Wir Meinen hier keineswegs die „Mission" des jüdischen Volkes, die ihm dazu das Recht gibt; die Mission im Sinne des Assimilationsjudentums. Wohl aber sind auch wir der Ansicht, daß die jahrtausendelange ethische Züchtung das jüdische Volk mehr als alle anderen befähigt und berechtigt, jeden sittlichen und kulturellen Fortschritt mit der größten Genugtuung und Freude zu begrüßen. Aller kultureller Fortschritt Europas bewegt sich in der Bahn, die Judäa ihm gewiesen, darum berechtigt jeder Fortschritt uns Juden zu besonderer Freude und zu besonderem Stolze. Neben diesen ethischen Motiven, die wir doch ja nicht unterschätzen oder gar übersehen sollen, ist es auch für uns p r a k t i sch von Bedeutung, daß der Friede erhalten geblieben ist. Tenn es ist eine Tatsache, die zu oft wahrgenommen worden ist, als daß sie noch, eines Beweises bedürfte, daß niemand unter einer Störung des normalen Lebensgangcs in Europa überhaupt, des Friedens im besonderen mehr leidet als wir Juden. Für jede Erregung im europäischen Volksleben sind wir Juden stets die bequemsten und willkommensten Blitzableiter. Und die perfiden Verleumdungen und Besudelungen der Juden seitens der liberalen italienischen Regierung und Presse jetzt im Tripoliskriegesintznur eine neue. schlagende Bestätigung dieser Tatsache. So können wir auch vom praktisch-materiellen Standpunkt das Marokkoabkommen nur begrüßen. Ter zweite leitende Gesichtspunkt ist aber rein politischer Natur. Die große historische Bedeutung des Marokkoabkommens beruht ja darin, daß es den Beginn einer neuen Konstellation nnd einer neuen Epoche im politischen Leben Europas bilden kann. Durch den Gegensatz zu Deutschland loar Frankreich zu dem Anschluß an England und — und dies ist fiir uns -Juden das Bedeutsamere — Rußland gedrängt worden. Und dieses Bündnis mit Frankreich einerseits, diese sreundschaftlichen Beziehungen mit England andererseits waren mit eine der vornchnisten Ursachen dafür, daß Rußland inr Innern seine brutale Bergewaltigungspolitik überhaupt und seine unerhörte Drangsalierung der Judenhcit im besonderen ungestört durchführen konnre. Es war vor dem Proteste der öffentlichen Meinung der befreundeten Westmächte sicher, nicht nur dies, es konnte bei allem auf ihre Unterstützung rechnen. Jetzt kann und — soll der Marokkovertrag die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen — wird es anders werden. Nun, da der -Streitpunkt zwischen Deutschland und Frankreich aus der Welt geschafft ist, ist eine Verständigung dieser beiden Großmächte,-mit der Zeit selbst ein gegenseitiger Anschluß möglich und wahrscheinlich. Tics war ja auch das Leitmotiv der Erklärungen des Reichskanzlers im Reichstag: Wir wollen unsere Beziehungen zu Frankreich bessern. Kaum aber liegt einer Annährung Frankreichs und Deutschlands nichts niehr im Wege, dann bedarf Frankreich nicht mehr so sehr der Freundschaft Rußlands und kann ihm gegenüber ungezwungener auftreten. England aber tvird dann wohl oder übel mitmüssen. Daß dies für die inneren Verhältnisse Rußlands nicht ohne Folgen sein tvird, ist klar; daß diese Folgen nur günstige sein werden, ist auch klar; daß sie uns Juden auch Erleichterung bringen können, folgt dann daraus von selbst. So können tvir Juden auch voni rein politischen Standpunkt sowie vom Standpunkt des Interesses der russischen Jüdcnheit das Marokkoabkommen und die Blenderungen in der europäischen Politik, die es anbahnt, nur freudig begrüßen. Selbstverständlich tverdcn diese Aenderungen nicht von heute auf morgen cintreten; aber mit der Zeit werden sie kommen. Solche Ereignisse >vie das Marokkoabkommen sind auch nicht von nur täglicher sondern vor allem von historischer Bedeutung. Erst wenn sich die wichtigen Folgen des Vertrages deutlich fühlbar machen tverdcn, tvird sich auch >eine günstige Bedeutung ftlr uns Juden zeigen. Aus der Erkenntnis dieser späteren Bedeutung heraus begrüßen wir schon heute dieses Abkommen. Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Die Sitzung des Aktions-Komitees. Vom 4.—7. November hat in Berlin, dem Sitze der neuen Leitung, das Große Aktions- Komitee der Zionistischen Organisation getagt. Ter 10. Kongreß, der in so vielen Beziehungen ein epochales Ereignis in der Geschichte der zionistischen Bewegung bildet, hat auch für die Zusammensetzung dieser leitenden Körperschaft der Bewegung einschneidende Aendcrungen und Neuerungen gebracht. Das Aktions-Komitee, das bisher eine Vertretung der verschiedenen Landsmannschaften und Föderationen gewesen war, wurde zu einer wirklich arbeitsfähigen Zentralleitung der Organisation umgestaltet, die über alle wichtigen Fragen beraten uno bestimmen soll. Bisher bestand es aus 65 Personen, von denen ein beträchtlicher Teil von vornherein nicht zu den Sitzungen kommen konnte; der Kongreß beschloß, diese Zahl auf 30 — die Mitglieder des E. A. C. miteinbegriffen — zu reduzieren, die ohne Rücksicht auf die Landsmannschaften, denen sie angehören, nur auf Grund ihrer Befähigung fiir die Funktionen, die ihnen obliegen, gewählt wurden. Tie Hoffnungen, die auf diese Neuordnung gesetzt wurden, hat auch die erste Sitzung des A.-K. gerechtfertigt, von den 25 Mitgliedern waren 22 erschienen, die 3 anderen waren durch zwingende Gründe am Erscheinen verhindert. Es war eine reiche Tagesordnung, über die das A.-K. zu beraten hatte. Vor allem war die schwierige politische Lage der Türkei auf ihre Bedeutung fiir den Zionismus hin zu prüfen. Tie B e s ch l ü s s e, die da gefaßt wurden, sind nicht bekannt, aber! man darf annehmen, daß sie im wesentlichen an den bisherigen Prinzipien .und Zielen der zionistischen Politik festhaltcn, ,die vor allem darin besteht, die Türkei über die wahren Absichten des Zionismus aufzuklären; denn es genügt, die Türkei über sie auszuklären, um sie für diese Ziele zu gewinnen. Tie P a l ä st i n a a r b c i t ivurde gründlich erörtert, und die Beschlüsse und Anträge, die da gefaßt wurden, sind als recht glücklich zu bezeichnen. Der Gedanke von Kooperation aller zionistischen Palästinagesellschaften kann nur gebilligt und begrüßt werden; ebenso erfreulich ist cs, daß das E. A. C. endlich einmal daran gehen will, die nötigen Maßregeln zur Schaffung eines Institutes für A g r a r - K r e d i t zu treffen, wobei natürlich eine gründliche Prüfung der Sachlage zu forücrn und vorauszusetzen ist. Von besonderer Wichtigkeit ist der Einigung s b e s ch l u ß mit dcni M i s r a ch i; wichtig aus zwei Gründen: einmal stellt er den endgültigen Frieden in der Bewegung her, ferner aber — und dies ist vielleicht noch bedeutsamer — Ividcrlegt er aufs 'nachdrücklichste die verleumderische Mär, oaß der Zionismus überhaupt und der nach dem 10. Kongreß insbesondere t/radztionsfcindlich sei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.