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Neue jüdische Presse · 1911-11-10 · Heft 44 (10.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 44 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Nr. 44. erkannt, hat Mauthner für die Anerkennung Anzengrubers gestritten, ist ein Daniel Sanders für die Reinheit der deutschen Sprache eingetrcten. Juden waren es, die Richard Wagner gestützt und zur Anerkennung geholfen haben. Bernahs war es, der zuerst den Gedanken einer Goethegesellschaft als nationale Pflicht erkannte, und Bielschowsky hat uns die wertvollste und auch am meisten gelesene Biographie Goethes geschenkt. Aus alledem ergibt sich, daß Deutschtum und Judentum sich nicht wieetwas Fremdes gegenuberstcheii, daß die deutschen Juden und ihre nichtjüdischen Mitbürger in allen großen Bildungsepochen in innigster geistiger Wechselwirkung miteinander gestanden haben. Nicht durch Zufall, sondern dem Geist, dem Wesen, dem Schicksal nach sind die deutschen Juden Deutsche. Wahlen, die Annahme einer Resolution gegen die Schmälerung der Gleichberechtigung uno ein Festbankett schlossen die imposant verlaufene Tagung. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Am lg. dss. Mts. eröffnet die Suppenanstalt für israclit. Arme (Theobaldstraßc 5) wieder ihren vollen Betrieb. Die Verwaltung hat Sorge getragen, daß die Armen die diesjährige Teuerung nicht zu sehr empfinden, sie wird daher außer dein täglichen kräftigen Mittagstisch nach Bcdürsnis auch an arme Familien Biktualien verabfolgen. Die Verwaltung hofft, daß sic durch ihre Glaubensgenossen in den Stand gesetzt werden wird, ihr Hilfswerk vollständig ausführen zu können. Frankfurt a. M. Anläßlich der Kuratorensitzung der Israelit. Erziehungsanstalt A h l e m findet in der Frankfurt-Loge eine Ausstellung statt, die Erzeugnisse der Anstalt und Arbeiten ihrer Schülerwerkstätten bringt. Die Ausstellung ist vom 12. bis 16. Novbr. (10—1 Und 3—6 Uhr) geöffnet. Eintritt frei. Berit«. Am 6. November hat seitens der deutschen Mitglieder der Alliance Jsraelite Universelle ein Alliancetag stattgefundc», der von über 400 Mitgliedern aus allen Teilen Deutschlands beschickt worden war. Zur Beratung stand der in Paris von 44 Zentral- Komitee-Mitgliedcrn eingebrachtc Antrag auf Abschaffung der allgemeinen Wahlen, an deren Stelle der Atodus der Kooptation gesetzt werden soll. Nach längerer lebhafter Debatte wurde mit allen gegen eine Stimme die n achste h ende Resolution angenommen: „Der am 6. November 1911 in Berlin versammelte Alliancetag erklärt hiermit seinen sch ärfste n P r o t e st gegen den Versuch, oas allgemeine Wahlrecht zu beseitigen und an seine Stelle die Kooptation zu setzen. Die deutsche» Mitglieder der Alliance Jsraelite Universelle verlangen behufs Sicherung eines wirksamen Einflusses ans die Leitung der Geschäfte die Vornahme entsprechender Maßnahmen. Der Alliancetag erhebt warnend seine Stimme gegen das Vorgehen von Paris, das eine Vernichtung des GedankensdcrAlliaiiceJsraeliteUniverscllcbedeutct und eine Vernichtung der Alliance in Deutschland bedeuten kan n." Berlin. Sonntag fand hier eine Tagung des deutschen Verbandes jüd. Krankenpflegerinnen vereine statt. Louis Sachs führte den Vorsitz. An de» Debatten beteiligten sich u. a. Stadtrat K i r ch - Heim-Frankfurt, Eduard Sachs, Geheimrat Wollstein-Breslau, Dr. Auerbach-Köln und Dr. S i in o n Ntünchen. lieber den wichtigsten Punkt der Beratung — Pensionierung der Schwestern — wurde kein definitives Resultat erzielt Berlin. Das Zionistische Zentralburcau teilt der „N. I. - St.“ mit: Die von der „Ageuzia Stcfani" gebrachte Mitteilung, daß der G r o ß - rabbiner von Tripolis nach Rom telegraphiert habe, er begrüße die Okkupation durch, die Italiener, beruht auf freier Erfindung. Nach absolut zuverlässigen Informationen hat der Großrabbiner der Türkei erklärt, daß die Meldung schon deshalb völlig unzutreffend sei, weil es weder in Tripolis noch in Benghasi einen Großrabbiner gibt. Diese Posten sind seit langer Zeit unbesetzt. Es fanden jn der letzten Zeit Verhandlungen zwischen den jüdischen Gemeinden dieser. beiden Städte'und dem Großrabbinat über die Besetzung beider Rabbinate statt. Aber diese Verhandlungen haben noch kein Ergebnis gezeitigt. Wenn es wahr ist, daß der Präsident der jüdischen Gemeinde, in Rom ein derartiges Telegramm erhalten hat, .wie die. „Agenzia Stefani" behauptet, so kann es sich nur um das Werk eines Fälschers handeln. Breslau. Durch den Tod der Frau Oestreicher ist die von ihrem 1.901 verstorbenen Gatten Julius Oestreicher, dem Begründer der chemischen Firma Gebr. Oestreicher, hinterlassenc letztwillige Verfügung ausführbar geworden. Danach erhält die jüdische Gemeinde 1% Million Mark zur Errichtung eines Waisenhauses, das den. Namen „Julius und Paul Ocstrcicher- Stistung" Aufträgen hat. Oesterreich-Ungarn Lemberg. Aus dem Dorfe Rudy bei Sendsischow wird ein R a u b m o r d v c r s u ch gemeldet. Ein altes Ehepaar namens Hunter wurde in seiner Wohnung von Banditen überfallen und schwer verletzt. Den Mordbuben fielen nur 12 Kronen, das ganze Barverniögcn der alten Leute, in die Hand. Lemberg. Der von derOrganisationfür hebräische Sprache und Kultur und vom Hebräischen Schulverbaud in Galizien veranstaltete Hebräer tag findet hier am 19. und 20. d. M. mit folgender Tagesordnung statt: Begrüßung (Dr. Philipp Korngrün), — Die hebräische Kultur in Galizien und der .Bukowina in den letzten Jahrzehnten (Referent: Dr. Osias Thon-Krakau). — Organisation der Hebräer Galiziens und der. Bukowina (Referent: Dr. Israel Rath). — Die hebräische Volkscrziehung (Referent: Dr. C h. Tartakower). — Der heutige Stand der hebräischen Schulen (Referent: Dr. David K l i n g h o f e r). — Die Existciizsicherung der hebräischen Schulen (Referent: .Dr. Moses Feuermann). — Die hebräischen Kindergärten und das Lehrerseminar (Referent: Raphael S o f f e r m a n n). — Rechenschaftsbericht des hebräischen Schulvereins (Referent: Dr. Chilipp Korn grün). — Debatte, Anträge, Interpellationen, Wahlen. Am 20. November wird eine große Volksversammlung veranstaltet, zu der Dr. Schemarjahn L e w i n und Kurt Blumensald-Berlin als Redner angemeldet sind. Sauok «Galizien). Am 26 Oktober ereignete sich am Gericht der folgende empörende Vorfall. In einer Forderungssachc trat ein Bauer als Kläger gegen einen Juden auf. Der Richter Dobuszynski loandte sich nun an den Kläger mit jdcr Frage, weshalb er denn dem Juden kreditiert habe; ein Jude verdiene doch kein Bertraucn. Der jüdische Advokad Dr. Spiegel wies diese Aeußerung entrüstet zurück, worauf ihn der Richter aufforderic, den Saat zu verlasse». Als sich Dr. Spiegel weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten, ließ ihn der judenfeindliche Richter durch einen Gerichtsdiener gewaltsam ans dem Saal weisen. Dieses unerhörte Vorgehen rief ein Protest seitens der anwesenden christlichen Advokaten hervor, die auch beim Gerichtspräsidenten hierüber Beschwerde führten. Der Präsident ordnete hierauf die Unterbrechung der Verhandlung und die sofortige Versetzung des Richters in eine andere Abteilung an. Zum Zeichen des Protestes und der Solidarität mit ihrem jüdischen Kollegen weigern sich jetzt solovhl die jüdischen wie die christlichen Advokaten, Verteidigungen bei Verhandlungen, die der obengenannte Richter leitet, anznnchmen. Rußland. Petersburg. Die Frage, die uns alle am meisten interessiert, ist noch immer von einein dichten Nebel der Ungetvißheit umhüllt; die Frage: Wie wird die neue Regierung sein? Kokowzow schweigt, die anderen Minister desgleichen. Nur die Presse spricht allerlei Vermietungen aus. Die reaktionäre Presse, auch das gewesene Lciborgan Stolhpins, „Nowvje Wreiuja", sind Kokowzow feindlich gesinnt. Sie sehen in seiner Ernennung eine Wendung nach links. Und die Beweise? Die Verhinderung des Kiewer Pogroms, die Allerkennung der portugiesischen Republik, usw. Aber auch die progressive Presse spricht verschiedene Hoffnungen aus: sie meint, Kokowzow werde zunr Zentrum seiner Politik die finanzielle und ökonomische Entwicklung Rußlands machen, während bei Stolhpins Politik die Förderung des „zoologischen Nationalismus" das Zentrum war. Kokowzow soll gesagt haben: Genug der Hetze gegen die Zremdvölker, xndlich ist es Zeit zur Friedensstiftung. Mer all dies sind nur mlbewiesene oder schlecht bewiesene Annahmen und Vermutungen. Jedenfalls weiß man nichts sicheres, und es lassen sich für jede Ansicht Hinweise geben. Die Ernennung Makarows zum Minister des Innern ist kein erfreuliches Symptom, dagegen die Abdankungen der Vizeminister .des Innern Kryschanvwski und Kurlow ivohl. Kryschanowsky war einer der glühendsten Verehrer Stolhpins und einer der eifrigsten Arbeiter lauf dem Gebiete der Jüdenbedrückung. Kurlow geht weg, weil er pls Ehef der Polizei der schlechten Organisation derselben angellagt wird, wodurch die Ermordung Stolhpins im Theater ermöglicht wurde. Als Gouverneur von Minsk hatte Kurlow im Jahre 1905 dort einen Judenpogrom inszeniert. Wegen ungesetzlichen Handelns, das vielen Juden das Leben gekostet hatte, wurde er damals zur Ernennung zum Vizeminister verurteilt. L- K. Palästina. Jaffa. Das Svitzenklöppelei-Atelierbes Verbandes jüd. Frauen für Kulturarbeit inPalästina (mit dem Sitz in Berlin) wird jetzt von mehr als vierzig Mädchen besucht, die gleichzeitig Unterricht in der hebräischen Sprache, im Turnen und in der Naturkunde erhalten. Die Erfolge in her Spitzenklöppelci können als sehr bedeutend bezeichnet werden, denn selbst hochstehende Persönlichkeiten, wie die Großherzogin von Baden, haben die dort angefertigten Spitzen angetanst, und der Frauenklub in Berlin hat in einer jetzt von ihnc veranstaltenden Ausstellung von Frauenarbeiten in Palästina eine reichhaltige Kollektion der Spitzen weitesten Kreisen zngeführt. Ermutigt durch diese Erfolge hat der Verband noch weitere Ateliers in Jerusalem, Tiberias w!nd der Kolonie Ekron errichtet. Das Atelier in Jerusalem, das unter Leitung einer geborenen Hamburgerin, Frau Meyer-Lübke, steht, ist von einer reichen aics Moskau stainmenden Dame mit bedeutenden Mitteln ausgestattet worden. Auch dem Sanitätswesen hat der Verband seine Tätigkeit zugewandt. Mit Hilfe von in Europa ausgebildetcn Krankenschwestern ist es ihm gelungen, in Jaffa das dort bestehende jüdische Hospital bedeutend zu verbessern. Weiter will der Verband der Waisenpflege in Palästina seine Aufmerksamkeit zuwenden. Der Verband plant ferner die Errichtung einer H ausha ttungs schule, verbunden mit einer L a n d w i r t s ch a f t s s ch n l e. Eine Landwirtschaftsschule ist bereits am Diberiassee mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds ins Leben gerufen worben, und wenn der Versuch gelingt, soll das jüdische Waisenhaus von Jerusalem nach Rechoboth verlegt werden, wogegen die Haushaltnngsschnle für Jaffa geplant ist. G Mii 0 Ei« Opfer des „Fortschritts." Eine galizische Geschichte von S. H o r o w i tz. I. . ,,.... Und ich sage Dir, Louise, unser Robert muß ein großer Mann werden. Nicht umsonst häbci ich ihn studieren lassen und ihm einen französischen Mentor gehalten. Er ist ein feiner Salonherr, tanzt so — wir heißt es doch gleich? — graziös, daß die Mädel ganz in ihn vernarrt sind und macht überall — wie heißt es doch, gleich? — Furie •— ach nein, Furore. Wso was ich sagen Ivollte: der studierte Robert falitn doch! nicht mit diesen Leuten verkehrten, das wirst Du auch einsehen, Lea — will sagen Luise —, denn dann wäre inein schönes Geld nur zum Fenster hiiiausgewbrfen. Also, wie gesagt, Robert kann sich! mit den Pascheles nicht abgcben. trotzdem sie unsere, eigentlich Deine Verwandten sind. Dazu ist er zu fein, zu njobel, und Du tätest auch gut daran. Dich allmählich von den Leuten zurückzuzieheü, denn daß ich es Dir nur sage, die altfränkische Familie geniert mich. Schon unserem Sohne zu Liebe müssen Wir uns in höheren Sche ... ja, Sphären bewhgen und unsere alte Gasse vcrgesseir. Heutigen Tages ist es hie Hauptsache, dem Fortschritte zu huldigen; deshalb muß man mit der Vergangenheit brechen. Heute gelten nur moderne Leute, die nichts auf die alten Ammenmärchen geben." Und als Luise nichts erwiderte, fuhr er fort: „SieW Du, ich' tMß den Fortschritt zu würdigen und bringe i'hin sogar Geldopfer. Habe ich doch meine altväterlichen Kleidungsstücke um einen Spottpreis verkauft, mir eine neue deutsche Garderobe anfertigen lassen, neue moderne Möbel bestellt, ja sogar ans zthei Zeitungen abonniert, obwohl ich wie Du weißt, kein großer Freund vom Lesen bin. Mer dafür muß jeder sagen: Das Haus des Herrn Philipp Nägelfein ist gebildet, in seinen Räumen weht der Geist des Jahrhunderts. — Also was ich sagen wollte: Ich, habe mir so viel Kosten gemacht, in» nur mich und meine Umgebung zu modernisieren, daß - Du schon mir * zu Gefallen die Pascheles fallen lassen mußt. Und noch eins, liebe Frau! SieW Du, wir habere es so weit gebracht, daß feine christliche junge Herren unserre Robert besuchjen; da mußt Du schon erlauben. Dir zu sagen,, daß Deine jüdische Perrücke ihm ein Dorn ine Auge ist. Er hot wahrlich recht! Was für einen Begriff können solche Käbaliere von unserer Bildung haben, wenn Du in Deiner Toilette um ein halbes Jahrhundert zurück bist und in einem Kostüm einhergehst, über welches sie sich nur lustig mache» müsse,r. . Als», weg wit der Perrücke, weg mit

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