Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 44 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. SK 44. Jtlden, sei iheilte von jener rohen antisemitischen Bewegung kaum noch' etwas zu spüren. Innerhalb der Berliner Bürgerschaft wisse mail seit langem den Anteil, der Jtiüeu an .allen großen Bestrebungeu künstlerischer, wissenschaftlicher und 'humanitärer Art zu schätzen, lind manch einer der christlichen Bürger schätze in seinen jüdischen Freunden die feinste Blüte edler Menschlichkeit. Er wünsche, daß der Verband sein Ziel, eine ganz verwirklichte Gleichberechtigung, erreiche. . Stadtverordnetenvorstcher M i ch e l e t entbot de» Gruß der Stadtverordneten. Die Stadt Berlinschulde den Juden Dank nicht nur für ihre lebhafte Mitarbeit auf allen Gebieten kommunaler Praxis, sondern. auch für viele hochherzische Stiftungen, die lvcrtvolte soziale Hilfsdienste ermöglichten; sie habe diese Verdienste auch stets anerkannt und ohne irgendtvclche konfessionellen Vorurteile den Juden in der Stadtverordnetenversammlung wie im Magistrat eine ganze Zahl von Plätzen eiugeränmt. Justizrat Breslauer begrüßt namens der jüdischen Gemeinde Berlin. Er sprach von dem hohen Wert, den der Verband für alle jüdischen Gemeinden haben müßte, da er die politischen Interessen ihrer Mitglieder nach außen einheitlich vertrete und nach innen ein geräumiges Dach darstelle, unter dem sich Vertreter aller Richtungen, von den Konservativsten bis zu den 'Liberalsten, zu gcmeinsainer Arbeit zusannnenfindcu können. Der Vorsitzende dankte den Rednern und ging dann dazu über, de» Geschäftsbericht zu erstatten. Nach den Personalien schilderte er die Tätigkeit der Kommissionen. Besonders die Korrespondenzkommission habe sich durch. Vorbereitung einer im Erscheinen begriffenen Denkschrift über die Zurücksetzung der .Inden an den deutschen Universitäten betätigt; und die apologetische Kommission habe durch Herausgabe etlicher Korrespondenzblätter, durch Vorarbeiten für ein großes ja Polo ge tisch es Werk und' für die Begründung eines apolo getischen Archivs wesentliche Arbeit geleistet. Was nun die Tätigkeit des Hauptausschusses augeht, so hob der Vorsitzende besonders die Tätigkeit hervor, die in der Schacht frage und in der Mil i tär aug ele g enhe it entfaltet wurde. Die ersteren Bemühinigen führten bekanntlich im Reichstag zu dem Antrag des Abgeordneten Gröber, der die Aufnahine folgenden Satzes in die Reichs- Strafgesetznovelle bezweckt: „Landesrechtliche Bestimmungen, welche in die rituellen Vorschriften einer Religionsgcsellschast über das Schächten von Tieren eingreifen, sind unzulässig." Eine Entscheidung 'ist noch nicht gefallen, da die Regierung sich zwar inhaltlich zur Anschauung des Antrags bekennt, aber formal juristische Bedenken gegen seine Fassung erhebt. Betreffs der Zurücksetzung der Juden im Heeresdienst führten die Schritte des Verbandes zu jener Sitzung des Reichstages, in der der preußische Kriegsminister zugeben mußte, daß die von den Vertretern aller Parteien einmütig gerügte Ausschließung der Juden von Offiziers- und Reservevffiziersstellen in der Tat auf bewußte oder unbewußte antisemitischen Regungen zurückzuführen sei, und daß er diese Tatsache mißbillige. Des tveiteren streifte der Vorsitzende die Schritte, die der Verband betreffs des Ausgleichs von Sonntagsruhe uüd Sabbatheilh.gung, betreffs der Schöffen- und Geschworenenfrage sowie bezüglich der leidigen Paßerteilung für deutsche Juden, die nach Rußland reis e n, getan hat und erwähnte zum Schlüsse die in letzter Zeit gepflogenen Beratungen, die da beabsichtigen, die Organisation des Verbandes auf eine breitere demokratische Grundlage zu stellen. * Nach dem Bericht begannen die Vorträge. Dr. Baeck, Rabbiner in Düsseldorf („D a s Judentum unter den Religionen"): Die Stellung des Judentums unter den Religionen wird, seit Mtem dadurch bestimmt, daß seine Besenner eine Minorität sind. Wir zählen heute etwa 10 Millionen unter den 1600 Millionen Menschen auf Erden. Wir haben darum nie das befriedigte Wahrheitsbewußtsein gehabt, welches die Macht gibt, sondern haben immer den Kampf der geistigen Selbstbehauptung geführt, den Kampf um das Recht jedes Menschen,..seinen Glauben haben zu dürfen. Unsere Geschichte hat uns so schon die Toleranz gelehrt, die Toleranz in dem höchsten Sinne, daß wir in das Wesen der anderen Religionen einzudringen suchen, ihre Eigenheit zu erkennen und anzuerkennen bereit sind. Zu dieser Toleranz gehört es aber auch, daß wir uns nicht verstecken, sondern offen und ohne Scheu jedem, der es hören will, sagen, wie wir sind.. Wir sind Zunächst u n o r t h o d o x. Es ist dein Judentum eigentümlich, daß es keine fertigen und endgültigen'Antworten aus die Fragen von Welt und Leben geben Ivill. Es stellt keine dogmatischen Sätze auf und inacht kein System aus der Religion. Es gebietet vielmehr das stete Forschen und Strebe», es fordert den Respekt vor den unendlichen Ausgaben, die den Menschen gestellt sind. Damit ist der Wissenschaft wie dem Fortschritt ihr volles Frankfurter Israelitisches FamMenblaÜ. Recht 'gegeben, die Religion auf den Gewissensernst gegründet. Wir sind ferner nicht-kirchlich. Das Judentuni macht jedein Einzelnen, mit dem vollen Recht und der vollen Pflicht, zum Träger der Religion. Wir haben nie eine Kirche gebildet» welche Trägerin des Glaubens ist und die Unterordnung des Einzelnen unter ihren Glauben fordert. Wir sind schließlich unkonfessionell. Das Judentum stellt nicht die Glaubensforin als das Wesentliche hin; es erklärt vielmehr, daß es nicht nur einen Weg gibt, um Gott zu suchen, daß es also Frömmigkeit überall gibt. Das Judentum betont dafür umsomehr das Tun und Handeln des Menschen und damit das Soziale und das Humane, das, was alle Menschen verbindet. Das Gefühl der Gemeinsamkeit, des Strebens zu gleichen Zielen, in dem alle sich zusanunenfindeu sollen, wird vorangestellr. Danrit ist gesagt, daß wir keine Sondertümelci treiben. Wohl vertreten wir unsere Sache, aber wir sind überzeugt, daß wir in unserer Sache ein allgemein Menschliches vertreten, daß nur die Menschheitszukunft unsere Zukunft sein kann. Dr. Cohn, Landtagsabgeordneter in Dessau („Der Staat und die Juden"): Die Frage der Judenvolitik läßt sich nur im Rahmen der deutschen Gesamtpolitik betrachten. Judenpolitik — gesetzlich verboten — treibt eine Regierung, wenn sie — wie dies zum Beispiel ini größten deutschen Staate, in Preußen, der Fall ist — dem jüdischen Kultus und den einzelnen Juden die Gleichberechtigung schmälert. Sie bekämvft damit die Religion; denn getaufte Juden stellt sie den Christen gleich. Wir lehnen die Taufe ab: wir sind stolz auf die Ethik des Judentums und bekäinpfen die Täuflinge sowohl als Inden — weil ohne sie die Judenpolitik des Staates lange nicht mehr durchführbar Iväre —, wie auch besonders als Deutsche, weil in Deutschland die Unaufrichtigkeit nicht noch öffentlich belohnt werden soll —. Wir sind Deutsche: wir sind nicht „international", nicht „Gäste beim Wirtsvolk". Gegenüber übertriebenen Rassebegriffen betonen wir, daß wir seit einem Jahrtausend in Deutschland bodenständig sind, daß wir den deutschen Nationalstaat mitgeschaffen haben, daß wir in deutscher Kultur völlig aufgegangeu sind. Staat, Kultur und Gesittung sind in Deutschland nicht christlich, sondern deutsch. Die Leistungen der deutschen Juden aus wirtschaftlichem und geistigem Gebiete bilden einen wertvollen 'Bestandteil der deutschen Kultur. Daß weitblickende Staatsmänner dennoch die Gleichberechtigung der deutschen Juden werden schmälern wollen, wird inan nicht annehmen können. Wenn das trotzdem geschieht, so ist das nur verständlich aus der" eigenen Whängigkeit der regierenden von mideren Faktoren, welche, um veraltete Standesrechte zu retten und aus Kosten der Allgemeinheit unberechtigte Vorteile zu gewinnen, den A n t i s e m i t i s m u s wieder aewcckt haben und beharrlich lffleaen. Die Juden sind von Laus aus nach ihrer Beteiligung an Bilduna und Besitz konservativ gerichtet. In Amerika und England, den Staaten, in denen die Politische Gleichberechtigung in die Tat umgesetzt ist, zählen sie vielfach zu den Stützen der Konservativen. 1000jähriger Druck hat aber in ihnen ein unbezwingbares Gerechtigkeitsgefühl erweckt, welches sich gegen Vorrechte auf Kosten der Gesamtheit wendet. Dazu kommt, daß die Juden fleißig und intelligent sind. Weil sie daher die Gegnerschaft unbequem finden, sind die konservative Partei als solche und der Bund der Landwirte die Förderer des politischen Antisemitismus. Der moderne Antisemitismus ist künstlich in das Volk hineingetragen; bas Volk ist nicht antisemitisch. Die Waffen gegen den Antisemitismus -sind Aufklärung des Volkes und Front-Angriff auf das gegen die Juden herrschende Syste m. Der Angriff muß in Einmütigkeit,- in selbstverständliche Unterordnung unter das von den deutschen Juden geschaffene Organ, ihren Verband, geschehen. Man muß den Regierenden Vorhalten, daß sie durch Ungesetzlichkeit ihre Pflicht verletzen, durch Beiseiteschieben der. Juden das Bolksgauze schädigen. Man muß im politischen Kampfe das gegen die Juden herrschende System offen bekämpfen, so jetzt bei den Reichstagswahlen. Dr. Gold st ein, Professor in Darmstadt („Das deutsche Geistesleben und die Jude n"): Dcutschtuin und Judentum sind keine Gegensätze. Ernst Moritz Arndt schreibt in seinem „Versuch einer vergleichenden Völkergeschichte": „Hier in diesem alten Testament und seinen Geschichten lebt der Protestantismus vor den Protestanten, das Luthertum vor dem Dr. Martin. Da ich die Protestanten nenne, so könnte man mit einer Vergleichuiig, tvelche gewiß an manchen Punkten Lutrifft, bas Judentum den Protestantisnnls der alten Welt, das Helleuentuin seinen Katholizismus nennen." Später weist Du Bois Reymond auf die gleiche philosophische Anlage bei. Germanen und Juden bin. Sie äußerte sich bis in das politische Gebiet. Es ist nicht zufällig, daß der Jude Stahl in seiner Rechtsphilosophie das politische Programm der preußischen Konservativen geschaffen hat, daß Marx in seinem »Kapital" etwas ähnliches für den Sozialismus getan hat. Selbst der Antisemitismus gibt sich in Deutschland als Sache der Weltanschauung. Eine weitere Wahlverwandtschaft zwischen dem deutschen und dem jüdischen G e i st e besteht in der Fähigkeit der E i n f ü h l u n g in fremde Volksgeister (Romantik, Weltliteratur, Ilebersetznngsliteratur). Ohne diese innere Wahlverwandtschaft wäre es unbegreiflich, daß gerade die innigsten deutschen Volkslieder ihre kongenialsten Vertoner in Felix Mendelssohn, in Arnhold Mendelssohn und Gustav Mahler gefunden haben, daß gerade Heinesche Gedichte 'in so reichem Matze von Schubert und Schumann in den deutschen Liederschatz übergesührt worden sind. Daß Politiker wie Rießer, Simson, Lasker eine führende Rolle gespielt haben, daß antisemitische Blätter jüdische Schriftsteller als echte Germanen feiern, wenn diese Schriftsteller zufällig deutsch klingende Rainen haben. Redner geht dann auf sein eigentliches Thema über und formuliert die erste Grundfrage: „Was haben die Juden an substanz-bildenden Kräften dem deutschen Geistesleben zugeführt?" Um das zu entscheiden, muß man auf die verschiedenen Bildungsepochen des deutschen Geisteslebens eingehen. Die erste Bilduugsepoche, die mit Luther einsetzt, ist die theologische. Für diese theologische Epoche bildet die Bibel, in der Uebersetzung Luthers, die Grundlage. Sie ist das gemeinsame Bildungsmittel aller Stände, ist Autorität und Norm, ist die belebende Atmosphäre und der dichterische Stoff, ist soziales und politisches Ferment, ist bis zu Goethe und weiter hinaus Wegweiser der Erziehung. Herder hat dann am Ende des 18. Jahrhunderts die Bibel aus den Händen der Theologen für die Literatur gerettet, sie ist den deutschen Geistcshelden unserer llassischen Zeit ein Teil ihres Wesens geworden. Mit der Aufklärung, die das theologische Zeitalter ablöst, treten nun direkt die Juden gebend undnehmend indiedeutsche geistige Bewegung ein. In Mendelssohn, „dem edelsten Vertreter der deutschen Aufklärungs- Philosophie"" (Zeller) kommt das beste dieser Zeit zum Ausdruck. Er ist der erste, der philosophische Gedanken in deutscher Sprache rein und mustergültig entwickelt hat. Als dann Kant die Älufklärung innerlich überwunden hatte, da waren es wiederum Juden, die seine ersten Verkünder, Freunde und Anhänger waren (Markus Hertz, Friedländer, Ben David). Salomon Maimon wird von Kant selbst als der verständnisvollste und bedeutendste seiner Kritiker bezeichnet. Er hat die Entwickelung zu Fichte vorbereitet, lind die Wiederherstellung Kantischer Gedanken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdanken wir in erster Linie einem Hermann Cohen. Diese lebendjge Teilnahme an dem Kantianismus ist nichts zufälliges. Sie beruht auf der innersten -Verwandtschaft des Kantischen Geistes, der Kantischen Welthaltung mit dem Geiste des Judentums, mit dem ethischen Spiritualismus des Alten Testamentes. Auch die nächste Epoche der deutschen Bildung, die Romantik und der spekulative Idealismus eines Fichte, Schelling und Hegel, steht unter dem stärksten Einfluß eines jüdischen Geistes: Spinoza. Wie die Bibel, so gehört auch Spinoza zu den Substanzen des deutschen Geistes. Wir erleben heute Spinoza ä travers Goethe. Wenn auch der Hegelianismus zusammenbrach, so blieb doch der philosophische Geist als das spezifisch Deutsche der Geisteswissenschaften wirksam und lebendig. Die Sprachwissenschaften, Rechts- und Staatswissenschaften gestalteten sich nach systematischen und spekulativen Gesichtspunkten. In hohem Maße haben die Juden die philosophische Tradition des deutschen Geistes in die Wissenschaft mit übergeführt und zum Teil neue Wissenschaften begründet. Ich erinnere an die Begründung der Philologie, des mittelalterlichen Lateins durch Ludwig Traube, an die Grundlegung der Bölkerphysiologie durch Steinthal und Lazarus, an Philologen von dem Range eines Jacob und eines Michael Bcrnays, an die Begründung der Assyriologie durch Gustav Oppert, an die Begründung der vergleichenden Mythenforschung durch Theodor Benfey ustv. Damit ist aber die Bedeutung der Juden für das deutsche Geistesleben noch nicht erschöpft. Die Juden bilden auch Zirkulationsorgane des deutschen Geisteslebens. Der Redner zeigte dann die Unhaltbarkeit der Vorwürfe, die man den Jude» hinsichtlich ihres Mangels au Berecundia mid hinsichtlich der sogenannten destruktiven Tendenzen macht. Juden 'sind es stets gewesen, die zuerst Verständnis hatten für die deutsche»: Geistesgrößen. Asher und Fraucnstädt haben zu Schopenhauer gehalten, als sich noch niemand uin ihn kümmerte. Lange bevor Serologen der deutschen Literaturgeschichte wie Bartels einen Hebbel in den Vordergrund gerückt haben, hat dm: Jude Kuh eine begeisterte Monographie über ihn geschrieben, hat Auerbach Otto Ludwig verherrlicht und die dichterische Kraft Gottfried Kellers als ejner der ersten