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Neue jüdische Presse · 1911-11-10 · Heft 44 (10.11.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 44 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 44 Seite 2. Frankfurter Israelitisches Faimlienblatk. Dinge, die nicht von Lebensbedeutung für die deutsche Judenheit sind; hier dagegen gilt es, für das innere Geistesleben und die Zukunft des deutschen Judentums zu sorgen. Natürlich soll das eine nicht das sichere ganz unterdrücken, soll nicht der Verband auf eine äußere, politische Arbeit zugunsten der inneren, geistigen verzichten. Beide soll er pflegen, beide in denk Maße, das ihrer Bedeutung zukommt, nur so wird der Verband alich fernerhin ebenso' fruchtlar schaffen, wie er bisher gewirkt hat, wird er auch die Hoffnungen erfüllen, die wir alle auf ihn bei seiner Gründung gesetzt haben und noch bis heute setzen: die Hoffnung nämlich, daß er in der Tat die deutsche Judenheit erziehen, daß er in chrer Geschichte eine neue Epoche einleiten wird, die Epoche ihrer inneren Regeneration. Aus den Ereignissen -es Tages. 1. Der Allianeetag. Im Anschluß an den „Judentag", einen Tag darauf, hat gleichfalls in Berlin der Alliancetag stattgefunden, der von der Leitung der D. K.-G. einberufen ivar. Ter Gegenstand, mit dem sich diese außerordentliche Versammlung der deutschen Mitglieder der Alliance zu beschäftigen hatte, war natürlich das Sündenregister der Pariser Zentrale: ihre Machinationen bei den Wahlen und vor alleni ihr Entschluß und Beschluß, das Wahlrecht der Mitglieder abzuschaffen. . Cs war ein glücklicher Gedanke des Präsidiums der D. K.-G., diesen Alliancetag einzubcrusen; denn er sollte der Pariser Zentrale und der ganzen Oeffentlichkeit demonstrieren, daß dieser Kampf zwischen Paris und Berlin kein Zwist einiger Herren am grünen Tische ist, sondern daß er in diesem Falle ein Kampf von historischer Tragweite ist, der über das Sein und Nichtsein der Alliance entscheiden wird, und daß — und dies ist das wichtigste — die dcutschenMitglieder der Alliance —. sieht man von einigen Outsidern ab — geschlossen hinter ihrer Leitung stehen. Dieser Zweck, den der Alliancetag hatte, ist auch vollständig erfüllt worden.- Der energische Ton, auf dem die Erösfimngsrede des verdienstvollen Vizepräsidenten der D. K.-G., des Herrn Geheimrat Prof. Dr. Landau, gehalten war, die vernichtenden Anklagen, die Herr Dr. Friedemann gegen die Pariser Zentrale vorgebracht hat, die kategorische, scharfe Resolution, die mit allen gegen die eine Stimme des Herrn Rabbiner Frank-Köln gefaßt wurde, geben deutliches Zeugnis von dein Unwillen und der Entrüstung, die das Borgehen der Pariser Machthaber bei den deutschen Mitgliedern der Alliance, hervorgerufen hat und von der entschlossenen Solidarität, mit der diese hinter ihrem Präsidium stehen. Es war ebenso notwendig wie lobenswert seitens des Geheimrats Landau, nochmals zu betonen, daß die deutschen Mitglieder auch nicht inr geringsten deutsche Interessen in der Alliance verfolgen — wie es die Pariser Herren wider besseres Wissen darzustellen ' suchen —, sondern einzig und allein von jüdischen Rücksichten in ihrem Handeln geleitet werden, daß es' im Gegenteil das schwerste Vergehen der Pariser Herren war und' ist, aus der Alliance israelite eine Alliance ftanyaise gemacht zu haben. Der Alliancetag und die Resolution wird die Pariser Herren davon überzeugen — falls das noch irgendwie nötig wäre —, wie einig und' entschlossen ihre deutschen Mitglieder in diesem Kampfe Lastehen. Falls jetzt noch nach dieser großen öffentlichen Demonstration die Pariser Autokraten an ihrem Vorhaben festhalten und sich rücksichtslos über die einmütigen Proteste und Wünsche ihrer quantitativ und qualitativ hervorragendsten Mitglieder hinwegsctzen werden, dann ist damit der deutlichste Beweis erbracht, daß man sich in Paris um die deutschen Mitglieder nicht im geringsten schert, ja im Gegenteil, sie gern los sein möchte. Daß in diesem Falle der M a s s e n v u s t r i t t der deutschen Mitalicher aus der Alliance das einzig mögliche ist, daß ein weiteres Verbleiben in der Alliance rann nur eine Selbsterniedrigung seitens der deutschen Mitglieder bedeuten würde ist klar. Wir ind auch überzeugt davon,j daß nach, der endgüligen Vollziehung des Gewaltstrciches die deutchcn Mitglieder sich ebenso entschlossen und solidarisch verhalten werden, wie jetzt und ihren Austritt aus der Miance, die dann nur einen Klub einiger Pariser Assimilantcn darstcllen wird, erklären werden. Tann wird eben die Geschichte der Alliance, die so ruhmreich begonnen hat, beendet sein; die Alliance wird dann nur noch eine historische Erinnerung bilden. Tic Schuld daran wird, allein auf die Häupter der Pariser Autokraten und ihrer wenigen Gesinnungsgenossen in Deutschland fallen; die Kräfte der deutschen Mitglieder der Alliance aber werden dann für die Arbeit in anderen Organisationen und auf anderen Gebieten des Wichen Lebens frei sein. Die deutschen Mitglieder haben ihr Acußeries getan, um die Alliance zu erhalten; sie haben durch den Allianeetag aller Welt ihren ehrlichen Willen bekundet, in der Alliance mitzuarbeiten, sofern diese nur. eine jüdische Alliance wirklich sein will. Ist dies nicht möglich, vermögen es einige Pariser Autokraten, durch brutale Macht ihren Gewaltstreich dürchzusetzen und aus der jüdischen Alliance eine französische Gesellschaft zu machen, dann ist eben nichts mehr zu machen. Tie französischen Mitglieder des Zentralkomitees wissen also jetzt nach dem Alliancetag, um was es sich handelt: um Sein oder Nichtsein der Alliance; sie mögen nun handeln und wählen. Wie sie wählen, wird uns ja schon die allernächste Zeit sagen. 2. Der Entwurf des Dentsch-zfraelitischen Gemeindevundes. Unsere Leser werden sich noch der vor einigen Monaten stattgefundencn Generalversammlung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes entsinnen, der scharfen Kämpfe, die ihr vorausgcgangen sind, und der lebhaften Diskussionen und Zwistigkeiten, die sie erfüllt haben. Es handelte sich um die Annahme eines neuen Organisationsstatutes des T.-J.--G.--B., das der Generalversammlung vom Borstande vorgeschlagen w-rr und das die faktische Ausschaltung der kleineren Gemeinden und die Ueberlieferung aller Macht in die Hände weniger Großgemeinden zur Folge haben mußte. Nach 'scharfen Kämpfen und stürmischen Debatten wurde, nachdem man sich gesagt hatte. Laß in der Generalversammlung nicht die nötige Majorität für die Annahme da war, eine Kommission gewählt, der der Entwirr' zur Beratung übergeben wurde. Die Kommission hat nun getagt, und das Resultat - ist die A»nähme d es Entwurfes in seinen prinzipiellen Neuerungen. Nach der Zusammensetzung der Kommission hätte dieses Resultat nicht überraschen können, denn obwohl die prominentesten Führer der Opposition in die Kommission gewählt wurden, war doch die Majorität derselben, von vornherein eine dem Entwürfe günstig gestimmte. Trotzdem aber muß dieses Resultat, überraschen, wenn man bedenkt, welche Kämpfe auf der Generalversammlung stattgefunden haben und welche Entrüstung der Entwurf in weiten Schichten der deutschen Judeicheit hervorgerufcn hat. Man hätte demnach annehmcn können und sollen, daß die Majorität der Kommission darauf Rücksicht nehmen und wenn auch nicht in allen Forderungen der Opposition, so doch in den prinzipiellen Fragen sich mit ihr einen wird. Dies ist nicht der Fall gewesen, selbst der Vermittlungsantrag des Sanitätsrates Apfel-Köln wurde abgelehnt und die prinzipiellen Bestimmungen des Neuentwurfcs angenommen. Besonders in der Beratung des Absatzes 4 des ß 13 des Statuts', der die wichtigsten, umstrittensten Bestimmungen enthält, nämlich die Beschränkung des passiven Wahlrechtes auf Angehörige der belreffcnoen Gemeinde, hat die Majorität gezeigt, daß sie von vornherein zu keiner Nachgiebigkeit - und zu keinem Kompromisse bereit, sondern rücksichtslos ihren Willen dürchzusetzen entschlossen., war. Die- 'es ganze Verhalten trägt an sich den Stempel autokratischer Millkürlichkeit, der auch den Entwurf selbst auszeichnete. Auf die Wünsche der Gcmeindemitglieder selbst, auf die Meinungen der jüdischen Oeffentlichkeit nimmt man einfach keine Rücksicht. Gerade jetzt, da durchdie deutschen Mitglieder der Alliance ein solch, energischer Kampf gegen das jüdische. Autokratentum in seiner schlimmsten Form geführt wird, wirkt das Verhalten der Majorität der Kommission umso unerfreulicher. Wenn die Majorität von Anbeginn an zur Unnachgiebigkeit, entschlossen war, wozu dann die Kommission überhaupt? Ist dann die ganze Sache nicht eine reine Farce? Oder wollte man dadurch Zeit gewinnen, um die nötigen Maßregeln treffen zu können, die die Annahme des Entwurfes auf dem nächsten G e m e i n d e t a g sichern? Man wird unwillkürlich zu dieser Annahme förmlich gezwungen, wenn.man das Verhalten der Majorität beobachtet. Darin aber können sich die Herren leicht irren. Wir wollen nicht glauben, daß es ihnen in der Zwischenzeit gelingen wird, durch Druck auf die Kleingemeinden einen gefügigen Gemcindetag zu schaffen. Daß die Opposition nicht im geringsten jetzt still halten' sondern mit aller Macht gegen diese Vergewaltigung der Kleingemeinden arbeiten wird, ist klar. .Rabbiner Dr. Werner hatte recht, als er die Herren von der Majorität vor der Entrüstung warnte, die ihre rücksichtslose Haltung in der jüdischen Oeffentlichkeit Hervorrufen wird. Es wäre darum besser, die Majorität der Kommission überlegte sich noch einmal die Sache. Sie wird dann einsehen, daß es auch in ihrem Interesse liegt, ein Kompromiß und Einvernehmen mit der Minorität zu erzielen. Schließlich wird doch das Wohl der Gesamtjudenheit auch sie beeinflussen müsseni Wir wollen deshalb noch nicht annehmcn, daß die Entscheidung der Kommission das 'letzte Dort der Majorität sei, daß sie sich bielmehr noch eines Besseren besinnest und zu neuen Verhandlungen, in denen sie mehr Nachgiebigkeit und Versöhnlichkeit .bekunden wird, bereit sein wird. Tics läge inr Interesse der gesamten deutschen Judenheit wie auch im Interesse der Herren selbst, die dann einer Majorität auf dem Gemeindetag sicher wären. So wie die Sache jetzt liegt, ist die Annahme des' Entwurfes höchst zweifelhaft und sogar unwahrscheinlich. Jedenfalls aber gibt cs neue Kämpfe und neuen Zwist. Und mutwillig diesen hervorzurufen, können doch die 'Herren — und' selbst die autokratischsten unter ihnen — nicht wünschen. Zeigen sic also, daß auch sie best Frieden in der deutschen Judenhcit erstreben und lassen sie sich! mehr als bisher vom Geist der Versöhnlichkeit leiten, der dann sicherlich ein Einvernehmen, eine Einigung beider Parteien finden wird. - 4. Hauptversammlung desBervandes der deutschen Jude«. Berlin, 7. November. Nachdem bereits am Samstag ein Festgottesdienst in der Synagoge Oranienbnrgerstraße vorausgegangen war, begann Samstag vormittag die Hauptversammlung. Der riesige Saal des Köm gl. Schauspielhauses war bis aufs äußerste besetzt, und neben mehr als 560 Delegierten hatten mindestens 1600 Zuhörer Platz gefunden. Jnstizrat Hvrwitz, der Vorsitzende, begrüßte die Erschienen, insbesondere die Vertreter der Behörden. Er betonte hierbei, daß er absichtlich „Behörden" und nicht - „Staatsbehörden" sage, da die Staatsbehörden der Einladung nicht Folge leisteten, obgleich gerade an sie die Wünsche und Beschwerden des Verbandes sich richten. Sodann wurde . die Wahl des Büros gemäß einem Vorschläge der Versammlung angenommen. Bürgermeister Dr. Rarcke hieß die Versaumilung im Name» der Stadt willwmmeu. In Berlin, einst ein lheißer Boden für die deutschen

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