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Neue jüdische Presse · 1911-11-10 · Heft 44 (10.11.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 44 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZsmlitW» famitipnblnlL Ke-aLrr-» ««- chefchSftsft-tte: SrsnKfurt a. M.. FSrrrrs^stVrrtz» 7 v-r«fo« 10507. AeraitsgsSer: KalU cheis. 9. Jahrgang. Freitag, den 19. 6Ii68oL^aii 5672 (19. November 1911) Nr. 44 JnfertionSPreise: Die viergespaltme Petitzrlle.... . 25Pfg. Die Rellamezeile. . MO n Platz- und Daten-Borschrift ohne Berbindüchkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4884. , —■■■ 1 ' ~. . . --—; ' - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiL pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband Lyogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Ml. 1,50, sonstige Länder M. 2.— Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Duma und die Juden. — Der vierte Judentag. — Aus den Ereignissen des TageS: 1. Der Alliancetag; 2. Der Entwurf des Deutsch- Israelit. Gemeindebundes. — Vierte. Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein Opfer des „Fortschritts." — Wochen-Kalender. — Fan: i l i an Nachrichten. Die Duma ««- die Juden. Unter den Interpellationen, welche betreffs der Ermordung Stolypins und betreffs der -Ochrauo in der Duma zur Erörterung kamen, erregte die der O k t o bristen großes Aufsehen. Tie Interpellation begann nämlich mit den Worten: „Ter Jude Mordke Bagrow — —Tiefe Betonung der jüdischem Abstammung Bagrows war im ganzen Zusammenhang an und für 'sich unverständlich und stellte offenbar "ein so niedriges demagogisches Mittelchcn dar, daß selbst einzelne Parteigänger der Interpellanten beim Verlesen ein gewisses Schamgefühl überkam. Allein cs war zweifellos kein lupsus linguae, sondern ein n> o hl durchdachtes Manöve r. Tenn kaum hatte sich der jüdische Abgeordnete N i ss e l o w i t s ch dagegen gewehrt, als d er Oktobristenführer G n t s ch k o w, aller seiner programmatischen Versprechungen nneingedenk, voll Wut ihm entgegentrat und ihm warnend zurief, er möchte doch lieber seine Stainmesgenossen lehren, daß sic von der Revolution sich fernhielten. Ganz die Sprache der ehemaligen Gouverneure in den Zeiten drohender Pogrome! Gutschkow stellte sich in der Form seiner Ausführungen offenbar auf den Standpunkt, daß die gesamte Judcnhcit für die Tat Bagrolvs die Schuld trüge, und die Pogromanhänger jubelten ihm zu. Wer schuldig ist, muß doch auch bestraft werden! Und gibt es denn ein besseres Mittel gegen die Juden als Pogrome? In der Tat hören die Menschikows und ihre Genossen nicht auf, ihr Bedauern darüber zu dokumentieren, daß der Zeitpunkt nach öenr Attentat auf Stolypin zu einem regelrechten Judengemetzcl nicht benutzt tvorden ist. In der gerade iu der letzten Zeit tvieder umfangreich gewordenen Hetze gegen die Juden liegt ein durchdachtes S y st e m. Mau spürt, daß der Nationalismus mit Stolypins Ableben einen furchtbaren Stoß erhalten hat. Unter Stolypin wurde in der Verfolgung der Fremdvölker zu weit gegangen, und ein Fortschreiten auf diesen: Wege würde die schwersten Schädigungen des Landes zur Folge haben. Das weiß der .Rechner Kokowzetv, das spüren auch die Nationalisten, — und deshalb die große Furcht der letzteren vor einem Abwenden Kokowzews von der Politik Stolypins. Aber noch ein weiteres Moment spielt eine entscheidende Rolle. Tie Legislaturperiode der Tuma nähert sich stark ihrem Ende, also die Wahlen sind in Sicht. Man fürchtet nun, daß die Wähle,: zuin mindesten eine erhebliche Niederlage dem „zoologischen" Nationalismns bringen werden — und die Affäre Ba - groi:> soll da Retter in dcr Not scin! Und die Oktobristen! — Tie Oktobristcn haben in der gegenwärtigen Tuma vollständig versagt und sürchten gleichfalls, daß. ihnen die Rechnung für ihre „segensreiche" parlanrentarische Tätigkeit quittiert wird. Sie mußten sich zu irgend etwas entschließen, mußten eine Schwenkung nach rechts oder nach links vornehmen. Gutschkow, der Führer der Oktobristcn, entschloß sich zu der Wendung nach rechts, da die 'Affäre Bagrow anscheineiw glänzenden Agitationsstoff für die Rechten bildet. Man spricht sogar von einem Gchcimbündnis der Oktobristcn mit den Nationalisten und gemeinsamem Borgehen bei den Wahlen. Und die Regierung? Wir haben bereits mehrere Male ausgeführt, daß unter Kokowzew eine kleine Erleichterung in der jüdischen Lage zu erwarten ist. Tiefe Erleichterung ist einstweilen nicht cingctretcn, was auf die Schwierigkeiten, die Kokowzew von der Rechten und deren Helfershelfern am Hofe gemacht werden, zurückzuführc» sein dürfte. Um nur die kleinste Aenderung des Kurses cintreten lassen zu können, n:nß Kokowzew erst den Ausgang der Wahlen abwarten. Es ist möglich, daß Kokowzew den Nationalisten in der Judenfrage cntgegenkornmt, — aber Pogrome wird er keinesfalls dulden! Der vierte Judentag. Vergangenen Sonntag hat in Berlin die vierte Hauptversammlung des Verbände s d e r T c u t s ch e n I u d e n getagt, die man nrit dem stolzen und schönen Namen „Judentag" zu bezeichnen pflegt. Bon allen jüdischen Organisationen Teutsch- Ilands, die ihre Aufgaben in der jüdischen Ar- Ibeit fiir und innerhalb der deutschen Juden erblicken, war und ist uns der Verband der Teutschcn Juden einer der sympathischsten. Tenn keine andere Organisation zeugt so deutlich und offenkundig von Dem erstarkten Selbstbewusstsein und jüdischen Stolze'der deutschen Judenheit, toic gerade diese. Schon die Gründung des Verbandes der Deutschen Juden, der Name, den er sich beilegte, sind ein klarer Ausdruck dieses erstarkten Selbstbewußtseins. Tie deutsche Judenheit zu organisieren zur Erkämpftrng und Erzwingung ihrer Rechte als Juden, zum sichtbaren Ausdruck nach außen hin von der Kraft und dem Willen derselben,' — wäre eine solches Beginnen vor 20, 30 Jahren möglich gewesen? Tie Gründung dieses Verbandes bezeichnet fast eine neue Epoche in der Geschichte der deutschen Judenheit. Und es war auch der Geist und der Ton, der auf den Versammlungen dieses Verbandes, auf den „Judentagen" — man beachte den Namen — herrschte, wesentlich verschieden von dem Geist, der, vor 20 Jahren die Versammlungen der jüdischen Organisationen Deutschlands zu beherrschen pflegte und auch heute noch so manche derselben beherrscht. Es ging ein freier, stolzer, kühner Zug durch, diese „Judentage-', ein Zug der Neubelebung und der Entschlossenheit. Wir erinnern nur an die mannhafte Rede des Herrn Rabbiner Guttmann.-Breslau aus dem vorigen Judentage, die zu dem bekannten Zwischenfall mit dem Oberpräsidenten Schlesiens führte. Und auch auf dieser Tagung des Verbandes herrschte im großen ganzen derselbe Geist. Es waren mutige, beherzigenswerte Töne, die Landtagsabgcordneter Cohn-Desiau in seinem Referat „Ter Staat und die Iuden" angeschlagen hat. Wir bitten nicht mehr um unser Recht, wir erkäinpfen es! klang es durch die ganze Rede. Noch sympathischer, fast berührten uns aber die starken, energischen Worte, die er gegen die Täuflinge gesprochen, und der stürmische Beifall, den ihm oie Versammlung gespendet hat. Tiefes energische Auftreten gegen die Täuflinge ist gar nicht so alten Tatums. Erst seit kurzer Zeit wagt man es auch von „offizieller" jüdischer Seite, so kategorisch die Renegaten von unseren Rockschößcn abzuschüttein und jede Verbindung und Gemeinschaft mi ihnen abzubrechen. Auch diese Haltung ist ein Symptom ruck» Ausfluß des nenerstarkten Selbstbcwußt- Tiescs 'Selbstbewußtsein zu fördern, zu enttvickeln und zu stärken, darin besteht die vornehmste innere Aufgabe, die der Verband der Deutschen Juden innerhalb der deutschen Judenheit zu erfüllen hat. Tenn noch lange ist nicht alles in dieser Hinsicht, wie es sein sollte. Roch herrscht in weiten Kreisen der deutschen Judenheit jene Furchtsamkeit, jener Respekt vor den anderen, jener Tuckmäusergeist, den: ein Ende zu machen der Verband der Teutschen Juden gegründet worden ist. Noch auf den Tagungen »und in den Reden des Verbandes selbst läßt sich «dieser ängstliche Sinn wahrnehmen. Und wenn jProf. Goldstein-Tarmstadt in seinem Referate: „Tic Juden im deutschen Geistesleben" nur ja zu beweisen suchte, oaß wir Juden schon' in unserer Geistesrichtung ganz Teutsche geworden sind und unser Einfluß auf die deutsche Literatur ganz in deutschem Sinne geschieht, so ist darin auch noch ein Ueberbleibsel dieses alten Geistes, dieser Furcht vor „Risches" zu erblicken, ein Ueberbleibsel, das bei dem geistreichen Redner vorzufinden uns gewundert hat. Alan sieht also, daß auf dieseyr Gebiete, das wir als das wichtigste Arbeitsfeld des Verbandes ansehen, noch sehr, sehr viel zu tun ist. Und darum darf und soll der Verband diese Tätigkeit nicht zugimsten anderer vernachlässigen. Bei aller Anerkennung der Berechtigung der Arbeit zur Erkämpfung unserer vollen politischen Rechte und der großen Verdienste, die sich der Verband in dieser Arbeit erworben hat, glauben wir doch, daß die andere, innere Tätigkeit noch wichtiger ist. Tenn schließlich handelt es sich , bei der Erlangung unserer politischen Rechte um

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