Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 41 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692757--06492-2701502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41. tion in der Tat die Absicht der Pariser Herren, und wir glauben nicht, daß es dann so leicht gelingen wird, sie an der Verwirklichung dieser Msicht zu hindern —, wenn die Alliance auch bedenken müßte, daß die cynische Brüskiernng der öffentlichen Meinung zur Boykottierung ihrer Schulen fuhren kann. Doch vorläufig ist es noch nicht so weit. Noch gilt es, nicht alle Hoffnung aufz u g c b e n und nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Ties wäre feig und pflichtvergessen. Wenn die Pariser Assimilanten ihre Pflichten gegenüber dem' jüdischen Volke vergessen haben, wir wollen sie bis zur letzten Minute erfüllen. Jetzt heißt es, mit aller Energie den Kampf gegen den geplanten Gewaltstreich aufzunehmen. Vielleicht, vielleicht gelingt es doch noch, ihn zu vereiteln. Pflicht der Leiter der D. K.-G. ist es vor allem, die jüdische Deffentlichkeit über den Tatbestand aufzuklären; von Paris ist in dieser Beziehung nichts zu erwarten; denn die Mißachtung der jüdischen Deffentlichkeit ist dort sostark, daß inan ihr gegenüber sich nicht einmal zur Aufklärung für verpflichtet hält. Umsomehr müssen es die deutschen Mitglieder des Zentralkomitees tun. Tenn ihren _ Kampf gegen die Absichten der Pariser Herren müssen sie gemeinsam mit der ganzen jüdischen Deffentlichkeit und der jüdischen Presse führen. Tenn nur dann ist etwas — wenn überhaupt — zu erhoffen. Jedenfalls, ob der Erfolg unser sein wird oder nicht, um ihn gir kämpfen ist unsere Pflicht. Sollten wir siegen und den geplanten Gewaltstreich verhindern, umso besser; wenn nicht, nun, dann dürfen wir uns mit dem Bewußtsein trösten, unsere Pflicht erfüllt, und' alles; was in unseren Kräften stand, getan zu haben, die Alliance zu brechen. Und. wenn die Geschichte dann über die Vernichter der Alliance richten wird, so werden wir schuldlos dastehen, und ihr vernichtendes Urteil wird einzig und allein auf die Pariser Gewaltherren und Assimilanten fallen. Mögen sie, mögen Salomon Reinach und Jacques Bigart die furchtbare Verantwortung, die Alliance brutal vernichtet zu haben, dann allein auf sich nehmen und tragen! 2 Der Krieg um Tripolis und die jüd. Interessen. Noch ist der Kampf zwischen Italien und der Türkei nicht beendet. Zu großen Entscheidungen ist cs nicht gekommen — die Einnahme der Stadt Tripolis war wirklich keine Heldentat der italienischen Armee —, und in Konstantinopel ist das Parlament zusammengetreten, das die letzte Entscheidung zu treffen hat. Jedenfalls ist anzunehmen, daß die Türkei einem Verzichte auf Tripolis nicht zustimmen wird. Falls aber Italien darauf bestehen sollte, so wäre ja mit einer längeren Fortdauer des Krieges wohl zu rechnen. Wie dem auch sei: ob es bald zum Frieden komMt oder nicht, es ist notwendig, sich immer wieder klar zu machen, daß uns Juden von der Tripolisaffäre, sofern sie keine.Schwächung der Türkei mit sich bringt, kein Schäden drohen kann. Was wir als Juden erhoffen und crwünschen müssen, ist also, daß die Türkei durch den Krieg nicht ernstlich geschwächt wird. Auf jeden Fall wird, der Krieg der Türkei zeigen, Laß sic, die von einer Welt von Feinden umgeben ist, wie kein anderer Staat treuer, arbeitssämer und schöpferischer Bürger bedarf - und daß somit die jüdische K o l o n i s ation in Palästina in ihrem eigensten L cb ens i n t c r c ss c liegt. Tie veränderte Stellung, die die leitenden türkischen Kreise heute züin Zionismus einnehmen, das Wohlwollen und Entgegenkommen, das sie der Mischen Bevölkerung cntgegenbringen (s. unseren Brief aus Palästina) zeigt auch, daß diese Erkenntnis bereits bei der türkischen Regierung durchzudringeu beginnt. Und die lebhafte Sympathie, die die Türkei. bei den Juden der ganzen Welt in ihrem Kampfe Um ihr Recht findet, die Begeisterung und Opferungsbereitschaft ihrer jüdischen Unter¬ Frankfurker Israelitisch^ Famrlienblatk. tauen — dies ist die Ursache, weshalb die ottomanischen Juden gegen die italienischen aufgebracht sind, und nicht der Geschäftsneid, wie es antisemitische italienische Blätter darzustellen suchen und deutsche, auch deMokraUsche, Zeitungen in unverantwortlicher Weise Nachdrucken —, wird ihr erneut zeigen, daß wir Juden ihre ivahren Freunde sind und sie nicht nur nichts von uns zu befürchten, sondern im Gegenteil viel Nutzen von uns zu erwarten hät. Und indem der Tripoliskrieg diese Erkenntnis der Türkei beizubringen in starkem Matze helfen wird, kann er uns in gewissem Sinne nur nützen. Doch nicht nur die Türkei wird aus der Tripolisaffäre eine Lehre ziehen müssen, die für uns Juden nur eine günstige sein kann, auch uns selbst erteilt sie eine Lehre, die uns nur nützen kann. Tenn nach den neuesten Nachrichten hat in den offiziösen Blättern der italienischen Regierung eine ausgesprochen antisemitische Kampagne eingesetzt, die mit all den widerwärtigen Lügen und Entblödungen arbeitet, wie wir sie aus den antisemitischen Hetzblättern schlimmster Sorte seit langem kennen. Die rückhaltlose Mißbilligung, die der brutale Ueberfall Italiens in der gesamten europäischen Presse gefunden hat, sucht die offiziöse italienische Presse so därzustellen, als ob sie nur infolge des' Interesses, Las die jüdische Haute-Finance in der Türkei hat, zu erklären sei, und ergeht sich dabei in den niederträchtigsten Angriffen gegen den jüdischen Wucher usw. Die Sache wäre zum Lachen, wenn sie nicht typisch wäre, und darin ist sie so belehrend. Italien gilt als das judenfreundlichste Land Europas, in Italien ist jetzt ein ausgesprochen demokratisches Kabinett am Ruder, — und dabei, kaum sind die Juden irgendwie Italien unbequem, sofort derselbe rohe Antisemitismus wie überall. Solange sich eben der Jude duckt und Ordre pariert, ist er wohlgelitten; kaum muckst er sich, sofort wird er zum Wucherer, Lügner usw. Ziehen wir aus diesem Verhalten der italienischen Presse bei der Tripolisaffäre ungefähr dieselbe Lehre wie die Türkei. Ebenso wie diese daraus ersieht, daß niemand so sehr der Juden bedarf wie sie, so können wir daraus ersehen, daß niemand so der Türkei bedarf wie wir. Und' gerade weil beide Teile an der jüdischen Ansiedlung in Palästina gleiches Interesse haben, ist an dem Erfolg unserer Absichten nicht zu zweifeln. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Die am 8. November im Neuen Königl. Overntheater zusammentretende Hauptversammlung desV erb an desder Deutschen Juden wird voraussichtlich! große -Beteiligung finden. Von den etwa 600 .zur Hauptversammlung berufenen Delegierten haben bereits .mehr als 400 ihr Erscheinen zugesagt. — Das' bisher noch nicht augekündigte Thema des dritten (politischen) Vortrages, den der 'Landtagsäbgeordnete Dr. Cohn- Dessau halten wird, lautet: „Der Staat und die Inden". ►— Zuhörerkarten sind von Sonntag, den 22. d. M. an im Bureau des Verbandes (Potsdamerstraße 4511.) täglich außer Sonnabends von 10—2 Uhr zu haben. Berlin. Einem Komitee mit Geheimrat Prof. Dr. Landau ist es gelungen, den bekannten Wiener Gelehrten . D r. Ignatz Z o l l s ch a n für zwei Vortragsabende.zu gewinnen. Zollschans anthropologische Forschungen haben bekanntlich revolutionierend auf die rassenmäßige Beurteilung der Judenfrage gewirkt. Sein neustes Werk „Das Rassenproblem" hät sowohl in Gelehrtenkreisen wie auch bei den interessierten Laien das größte Aufsehen erregt. Der erste der Mende findet am 30. Okt. (SVs Uhr, Philharmonie) statt. Thema: „Die Rassengliederung der Menschheit"/„Die anthropologische Stellung der Juden". Am zweiten Abend, 6. November, spricht Dr. Zollschan über: „Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Massenfaktors", „Versuch einer objektiven Feststellung des Rassenwertes der Juden". Eintrittskarten 3, 2 und 1 JL für jeden Abend, 5, 3 und 1,50 für beide Abende. -1 Straßburg i. Elf. Vom 5. bis 15. Oktober fand hier eine Ausstellung der isräel. Gewerbeschule Sette 3. statt. Die israel. Gewerbeschule besteht schon seit dem Jahre 1819 und hat zur Zeit 60 Zöglinge. Aus einer statistischen Zusammenstellung über die Frequenz der Anstalt in den letzten 10 Jahren ist besonders die Angabe erfreulich, daß von den in dieser Zeit ausgcbildeten 151 Zöglingen, deren 125 beim Handwerk geblieben und nur 3 zur Zeit ohne Arbeit sind. Die Ausstellung wurde .außer von zahlreichen jüdischen sowie christlichen Besuchern auch von Statthalter Graf Wedel besucht. Der Herr Statthalter sprach für die zur Schau gestellten Zeichnungen, Metallarbeitcn, Klingelanlagen, Polsterstühle, Stiesel, Bekleidungsstücke und die vielen anderen praktischen Arbeiten seine volle Anerkennung aus; er bekundete auch für den Schulbetrieb der Anstalt großes. Interesse. An der Spitze des Verwaltungsrates steht Konsistorialpräsident Isidor Gensbourger, dem dafür Dank gezollt werden muß, daß er der Deffentlichkeit einen genauen Einblick in den inneren Betrieb dieses mustergültigen Erziehungsinstituts gewährt hat. Oesti rreich-Uugar«. Wien. Ein interessanter Mordprozeß beschäftigte den hiesigen Kassationshof. Die Angeklagte, die 23jährige Bäuerin Hanka Pyczyszin in Matczyce, hatte das drei Monate .alte Kind eines jüdischen Dienstmädchens in die Kost genommen und mehrere Monate lang wie eine zärtliche Mutter gepflegt. Am 13. Älpril erschien sie beim Bezirksgericht Janow mit der Selbstanzeige, daß sie das Kind im Mühlbach ertränkt habe. Als Ursache ihrer Tat gab sie an, der griechisch-katholische Pfarrer habe ihr die Beichte verweigert, weil sie ein jüdisches Kind erziehe, und auch ihr Mann habe ihr deshalb Vorwürfe gemacht. Die Kindesmuttcr habe das uneheliche Kind, das sie ihr nach Lemberg brachte, nicht zurücknehmen wollen, und da sie keinen anderen Ausweg wußte, habe sie das Kind ins Wasser geworfen. Das Urteil lautete auf Tod. Budapest. Eine Gruppe Grvßkaufieute und Industrieller — meist Juden — plant für Ende des Jahres eine G esells ch aftsreise nach Aegypten und Palästina, um neue Handelsbeziehungen anzuknüpfeu. In den größeren Städten Aegyptens und Palästinas sollen Ausstellungen ungarischer Jndustrieprodukte stattfinden. Auch wird sich die Gesellschaft für den Import palästinensischer Bodenerzeugnisse nach Ungarn interessieren. Krakau. Die „Hamicpe" bringt folgende bedeutsame statistische Zahlen: In den letzten sechs Jahren tauften sich in Lemberg 157 Juden;unb in einem Zeitraum von sechzehn Jahren in Krakau 141 Juden, davon zwei Drittel Mädchen, die in Klöster entführt wurden. In Galizien nimmt jährlich ein Jude von 8000 die Taufe, in Wien aber einer von 250. Amerika. New-Kork. Bor Gericht erschien dieser Tage der Protestant Reuben Walter Levy mit dem Ersuchen um Aendernug seines Namens Levy. Wegen seines Namens werde er für einen Juden gehalten und dadurch wirtschaftlich Und sozial geschädigt. Das Ersuchen wurde mit folgender Urteilsbegründung abgewiesen: „Die Väter der amerikanischen Nation haben diese für alle ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens gegründet, und mit der Stattgebung eines solchen Begehrens würde eine Situation anerkannt werden, die niemals eintreten darf." Boston. Am zweiten Tage deS Neujahrsfestes wurde die Gemeinde Beth.Israel in M a l d e n, einem Städtchen in der Mähe' Bostons, die gelegentlich des Taschlich am Charles' River versammelt war, plötzlich von einer Bande überfallen und aufs gemeinste mißhandelt. Dreißig Mitglieder derselben wurden schwer verletzt, darunter 2 Frauen, die bewußtlos vom Platze fortgetragen werden mußten. Merkwürdigerweise war kein Schutzmann zugegen, und so tobte das zügellose Gesindel eine Stunde lang fort, bis endlich zwei Kommissare ans der Szene erschienen und dem Rasen des Mobs ein Ende setzten. Leider konnten auch dann die Hooligans nicht festgestellt werden. — — Aehnliche Unruhen im Gottesdienste geschahen auch am selben Tage im Dorfe M al r o s e, wo der Vorstand der dortigen Gemeinde durch einen Stein verwundet wurde. Unter Auspizen der Faulkner Jmprovement Association fand jedoch eine Protestversammlung statt, und cs ist zu hassen, daß die Verbrecher ermittelt und zur Rechenschaft herangezogen werden. Indes ist aus alledem zu ersehen, wie unsicher auch in Amerika das Leben und die Ehre der Juden ist. Auch in dem Lande der unbeschränkten Freiheit sind wir 'wie überall schutzlos und ein Spielhall in den Händen einer niMndigen Menge. Der