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Neue jüdische Presse · 1911-10-20 · Heft 41 (20.10.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 41 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 41 Dankee, der noch vor drei Dezennien seine Arme auSgebreitet hielt, um dem aus Rußland Wehenden eine Zuflnchtstätte zu bieten, beginnt nun auch mißtrauisch auf den'Eindringling zu schauen und mit Haß auf ihn niederzublicken. Der Boden wird hier immer heißer für den Juden und wirft hie und da sein eruptives Gestein aus. S. Bay. A«s der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M-, 4. Oktober. Die Generalversammlung der Misrach i-Gruppe wurde von Professor A. Wehl, dem Vorsitzenden, eröffnet. Das Referat hielt L. Perlmutter über die MiSrachi-Koirferenz in Berlin. Redner führte aus: Während in Basel die Misrachi- Fraktion nach der MllturdMttte energisch für die Trennung eintrat, beschloß in Berlin eine Majorität von acht Stimmen das Bleiben in der zionistischen Organisation. Dieser Unterschied erkläre sich ans der Struktur der beiden Konferenzen, über deren Verlaus der Referent in gedrängten Zügen berichtet. Dann bespricht er die Zukunstsmöglichkeit des Misrachi nach dem zehnten Kongreß. In seiner prinzipiellen Grundsorderung sei der Misrachi definitiv unterlegen. Ferner sei es ihm unmöglich, nach Annahme der Kulturresolution noch gesetzestrene Massen für hen Zionismus zu gewinnen. (? Die Redalt.) AE selbständige Organisation würde er die Gesetzestreuen für die Besiedelung Palästinas gewinnen und ein Gegengewicht dem Kulturzivnismus gegenüber bilden können. Innerhalb des Zionismus könne er nur die -unwürdige Rolle eines Koscherzettels spielen. Man habe in Berlin den guten Awment verpatzt. Bei den Austretenden könne von sogenannter „Trennungsorthodoxie" absolut keine Rede sein (?D. R.), da man begeistert für den Zionismus mitgearbeitet habe. Andrerseits dürfe indes die logische Erkenntnis der Sachlage und deren Konsequenzen nicht durch die gefühlsmäßige Anhänglichkeit an die zionistische Organisation getrübt weäen. Dem Referate folgte eine sehr bewegte Diskussion. Leopold Oppenheimer fragt, wie es möglich fei, daß Gaonim wie Reines und Schmelkes sich zum Bleiben entschließen konnten. Max Bier fordert von jedem orthodoxen Juden, daß er die Thora höher stelle als das rein Natwnale und protestiert gegen die Verletzungen des Gesetzes in Palästina. Dr. Braun ist energisch gegen den Austritt, der erst dann gegeben sei, wenn das hebräische Gymnasium in Jaffa unterstützt würde. Sohlberg erklärt, nachdem das E. A.- E. dem Misrachi die Majorität ln der Kulturkommission geben wolle, müsse man bleiben. 'Kahn polemisiert gegen die Vorredner und schildert den schweren Kampf, den der Misrachi gegen den Kulturzivnismus vergeblich geführt habe. Nichtsdestoweniger hccke der Nationalfonds jetzt das Gymnasium Wernommen. I. Bamberger betont, daß es nicht Aufgabe der einzelnen Misrachisten sei, die Psychologie einzelner Rabbiner zu erklären. Das sei Sache des eigenen Gewissens. Dr. Feuchtwanger führt aus, daß die fünfjährige Arbeit des Misrachi durch Schuld der zionistischen Leitung fruchtlos geblieben sei. Man müsse die Kraft, die innerhalb des Zionismus in unnützer Äbwehrpolitik vergeudet werde, in positive Arbeit nmsetzen. Baruch Stern führt, aus, daß das Ganze eine Frage des Vertrauens zu dem Kulturellen sei. Er hckbe das Vertrauen verloren. Schließlich erklärt der bisherige Sekretär I. Braun, daß das gesamte Zentralkomitee, das die Sache am besten kannte, mit wenigen Ausnahmen für die Trennung votiert hatte. Es wird hierauf der Antrag: die Misrachigruppe Frankfurt aufzulösen mit achtzehn gegen vier Stimmen angenommen. In beredten Worten gibt Herr Professor A. Weyl nochmals dem Schmerze Ausdruck, sich von einer Bewegung trennen zu müssen, für die man mit Begeisterung gearbeitet habe, solange dafür noch die geringste Möglichkeit bestand, zeigt ober, daß Israels hohe Ideale andere seien pls die der heutigen zionistischen Bewegung und regt an, zwecks Psüge der hebräischen Sprache und jüdischer geistigen Interessen in einer zwanglosen Vereinigung „Tachkemoni" zusammenzubleiben. Dies wird einstimmig angenommen. Frankfurt a. M. Zion. Jugendgruppe. Man kann den Bericht über die Generalversammlung, die dem ersten Dereinsjahre seinen Abschluß gibt, nicht beginnen, ohne für den Gründer und bisherigen Vorsitzenden Leopold Perlmutter Worte der Anerkennung voraus zu schicken. Seiner großen Tatkraft verdankt die zion. Jugcndgruppe ihr Bestehen, ihre bisherigen günstigen Erfolge uitd ihre große Mitgliederzahl. Umsomehr war es zu bedauern, daß in der Generalversammlung Herr Perlmutter Anlaß zu scharfen Angriffen gegen die Schlußausführungen seines Berichtes gab. Herr Perlmutter, der infolge der Annahme der Kulturresolution in öffentlicher Versammlung erklärte, seine Kraft für den Austritt des Misrachi aus. der zionistischen Organisation einzusetzen, dies auch verwirllicht hat und selber aus der zionistischen Organisation ausgetreten ist, führte am Schlüsse seines Berichtes aus, daß diejenigen, die nicht mehr fn der zionistischen Organisation verbleiben können, aber dennoch für den nationalen Gedanken arbeiten wollen, die Umwandlung der zionistischen Jugendgruppe in eine jüdische Jugendgruppe ins Auge gefaßt haben. Diese Aeußerung mußte naturgemäß scharfe Opposition Hervorrufen; denn die Generalversammlung eines' Zionistischen Vereines! durfte sich nicht dazu hergeben, daß in ihr nunmehrige Nichtmitglieder der zionistischen Organisatwn über das weitere Geschick dieses zionistischen Vereines bestimmenden Einfluß auszuüben versuchen. Die Generalversammlung hatte für die Gefühle der nunmehrigen Nichtmitglieder der zionistischen Organisatwn jedoch Verständnis und beschloß daher, daß der Vorstand einen Modus finden soll, der die Mitarbeit dieser Herren ermöglicht. So nahm denn das scharfe Gefecht einen friedlichen Ausgang. Der hieve Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: Frau Lea Bamberger, Martin Feish, Nachum Gvldmann und Martin Levigard. Hierzu kommt noch ein Delegierter der zionistischen Ortsgruppe. Zuin Schluß fei noch bemerkt, daß die Versammlung von 50 bis 60 Damen und Herren besucht war. Eschweiler. Die Zion. OrtsgruppeEschweiler und Umgegend begann ihre Wintertätigkeit mit der Erstattung des Kvngreßberichtes durch ihren Delegierten Julius Kausmann- Eschweiler in Eschweiler und Höngen. An letzterem Orte sprach' ferner Bruno Stern- Aachen über „Jüdische Statistik". In Stolberg erstattete Referendar A. Meyer- Montjoie den Bericht über den X. Kongreß. Am gleichen Tage hielt ferner unser Vorsitzender Julius Kaufmann - Eschweiler den ersten Prvpagandavortrag in der benachbarten Gemeinde Langerwehe ab, deren Vorstand und meisten Gemeindemitglieder sich gleichfalls unserer Ortsgruppe anschlossen. Die vorbereitenden Schritte sind nunmehr auch getan, daß demnächst in dem Nachbarort Jülich, wo noch eine ziemlich große jüdische Geineinde ist, eine Agitationsverscumnlung stattfindcn kann, die uns hoffentlich, wie bisher überall, wieder eine große Anzahl neuer Mitglieder bringt. Die in L i n n i ch vor kurzem gegründete Gruppe ist bereits so kräftig gewachsen, daß sie ans eigenen Füßen steht und nicht von Eschweiler ans Verwaltet zu werben braucht. Der Traum. Eine'Skizze aus dem Lebm. Erzählt von N N. Liebe Freundin! Wir sind hier in Westcliff gut angekommen, das Wetter ist herrlich, die Kinder froh und vergnügt. Mein Mann ist mit den Kleinen den galten Tag an der See, auch ich bin stets dort zu finden, nur mit Ausnahme der wenigen Morgenstunden, die die Haushaltspflichten erfordern, denn wie .Sie wissen, führen wir hier ja eigene Küche und haben uns so häuslich als möglich für die wenigen, gewöhnlich allzu rasch verstreichenden Ferienwvchen eingerichtet. Wie herzlich würden wir Alle uns freuen, wenn Sie das mir vor meiner Abreise von London gegebene Versprechen einlösen und uns kommenden Sonntag mit Ihrem Gatten besuchen würden. Bitte, teilen Sie uns genau den Zug mit, den Sie in diesem Falle benützen, damit wir Sie am Bahnhofe erwarten können." Dies war der Inhalt eines Briefes, der mir an einem Donnerstag-Nachmittage des vergangenen Sommers ins Haus geflattert kam, und dessen Absenderin Mrs. Grant war, eine Tarne, mit der mich innige Freundschaft verband. Ws mein Mann abends ans dem Geschäfte nach Hause kam und den Brief gelesen hatte, waren'wir uns gleich! darüber einig, daß wir reisen würben. Ich freute mich sehr auf den lleinen Ausflug, denn ich liebe die <&ee außerordentliche und das Geräusch der hin- und herrollenden Wellen weiß mir stets etwas Neues zu sagen! AE wir nun am Sabbatmorgen gemütlich am Kaffeetische saßen, erzählte ich meinem Manne lächelnd, welch' netten Traum ich in der vergangenen. Nacht gehabt hatte. Mir träumte nämlich!, ich stünde ganz hart am Seeufer und zu meinen Füßen spielte eine große Menge von Fischen. Wie rein und wie appetittlich sah doch diese Gesellschaft aus! Da gab es große Cods, schlanke Schellfische, ttäumerisch blinkende Schollen und noch eine ganze Anzahl anderer Fische, deren Namen mir im Augenblicke nicht einfielen. Sie waren so lebhaft, so vergnügt und munter, jagten, neckten und überstürzten sich gegenseitig, und es waren ihrer so viele, daß es fast aussah, als seien mehr Fische aE Wasser vorhanden. . „Nach der Gemoroh bedeutet es Glück, wenn man von Fischen träumt," sagte mein Mann, als ich mit meinem Berichte fertig war. „Nun", erwiderte ich, „wenn die Gemoroh es sagt, dann ist es Bodock Umnusso." Und ich! freute mich nur umsomehr auf' die bevorstehende kleine Reise. Meine steE lebhafte Phantasie zauberte mir nun eine ganze Menge möglicher Glücksfälle hervor. Bald 'war es ein Kästchen mit unschätzbaren Perlen und kostbaren Edelsteinen, das eine der neckischen Wellen wir vor die Füße warf; bald war es ein riesengroßer Fisch) der majestätisch dahergeschwommen kam, und in dessen Innerem «in Schatz verborgen war; dann wieder schrien es mir, aE sollt« ich dort gute Bekannte wessen, alte, treue Freunde, die ich im trauten Elternhause oft gesehen, und deren liebevolle Worte und geistreiche Unterhaltung meiner manchmal alltagsmüden Seele immer wieder neuen Schwung und frische Begeisterung verliehen hatten; kurzum, es war wohl kaum irgend eine Möglichkeit, die ich mir nicht in den lebhaftesten, rosigsten Farben ausgemalt hätte. — Am Sonntagmorgen erwachte ich frühzeitig, und als mein Mann aus der Synagoge kam,- war ich bereiE reisefertig und hatte auch schon ein kleines „Eßkoberchen" gepackt, das eine lleine Wegzehrung enthielt. Unser einfaches Frühstück war rasch beendet, und wir machten uns nun auf Schusters Rappen auf den Weg zur nicht allzuwett entfernten Bahnstation. Pünktlich langten wir an und hatten unserer Meinung nach noch etwa 5 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Wie unangenehm aber war unser Erstaune», als der Bahnbeamte auf unsere nochmalige Erkundigung uns mitteilte, daß der Zulg, den wir zu benützen dachten, bereiE vor einer halben Stunde den Aahnhof verlassen hatte und haß vor Ablauf von 2 Stunden kein weiterer Zug nach Westcliff fällig sei. Fragend sahen wir uns einander an. Endlich fanden wir die einzig möglich Erllärung dieses Geschehnisses, — daß wir nämlich in der Elle, in der wir uns am Abend vorher befanden, die Abfahrtszeit falsch gelesen hatten. Ich war sehr niedergeschlagen. Denn eine um 2 Stunden verzögerte Abreise bedeutete ja auch einen um 2 Stunden oder noch mehr verkürzten Aufenthalt an der See! Doch endlich siegte meine Gewohnheit, allem die heitere Seite abzugewinnen. Außerdem War der Sommermorgen so schön, daß es schade gewesen wäre, ihn durch ein lautes oder gar ungeduldiges Wort seiner Poesie zu berauben, jenev duftvollen Poesie, die bis hinein in dunlle regenvolle Arbeitstage, ihren Zauber walten läßt. Mit diesen süßen, träumerischen Sommermorgen geht es ja wie mit den Schmetterlingsflügeln, die man nicht berühren darf, ohne ihren. Schmelz zu zerstören. So machten wir denn gute Miene zu diesem lleinen Zwischenfall. Noch einmal nach -Hause zu gehen, dazu war der Weg doch nicht nahe genug; wir setzten uns daher ans eine der umstehenden Bänke, und nachdem wir uns noch eine Viertelstunde unterhalten hatten, kauften wir uns eine Zeitung und waren bald in dieselbe vertteft. Verschiedene Züge nach unzähligen Richtungen kamen und gingen und entführten und brachten! immer wieder neue Passagiere, und schließlich kam auch die Reihe an unseren Zug. Wir stiegen ein, und nach ziemlich langer Fahrzett, nachdem er unterwegs alle Augenblicke an vielen Landstädten gehalten hatte, kamen wir an unser Reiseziel. Suchend blickten wir umher. Da stand ja Eva Grant, das hübsche. 17 jährige Töchterchen unserer Freunde! Sie war zu unserem Empfange geschickt worden, nachdem ihre Eltern uns vergeblich mit dein ersten Zuge erwartet hatten. Bald trafen wir unterwegs auch ihren Papa, und plaudernd setzten wir den Weg tzn ihrer reizend gelegenen Wohnung fort) wo wir unser Körbchen deponierten und uns ein wenig vom Reisestaub befreiten. Dann gingen wir zum Seeufer hinunter, um auch die anderen Mitglieder der Familie zu treffen. O, wie herrlich war es dort! Ruhig und unbewegt lag die See in >glänzenbem Sonnenscheine vor uns, und in langen, ttefen Zügen atmeten wir die köstliche, erfrischende Meeresluft «in. Das Ufer, das in Westcliff durch! eine niedrige Steinmauer geschützt ist, oberhalb' welcher sich die Promenade befindet, war von einer dichten Menschenmenge belebt, die entweder unablässig hin und herwogte, um die zum Teil ja sehrgeschmackvollen Toiletten spazieren zu führen, oder in leichten Stühlen umhersaß, Luft und Sonne genoß und sich mit Lesen beschäfftigte. Endlich hatten wir Mrs. Grant und ihre beiden jüngeren Kinder, Marv und Ernst, entdeckt. Die. Begrüßung gestaltete sich! sebr lebhaft, die Unterhaltung war bald in vollem Zuge, und' der geneigte Leser, mehr aber noch die liebenswürdige Leserin werben es begreiflich finden, daß ich absolut gar nicht mehr an meinen Traum dachte. Was Wunder mich; wir hatten uns doch 14 Tage lang nicht gesehen! Was Igab es da alles' zu berichten! Da wurden schwerwiegende -Küchen- und Toilettenfraqen erörtert, wir mußten uns gegenseitig ein llein wenig über Bekannte orientiern — beileibe nicht klatschen —/ dann kamen die Kinder mit ihren munteren Bemerkungen, die auch die ge-

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