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Neue jüdische Presse · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Seite 3. ral zu umhüllen: „Ich bin groß, und' du bist klein . . . . Ernst gesprochen: Der brutale Raub Italiens, die. ungeheuerliche Hinwegsetzung über die elementarsten Forderungen des Völkerrechts unaller moralischen Gesetze, die hierbei zum Ausdruck gekommen ist, hat der sorglosen Mitwelt gezeigt, wie unmoralisch die heutige Politik ist, und „Politik regiert die Welt". Trotz der Arbeit von Jahrhunderten, trotz der Aufklärung und Bildung, die heute allgemein herrscht, trotz einer 2000jährigen Erziehung durch die Moral des Christentums ist die öffentliche Meinung Europas nicht so mächtig, daß sie einen offenen Ueberfall am hellen Mittag, einen brutalen Ranbritterstreich verhindern könnte. Und der diese Wegelagerertat begangen hat, ist kein rückschrittlicher Barbarcnstaat, kein orientalisches Despotenrcich, cs ist das aufgeklärte, demokratische, radikale Italien! Mau wird unwillkürlich daran erinnert, daß. in demselben Italien die Wiege M a ch i a v e l l i s gestanden hat; der Geist der Condottieris aus der Rcnaissancczcit ist noch nicht erloschen! ' Wir Juden müßten eigentlich ein Gefühl der Freude und des Stolzes jetzt einpfinden; der Freude darüber, daß wir nicht zu diesen arischen Stationen zählen, die solche Politik treiben, Stolz darüber, daß wir in einer Welt kalter Egoisten und brutaler Machttheoretiker schier die einzigen Vertreter wahrer Ethik und wahrer Gerechtigkeit sind. Wir haben zwar nie der Welt gepredigt: „Wenn man dir auf die rechte Wange schlägt, so reiche auch die andere dar!" aber dafür haben wir auch nie die Macht als eine moralische Legitimation proklamiert, und unser Staat würde solche Wegelagererpolitik gewiß nicht treiben. Wer weiß, ob nicht vielleicht das eine notwendig aus dem anderen folgt? Doch nicht nur vom moralischen Standpunkt aus ist uns Juden die Tripolisaffäre von Interesse, auch politisch ist sie für uns von höchster Bedeutung. Ist doch das Land, das von ihr betroffen wird, die Türkei, der Staat, in dem das Land unserer Zukunft liegt. Nun würde die Wegnahme von Tripolis zwar eine Schwächung der Türkei bedeuten, aber für lange Zeit hinaus hat noch die Türkei so viel mit ihren übrigen Provinzen za tun, daß sie den Verlust dieses entlegenen Stückes nicht so schmerzlich empfinden wird. Die Hauptsache ist also die, daß der Krieg lokalisiert bleibt und daß der Bestand der übrigen Türkei gesichert wird. Dies ist aber, wie die Lage heute ist, sicher zu erhoffen. Die europäischen Mächte, die ein Interesse am Bestände der Türkei und an der Aufrechterhaltung des' Status qua haben — aus moralischen Gründen werden sie es gewiß nicht tun —, werden allem Anschein nach den Krieg durch eine Intervention beenden; Tripolis wird italienisch werden, die Türkei wird das' Protektorat und eine Entschädigung erhalten und wird in Italien für die Zukunft einen sriedlichen, sogar gutgesinnten Nachbar haben. So darf man die Lage nicht allzupessimistisch ansehen. Eine gute Lösung ist schon für die nächste Zeit zu erwarten. An unseren jüdischen Bestrebungen in der Türkei wird nichts geändert werden. Bleiben wird jedoch die moralische Lehre, die der Tripolisfall der ganzen Welt erteilt hat. Und wenn schon längst die Politischen Folgen der Tripolisaffäre vergessen sein werden, oie moralischen werden es nicht sein. Wenn die islamitische Welt schon längst den Verlust von Tripolis verschmerzt haben wird, die politische Moral der christlichen Arier, die sich hierbei bekundet hat, wird sic nicht so leicht vergessen. Und dies ist gut so. Ja, dies wird sogar eine erfreuliche Folge der Tripolisaffäre sein. Die innere Moral seiner Mitmenschen in ihrer Unverhülltheit zu erkennen, ist stets ebenso vorteilhaft wie belehrend. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin» 4. Okt. Morgen findet die Feier der Grundsteinlegung für das neue Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an der Ecke der Exerzier- und Schulstratzc statt. Die Kosten des N:ubaues werden einschließlich des Grunderwerbs — die Stadt Berlin gab den 3,3 Hektar umfassenden Bauplatz zu mäßigem Preise — über 41/2 Millionen „/£. betragen. Das Krankenhaus wird 230 Betten enthalten. Berlin. Der die Zeit dom 1. Oktober 1909 bis 31. März 1911 umfassende Geschäftsbericht des Verbandes der Deutschen Juden ist reich an interessanten Einzelheiten aus den Gebieten, denen der Verband seine Tätigkeit 'widmet. Diese Gebiete sind folgende: Lj Apologetik, 2) Schutz religiöser Interessen (Sonntagsruhe, Einstellung jüdischer Rekruten an Feiertagen, Maßnahmen zum Schutze des Schächtens), 3) Schul an gelegenst eiten (Wiedereinführung der Religionsprüfung jüdischer höherer Lehramtskandidaten in den Reichslanden), 1) BekampfnngvonZurücksetznngundAusnahmebehandlung (Zurücksetzung in der Zulassung zu Aemtern, Ausnahmebchandlung in anderen staatsbürgerlichen Beziehungen). Der Apologetik war eine Nummer des Korrespondenzblattes gewidmet. Rabb. Dr. B a e ck - Düsseldorf wurde beauftragt, ein apologetisches Werk zu schreiben. Ferner wurde die Einrichtung einer apologetischen Bibliothek bezw. eines Zettelkatalogs und eines Archivs beschlossen und zum Leiter dieses Archivs Dr. S. Bernfeld -Charlottenburg ernannt. Abteilung 2 >iyed 3 seien, da deren Leistungen bereits von Fall zu Fall mitgeteilt worden sind, hier übergangen. In Abteilung 4 hat der Verband durch nachhaltiges unermüdliches Fordern der durch die Gleichberechtigung gewährleisteten Rechte, unterstützt durch statistisches Material, kleine Fortschritte zu verzeichnen. Trotzdem bleiben in Preußen den Juden der Offiziersberuf, das Schnldirektorat, die ordentliche liniversitätsprofessur, das Amt eines Eisenbahndirektors (zwei ungetanste Juden bringen es nicht über den stellvertretenden Präsidenten, während ein Jude, der ■ sich taufen ließ, Ministprial-, direktor geworden ist) ic. verschlossen. Charlottenburg. Hier wurde ein jüdisches Klubhaus eröfsuet. Es unifaßt sieben geräumige Zimmer mit Lese- und Speisesaal und soll dazu dienen, die Jugend 511 sammeln und sie in Verkehr zu bringen mit Akademikern. -t Strafiburg. Das israel. Konsistorium batte anläßlich des Bersöhnungsfestes das Generalkommando ersucht, den Eintrittstag für die israelitischen Einjährig-Freiwilligen auf den 3. Oktober zu verschieben. Hierauf erfolgte folgende Antwort: „Dem Anträge vom 1. August 1911 entsprechend genehmige ich, daß der Diensteintritt derjenigen Einjährig-Freiwilligen israelitischen Glaubens, welche es wünschen, in diesem Herbst am 3. Oktober innerhalb des XV. Armeekorps stattfindet. Die beiden Tage wären nachzudienen. Der kommandierende General, gez. v. Fabeck. Da der 1. Oktober dieses Jahres auf einen Sonntag fiel, traten die Einjährig-Freiwilligen in diesem Jahre alte erst am 2. Oktober ein. Warum nun die jüdischen Einjährigen zwei Tage nachdicnen sollen, während ihr Eintritt in Wirklichkeit nur einen Tag später erfolgte als der' der übrigen, ist unverständlich. Das hiesige Konsistorium wird sich dieser Angelegenheit wegen mit einer Deputation an den Kstiser wenden. Oesterreich-Ungar». Jaroslau. Die jüdische Bevölkerung begab sich, wie alljährlich, am Roschhaschanahfeste zum Flusse San, um dort das Taschlich-Gebet zu verrichten. lieber den Fluß führt eine Brücke, auf welcher das Gebet verrichtet wurde. In diesem Jahre gab es ans dieser Brücke ein solches Gedränge, daß dieselbe mitten im Gebete einstürzte, sodaß nahezu 100 Personen in das allerdings nicht sehr tiefe Wasser fielen. Die am Ufer Stehenden eilten den Verunglückten zu Hilfe, und es gelang, sämtliche an Land zu retten; doch erlitten viele von' ihnen Verletzungen. Frankreich. Paris. Die jüdische Gemeinde befindet sich in einer kritischen finanziellen Lage. Das Jahr 1910 schloß bei 979 923 Francs Einnahmen und 1035508 Francs Ausgaben mit einem Defizit von 55585 Francs ab. Es mußten daher fast sämtliche aus dem Jahre 1905 noch vorhandenen Reservefonds aufgebraucht werden. Die Zahl der Gemeindcmitgtleder betrug Ende Dezember 3993 (gegen 3870 im Vorjahre) — Salomon Reinach, der Leiter der Alliance, befindet sich nicht darunter — mir einer Steuersumme von 203 046 Francs (gegen 258 434 im Vorjahre). Ein Mitglied bezahlt ei',len Jahresbeitrag von 30 000 Francs, 3 .einen solcheit von 5000 Fr., 4 von 3000 Fe., 3 von 2500 Fr., 1 von 2000 Fr. nsw. Das Kultlcspersoual besteht aris 11 Rabbinern, 16 Kantoren, 18 «ckretariatsbebeamten, 4 Chordirigenten, 127 Chorsängern, 17 Schächtern, 43 L-Yiiagogendiencrii re. 2928 Kinder erhielten Religionsunterricht, 355 nahmen an der Konfirmation teil, 256 feierten jhre Barmitzwoh. Ferner fanden 353 Trauungen und 972 Beerdigungen statt. Paris. In Boulogne-sur-SeiQe fand die Einweihung der n e u e r r i ch t c t e n Synagoge statt. Die neue Synagoge, ein prachtvoller, moderner Bau, wurde vollständig auf Kosten der Baronin Edm 0 nd de Rothschild erbaut. Der Einweihungsfcier wohnten außer den Vertretern des Konsistoriums die Honoratioren der Stadt und mehrere Mitglieder der Rothschild-Familie bei. Rußland. Petersburg. In der „RoSja" giebtSiromj a t n i k 0 w eilten Ausspruch Stolyvins wieder,, den dieser im Jahre 1906 getan habe. Danach sagte Stolypin: ,Juden werfen Bomben. Wißt Ihr aber, wie die Juden im Ansiedlungsrayon leben? Habt Ihr schon einmal die jüdische Armut gesehen? Wenn ich unter solchen Bedingungen leben müßte, — ich glaube, ich hätte wahrscheinlich auch Bomben geworfen." Palästina. Jerusalem. Ein Problem, das die größte Aufmerksamkeit der jüdischen Oesfentlichkeit erfordert, ist das Problem der jüdischen Arbeit für jüdische Arbeiter. Es' ist eine Tatsache, daß von der jüdischeil Bevölkerung hauptsächlich die bedürfnislosen und daher billigeren arabischen Arbeiter benutzt werden. So werden in der Kolonie Pithach Tikwah zu Zeiten 2000 Araber 'beschäftigt. Andererseits dürfen die Araber nicht brotlos gemacht und so die Beziehungen zur arabischen Bevötkerling aufs schwerste getrübt werden. Es braucht nicht besonders hervorgchoben zu werden, welches dringende Interesse wir daran haben, Hunderte brotlose Juden als Arbeiter erwerbsfähig und ansässig zu machen, aber im Hinblick ans unser Verhältnis zur arabischen Bevölkerung darf in diesen Bestrebungen Mir vorsichtig und schonend vorgegangen werden. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Die Reichshauptstadt hat seit den hohen Feiertagen eine Synagoge mit sephardischen Ritus. Die dem israelit.-sephard. Verein gehörende Synagoge befindet sich Lützowstr. 111. Dr. I. Marcussohn vom Kgl. Material- Prüfnngsamt erhielt den Titel.Professor. Breslau. Samuel Wilhelm Freund. Geh. Justizrat, Ehrenbürger der Stadt Breslau, Vorsitzender der Repräsenten der jüdischen Gemeinde, der Stadtverordneten und der Anwaltskammer, Senior des Provinziallandtages :c., war anläßlich seines 80. Geburtstages der Gegenstand großer Ehrungen. So beschloß die Stadt die Errichtung einer seinen Namen tragenden Stiftung und bewilligte dafür 50000 Mark. Builapeft. Leopold Kronberger, General- Direktor der Ungar. Mlgem. Sparkasse, und Albert Frankfurter, Generaldirektor des Oestrrr. Lloyd, erhielten den Titel H 0 f r a t. Lemberg. Die Kutsbefitzerseheleute Leon und Betty Sarnes stifteten — zum Andenken an ihre verstorbene Tochter — 50000 Kr., deren Zinsen alljährlich am Jahrzeitstage zwei jüdischen Hörerinnen der Lemberg er Universität zu verleihen sind. Außerdem stifteten sie dem jüdischen Waisenhause 7000 Kr. zur Erhaltung eines Waisenkindes und die gleiche Summe dem jüdischen Krankenhause zur Errichtung eines Bettes. Prefiburg. Die „llngarl. Jüd. Ztg." stellt fest, .daß heute in der frommen Kreßburger Gemeinde unter 900 Familien kaum 300 den Sabbat beobachten. Krakau. Hier haben die Nonnen wieder ein jüdisches Mädchen geraubt und zur Taufe geführt. Kiew. Vom hiesigen Polytechnikum find alle jüdischen freien Zuhörer ausgeschlossen worden. Warschau. Da viele Chassidim die Feiertage bei dem Giver Rebbe zuzubringen pflegen, hatte die Eisenbahn vor und nach Rausch-haschonoh je einen Extrazug. eingelegt.

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