Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. erzeugt hat, das Ziellose nt der Taktik, vor allem der Mangel einer leitenden Persönlichkeit, die kraft ihrer Autorität von selbst eine unbestrittene Führcrstellung hätte einnehmen können. Trotz all dieser Fehler,' die im wesentlichen Fehler des ganzen osteuropäischen Judentums sind, schreitet die nationale Werbearbeit besonders in Galizien mächtig fort und gewinnt täglich an neuen begeisterten Anhängern. In religiöser Hinsicht sind leider nicht dieselben günstigen Erfolge zu verzeichnen; doch liegt das zum guten Teil auch hier wieder an der Unsähigkett der Orthodoxie, organisatorisch, zielbewußt und vernünftig zu arbeiten. Besonders die Rchbes der ChassidiNt mit ihrem weltfremden und daher fanattschen Handeln schaden der Ausbreitung des gesetzcstrcuen Gedankens in hohem Grade. Doch ist zu hoffen, daß im Lause der Zeit auch in diesem Lande eine Wendung zum Besseren eintteten wird, wie wir es in Rußland heute schon leise wahrnehmen können. Bon Oesterreich wenden wir uns südlich auf dem Wegestreifen nach dem Balkan, konflatse.cn den mächttgen Fortschritt des nationalen Gedankens in Bulgarien, wo bei den letzten Gemeinocwahlcn die nationale Partei einen großen Sieg errungen hat, und geladen zur Türkei. Das innere Leben der türkischen Judenheit gewinitt von Jahr zu Jahr größere Bedeutung; das letzte Jahr stand im Anfang noch ganz unter dem Einflüsse der Apathie und Tatlosigkeit, die bisher die türkische Judenheit beherrscht hat; die breiten Massen wäre indifferent, die Führer verharrten in Untätigkeit, und die einzigen, die von sich hören ließen, waren die Zionisten auf der einen, Fresco und Genosse» auf der anderen Seite; und der Chacham- Baschi, Haim Nahum — nun, wir sagten schon voriges Jahr, Haim Nahum ist cm kluger Mann; und so benahm er sich auch in dem Kampfe zwischen den Zionisten und Fresco, wie sich kluge Leute meist zu benehmen pflegen; er blieb ruhig und wartete ab, wer das' Glück auf seiner Seite haben werde. Anfangs schien Fresco durch sein lautes Schreien und infolge der Furcht, die die unfreundlichen Worte deI Großwesirs über den Zionismus in der türkischen- Judenhcit ausgelöst hatten, die Majorität derselben auf seiner Seite zu haben, und Haim Nahum liebäugelte ihm zu; Fresco war sein Intimus und der „Tiempo" sein offiziöses Organ. Als Fresco es zu weit trieb und durch sein ehrloses Benehmen in wetten Kreiser der türkischen Judenheit Anstoß erregte, wurden die Beziehungen Haim Nahums zu ihm etwas kühler, und er gab . bekannt, daß der „Tiempo" nicht sein offiziöses Organ sei. Als endlich in letzter Zeit die nationale Strömung stärker wurde und der Medschlin dschismani in Konstanttnopcl einen nationalen Aufruf erließ (f. Aus den Ereignissen des Tages Rr. 39), war Haim Nahum sofort dabei und war der erste, der seinen Namen unter diesen Aufruf setzte. Man sieht, Haim Nahum ist in der Tat ein lluger Mann; von ihm ist daher nichts zu befürchten; wir brauchen nur die türkische Judenhett für die nationale Idee zu gewinnen, und Haim Nahum wird sich zu ihreni feurigsten Anhänger verwandeln. Die türkische Judenheit aber -für den Nationalismus zu gewinnen, dies fft für jetzt das wichtigste; und wir hoffen und wünschen, daß die neue zionistische Leitung dieser Aufgabe mit allen Kräften gerecht zu werden suchen wird. Eine besondere Bettachtung gebührt Palästina. Das große Ideal, Palästina zum kulturellen Zentrum des Judentums zu machen, nähert sich immer mehr, seiner Verwirklichung. Schon hat sich dort eine r c i chcLitcratur enffaltet, schon ist dort eine große Anzahl national geleiteter Schulen vorhanden, und immer neue Institutionen werden geschaffen; in Jaffa hat Frau Dr. Ruppin eine Musikschule gegründet, in Jerusalem ist ein neues Gymnasiuni in der Gründung, in Haifa wird am Bau des Technikums gearbeitet; mehrere neue, gut geleitete Zeitschriften sind' ge¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatk. gründet worden (wir erwähnen das vortreffliche pädagogische Organ „Hachinuch" unter der Leitung Dr. Turoffs, die gediegene Monatsschrift „Hameir", herausgegeben von I. Bclk i n d, und die inhaltsreiche Jugendzettung „M oledeth", hcrausgegeben von Sch. Ben-Zion); alles schreitet fort und entwickelt' sich. Natürlich ist nicht alles gut, was dort gc-, schaffen wird. Auch in Palästina gibt es neben den Lichtauch Schattenseiten; und die Auswüchse eines B renn er und anderer, die krasse Irreligiosität, die gerade die intelligenteren Kreise des neuen „Jischuw" beherrscht, die Respektlosigkeit upd Verachtung aller Tradition werfen sehr viel Schatten auf das jüdische Leben Palästinas. Doch wir halten diese Auswüchse und Verirrungen nur für eine zeitliche Krankheit, für Erscheinungen der „Flegcljahre". Man braucht sie nur als solche zu erkennen und man wird die Gefahren, die sie in sich bergen, nicht überschätzen und gewiß nicht ihretwegen den ganzen neuen „Jischuw" verurteilen wollen. Damit aber diese Verirrungen rasch verschwinden, ist eine rege Arbeitauch der gesetzestreuen Elemente nötig. Und auch auf diesem Gebiete ist ein Fortschritt zu vermerken, die Freie Vereinigung hat mit der Gründung von Schulen begonnen, die man aufs freudigste begrüßen könnte, würden sie nicht von dem exklusiven Geiste ihrer Initiatoren getragen, der „T ach kein'o ni" entwickelt sich recht erfreulich, und für das neue Jahr ist noch ein vermehrtes Arbeiten der gesctzestreuen Kreise zu erwarte». Man sieht: Palästina wird in der Tat immer mehr zum geistigen Zentrum des modernen Judentums, und dieses Bewußtsein durch die Ereignisse des letzten Jahres verstärkt zu sehen, ist eine der erfreulichsten Erscheinungen des Jahres 5671. l Schluß in der Beilage.) Aus dev Ereignisse» des Tages. 1. Bo« Jaum-Kippur z« Sukkaus. Es gibt vielleicht kein drastischeres Beispiel für die Anormalität und Not der Lage des jüdischen Volkes, als die Taffache, daß unsere historischen Feste nicht nur Erinnerungen an unsere Vergangenheit, sondern auch Bilder unserer Gegenwart sind. Wir feiern das P e s a ch f e st zur Erinnerung an unseren Auszug aus dem Lande der Unfreiheit und der Unterdrückung,. und wir leben heute wieder in Unfreihett und Unterdrückung; wir feiern das Chanukahfest zum Andenkeri an den enffchcidenden Kanrpf unseres Volkes gegen seine Feinde, und wir befinden uns heute wieder in einem solchen entscheidenden Kampfe wider unsere Feinde; wir feiern dasSukkausf c st zur Erinnerung an die Zeit, da wir in Hütten wohnten, da unser Leben allen Stürmen prcisgegebcn war und alles Haltes entbehrte, und wir leben heute wieder in Hütten, unser Leben ist auch heute schütznnd haltlos, aller Unbill ausgeliesert, allen Stürmen preisgegeben. Und so sind unsere historischen F e st e nicht nur Erinnerungstage, sondern auch Bitttage; wir freuen uns an ihnen nicht nur der glorreichen Erinnerungen, sondern flehen an ihnen zu unserem Gotte, daß wir wieder das erleben, zu dessen Erinnerung wir diese Feste feiern. Am Pesach flehen wir um eine .zwette Befreiung aus Knechtesland; am Chanukahfeste um einen nochmaligen Sieg über unsere Feinde, uni am Sukkausfeste flehen wir, daß unsere Hütten wieder zu Wohnhäusern werden, daß unser Leben einen Halt, unser Dasein ein Fundament erhalte. * Sukkaus folgt auf Jaüm!-Kippur; das Laubhüttenfest dem Versöhnungstage. In dieser Folge liegt ein tiefer Sinn, den zu erkennen recht wertvoll ist. Nach dem Tage der Versöhnung, da wir scheinbar mit allem versöhnt sind, keine Wünsche Nr. 40 und Begierden mehr haben, flehen wir am .Sukkaus, daß Unser Hüttenleben ein Ende nehme und wir ein Volk werden mit festem Sitz und eigenem Boden. Gerade nach dem Versöhnungstage ist diese Bitte doppelt notwendig und doppelt passend. Denn kein Tag ist so geeignet) das schreiende Bedürfnis nach festen Wohnsitzen, nach eigenem Lande, so mächtig und so sehnsüchttg empfinden zu lassen, wie der Bersöhnungstag. Denn er zeigt uns, läßt uns empfinden, daß das eine das andere bedingt und voraussetzt, daß wahre Versöhnung schier unmöglich ist, solange unser Leben ein Sukkausleben, ein Hüttenleben ist. Hier, im Goluth, wo wir von allen Seiten verfolgt sind, wo wir uns gegen eine Welt von Feinden zu wehren haben, wo wir täglich und stündlich in unserem Heiligsten gekränkt und verwundet werden, wo unser Streit mit unserer Umwelt, notwendig, unser momentanes Hadern mit Gott erllärlich und unser Zwist mit uns selbst natürlich ist, können wir die wahre Versöhnung nur schwer, fast überhaupt nicht erlangen; und wenn cs uns gelingt, sie zu erlangen, dann ist es nur für kurze Weile, denn kaum neigt sich oer Befföhnungstag seinem Ende zu, so beginnen wieder die Leide», die Verfolgungen und Kränkungen; wir verlassen das Gotteshaus, und der erste Schritt, den wir tun, ist der Schritt auf fremden Boden. Solange dasSukkausfcst n i ch t n u r eine historische Erinnerung, sondern leibhaftige Realität ist, kann der Jan m - Kippur schwerlich ein wahrett Versöhnungstag sein. Erst wenn wir leben werden »vie alle Völker, ein fieics Volk auf freiem Lande, wenn wir Herren unseres Daseins, wenn wir- Sclbstgebieter unseres Handelns und Denkens sein werden, wenn wir neben Stunden des Leidens auch Stunden der Freude, neben Momenten des Schmerzes auch solche des Glückes erleben werden, erst dann werden wir uns voll uni ganz versöhnen können mit unserer Umwelt, erst dann wird das Hadern mit unserem Gotte — auch nur für Momente — verbannt sein, erst dann werden wir mit uns selbst einig sein können, erst dann wird der Jaum-Kippur zum wahren Bersöhnungstagc in vollem Sinne dieses großen Wortes sein können. * Auf Jaum-Kippur folgt Sukkaus, dem Bersöhnungstag das 'Laubhüttenfest. E r st muß das Sukkaus fest zu dem werden, was es war, einzig und allein zum Feste hi st arischer Erinnerung, dann kann auch Jaum-Kippur zu dem werden, was es war, zum Tage völliger Versöhnung, dann können w i r a u ch das w erden, wozu ganze Versöhnung wichtigflc Bedingung ist: volle, ganze Juden. %. Die politische Moral der Arier. ZurTripolisafsäre. Max Nordau sagt einmal irgendwo: „Zur Moral muß man geboren sein. Die arischen Völker sind nun einmal nicht für die christliche Moral geboren!" Wer noch daran gezweifelt hat, wird wohl durch die Tripolisaffäre von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt worden sein. Da werfen wir den ganzen Tag um uns mit den hochtrabenden Worten von der Menschenliebe, der sozialen Echik und der Bruderschaft der ganzen Menschheit, werfen uns stolz in die Brust und verweisen auf den Fortschritt unserer Zeit, jubilieren darüber, wie herrlich weit wir cs gebracht haben, fordern den ewigen Frieden und rufen gar noch mit Ulrich von Hutten: „Welch eine Lust, in einem solchen Jahrhundert zu leben!" und plötzlich, ohne Lärm und viel Geschrei, überfällt Italien die Türkei und erklärt ihr den Krieg; warum? warum, wer sind die Dummen, die noch nach Gründen fragen; wie singen doch die Buben auf der Straße, die es noch nicht gelernt haben, ihren Egoismus mit dem weißen. Mäntelchen der Mo-