Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692756--06474-2701482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•fjr Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— * mit HefchLftsst-kK: 1 Frankfurt a. IN.. XSxxttQ&ftritge 7 ‘fettfou 10507. ^erattsgeV-p: Karg chsis. JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . WPsg. Die Reklamezeile. . 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. Nt. unter Ro. 4884. i 9. Jahrgang. Freitag, den 14. ^iseliri 5672 (6. Oktober 1911) Rr. 46. IIIAAMAM •'prTpr-VJ'T ▼pr TJv VJV MIM Infolge der Feiertage fallt die nächstwöchentliche Nummer aus. Die nächste Nummer erscheint also am Freitag, den 20. Oktober. y^YTTTTTTT Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Jahr 5671. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Bon Jaum-Kippur zu Sukkaus; 2. Die Politische Moral der Arier. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Aus beit Vereinen. — Feuilleton: Im Kurort. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Das Jahr 5671. (Schluß.) Bon der äußeren Lage unserer Brüder sprachen wir in unseren beiden vorigen Artikeln, nynmchr wollen wir ihre innere Lage, die des Judentums behandeln und Revue über die geistigen Ereignisse des Jahres halten. Da können wir einen ~ erfreulichen Fortschritt in jeder Hinsicht auf der ganzen Linie konstatieren. Zunächst sei des Zentrums der Judenheit, R u ß l a n d s, gedacht. Die Judenheit dieses Landes steht, wie bekannt, unorganisiert da, weder ist die Orthodoxie noch der Freisinn organisiert, alles steht und wirkt in- und neben einander, sich unbewußt beeinflussend, södaß all, das geistige Schassen auf die Initiative Einzel-1 »er, einzelner Personen oder Vereine znrückzu-' führen ist; eine Ausnahme bilden die Zionisten — der Bund kommt gegenivärtig nicht in Betracht, da er einerseits fast gänzlich aufgericben ist, anderseits aber im wesentlichen sozialpolitisch, aber nicht jüdisch — trotz seiner Bortäuschung des Jüdischen aus rein taktischen Gründen — wirkt. Dieser Umstand des Unorganisiertseins — wem: er auch unverkennbar manche Vorteile, wie den der Förderung der Einzclinitiative und der gegenseitigen Befruchtung und Beeinflussung bietet —, bringt es mit sich, daß die Summe der geleisteten Arbeit geringer ist als diejenige, die bei einer Organisierung der russischen Judcuhcit hätte geleistet tverden können. Aber auch die einzige Organisation, die die russische Judenheit gegenwärtig aufzuweiscn hat, die zionistische, hatte im verflossene» Jahre stark von der grausamen Hand des tierischen Nationalismus unter dem gewaltsam dem Leben entrissenen „liberalen" Premier zu leiden gehabt, sodaß eine legale Arbeit schier unmöglich: war. Auch wurden alle jüdischen Gesellschaften hart bedrängt, die literarische Gesellschaft, die 98 Filialen hatte, sogar noch vor kurzem geschlossen. Und doch, trotz der unermüdlichen Schikanisierung und Knebelung des durch den sinnlosen Barbarismüs geheiligten Stolypin ist ein wesentlicher Fortschritt auf allen Gebieten des rein jüdischen Lebens in Rußland zu verzeichnen : das religiöse Leben hat eine gewisse Bertiesting erfahren und das wistenschaftlich-literarischc ebenso. Das „S ii ch e n nach G o t t" ist heute zum guten Tone innerhalb der jüdischen Intelligenz geworden; cs ist zwar ein gut Teil Künstliches dabei . . . allein das Künstliche kann, wenn es längere Zeit anhält, zu Natürlichem tverden, und bedenkt man, daß dieselbe Intelligenz es ist, die einst den Atheismus so sehr zur Schau getragen hat, so darf diese Sinnesänderung als Symptom und als Zeichen der Zeit bezeichnet und eingeschätzt werden. Ebenso muß man das große Interesse an den literarischen Abenden und sonstigen jüdischen Vorstellungen, das das jüdische - Publikum allerorts an den Tag legte, als günstiges Zeichen betrachten. In den jüdischen Häusern tvnrde viel mehr Hebräisch getrieben, aber auch Mehr Gemoro gelernt. Auch die Literatur tvnrde um viele vortreffliche Werke auf allen Gebieten, auch auf dem der K i n d c r - Literatur, bereichert; hierin hat sich in erster Linie der rühmlichst bekannte Verlag „Tuschijah" verdient gemacht; das große Unternehmen dieses Berlages, die „Bibliotheka gcdalah", wurde weiter fortgesetzt; auch eine Kinderbibliothek rief er ins Leben. Die Zeitung „Hazefirah", die unter der bewährten Leitung S o? o l o w s im vorigen Jahr wieder zu erscheinen begann, fand große Ausbreitung. Kurzum, das Judentum gewann an Boden, es gewannen somit alle Parteien, die den Willen zum Judentum haben. Ob die Orthodoxie bei diesen! Judaisiernngsprozesse große Erfolge erzielt hat. sei dahingestellt; fehlt cs ihr doch an jeglicher Organisation, an guten modernen Schulen und an ernst zu nehmenden Zeitungen und dergleichen mehr. Soweit das Judentum in Rußland. Wir gehen vom Lande der N n organisation zum Lande der Organisation, und da fällt unser Blick unwillkürlich auf unser Geburtsland Deuts ch l a n d. Noch in keinem Lande der Welt steht die Judenheit so organisiert da wie in Deutschland, besitzt es doch nicht nur einen „Verband der Deutschen Juden", einen „Gcmeindebund", sondern auch Rabbiner- und Lehrer- Verbände. In einem solchen Lande ist der Stand des Judentums leichter zu ermessen, alles ist übersichtlicher. Und welche Fortschritte brachte uns das verflossene Jahr? Sind überhaupt Fortschritte zu verzeichnen? Gciviß, gar viele! Ein Hinweis auf die lebhaften Kämpfe mancher Gemeinden — insbesondere der Großgemeinde Berlin — bei den Repräsentantcnwahlen, wie auch bei den Wahlen zum G e in e i n d e t a g, sowie der Kampf der deutschen Konferenzgemeinschaft gegen die Pariser Zentrale der Alliance genügen, um dies zu bestätigen. Wir haben zur Zeit all diese Ereignisse ausführlich behandelt und unterlassen es daher, auf dieselben des näheren einzugehen. - Es wären noch mehrere Beispiele, die für diese unsere Behauptung sprechen, anzusühren; allein wir wollen uns nicht ins Einzelne verlieren. Zwei Erscheinungen jedoch seien hier erwähnt, die eine: die loyale und wohlwollende Haltung der jüdisch-liberalen Presse gegenüber dem zehnten Zionistenkongresse, die andere: die Tagung des Verbandes der jüdischen Lehrer Deutschlands in unserem Frankfurt und der Geist, der diese Tagung beherrschte. Es weht ein Zug der Religiosität und der Neigung zuM Judentum in allen Kreisen der deutschen Judenheit; dieser Zug zuni Judentum kommt allen Parteien zugute; bei den Liberalen weicht der Jndifferentismus und das Interesse fiir das Judentum nimmt stetig zu; bei den Orthodoxen breitet sich das Forschen des Gesetzes und der „limud hatauroh" imnier mehr aus. Und doch kommt dieser Fortschritt in erster Linie den Mittelparte i e n zugute, nicht aber de» extremen! Unser Zeitalter hat wenig Verständnis für das Extreme. ' Was die getrennte Orthodoxie, speziell ihre F ü h r e r, bctrisst, so hat sie. im verflossenen Jahre an Schärfe das höchste Maß erreicht, fast zu allen Erscheinungen des jüdischen Lebens hat sie sich ablehnend verhalten. Bon diesen Kreisen ging auch der Gedanke der Gründung eines orthodoxen Weltverbandes („Agudas Jisroel") ans. In der breiten jüdischen Oeffentlichkeit fand dieser Gedanke wenig Anklang. Wie hätte dies auch nach der alles negierenden Haltung dieser Kreise anders sein können? Schon das Moment der Trennung, das hinter diesem Plan stecken könnte, genügt, um ihn von vornchcrcin scheitern zu lassen. Das innere jüdische Leben in Oesterreich zeigte dieselben Eigenarten wie in den früheren Jahren, dieselben Vorzüge und dieselben Fehler; seine Vorzüge: die nationale Begeisterung und Aufopferungsfähigkeit der Masten, das lebhafte jüdische Interesse, die rege Betätigung inr jüdischen Sinne und im letzten Jahre noch besonders ersieuliche Fortschritte auf dem Gebiete der hebräischen Literatur; seine Fehler: die Zersplitterung und Zerklüftung innerhalb der breiten Massen, der unschöne, oft anwidernde Bruderkampf zwischen den Führern, der krankhafte Ehrgeiz, den die nationale Arbeit in manchen Köpfen