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Neue jüdische Presse · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches FamWenblatk. Nr.- Ä. GotteSwelt in sich zu erleben, nur der kann die Weihe die Bußzeit voll emwinden und ihr großes Ziel, beit Sieg der Gotteswelt über die kleinmenschlrche als den wahren Sinn alles Lebens anerkennen- Darum ist ja die Sabb'atidee dem modernen Juden noch unentbehrlicher, als sie unseren Vätern war. Der alte Jude hat, ebenso wie der frühere Christ, diel mehr intuitiv gelebt als der heutige. Der Lug unserer Zeit verringert von Tag zu Tag die Wunden der Intuition. Während unsere Voreltern keinen Dag ohne intuitives Leben waren, nimmt heute unsere ganze Zeit die Derstandesarbeit gefangen. Früher war der Sabbat nur die Fortsetzung des Innenlebens, das auch! an Werktagen nicht gefehlt hat, heute aber, verlören wir noch die Sabb'atidee, woher sollten wir die Intuition nehmen, ohne die ein religiöses Leben unmöglich! ist? Nur die Stunden echter Sabbatheiligung können uns die verlorene intuitive Kraft wiedergeben, indem wir uns an diesem Tage zur Intuition erziehen, durch die der große Gedanke der Bußzeit, die Höherschätzung der Gotteswelt als die Welt.des Kleinmenschlichen, in uns allen Kraft und Leben gewinnen wird." Wie er den Sabbat wieder erobern will, sagt Dr. Ziegler freilich!' nicht. Wir halten es Wer schön für wertvoll, daß man in den maßgebenden liberalen Kreisen allmählich zu der Einsicht kommt, welche Folge die so leicht hergegebene Preisgabe des Sabbats gehabt hat. Hamburg. Das Repräsentantenkollegium genehmigte den Statutenentwurf für die neugegründete Wohlfahrtskommission. Diese Kommission soll der Zentralstelle für jüdische Wohlfahrtspflege leiten. Sie besteht aus zwei Mitgliedern des Gemeindevorstandes und zehn anderen Gemeindemitgliedern. Ihre Tätigkeit umfaßt die systematische Bearbeitung des zugehenden Materials, Auskimfterteilüng andie! angeschlossenen Stiftungen, Anstalten und Vereine zum Schutz vor mißbräuchlicher Aüsimtzung, sowie an Private durch Aufschluß Wer Arbeitszeit und Arbeitsleistung usw. und die Herausgabe eines Handbuchs für jWische Wohltätigkeit in Hamburg. ES haben sich bereits über 60 Vereine und. Stiftungen zürn Anschluß an die Wohlfahrtskommission bereit erklärt. Bad Kisfiugen. Der demnächst zusammentretenden Kurkommission wird nach einer Meldung deS Würzburger „General-Anzeigers" eine Reihe von Wünschen und Anliegen des Kurvereins und der Stadtvertretung vorgelegt; hierbei soll auch eingehend besprochen werden, was geschehen kann, um schlechtgekleidete Personen, insbesondere Kaftanträger, aus den Kurlokalftäten mrd Anlagen möglichst zurückzudrängen. Sollte nach dieser Richtung irgend ein Beschluß gefaßt werden, so wird die jWische Presse dafür propagieren, daß ehrbewußte JWen Kissingen meiden. Der Kurverwaltung geht die Form der Kleidung der Kurgäste garnichts. an, und.sie wird sich auch nicht erlauben, irgend einem Ausländer seine Nationaltracht zu verübeln, wenn dieser Ausländer — wie man sieht — nicht grade Jude ist. Die Kaftanjuden haben einen großen Anteil an dem mächtigen Emporblühen Kissingens,; — jetzt will ihnen Kissingen feine Dankbarkeit dafür, quittieren.. Oesterreich-Ungarn. Budapest. In Javlonka ereignete sich folgender kaum, glaubliche Fall: JWische Handelsleute aus Galizien kauften an dem Markte wie immer größere Posten Von Geflügel ein. Ein Gendarm verlangte von ihnen, was noch nie vorgekommen war, den Gewerbeschein; natürlich hatte niemand diesen böi sich. Hierauf erklärte der Gendarm die Handelsleute — es waren sieben — für verhaftet und führte sie aufs Gemeindehaus'. Die Bürgschaft angesehener Bürger, Kautionshinterlegung, alles half nichts) die ,,Verbrecher" wurden nach dem in einem anderen Orte befindlichen Bezirksgerichte befördert. Dort wurden sie endlich auf freien Fuß gesetzt. — Es weist auf einen trostlosen jüdischen Stand der ungarischen Juden hin, daß unter ihnen die Mischehen. so sehr tzunehmen. Im JUli siW nicht tveuiger alS 70 Ehen zwischen JWen und Christen geschlossen worden, bei denen sämtlich ehekontrEljch festgesetzt wurde, daß die KiWer als Christen erzogen werden sollen. Niederlande. Amsterdam. Anläßlich der Eröffnung des mit .einem Kostenanfwande von Wer 1 Million Mark errichteten neuen Gebäudes der Diamantenbörse sei darauf hingewiesen, daß die 1300 Mitglieder derselben fast sämtlich Inden siW. Die Börse und das darin befindliche Postamt siW Sambtags geschlossen uW Sonntags geöffnet. Rntzlanv. Petersburg. Die Aus Weisungen jüd- Messebesucher aus Nischiu-Nowgorod hat ihre bemerkbaren Folgen gehWt; der Umsatz auf dem dortigen berühmten. Markte betrug diesmal 25°/o w e n i ge r w i e s o-n st. Kiew. Die Kiewer Juden haben in den letzten Tagen eine schlimmere Panik als selbst nach Kischinew durchgemacht. GW es doch diesmal wirklich erboste Bolksmassen, die, zur Vergeltung für die Ermordung Stolypins jeden Augenblick über die JWen herzushürzen bereit waren. Ein Zündstoff sondergleichen Ivar gegeben: alle Kiüver Derbändler wissen genau, wer Bagrow ist, und sein typisch jüdisches Aussehen hätte der Pogrompropaganda noch! weitere Dienste geleistet. Zudem hatte erst vor kurzem die sogenannte Ritualmvrdaffäre die ungebildete Bevölkerung aufs äußerste erregt. Und trotzdem kein Pogrom! Wie konnte das geschehen? Nun, sehr einfach. Der Zar hat nicht gewollt und die Behörden haben nicht gewollt, daß «in JWenpogrom in Kiew stattfände, und die Pogromisten wußten es nach der Mahnung des Zaren und nach den scharfen Drohungen des Generalgouverncurs, daß ein Judenpogrom ein energisches Eingreifen uW wirkliche Strafen nach sich ziehen würde, .— und diese Erkenntnis genügte. Kiew. An den beiden Tagen 18. und 19. Septbr. flohen au 120Ä) Inden aus Kiew. Die Eisenbahn hatte Schwierigkeiten, die Massen befördern zu können. Infolge des sichtbaren festen Willens der Negierung, Pogrome zu verhindern, hat sich die jüdische Bevölkerung wieder beruhigt. Amerika. New-Nork. Eines der größten und glänzendsten Krankenhäuser Amerikas ist das jüdische „Mount Sinai"-Hofpital. Es ist ständig von 400 Patienten belegt. In seiner Poliklinik wurden im letzten. Jahre etwa 50000 Menschen behandelt. Die Ausgaben des vorigen Jahres betrugen 414000 Dollars. Ans den Vereine«. Frankfurt a. M. Der Verein zur Speisung durchreisender Israeliten an Sabb.atu n d Feiertagen veröffentlicht sein« Rechnungs- Wlage Wer die Jahre 1908—1910. Er vereinnahmte in diesen drei Jahren mr Mitgliederbeiträgen 2931 .Jk, 2914 Jk, 2801 Jk und au Spenden 2439 Jk, 2196 Jk, 2047 Jk, was zeigt daß auch bei diesem Woraus dringlichen Verein die. Einnahmen sich verringern. Der Vorstand des Vereins besteht aus folgenden Herren: H. Birnbaum, Jakob Ettling er, Meier Selig Goldschmidt? Gerfo n Jg erSh c imc r und Meier Nutzbau in. Das Wunder ans dem Jndenfriedhof, Von Kle mens Junosza. Deutsch von S. Horowitz. (Schluß.) Ter RWbi schaute sich um und wies schließlich mit einem Finger auf einen Burschen . . / auf ein Keines, etwa sechsjähriges Bürschlein — und sagte zu ihm: „Sbntm nur her!" Der Knabe kam heran: warum hätte er nicht hingehen sollen? Ein Alter fürchtet, solch ein Kind Wer nicht, denn es weiß nichts. Es blieb' vor der Bahre stehen und wartete, was der Rabbi ihm sagen werde... „UW Was hat er gesagt?" „Nicht viel. Er sagte: „Lieber Kleiner, geh' in mein Haus, in meine StWe, dort ist ein Schrank. Im Schrank sind Bücher. Nur gib gut acht, rücke dir einen Stuhl heran, um aufs höchste Regal zu gelangen. Wenn du dort Bücher sehen wirst, hast du sie von rechts "nach links, zu zählen, so wie man liest. Rechne eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs. Wenn du sechs gezählt hast, so nimm das siebente Buch und bring es her. Nur irre dich! nicht, denke gut — geh'!" Der Junge ging nicht, sondern jagte wie der Wind d<chin. UW die JWen verharrten in großer Angst, und niemand vermochte ein Wort hervorzubringen. Die Glocken ließen ein wenig nach. Wer nicht für lange, bald begannen sie noch stärker zu läuten. Oh, Sie verstehen, wie den Juden das Herz hat schicken müssen, als sie wie leblos, wie versteinert dastandcn. Der Bub blieb' Wer nicht lange aus und brachte das Buch) Der RWbi nahm es in die Hand, schlug es gerade in der Mitte auf uW begann zu lesest Da, da, Herr, trat solch ein Ereignis ein, das nicht zu fcffsen war." ,Mäs ist geschehen?" „Der ganze Hügel begann sich zu bewegen!" „Unmöglich!" ,Lch sage nicht richtig der ganze! Me Hälfte des Hügels, nein, dieses Grundstück) auf' iMchem die Kirche war. Langsam, mählich) in dem Maße Wie der Rabbi las, senke sich dieser Platz mit der Kirche, mit den Glocken, den Menschen immer ftefer, tiefer . . . langsam. Wer -stetig tiefer. . . und die Juden standen auf dem Friedhof und fürchteten sich zu rühren, denn alle hatte solch ein Schreck' erfaßt, als wäre schon Weltuntergang, als sollte, Gott behüte, die ganze Erde emsinken, zugrunde gehen in die Tiefe, in einen Abgrund stürzen." „Und weiter? Was ist weiter geschehen?" „Was hat geschehen sollen? Es entstand ein Lärm, TrWel uW Gejammer! Warum sollte man nicht jammern, denn wer will in die Erde einsinken? Und . wissen Sie, was geschah?" ,Mas?" „Nun — die größten Herren Edelleute, Gutsbesitzer, lauter Grafen, Geistliche kamen eiligst zum Rabbi auf den Kirchhof und sagten so: „Möge der RWbi uns keinen solchen Verdruß machen, möge der RWbi sich, beruhigen! Warum soll zwischen uns ein Streit sein?" Wie. Ihnen bekannt, kann man in solch einem: Falle sich nicht streiten... man muß eben bitten." > -. „UW der RWbi ließ sich versöhnen?" „Der Rabbi? Der RWbi hat es nicht nötig gehabt, Verzeihung zn gewähren, denn er hat es im voraus, vor dem Absterben gewußt, was geschehen wird. Er hat es noch, zu Lebzeiten gewußt, — er hat alles gewußt! Und deshalb, weil er es gewußt hat, hat man ihn nicht lange bitten müssen. Hat er denn wenig getan? Er erachtete es für hinlänglich-! Als sie ihn zn bitten begannen, sprach er kein Wort, sondern hörte auf zu lesen, und: sowie er im Lesen innehielt, — hörte auch, die Erbe auf sich zu bewegen, — und der Platz mit der Kirche, mit den Menschen und den Gebäuden blieb quf derselben Stelle, wo er heute steht." „Und der Rabbi?" „Ter RWbi rief den Knaben, der ihm das Buch gebracht. Er hieß ihn, es zurückzutragen und es an denselben Ort zn sizellen, — und danp» , . , und dann legte sich der Rabbi zurück aus die Bahre und War wieder tot. Dieselbe Macht, die die Juden an den Fleck gebannt hatte, drängte sie wiederum vorwärts, und sie gingen; sie beerdigten den Rabbi unter großer Trauer, Weinen und Gejammer. . . Dann ging jeder nach Hause, erzählte den Kindern das Vvrgefallene, und diese erzählten es dann, als sie heranwuchscn, ihren Kindern, uW so wird es von einem Geschlecht zum aiideren fortgesetzt. . . ." Berl seufzte. ,/Qas waren Zeiten, schöne Zeiten, die Menschen sahen große Ereignisse. — Doch >vas sieht man heute? — Daswas ich Ihnen sage, ist die Wahrheit. Wenn die Bücher anders sagen, — dann sagen sie eine Unwahrheit. Sie sagen: Die Geschichte! Sie sagen: Ein Dokument! Sehr richtig, das! UW loo sind die Zeugen, diebeim Unterschreiben waren?" „Und wo sind diejenigen, die das Wunder auf dem Friedhof gesehen haben?" „Sie sind nicht. Wer sie waren, bei meinem Gewissen — sie waren, nur sind sie schon tot. Ein Mensch kanndoch nicht ein halbes Jahrtausend leben." ,Das ist schon vor fünfhundert Jahren geschehen?" „Warum fragen Sie nach den Jahren? Ein Jude zählt nicht so Geld,- wie Sie diese Jahre zählen wollen.- Wozu? Wozu rechnen? Das, was gewesen, kehrt nicht wieder —. es war, es ist schon lang« gewesen, und das genügt. — Sie fragen: Wann? In welchem Jahr? An welchem Tag? Wie der Rabbi geheißen? Das ist ja ganz gleichgültig. Aus einem Hügel wurde ein Berg und ein -Tal. Auf der Welt passieren seltsame Sachen. Esist schrecklich auszudenken. Sie, zum Beispiel, glauben, dieses Feld sei ein .Feld, und dieser Wald ein Wald?" " „Was sollte es denn fein?" “ „Das ist Wald und Feld, der Mensch sieht nur. Wald und Feld, Wer im Feld und im Wald wimmelt eS von Geschöpfen, die ich gar nicht beim Namen nennen will. Sie gehen nur darauf aus, den Menschen, zugrunde zu richten," . Berl verfiel in Nachsinnen. Es war schon Nacht. Eine sternenhelle, klare Nacht, Vom Flusse drang, das Klappern einer Mühle, von den Dörfern Hundegebell. Ich. dachte über die Entstehungsgeschichte der von Berl erzählten Legende nach!. ,Herr, ich bitte Sie," ließ er sich vernehmen. ,Mas gibt's?" „Sagen Sie, was denken Sie von dieser Sache?" „SBon welcher?" „2km der ich Ihnen erzählte." „,Ein schönes. Märchen." „Ein Ämrchen! Das ist ein Märchen! Stein, Herr, diese Wahrheft ist kein Märchen, —..nur will nicht jeder, die Wahrheit glauben." „Es fällt eben, siehst du, schwer." „Es fällt schwer? Warum schwer? Berl hat's gesagt, — hätte es Wer ein Buch gesagt, so würde jeder glaWen, — denn es ist ein Buch-, Berl' findet keinen GlaWen, — und warum? Weil er . Berlist. So ist .schion unser. Schicksal. Wir werden von . der ganzen Welt verkürzt."

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