Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 39 Frankfurter FsraelitischeZ FamAienblatk. Talmudisches Seminar 1« Heidelberg. Von Alex. T ä ch a u e r, Real- und Handelslehrcr in Heidelberg. Des Juden Lcbeuselement ist die Thauroh! Infolge der Tatsache nun, das; 'die jüdische Jugend in Deutschland weit davon entfernt ist, einer Prüfung nach diesem Maßstabe stand zu halten, haben jüdische Akademiker cs versucht, der Unkenntnis unseres eigenen Schrifttums zu steuern durch Einrichtung von talmudischen Ferienkursen. Ein erster Versuch fand in diesem Jahre in Heidelberg im Adar statt,. und soeben wurde zum zweiten Male in der' Musenstadt ein Kurs beendet. In vielwöchcntlicher täglich 8—9 stündigcr Arbeit saßen jüdische Studenten während ihrer Ferien an> der Gemoroh, nicht um auch Talmud zu studieren, wie'man Literatur, und Esperanto betreibt, sondern um ein wahres, gründliches Verständnis zu erringen ftztz,.d.ie Probleme, die der Talmud dem bietet, .Der init Liebe und Hingebung ihn zu erfassen sucht. Wahrlich, wir, die wir staunend und bewundernd sahen, und hörten, wie . der Leiter unseres Kurses uus.hie Tiefe der talmudischen Probleme entwickelte, wie er aus der Fülle des talmudischen Stoffes die Grundzüge des behandelten Themas mit wunderbarer Klarheit herausarbcitete, und wie er mit glutvoller Begeisterung die scheinbar spröde, rein formalistische Materie uns nicht nur als tiefgründige Wissenschaft, sondern als ein Stück lebendigen Judentums vor die Seele rückte, wir können heute wenigstens sagen: wir haben gesehen, wir haben erfahren, w i e man lernt, vielleicht ist es nicht unbescheiden zu sagen: wir haben gelernt. Wir haben, in den 4 Wochen 20 Blatt aus Masecheth Kidduschiu gründlich durchgcarbcitet und dabei einen Einblick bekommen in die tiefsten Schätze nuferes Talmuds in einer Weise, die wir nie geahnt und die die platonische Liebe zu unserer Thorah nmgewandelt hat zu einem Eifer für praktischen Limud Ha Thaur.oh. Er darf uns nicht zurückstehen hinter dem Studium der profanen Wissenschaften! Das haben wir nns alle gesagt, nachdem wir, um nur ein einziges Beispiel hcrauszugrcifen, gesehen haben, baß z. B. unser jüdischer Zedek- Begriff denn doch auf ganz anderer sittlicher Höhe steht als etwa die zum Vergleich herangezogrnen Rechtsprinzipien des alten römischen Rechts. Wer nicht nur wir jungen Mademiker haben nns so Hinreißen lassen. Man muß gesehen haben, init welchem inneren Vergnügen gelehrte Rabbonim, die gelegentlich nnserc Gäste waren, dem Vorträge unseres Leiters gelauscht, wie sie entzückt waren von der Gründlichkeit seines Wissens, aus der die Meisterschaft eines Rabbi Elicser Gordon von Telsch hcrvorlcuchtete, und ivie sie von dem logischen .und treffsicheren Aufbau seiner Deduktionen begeistert waren, — denn, es war kein müßiges Spiel geistreicher Gedanken, ivie sie unter dem . Ausdruck des Pschätleins bekannt sind, sondern es zog durch das Ganze das Streben nach Erkenntnis der Wahrheit auf den Grundlagen der von den talmudischen Quellen als bausicher dargebotenen Grundsteine. — — — — Der Kursus ist beendet. Wäre es aber nicht schade um unsere neu entfachte Liebe zur Thorah, wenn wir nun bis zu den nächsten Ferien 6 lange Wintermouate hindurch uns genügen lassen würden ait dem, was der eine Monat uns an Thanroh geboten hatte? Sollten ivir ein solches Lernen nicht auch fortsetzen während und neben der Arbeit des Semesters? Sollten wir das Glück ungenutzt lassen, einen russischen Lamden, der nicht nur wie noch sovielc andere ein Kenner ' unseres Schrifttums ist, sondern durch feine persönliche Eigenart, sein hingebungsvolles Wesen und seine scharfe logische Schulung für uns in ganz einzigartiger Weift, geschaffen erscheint, in unserer Mitte z» haben? -'' Nein! Mit geradezu gebieterischer Aufdringlichkeitmacht cs uns dieser „Zufall" zur Pflicht, ,füte -Matte ununterbrochenen Thauroh-Studiuius 'cilsen denen zu eröffnen, die noch soweit Juden, sinddaß sie der Vorbereitung für ihren künftigen Broterwerb noch täglich eine Stunde des Thaurohstudinms abzuringcn vermögen. ,. Diese Zeilen verfolgen daher den Zweck, die weiten Kreise der j st d. Sind e n t e n s ch a f t, deren Seele in Liebe für ein echtes Thaurohstubiüm erglüht, darauf aufmerksam zu machen, daß unser "Schiur, auch während des Semesters fortgesetzt, sich unter dem Nainen „t a l m n d i s ch e s S cm ina r"*) zu einer dauernden Einrichtung zum Zwecke des Thaurohstudiums etablieren will. Kommilitonen! Wir sind überzeugt, baß Ihr uns nachträglich danken werdet dafür, daß wir Euch' die Bahn geebnet habe». Eurem Thaurohideal in einer so fruchtbaren Weise zu dienen, ohne daß dabei Eure sonstigen Interessen irgend welchen Schaden leiden. Darum, Kommilitonen, leset und prüfet, prüfet und entschließt Euch, dem Zug Eueres üer- .zens zu. folgen, cs zeigt Euch den richtigen Weg. *) Ariskunft erteilt Dr. Jonas'Simon-Heidelberg. Bemerkt sci auch, daß ein Anfängerkursus vorgesehen ist.- . . -..--.-7.- '; Wir wollen uns täglich eine Stunde dem Thaurohstudiunl unter sachkundiger Leitung widmen, — eine Stunde ist wenig, verglichen mit dein, was Ihr den Ablenkungen von ernster Berufsarbeit widmet, eine Stunde ist aber viel, sehr viel, ivcnn man täglich fortlaufend systematisch lernen kann, und es ist ’ nicht schwer, sich aiiszumalen, daß ein solches Semester Euer Thaurohwisscn ganz eminent bereichern wird. ' Ihr werdet dabei au Eurem Studiuin keine Einbuße erleiden. Unsere Rnperto - Carola ist in allen Fakultäten mit ersten Kräften besetzt. Der engere Kreis unserer Freunde ist bekannt dafür, daß er mit Ernst und Eifer seine Studien betreibt, und erst in den jüngsten Semestern 'wieder ivurden von unseren Freunden sowohl Staatsexamina ivie auch Toktorpromotionen mit ganz hervorragenden Erfolgen abgeschlossen. Dabei kommt auch die Gemütlichkeit und die Erholung zu ihrem vollen Rechte, denn unsere Berge und das wunderbare Neckartal spenden reichlich frische Kraft zur Arbeit und neuen Lebensmut. Palästina. (Aus dem Jahresbericht der Jca pro l9t0.) Bon I. T u r o f f - Berlin. (Sch'uß). Im Gegensatz zum Aufblühen der Oraiigenknltur geht der Weinbau, auf den man noch vor zwei Jahrzehnten so großes Geivicht legte, zurück. So hat die Kolonie Sichron Jacob ibeitere 62 l>,i Trauben kassiert und durch andere Kulturen ersetzt. Die Eiimahmen von Sichron Jakob', das mit seinen Töchterkolouien 857 Seelen beherbergt, sind von 253 445 im Vorjahre auf '209 230 Frs. zurückgegaugen. Die Ausgaben sind dagegen nicht nnioesentlich gestiegen, indem sie 138135 Frs. gegen 132 235 betrugen. Mit Sichron Jacob schließt die Reihe der Kolonien, welche mehr oder weniger den Obstbau pflegen. Die nun folgenden 11 Ansiedelungen,' welche zusammen 17 250 lia Umfassen und 2000 Einwohner zählen, treiben seit 8 Jahren fast ausschließlich Getreidebau. Von diesen hat die Kolonie Ekron auch im Berichtsjahre gut abgeschnitten. Ihre Bewohner sind tüchtige Bauern, die ihre Felder reichlich düngen und gehöriq bestellen... Da 6 Kolonisten das Schmittahjahr gefeiert haben und' auch die übrigen 30 dem Sabbatjahre zu Ehren weniger fleißig als sonst gewesen sind, so sind die Unkosten von 83 000 Frs. auf 94 530 gestiegen und haben die diesjährige höhere Einnahme von 144 919 gegen 137 562 Frs. mehr als ausgeglichen. In der 3500 da umfassenden, gegenwärtig aber noch schwach bevölkerten Kolonie Chedereh, in welcher 212 Seelen leben, konnte nur 661 ha. gegen 788 des Vorjahres bestellt werden. Die Bruttoeinnahmeu pro ha waren überdies geringer, nämlich 147 Frs. gegen 169 im Vorjahre. Zum Glück besitzen die Kolonisten junge Anpflanzungen und treiben außerdem noch etwas Milchwirtschaft, svdaß sie trotz Mißwuchs 121915 Frs. Brutto erzielen konnten gegen 137 000 im Vorjahre. - Von den 5 Ansiedelungen im Kreise Tibcrias haben die Kolonisten von Mklchamije infolge höherer Getreidcpreise sogar 11314 Frs. mehr als im Vorjahre eingenommen. Dagegen haben die Kolonisten von Meska, obwohl sie 102 ha mehr als im Vorjahre bestellt hatten, nur 39107 Frs. Nettoeinnahnie gegen 42 481 ini Vorjahre. 5 Pächter haben die Kolonie verlasse» und mußten durch andere erseht werden. Auch die Kolonie I a m m a hatte, weil ihre Einwohner nur 1199 ha gegen 1419 im Vorjahre bestellt haben, eine Einbuße zu verzeichnen. (34 255 Frs. gegen 67 090 netto im Vorjahre). Die 24 Pächter in der neuen Kolonie D a l a i k a - Sahn haben trotz anerkannter Tüchtigkeit eine minimale Einnahme gehabt. Ihr Boden muß erst von den umherliegcnden Steinen gesäubert tverden, wen» er den Fleiß seiner Pächter lohnen soll. Das Gleiche läßt sich von den 6 Kolonisten von E i n - K a t a b berichten. Die gleichfalls im Kreise Tibcrias gelegene. 16 da umfassende Kolonie Sedjera zählt 198 Seelen. Seit Bestehen der Ansiedelung hatte sie kein so schlechtes Jahr gehabt wie dieses. Statt 40 560 Frs. im vorigen Jahre hat die Ernte nnr 17 245 .Frs. gebracht. Die I. C. A. war daher genötigt, durch Gewährung von Anleihen manche» Ansiedlern zn Hilfe.zu eilen. Von Ml 4 obergaliläischen Kolonien hat R o s ch - Pi na eine» Zuwachs von 133 Seelen erfahre». Die Einnahmen der 42 Kolonisten sind von 58 946 im Vorjahre auf 48 096 zurückgegangen. Immerhin hatte ein jeder von ihnen im Durchschnitt über 1100 Frs Bargeld zu verfügen, was nicht allzu tvenig ist, wenn nraic sein Haus, sein Gemüse, seine Milch und sein Geflügel hat. Ebenso günstig ist auch die ökonomische 'Lage der 32 Kolonisten von Jaeso-Homoloh. Da 21 von ihnen das Schmittahjahr feierten, bezifferten sich die Eiiinahmen auf nnr. 29 919 Frs. gegen 82 822 im Vorjahre. Im übrigen iverden die Kolonisten als tüchtig und fleißig bezeichnet. Sie arbeiten init europäischen Geräten und sind bemüht, ihren Boden zll düngen. Da sie nicht genilg Dung aufbringen können, nahmen sic arabische Schafe in Pension. Auch in der Kolonie M i s ch m ar - Hajardc n haben 4 Kolonisten das Schmittahjahr gefeiert. Die anderen 15 haben fast die gleiche Bruttoeinnah,ncn wie im Vorjahre gehabt (nämlich 1830 Frs. gegen 1854), die Ausgaben aber haben sich um 80 Frs. pro Kolonisten erhöht. Vermutlich sind auch die arbeitenden Kolonisten des Schmittah lvegeu weniger fleißig als im Vorjahre getvesen. Ueber die Kolonie Mcthnlc wird im Bericht angegeben, daß ihre Einwohner 53 463 Frs. eingenommen und nach Abzug der Unkosten 21403 übrig behalten haben, (gegen 69 804 und 30 289 im Vorjahre). Daneben hatten sie aus der Viehzucht einen Reingewinn von 4800 Frs.,' sodäß sie mit einer Einnahme von 800 Frs. sich gut behaupten konnten. Von Interesse ist die Mitteilung, daß Methule, infolge seiner Lage in der Nähe des Herinon. eine Sommerfrische geworden ist, und daß mancher Kolonist von Sommergästen 2—300 Frs. eingenommen hat. Die 21 von der Jca kontrollierten Kolonien beherbergen 6959 Seele n. Sie besitzen 15 Schul e n m i t 1382, 4 Talmn d-Thoras mit 289 und 4 Kindergärten mit 224 Zöglinge n. Die Schulen werden von der Jca, die Talmud-Thoras von der „Freien Vereinigimg" in Frankfurt a. M. unterhalten. Die Kosten für die Kindergärten werden von den Kolonisten selbst aufgebracht. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir werden um Aufnahme der folgenden Erklärung ersucht: Durch verschiedene Aeußcrungen in der Presse veranlaßt, sind lvir genötigt folgende Erklärung abzugcben: 1. § 1 im „Programm und Organisationsplau der Moria" lautet folgendermaßen: „Zweck der Moria-Organisation ist die Förderung der Kolonisation Palästinas auf reliq i o nsgese tz lich er Grundlage. Diese Aufgabe soll der Jugend ein Ideal geben, das in ihr religiöse Treue zu befestigen geeignet ist und zugleich die Basis zunl Zusammenschluß der religiös-gesinnten jüdischen Kreise aller Länder bildet." Daraus ist für einen jeden mit Klarheit zn ersehen, daß die Moria weder einseitig Palästina-Arbeit leisten will noch einseitig Kulturarbeit. Sie sieht jedoch die gemeinsame Arbeit in Palästina auf religionsgesetzlicher Basis als die wichtigste Forderung des Tages an und als das Mittel, durch welches erst die gemeinsame Arbeit zur Förderung des gcsetzestreuen Judentums in allen Ländern der Diaspora ermöglicht werden kann. 2. Laut § 2 der Moria ist ihre Verfassung demokratisch. Die Leitung liegt dort, wohin das Vertrauen der Wähler sie legt. Sie ist nicht an Ort oder Personen gebunden. Die jetzige Leitung ist provisorisch. 3. Ob die Mitgliedschaft bei der Moria von dem Nachweis gcsctzcstreuen Lebens abhängig gemacht werden muß, kann erst Gegenstand der Besprechung einer von der Moria zu veranstaltenden Umfrage sowie einer sobald wie möglich zn berufenden Konferenz sein. 4. Die Moria ist bisher die einzige. bestehende Organisation, welche ein Programm hat, das alle religiös gesinnten Kreise der Judeuheit vereinigen kann, wenn allseitig der gute Wille dazu besteht. Während alle Unternehmungen ähnlicher Art nur auf dem Papier stehen, hat die Moria begonnen, ihre Organisation auszubauen. 5. Es liegt unseres Erachtens daher sachlich kein Grund vor, eine neue Organisation zu bilden. Komitee der Moria Hamburg-Altona. I. A.: Dr. I." Möller. Frankfurt a. M. Am 22. Oktober, abends 6 Uhr, findet in der Frankfurt-Loge die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. 'Die Tagesordnung wird noch bckanntgegebcu. Berlin. In der ,.Ällg. Ztg. d. Indent." beklagt Rabbiner Dr. I. Ziegler-Karlsbad den merkbar e nN i e d er g a n g derW eih edcsRanschh a s ch o n o h u n d d c s I o m k i p p n r. Wulst zöge» die Scharen der Tausende Israels an diesen Tagen noch nach den Gotteshäuser», aber in dem Familienleben mach: altes einen iverktagsmäßigen, prosaischen Eindruck. Das komme daher, weit in unserenr harten, immer: mehr sich veräußerlichenden Leben immer weniger Platz für das Intuitive werde. Die Rettung sieht D r. Zieglernur in der W i e d e r e r o b e r u n g des Sabbats. Er schließt daher seine Ausführimgen mit folgenden Worten: „Nur wenl die religiöse Intuition kein seltener Gast istder sich erzogen hat, mit . ihrer Hilft die