Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches' FämMenblat?. Nr. 39 eines einzigen von den zu Tausenden zählenden Henkern als ein Lichtstrahl, als eine Erleichterung ausgenommen wird! Ein schreckliches, in den Annalen jenes Barbarenlandes einzig dastehendes Jahr haben die Juden Rustlands hinter sich! Und es ist nur der, Gott Israels, der es vermochte, ihnen Kraft zuM Aushalten zu verleihen! (Schluß folgt.) Aus den Ereignissen des Tages. 1. Bersöhnuug.e ( Zum I o m - K i p P u r t a g e. ] Die weihevollsten Stunden im Leben des , Juden, sein höchster religiöser Tag ist das B e ri söhnungsfest. Der Name ist kein Zufall; 1 in ihm steckt tiefste Eigenart des Judentums. Keine heiligeren Stunden, keine reineren Stim- - nrirngen, keine feierlicheren Momente kennt der Jude als diejenigen, in denen das Gefühl der - Versöhnung seine Seele beherrscht. Der Tag, an dem er vom Morgen bis zum Abend läuternde ■ Zwiesprache mit seinem Gotte hält, an dem er ' alles Niedrige und Alltägliche von sich abwirft , und -sein. Tun und Denken vor seinen Augen; vorüberziehen läßt, der Tag, der ganz und gar , nur Gefühlen reinster Heiligkeit geweiht sein soll, steht unter dem beherrschenden Zeichen des Gedankens der Versöhnung. Versöhnung — wir gebrauchen das Work so oft und' so klein; bei banalen Zänkereien und inhaltsleeren Streitigkeiten, bei kleinlichen Entzweiungen und unberechtigten Anfeindungen, stets gebrauchen wir dieses Wort. Und so haben wir schier seinen wahren, großen Jichalt vergessen; pflegen nur an das Kleinliche iri chm zu denken, und' das Große, Erhabene zu übersehen. Bor all-I zuvieler „Versöhnung" wissen wir oft nicht, daß! cs noch eine andere Versöhnung gibt, größer als! die des Alltags, heiliger als die des Gerichtshofes und' reiner als die der Bierbank. Am'Versöhnungstaze dürfen wir nicht an den kleinen Alltagssinn des Wortes denken, sondern müssen uns zu seinem höchsten Inhalte emporschwingen. Die Versöhnung des Jom-Kippurtages ist nicht diejenige des' Alltags. Dreierlei ist die Versöhnung, die uns am JoM-Kippur beherrschen soll: die Versöhnung mit der Welt, die Versöhnung mit Gott und' die Versöhnung mit sich selbst. Bor allem die Versöhnung mit der Welt. Der Jude bedarf dieser Versöhnung; denn das ewige Streiten und Hadern mit der Welt ist nicht seine Sache. Er zählt nicht zur Kategorie jener grollenden Titanen, die der Welt fluchen, ewig mit ihr kämpfen und die ihr ganzes Leben ihr den Fehdehandschuh hinwerfen; Promo theus ist nicht sein Ideal und, Schammai nicht einmal sein vorblldlicher Leh-' rer. Aber der Jude zählt auch nicht zu jenen Naturen, die in allem sich beugen und ducken, die es lieben, Verfolgte zu sein; die in der Nachgiebigkeit die höchste Tugend und' der Selbstbeugüng die sittlichste Norm erblicken; der Jude kämpft auch mit der Welt, verzichtet nicht auf sein Recht, verteidigt, was er hat und' erkämpft, was er begehrt; aber nicht für imMer. Kampf ist ihm nur wertvoll, wemr ihm der Frieden folgt, Streit nur sittlich, wenn ec ein Ende nimmt. An dem heiligsten Tage des' Jahres, wenn er wieder gmrz und gar zu sich selbst zurückgekehrt ist, vergißt er den Kampf, macht er dem Streit ein Ende, öffnet der Welt sein Herz und reicht dem Mitmenschen die Bruderhand entgegen und' ruft: Versöhnung. Und wenn er mit der Welt versöhnt ist, schreitet er eine Stufe enipor in der Skala der Versöhnung und versöhnt sich Mit seinemGotte. Auch ihrer bedarf der Jude. Das Streiten mit seinen! Gotte ist ihm nicht fremd. Das Volk, das die große Hiobcpopä ge-, schaffen hat, kennt wohl den Hader mit seinem Gotte. Und ist es ein Wunder? Wenn Menschen mit ihrem Gotte hadern können, wer Lars es so wie wir? Wir, die Verfolgten, Ge-, peinigten, ewig Geplagten, zu Unrecht Geschlagenen, unschuldig Leidenden, die wir Manchmal verzweifeln wollen <m allem? Jawohl, auch wir hadern Manchmal mit unserem' Gotte. Wenn die Not zu groß, die Gefahr zu furchtbar, das Elend zu unerträglich, die Qualen zu grausam sind, und die Hilfe fehlt/dann mag sich' auch^em Juden ein Schrei der Anklage entringen und ein 'Wort des Vorwurfs gen Himmel fahren. Aber nur ftir eine Welle. Wenn die Ruhe wieder über ihn komMt, wemr die trübende Leidenschaftlichkeit aus seiner Seele gewichen, wenn er wieder rein und' geläutert dasteht, dann erkennt er, daß er zu Unrecht mit seinem Gotte gehadert, daß sein Gott ihn nicht verläßt, daß Gott gut ist und' die Welt gut ist, und er entsendet den Ruf zunt Himmel: Versöhnung. Und dann, doppelt gereinigt und doppelt versöhnt, schreitet er zur höchsten Stufe der Versöhnung : zur Versöhnung mit sich selbst. Denn auch mit sich selbst Havert der Jude. Mensch mit allen Trieben des Menschen auf der einen Seite, angeborener Moralist auf der anderen Seite, känrpft auch er seelische Kämpfe; das Allzumenschliche ist ihm nicht fremd, und auch die sittliche Norm kann er nicht vergessen; und so ist er oft seelisch zerrissen und innerlich gespalten. Aber auch dieser Kampf findet sein Ende ant Jom-Kippurtägc. Er reinigt sich, wirst das Gemeine von sich ab und gebietet Frieden seiner Seele. Er überbrückt die Zerrissenheit, überwindet die Gespallenheit, schafft Einheit in, seine Seele und' breitet über die kämpfenden Triebe seines Busens das einigende Gefühl der Versöhnung. * I Dreierlei ist die Versöhnung am Jom-Kippurtage, sagten wir. Ist sie es auch? Order sollte sie es sein? Prüfen wir uns selbst, täuschen wir uns nichts vor, durchschreiten wir in 8er Tat, wir Juden des 29. Joch'rhunderts, die drei Reinigungsstufen der Versöhnung? Per söhnung mit der Welt, mit den anderen. — Haben wir nicht Juden unter uns, die Versöhnung Mit ihren Brüdern nicht kennen wollen, denen der Kampf zur zweiten Natur und der Streit zur Pflicht geworden ist; Juden, die kalten Herzens ihre! Brüd'cr beleidigen, kränken und' von sich stoßen und ihnen nicht einmal am Jöm-Kippürtage die versöhnende Hand reichen wollen; Juden, die sich' hochmütig über ihre Brüder erheben, in ihnen Menschen niedriger Art erblicken,' sie verachten pnd verletzen und nicht einmal ani Jom-Kip'purtage sich iM Zeichen der Versöhnung mit ihnen einen wollen? Und Versöhnung mit Gott. — Wieviele gibt es nicht unter uns) die! ewig Mit ihrem Gotte hadern; und wieder andere, die den Kampf mit ihrem Gott und ihrer Religion für ihre Pflicht halten, die die Verhöhnung ihres Gottes für ein Zeichen der Bildung und ihm den Fehdehandschuh hinzuwerfcn für ein Gebot der Kultur halten? Und endlich Versöhnung mit sich ' selbst. — Wann waren wir' so reich an zerrissenen Seelen wie heute, wann hat es unter uns so von gebrochenen Menschen, haltlosen Naturen gewimmelt wie heute; wann . war die jüdische Volksseele gespaltener, zcrrissc-! ner, unklarer wie in unseren Tagen? Wann hat! es so viele Gegensätze unter uns gegeben wie ’ jetzt, wann waren wir so arm an Persönlich leiten wie im' 20. Jahrhundert! , * i Dreierlei ist die Versöhnung am Jom-Kip- : purtage: die Versöhnung mit der Welt, die Ver-! söhnung mit Gott und die Versöhnung mit sich . selbst. Die dreierlei Stufen der Versöhnung, sie mangeln uns alle. Wir haben sie alle drei t verloren. Und n i ch f eher wer 8 e n wir w i ei der M ensch cn, I ud en, P ers § nli ch keit e n : werden, solange wir nicht wieder die drei Stufen der Versöhnung durch- - schritten haben. Niemals war uns der Bersöh'nungstäg so notwendig wie heute; niemals haben wir nach ihm so-gedürstet wie jetzt. Möge er seine heilende Wirkung auf . unser Volk ausüben, möge er wirklich zum Bersöhnungstage werden, möge er uns die dreifache Art der Versöhnung geben: die Versöhnung mit der Welt, die Versöhnung mit unseren: Gott und die Versöhnung mit uns selbst. 2. Die Nationalisierung der türkische« Judenheit. Aus Konstanttnopel wird eine Nachricht gemeldet, die zu aufrichtiger Freude Anlaß gibt. Danach hat der Medschlin d s ch i s m' a n i (= die Repräsentanz der Konstantinopeler jüd. Gemeinde) einen Aufruf an alle jüd. Gemeinten der Türkei erlassen, worin ec sie auf die Mißstände in der türkischen Judenheit aufmerksam macht und sie zur tatkräftigen Arbeit, zur Wiederbelebung des ottomanischen Judentums auf nationaler Basis auffordert. Als vornehmstes Mittel betrachtet er die Gründung von Schulen, in denen „die Pflege unserer Muttersprache, der 'hebräischen Sprache, reformiert und entwickelt" werden soll. Dieser Auftuf ist — wie der Korrespondent der „Welt" richtig bemerkt — in der Tat ein h i st o r i s ch e s D o k u m e n t. Er eröffnet geradezu eine neue Aera in der inneren Geschichte der ottomanischen Judenheit. Bekanntlich war diese bis jetzt in einer untätigen Lethargie befangen; die Folge davon war, daß sie nicht jenen Pütz und jenen Rang einnahm, der ihr als' einer der fortgeschrittensten Nationalitäten der Türkei zukam. Aber auch die Führer — und dies war das Schlimmste — ließen es an Tatkraft fehlen, und die einzigen, die sich wohl betätig'«!, waren gerade diejenigen, die allen nationalen Bestrebungen feindselig gegenüberstanden. lind so schien es, als ob in der -Tat Fresco und sein Anhang die Majorität der ottomanischen Judenheit repräsentierten. Wir waren jedoch immer davon , überzeugt, daß die ottoManische Judenheit als solche nimmermehr antinational sei und daß cs nur ihrer Aufrüttelung bedürfte, MN sie für den nationalen Gedanken, zu gewinnen. Wir haben uns nicht getäuscht. Als vor einem Jahre die Neuwahl des Medschlin dschism'ani stattsand, konnte Man schon merken, daß die Partei Frescos nicht die Sympathien der KonstantiNopeler Judenheit besitzt. Und dieser Aufruf des Medschlin, der den eigentlichen Beginn seiner Tättgkeit anzeigt, beweist dies noch deutlicher; ja, beweist noch Mehr, daß die Führer der türkischen Judenheit sich aus sich' selbst und auf ihre Pflichten gegenüberdem jüdischen Volke besonnen haben. Wir sind' sicher, daß der Auftuf des Medschlin, den auch der Großrabbiner unterzeichnet hat, Erfolg haben wird', einen neuen Geist in die türkische Judenheit hineintragen wird, eine starke Förderung ihrer Nattonalisierung erzielen wird. Dies ist aber von der größten Tragweite. Abgesehen davon, daß es an sich bedeutungsvoll ist, wenn ein so starker Bruchteil des Volkes', wie die türkische Judenheit, dem nationalen Gedanken gewonnen wird; besitzt diese doch eine viel größere Bedeutung als die Judenheit des Landes, in deM sich unsere Zukunstswünsche realisieren sollen. Wir haben es mehrfach wiederholt, daß o hne die türkische Judenheit die Realisierung des zionistischen Ideales unmöglich ist, daß darum die Gewinnung derselben für die nationale Idee der erste und vornehmste Schritt zur Erreichung unseres Zieles sein muß. Der Auftuf zeigt, daß die türkische Judenheit gar nicht so. sehr der Hilfe von außen bedarf, daß sie selbst noch soviel jüdisches Gefühl und soviel Kraft besitzt, aus sich selbst heraus ihre Regenerierung zu bewirken. Hoffen wir, daß diese in kurzer Zeit sich vollziehen wird und daß das' neue Jahr für die türkische Judenheit eine neue Epoche cinleiten wird: die Aera des nationalen Schaffens für sich selbst und für das ganze jüdische Volk.