Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692755--06458-2701464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

H-daKti»« Und ch-fchLftsstell-: Srankfurt a. M.» it )| e 7 V-r-f-« 10507. Heva«sgever: K a ltz ch eis. 9. Jahrgang. Freitags de« 7. Tischri 5672 (29. September 1911) Nr. 39. Insertion-Preise: Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 35 Psg. , DiePellamezelle..100 „ Platz» und Daten»Borschrist ohne Berbindüchkrit. Konto bei dem Postscheckamt in Franlfurt a. R. unter Ro. 4864. - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Hmls. Bei der Post! Abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein»-! schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband vezogm:: -Deutschland und Oesterreich'»Ungarn Mk. 1,80,, sonstige Länder Mk. 2.— 1;,-—-; --— Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Jahr 5671. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Versöhnung; 2. Die Nationalisierung der türkischen Judenheit. — Talmudisches Seminar in Heidelberg. — Palästina. — Aus aller SB e l t. — Au sdenVereinen. —Feuilleton: Das Wunder auf dem Judenfriedhof. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Woch en-Kalender. —Familiennachrichten. — Spend en. Das Jahr 5671. i - (Fortsetzung.) England war von jeher fiir unsere Brüder ein' Hort der Freiheit, ja es war als das jüdische Eldorado in der ganzen Welt bekannt. Und nicht ganz ohne Recht! Denn nicht nur erfreuten sich die. Juden dort uneingeschränkter Rechte, und Freiheiten, nicht nur wurden sie als das Volk der Bibel in hohen Ehren gehalten, sondern man war sogar bestrebt, die Rechte der Juden in anderen, Ländern tatkräftig zu schützen. Geschah irgendwo, irgendwann den Juden unrecht, dann war es England, das intervenierte, protestierte. England war stolz auf diese Interventionen, und als guter Kaufm ann, der sogar von den moralischen Handlungen Kapital zu schlagen weiß, trug man diesen Stolz zur'Schau . . . ' .Das: war einst, damals, als England stark: nach innen und stark nach außen b« stand, als der Name England einen großen Nimbus hatte, als England durch die allseitige Ehrfurcht, die ihm wegen seiner physischen und Moralischen Stärke entgeg engcbraiht wurde, Vertrauen auf sich selbst, auf die eigene Kraft in vollem Maße besaß. Damals, als die Hümanitätsperiodc noch nachlebte und humanitäre Taten für manche Staatslenkerhirne noch ihren Reiz hatten. Allein auch diese Spuren-einer großen Zeit verwischten sich nach und nach undverflogen. Der Militarismus machte sich breit, und „Macht geht vor Recht" wurde jetzt zur Parole der Regierenden. Der Militarismus führte auf die. Arena gefährliche Rivalen. England wurde nervösder Glaube an seine Stärke begann zu sinken/ — mrd damit wurde ihm ein großer Teil von: seinem Nimbus genommen. Die Interventionen und: Proteste zugunsten der Schwachen begannen immer seltener zu werden, ein neues Prinzip von der „Unzulässigkeit einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" würde aufgestellt. Es dauerte nicht lange, da ward der einstige Barbar, gegen den Man ob seiner Gewalttätigkeit stammende Proteste inszeniert hatte, bündnisfähig befunden und umworben... Nach und nach begann man sogar für die Praktiken des Barbaren Verständnis zu, finden ... ein Minister verflieg sich sogar in der stillen Absicht, zu drohen:— allerdings in der Hitze eines Wahlkampfes — zu leisen Hindeutüngen auf jene Praktiken. j Die Massen haben die neue Situation beigriffen; die offene Abkehr von der alten humamen Praxis und die leisen Winke Hatten das!ihre getan . . . Kaum waren die Bedingin n g e n für Judenexzesse gegeben, so traten sie -unverzüglich in Erscheinung; was. in Tredgar stn Wales sich ereignete, weiß alle Welt. Ge-?wiß fehlt es nicht an Ausreden und Beschönigungen Englands, selbstverständlich seitens der!englischen Juden weit mehr als seitens der Engländer —, besonders dann nicht, wenn Man dieser «Ausreden zur Beschwichtigung der eigenen Beunruhigung benötigt .... «Allein Tatsachen bleiben Tatsachen, auch wenn sie noch so schön und noch, so originell bemalt 'werden . . . Und siehe! noch während die mühselige Arbeit der Verlleisterung vov sich ging, (ereignete 'sich ein zweiter, noch krasserer Fall, -8er 7Beschönigung verlangte. Diesmal war es nicht 'das abseits gelegene Wales, waren es mich nicht 'die rohen Arbeiter, sondern die Hauptstadt (London und die intelligenten Vorstände einer großen Wohltätigkeits-Institution, indem letztere Lieferungen bewährter Lieferanten zu billigeren Preisen ausschlugen, lediglich wegen deren Zugehörigkeit zum Judentum,- wie dies einem Verfechter der jüdischen Lieferanten aus ihrer Mitte -ganz offen eingestanden tvurde. Den Juden Englands ist durch diese Ereignisse noch vor dem Ausgange des Jahres eine schwere Enttäuschung beratet worden, aber gleichzeitig der gesainten Judenheit. Werden unsere unverbesserlichen Optimisten dadurch ihre Augen öffnen und mit ungetrübten Blicken die Lage ihres Volkes betrachten? Werden die jüdischen Lords und Peers ihre wirkliche Stellung innerhalb ihrer christlichen Mitbürger erkennen? Manche Anzeichen deuten auf eine Besserung nach dieser Richtung hin, viele aber auf das Verharren in der alten Vogelstraußpolitik. Was die Juden Italiens betrifft, so blieb ihre Lage in dem verflossenen Jahre konstant. Luzzatti, der noch im vorigen Jahre um diese Zeit Ministerpräsident war, ist zwar inzwischen gegangen, allein sein Abgang ist nicht etwa auf das Konto seiner jüdischen Abstammung zu setzen. Auch in Frankreich hat die Lage der Juden keine Aenderung zum Schlechten erfahren. Die beiden romanischen Schwestern besitzen anscheinend das nötige Maß von Geduld mit ihrem kleinen Häuflein im Absterben begriffener Inden . . . doch dabei darf nicht vergessen werden, daß die Regierungen beider Länder weit entfernt davon sind, den Klerikalismus groß werden zu lassen, was aber bei einem Emporkommen des Antisemitismus unvermeidlich gewesen wäre. Der Zufall wollte es, daß die beiden Schwestern die Welt in den letzten Tagen in höchste Spannung versetzten, Frankreich wegen Marokko, Italien wegen Tripolis! Angesichts des Umstandes, daß Marokko wie auch Tripolis muselmanischer Besitz sind und deren Uebergang än christliche Hand eine Schwächung des Mu selmanentüms bedeutet, müßten wir!diese Aenderung der Dinge bedauern. Allein Marokko befindet sich in der reinsten ^Anarchie und kann sich nicht selbst regieren; — sein Uebergang in den Besitz eines Kultur staates rnuß daher noleus volens beigrüßt werden. Ueberdies bringt diese BesitzhrahMe Marokkos die längst erwünschte Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, -und dies bedeutet gar viel. j Anders aber liegt der Fall mit Tripolis-. (Es liegt uns fern, die Aktion Italiens vom .Standpunkte der Moral betrachten zu wollen; die Moralist schon längst nicht mehr der Maßistab für die Handlungen der europäischen „Kulsturstaaten". Vielmehr wollen wir dieses Vorgehen wout Gesichtspunkte der Interessen Tripolitaniens (betrachten'. Wem auch die Zustände in jener Provinz nicht beneidenswert sind, so herrscht doch dort keine Anarchie, und niemandem, auch Italien inbegriffen, droht mis den dortigen unkonsolidierten Verhältinisseu irgendwelche Gefahr. Tie Türkei befindet sich eben auf dem Wege zur Kultur, und (würden sie die „Kulturträger" Europas in ihrem Merke nicht hindern, es würde schon Ordnung «und Kultur in Tripolis ohne Blutvergießen und ohne Vergewaltigung der dortigen Mohammedanischen Bevölkerung einziehen. Durch die Besitzergreifung Marokkos durch Frankreich kann wenigstens den dortigen Juden Erleichterung gebracht werden, und somit kournit dies der Judenheit zugute, allein die Wegnahme Tripolis', die eine Schwäch- ,ung der Türkei nach sich ziehen wird, kann wohl Schaden dem jüdischen Volke bringe», Nutzen aber keinen. Die politische Lage der Juden Amerikas hat sich in diesem Jahre nicht verändert. Selbstredend fehlte es auch in diesem Lande mit ber von aller Herren Länder zusammengelaufenen Bevölkerung nicht an Fällen antisemitischer Natur. Gar mancher Emigrant bringt aus dem „huinanen" Europa den Antisemitismus als einziges Gut dort hinüber, und diese armseligen Antisemiten, wenn sie es zu Vermögen und Macht gebracht haben, werden von der Regierung gehört und berücksichtigt, llnd dies geschieht auch, sei es durch die drakonischen Maßregeln der Einwanderung, sei es durch die ewige Verschleppung- und Hinausschiebung der Regelung der Frage des' Aufenthaltsrechtes der amerikanischen Inden'im heiligen Rußland. Cs bliebe noch das Eldorado Rußland. Aus diesem verpesteten Zuchthaus, aus dieser Hölle ist natürlich nichts Erfreuliches zu berichten, nur von unsäglichem Elend und endlosem Martyrium, nur von zum Himmel emporsteigenden Wehklagen- und den Berzweiflungsschreien der tagaus tagein zu Hunderten und Tausenden Ausgetricbenen und zu Tode Geknebelten ist da zu erzählen, und )ver besitzt die Kraft, dies wiederzugeben, wer die Nerven, es anznhören! Zur Jllustrajion genügt die Tatsache, daß das Wegraffen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.