Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches' Fanmienblatk. Nr. 38. 1908—1910 zusammen 1548 Kranke mit 37 610 Ber« pflegnngstagen und nahm in dieser Zeit etwa 150 größere Operationen vor. Die Zahl ber poliklinischen Behandlungen betrug nicht weniger als 81334. Alles Zahlen, die beweisen, wie segensreich die Anstalt wirkt, die aber auch den berechtigten Wunsch erstehen lassen, daß nicht infolge Mangels an Geld Hunderte Jerusalemer Juden — häufig sogar Schwerkrankc — dieser Segnungen verlustig gehen. Amerika. Rew-Aork. Bau den hervorragenden allgemein» nützigen Anstaltew der hiesigen Judenheit verdient cs hauptsächlich das Krankenhaus „Indische Mutterschaft" in der East Broadway 270, der großen jüdischen Oeffentlichkeit bekannt gemacht zu werden, denn diesem Krankenhause dürfte kein zweites jüdisches mit gleichen Aufgaben irgendwo zur Seite gestellt werden. Im vorigen Jahre fanden hier 1107 Entbindungen statt, von denen nur'/^o/o tätlich verliefen, eine sehr niedrige Zahl, besonders, wenn man bedenkt, daß darunter eine Reihe von vornherein lebensgefährlichen Fällen sich befand. Die Anstalt wird streng rituell geführt; auch müssen die Aufgenommenen sich verpflichten, im Falle der Geburt eines Knaben diesen in der Anstalt beschneiden zu lassen. Die Aerzte der Anstalt nehmen auch kostenlose Entbindungen in den Privatwohnungen vor; im vergangenen Jahre waren es 460. Perfomtlie» «. Kleine Wtttettrwge» Berlin. Oberlandesgerichtsrat a. D., Geh. Justizrat Dr. Albert Masse erhielt den Roten Adlcrvrden 3. Klasse mit der Schleife. Geheimrat Sigm. Lautenbnrg, der frühere Leiter des Residenztheaters, feiert den 60. Geburtstag. . e. Berlin. Die Repräsentanten der jüd. Gemeinde bewilligten 5000 JL für die beim Brand in Konstantinovel Geschädigten und 2000 für da-s Archiv der deutschen Inden. — An Stelle des verstorbenen Kommerzienrates Benjamin Hirsch -Halberstadt wurde der Direktor des Pfandbriefamtes Dr. Georg Minden zum zweiten Vorsitzenden des geschäftsführcndcn Ausschusses des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebündes" gewählt. Ferner wurden in den Ausschuß Rabbiner Dr. Guttmann- Breslau und Kommerzienrat Gabriel Hirsch- Halberstadt berufen. Charlotteubnrg. Im 63. Lebensjahre starb hier der bekannte antisemitische Reichstagsabgeordnete Max Hugo Li eher mann v. Sonnenberg. . (L.) Pose». Bankier Martin Lesser ist zum Handelsrichter ernannt worden. — Hohe u sa lza, das laut der letzten Volkszählung 950 jüdische Seelen zählt, zeigt mit dieser Zahl eine auffallend große Abnahme der jüdischen Bevölkerung. Nürnberg. Geh. Hofrat Josephsthal feierte dieler Tage seinen 80. Geburtstag. Er stand 40 Jahre lang an der Spitze der jüdischen Gemeinde. Auch gehörte er dem Präsidium des Deutsch-Israelitischen GemcindÄnndes sowie des Bayerischen Landesverbandes der Israeliten viele Jahre wr, im letzteren als Vorsitzender. Wiesbaden. Auf der Tagung des Verbandes der Männervcreine zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit betonten als Vertreter der drei Konfessionen Rechtsanwalt Dr. Lennartz-Köln, Pfarrer Prof. Dr. Böhmländer- Mümben und Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt den festen Willen ihrer Konsessionsgenossen, auf dem gemeinsamen interkonfessionellen Boden des Verbandes mitzuwirken an dem großen Ziele, den Geist der Sittlichkeit überall da zu stärken, wo der Feind wahrer Sittlichkeit das Volksleben zu vergiften drohe und nckt dazu beizntragen, daß die großen Konfessionen ans allen neutralen Gebieten sich verstehen und vereinigen und zu gegenseitiger Duldung beitragen mögen. Wie«. Max Nendo, der Nestor der Wiener Verteidiger, ist im 81. Lebensjahre verschieden. Ein Opfer seines Berufes ist der vor einigen Wochen verschiedene, erst 30jährige Arzt Dr. W. Tittinger geworden, indem er sich bei einer Operation infizierte. Die soeben anläßlich des Urologenkongresses erschienene Festnnmmer der Wiener Medizin. Wochenschrift bringt nun seine letzte literarische Arbeit und unter dieser folgende Fußnote von Professor Zuckerkandl: „Der Autor dieses Artikels, den ich zu meinen hoffnungsvoll st en Schülern zahlte, hat bas Erscheinen der Feshmnnn« »M mehr erlebt. Dr. Tittinger starb am 21. August l. I.' an den Folgen einer Wundinfektion. Die Wiener Urologen werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren." Wien. An einer Lungenentzündung verschied Frau Regiernngsrat Luise Schnitzler, die Mutter Arthur Schnitzlers. Frau Schnitzler war ein sehr begabter Mensch; besonders zeichnete sie sich durch ihr Sprachgenie ans. Budapest. Im 38; Lebensjahre verschied die hervorragende Klavierkünstferin Jda fielen. Budapest. In P o z o n YI (Preßvurg) verschied im 90. Lebensjahre Frau S i m ch a Lehmann, eine Tochter des Chassam-So fer. Frau Lehmann war auch das geistige Kind ihres großen Vaters. — Dr. Wilhelm Lövinger, der Präsident der israelitischen Kvngreßgemeindc in P o z s o n y, erhielt den Titel eines König l. Rats. — Im Juli sind in Ungarn 70 christlichjüdische Ehen geschlossen worden. DasWunder auf dem Judensriedhof, Bon Klemens Junosza. Deutsch von S. H o r o w i tz. (Fortsetzung). „Nu, >ver kann an der Seite des Königs sitzen? g-üvwahr, das ist die reinste Konrödie! Neben einem Schneider sitzt die Schneiderin und neben einem König ... die Königin. Selbst ein lleines Kind versteht eine solche Sache." „Sie ist in der Nähe von Krakau beerdigt, das ist bekannt." „Soll es so sein! Ich limv nicht auf ihren, Leichenbegängnis. Mir genügt es, daß die Leute sagen, .es sei ein solcher Grabstein vorhanden und auf ihm der Nanie Esther eingraviert —, und daß diese Esther eine jüdische Königin ' ivar. Wozu brauche ich mehr zu wissen? Mir genügt das. Wer es will, mag's glauben oder nicht. Dafür gibt es keinen Zwang, kein Gewaltmittel." Berl niar augenscheinlich erzürnt. Wie kann man seine Worte in Znüüfel ziehen? Er ist doch kein einfacher Bauernlümmel, kein Grobian, sondern ein gelehrter Mensch, der viel gelesen mid noch mehr gehört hat, — und er hat nicht nur von gelvöhnlichen Erlebnissen und Ereignissen gehört, sondern auch von verschiedenen Wundertaten, von solchen Vorfällen, die der stärkste menschliche Kopf iveder zu fassen noch zu erklären vermag; er hat gehört, wie verschiedene Engel aussehen, was für Streiche der Teufel anstellt ... er hat so viel gehört, «mb da findet sich jmanb, der ihm nicht.glauben will . . . Man mußte den gelehrten Mann auf i»gend eine Weise besänftigen. „Stecke dir, Berl, eine Zigarre an mid löse dein Wort ein." „Eine Zigarre? Warum sollte ich mir keine Zigarre anzünden? Ich werde sie anrauchen, — und was das Wort betrifft, so weiß ich' nicht, dop ivelchem Wort Sie reden. . ." „Ich habe etlvas über jenen Berg vernehiiieu sollen." Er schlvenkte den Arm, als wiollte er dadurch zu verstehen geben, cs sei schade, Worte vergebens zu verlieren. „Was ist da viel zu reden," sagte er, es verlohnt sich nicht! . . . Sie glauben nicht. Sie sagen, alles sei nicht wahr . . ." ,/Oü bist ungerecht — Du hast von König David erzählt, — habe ich cs bestritten? Bon den sechsuirddreißig Gerechten, — habe ich gesagt, — das sei nicht wahr?" „Das ist richtig." „Es gibt solche Dinge, von denen alle wissen, und solche Bücher, in welchen das. Was war, verzeichnet ist, und niemand kan» sagen, es war nicht so. Berl hat doch hören müssen, daß in Lublin große Rabbis einst gelehrt haben." „Und Was für Rabbis, lauter fromme, gelehrte!" „Glarllt Berl, daß von ihnen in Büchern nicht die Rede ist?" „Ich Weiß, ich weiß> — das steht in verschiedenen jüdischen Büchern." „Nicht nur tu jüdischen, sondern auch in polnischen." „Das kann nicht sein." ,Marum sollte es nicht sein? Bon großen Gelehrten erfährt die Welt immer und respektiert sie." „Das ist toahr! Sie haben recht! Ich selbst war Zeuge, wie einst ein Rabbiner ins Kreisamt kam, sogar gar kein großer, sondern ein ganz gewöhnlicher Rabbiner, und man stellte ihm einen Sessel hin, damit er Platz nehme. Und die Beamten sahen ein, daß einer geistlichen Person ein Sessel gebührt ... „Warum wunderst du dich also, daß die Menschen von wahrhaft großen Rabbinern etwas wissen? Du hast wahrscheinlich etwas von Rabbi Salomon Lnria gehört? Rabbi Salomon ben Jehuda?" „Ah, wer hätte nicht gehört?" „Er war doch ein Lubliner Rabbiner, ein großer Gelehrter. Er ist hier .in Lublin vor mehr als dreihundert Jahren gestorben. Man könnte Ivetten, daß seine Asche auf dem Men Friedhöfe liege. Und Rabbi Ivel?" „Joel? Ich weiß, ich weiß, ich habe von Men gehört, warum hätte ich nicht hören sollen?" „Rabbi Joel Sirkxs ben Salomon." „Sirkes! Wer hat nicht voll Sirkes gehört? Ein großer Kopf! Ein großer Frommer! Er liegt auch auf dem alten Friedhof." „Nein, er liegt in Krakau." ,Melleicht in Krakau, — ich werde nicht streite», aber mir scheint das nicht. Wie hätten die Lubliner Juden solch eine Persönlichkeit fortlassen können?" „Und doch ivar cs so, denn es ist schon über zweihundert Jahre, er reiste nach Krakau; bovt war er Rabbiner, und dort starb er, und man beerdigte ihn neben dem berühmten Rabbiner Mascha Jscrles. Berl, hörst du, an der Seite dieses berühmten Rabbiners, den man Remo nennt." „Remo! Wer lveiß nicht vom Remo! Es ist schwer zu glauben, daß solche Sachen in nichtjjiidischcn Büchern stehen könnten! Aber ich-glaube, daß dies eine andere Gattung Bücher sein muß." „Ja, ja! Und Rabbi Jehuda Wiga, Rabbi Meier ... „Jetzt ivcrde ich ihnen sage» . . . Mles loerde ich Ihnen sagen, und warum? Keimen Sie solche „Mechaniker", die nichtjüdische Bücher machen?" „Ja?" „Wer nicht diese gewöhnlichen Bücher . . . nur solche, wissen Sie . . . diese beste Gattung, in denen nur von Rabbinern die Rede ist?" ,Ha." „Das ist gut. . . denn das, ilvas ich Ihnen sagen iverdc, sollte in solchen Büchern verzeichnet stehen. Ich werde Ihnen alles, wie es war, erzählen— die ganze Wahrheit . . . und Sie sollen es aufschreiben! Hören Sie, gnädiger Herr. Was ans dem alten Friedhof geschehen ist, und lvas ich Ihnen sagen will, das >va.r eine große Sache, ein solches Ereignis — Sie werden ja sehen! Sie lverden sich überzeugen, lvas ein Rabbi bedeutet, lvas für eine Macht ihm iimewohnt!" „Bon welchem Rabbi will Berl reden?" ,Mvn -welchem? Ich weiß nickst, wie er geheißen hat, und — aufrichtig gesagt — brauche ich cs nicht zu wissen. Es war ein Rabbi, dias genügt, und ob er ein. großer oder ein kleiner Rabbi war, das lverden sie gleich sehen! Bei uns wird davon viel geredet, und was man bei uns erzählt, das ist die reinste Wahrheit. Sie haben diesen Berg gesehen?" „Ja." „Und die Kirche haben Sie ebenfalls gesehen?" „Natürlich." „Die Kirche steht ganz unten. Sic haben mir gesagt, das; dies Ihnen lvnnderlich vorkvlnmt, und das ist gar nicht lvnnderlich. Früher war an dieser Stelle weder ein Berg »och eine Vertiefung." „Was denn?" Ein kleiner Hügel, wie Sie deren häufig sehen. Dieser Hügel hat immer den Juden gehört. Nur ei» kleines Grundstück lvar in anderen Händen. Die Juden legten auf dein Hügel einen Friedhof an, — und dieser Christ, zu ivelchem das andere Grundstück gehörte ..." „Pater Zuziewicz." „Soll er Zuziclvicz geheißen haben, — genug, daß er eine Kirche erbaute. Auf einem Hügel lvar ein Judensriedhof und eine Kirche. Was schadet das? Sie haben lvahrscheinlich davon gehört, daß Gott siebzig Nationen und siebzig Religionen erschaffen, sie alle kommen also von Gott. Jeder soll die seine achten. 1 Ich werde Ihnen sogar noch etwas sagen. Zum Beispiel, lvenn idj, unterwegs bin, ich bin oft unterwegs, passiert cs, daß ich in einen Bauernlvage» einsteige! . . ." „Aber Berl hat doch vom Berg reden lvollen." ,Marten Sic — ich rede nicht leere Worte, jedes meiner Worte bezieht sich auf den Berg, hat solch, eine Gangart. Wenn ich? also auf eine Fuhre zu einem Bauern einsteige, Helle ich ein wenig Angst. Und so beobachte ich ihn. Unterwegs stehen Figuren, wenn der Bauer die Mütze zieht, — so fürchte ich nicht und fahre mit ihm. Wenn er aber nicht die Mitze zieht, so fürchte ich und laufe davon, denn ich denke mir, ein solcher Bauer ist kein guter Menschsondern ein Lump — oder gar ein Räuber! Jetzt merken Sie, lvorauf meine Rede abzielt?" „Nicht sehr." „Ha! Sie bezieht sich ja auf den Berg! Warum sollte ein Judensriedhof nicht neben einer Kirche oder umgekehrt sein? Beide waren auf dieser Anhöhe; die Juden beerdigten ihre Toten, gingen ans den Gräbern weinen, gingen beten, wje es sich schickt, Wie es sein soll. Bei uns soll man für die Verstorbenen beten, denn die Verdienste, die die Seligen vor Gott haben, bedeuten viel für ’ die Lebenden. . . Also alles war gut in Ordnung;'die einen störten nicht die anderen, die. Juden waren für sich und die Christen gleichfalls. Nur manchmal entstanden Streitfragen." ,Mas für Streitfragen?" „Vielleicht nicht so sehr Streitfragen — als einfach Unannehmlichkeiten. Sehen Sie, in jeder Kirche sind Glocken. Des Morgens lvird geläutet und auch abends^ und lvenn es Feiertag ist, sogar sehr stark geläutet, wenn man also in der Kirche läutete und zur selben Stunde ein Jude beerdigt wurde, war dies für die Juden eine Unannehmlichkeit, ich werde sogar die Wahrheit sagen — ein Verdruß. . ."