Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 38 der! zu haben. WäreStolyPin aut Lebe» geblieben, es wäre ihm sicher aber auch dies gelungen. Pogrome habeil, zwar in seiner Amtszeit nicht stattgefunöcn; er hat sie zu unterdrücken gewußt- Er hat ebeil erkannt, dast die großen Metzeleien nicht viel nützten und in.Europa nur schlechten Eindruck lnachcn. So hat er lieber zur anderen Methode gegriffen, die nicht ■ so auffällig ist und sicherer zum Ziele führt: zur Methode des langsamen Erstickens. Maßregel auf Maßregel, Repressalie auf Repressalie hat ercingcführt und so das Leben der Juden immer schwerer und schwerer, bis zur Unerträglichkeit fast schwer gemacht. Und nun ist er dahin. Seine Taten haben sich gerächt. Er, der Tausende hat töten lassen und Zehntauscnden die Existcnzmöglichkeit geraubt hat, ist selbst durch eine Kugel plötzlich seinem Wirken entrissen worden. Wir verurteilen die Tat, weil wir den Terror verurteilen, aber Stolypiil selbst können tvir keine Träne nachweincn. - Wie wird es jetzt werdeir? Die tierischen Massen in Rußland sind wieder in Erregung, die finstereil Henker der „Schivarzen Hundert" sind wieder an der Arbeit: ist doch der Attentäter der Enkel eines getauften Juden. Die Judenheit in Kieiv lebt in furchtbarer Augst, die es können, verlassen fluchtartig die Stadt, und die Aermercn leiden Todesängste. Trotz alledem glauben wir nicht an die Möglichkeit von Pogromen; nicht weil tvir auf die Humanität des russischen Volkes rechnen; nein, weil die Regierung cs nicht zulassen will. Kokowzcw will zeigen, daß auch er die Ruhe inr Lande aufrecht erhalten kann, und außerdem ist er alles in allem bei all seiner reaktionären Gesinnung doch immer den. Inden geivogener als Stolypin. Pogrome sind also aller Voraussicht nach nicht zu erwarten. Wird aber die Folge des Attentates etwa eine Kursänderung in der Regierung sein? Wir wissen es nicht und glauben cs nicht. Die Reaktion wird auch fernerhin in Rußland herrschen, und die Unterdrückung der Juden wird weiterhin bestehen bleiben; eine kleine Besserung ist jedoch zu erwarten; ob Kokowzew der Nachfolger Stolypins wird oder nicht, die geplante Nationalisierung des Handels wird unterbleiben, und auch sonst mag iir der Behandlung der Fremdvölker eine gewisse Milderung eintretcn. Sollte es so kommen, sollte der Tod Stolypins eine Besserung unserer Lage beseuteu, dann hätten tvir doppelten Grund, ihn nicht nur nicht zu beweinen, sondern auch ein Ivenig aufzuatmcn und uns erleichtert zu fühlen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Das Vortragsprogramm der hier am 5. November tagenden vierten H a n p t v c r s a m m l nng des Verbandes der deutschen Juden ist wie folgt festgesetzt worden: Das Judentum unter den Religionen (Rabb. Dr. Baeck-Düsscldorf), Das deutsche Geistesleben und die Juden (Prof. Dr. Goldstein-Dariustadt) und ein Vortrag des Landtagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau. Es werden zu der Versammlung 500 Delegierte aus allen Teilen des Reiches erwartet. Leipzig. Das liebenswürdige Wort „Beh eme" führte hier zu einer 1 Gerichtsverhandlung. Einer, den die Sache nichts anging, hatte sich auf dem Brühl in die geschäftlichen Unterhandlungen zweier Händler eingemischt und für seine nichtgewünschten Ratschläge das Wort „Beheme" entgegengcschleudert bekonnne». Der also Titulierte klagte. Der Angeklagte behauptete nun vor Gericht, er hätte „Beheme" (Rindvieh), sondern „behemo" (in ihnen oder in sic) gesagt. Er habe damit nur sagen wollen: tvcnn zwei Leute sich über eine geschäftliche Angelegenheit unterhalten, habe sich ein Fremder nicht „in sie" einzumengen. Rabbiner Dr. Car leb ach komite als Sachverständiger zwar dein schlauen Wortverdreher nicht recht geben, war aber der Ansicht, daß „Beheme" in diesem Falle nicht mit dem omi- Frankfurker JsraelitrscheZ FamMenblatk. Seite 3. »äsen Worte „Rindvieh" identisch sei, sondern nur als Bezeichnung für „ungeschickter Mensch" aufzufassen wäre. Das Gericht verurteilte jedoch den Beklagten zu 12 Mark Geldstrafe und den Kosten. München. Bei der jüngst mitgeteilten Ausweisung g aliz isch-jnd isch er Familien ( handelt es sich nicht »in Hqusiererfamilicn, sondern um die Inhaber von vier Wäschegeschäften und eine Anzahl Reifender derselben. Ohne zu untersuchen, wie weit der Vorwurf unreellen Geschäftsgebarens, der den Ansgewiesenen gemacht wird, gerechtfertigt ist, kann inan getrost behaupten,, daß ihre Hauptschuld — wenn nicht ihre einzige — eben die ist, daß sie polnische Juden sind. Vorläufig, haben annähernd 20 Familien einen Ausweisungsbefehl erhalten, und es ist noch nicht abzusehen, loic viele jüdische Familien brotlos werden, wenn die vier, teils recht bedeutenden Geschäfte der Ansgewiescncn aufgelöst werde» müsse». Beschämend ist die Haltung eines Teils der „eingeborenen bäuerischen Juden, die ihrer Genugtuung über die Ausweisung der „Pollakcn" unverhohlen Ausdruck geben. Hegenheim. Am 17. September fand hier, wie alljährlich die Genera lv ersam mlun g der Friedhofskommission statt. D r. Nord m a n n erstattete den Jahrcs- und Kassenbericht. Aus ersterenr Erfuhren tvir, daß im abgelaufenen Jahre 21 Beerdigungen stattcefunden haben (1 aus Hegenheim!, 2 aus St. Ludwig, 1 aus Kembs, 1 aus UffheiM, 2 aus Hüningen, 1 aus Langental, 1 aus Nizza, 0 aus Basel), und baß die Bau- und Reparaturarbeiten nunmehr beendigt sind. Der Stand der Kasse ist insofern als nicht ungünstig zu bezeichnen, als die Sammlung der s. Zt. subskribierten Jahresbeiträge mit Erfolg fortgesetzt wird. Der definitive Abschluß des Baukontos wird erst im nächste» Jahre vorgelegt werde» können. Am 26. Februar hätte in St. Ludwig unter dem Vorsitz des Herrn Dreh fus eine außerordentliche Generalversammlung stattgefunden, deren Haupttraktandum die Besprechung eines G c s u cf) c s der Gemeinde Basel um Mitbenutzung des H c g e n h c i m e r Friedhofes war. Der Grund zu diesem Gesuche liegt darin, daß der Baseler Friedhof, der erst vor 8 Jähreu angelegt worden War, sich für die allernächst« Zeit schon als zu klein erwiesen hat) und daß Terrains neben demselben nicht mehr zu haben sind) ev. nur unter den größten Opfern. Die Verwaltung konnte dem Gesuche nicht entsprechen, da von Seiten Basels in Hegenheim nur Passanten begraben werden sollten und Leute, die sich nur kurze Zeit in Basel ausgehältcu haben, weil solches dem Ansehen des Friedhofes schaden könnte und übrigens auch rcligionsgcsctzlich unzulässig ist (Joreh Deal) 363,2). Zu Beginn dieser Sitzung hätte Herr Dr. R. die traurige Pflicht erfüllt, den Anlvcfenden Mitteilung zu machen von dem Mleben der beiden ältesten Mitglieder der Verwaltung, des Herrn Emil Weil aus St. Ludivig und des im ganzen Ober-Elsaß und der Provinz unter dem Nanien „Monsieur" bekannt gewesenen, langjährigen Sekretärs Herrn M. H. Günzburg'cr aus Hegenheim. Oesterreich-Ungarn. Budapest.'" Auf einem Kasernenhofe ertönte dieser Tage plötzlich seitens eines Laudwehr-Hauptmanns das Kommando: „Juden, die Hände hoch!" Im ersten Momente stand die Mannschaft verblüfft da; aber der Hauptmann wiederholte sein Kommando, und dank der militärischen Disziplin hoben sämtliche Juden die Hände hoch. Es 'ist Beschwerde eingereicht worden. Auch wird die Angelegenheit im Parlamente zur Sprache gebracht werden. Budapest. Budapekter Rausch.haschonob- Stimmung. — Tont Budapest gleicht einer vom Feinde zur llebergabe auf Gnade und Ungnade gezwungenen Festung, in der.die flinken Quartiermacher mit rotem Stift von Haus zu Hans und Straße zu Straße eilen, um der nahenden Truppe die schwcrerrungene Invasion leicht zu machen. Das Heer von Kantoren, Seminaristen, Thcaterelcven, Statisten, Chorjungen und verkannten Carussos wartet mit Ungeduld, auf die Stunde, da sie mit langgedehnten „Borchn" die Anwartschaft auf die eroberten Kronen der bezwungenen Bale batim machen können. Tingeltangel, Chantant, Bierstube, Weinhalle, Gambrinuskellcr, Tanzsaal und sonstige berüchtigte Buden und Budiken haben alle, die schreiende Schminke des sündhaften Alltags abgestreist und sind über Nacht zu züchtigen 'Andachtsstätien, in dem das unschuldige Weiß des Sargeues den ehrwürdigen Grnudton abgibt, umgetüncht worden. Wo man geht und steht, an allen Litfaßsäulen schreit uns ein gemaltes Reklameschild des „eben agnirierten" größten Baltesilogenies der Vor-, Mit-, Nach-. und Unterwelt entgegen. Die Gemeindepotentaten von Gottes Gnaden und der Massen Indolenz kennen eben keine-andere Frage, als das Gewerbe der Ändachtsspeknlation hoch blühen zu lassen. Denn auch sie machen dabei ein nicht zu unterschätzendes Geschäft. Und das müssen sic. Sonst würde im Budget kaum Deckung vorhanden sein für die Kosten der großen Gesangskünstlcr und Stimmkitanen, die sie zu ihren Gebetvorstellungen als Konzertmeister installiert haben. Z i o n j. Rußland. Petersburg. Trotz ihrer immensen Auswanderung, einer Auswanderung, die etwa anderthalb Millionen Seelen erfaßt hat, haben die russischen Juden während der Zeit von 1880—1909 im sogenannten Ansiedelungsgebiet statt der auf. sie entfallenden Zahl von 410000 Soldaten insgesamt 425 512 gestellt. Es hat aber Jahre gegeben, in denen die von den russischen Inden gestellte Soldatenzahl die auf sie entfallende um 25—33°/o übertroffen hat. Von 1886—1903 haben sie Jahr fiir Jahr weit größere Militärpflichten getragen, ä l s ihnen laut ihrem Vcr -- h ä l t n i s z u r G e s a m t b e v ö l k e r n n g z n k a nt. Gemäß der Statistik von 1897 bildeten nämlich die Juden in der männlichen Bevölkerung des jüdischen Ansiedelnngsgebietes 11,5°/«, wogegen die Zahlen der von ihnen gestellten Soldaten auf diesem Gebiet folggendcs Verhältnis anfwiesen: stellte die Gesamt- ... mehr als laut im Fahre' b-völk-rung im ihrem "U^-Ansiedlungsg-biet Prozentsatz Soldaten «wwaren um 1900 117 313 16 083 2845 1901 122867 16 969 3110 1902 123 596 17255 3246 1903 129 714 17 281 2516 _ Erst in den letzten Jahren haben die Juden geringere Soldatenzahlen zu stellen begonnen, als ihrem Verhältnis von 1897 zukommen würde. Die Ursachen liegen auf der Hand: die Regierung verlangt jetzt überhaupt aus den Aushebungspflichtigen einen größeren Prozentsatz Soldaten, und mit ihren etwa 18 000 jährlich neuen Soldaten können die Juden dem auf sie laut der Statistik von 1897 entfallenden Teil nicht mehr ganz Nachkommen, da ihre Auswanderung infolge der Pogrome und Verfolgungen ganz außerordentliche Dimensionen angenoinmen hat. Ihr gesamter Zuwachs wird durch die Auswanderung in Höhe von etwa 100—150 000 Juden pro Jahr bei weitem überschritten, so daß das durch die Statistik von 1897 geschaffene Bild längst nicht mehr maßgebend ist. Es ist sicher, daß die koinmcnde Statistik für die.Juden einen Weit geringeren Prozentsatz ergeben wird, und dann wird das Defizitsich in einen Ueberschuß verwandeln. „Rufs. Korresp." Kiew. Die hiesige Verwaltung der Jüd. Emigrationsgesellschaft hatte sich infolge der vielen Klagen über schlechte Behandlung auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyds' bei der genannten Gesellschaft beschwert. In dem Schreibe» War ». a. betont, daß die Emigrationsgesellschaft, falls ihre Forderungen betreffs einer menschenwürdigen Behandlung der jüdischen Zlvischendeckpassagiere nicht erfüllt werden sollten, genötigt wäre, die Beförderung der nach Galveston bestimmten Auswanderer auf den Schiffen einer anderen Gesellschaft zu bewerkstelligen. Daraufhin erhielt der Vorstand der Emigrationsgesellschaft von der Direktion des Lloyd die Mitteilung, daß eine auf dem Dampfer „Hannover" eingeleitete strenge Untersuchung die Berechtigung einer Reihe von Klagen ergeben hat. Demzufolge ist der erste Offizier der „Hannover" entlassen und der zweite Offizier strafversetzt lvorden. Die schuldigen Matrosen imd Schiffsdiener würden streng bestraft werden. Auch der Kapitän der Hannover", der für das Verhalten der Schiffsmannschaft verantwortlich sei. habe eine nachdrückliche Verwarnung erhalteir. Die Direktion des Rordd. Lloyd spricht schließlich ihre ileberzeugung ans, daß die. getroffenen strengen Maßnahmen zu den gewünschte» Resultaten nicht nur auf dem Dampfer „Hannover", sondern auch auf den anderen Schiffen des Nordd. Lloyd führen werden. Die Direktion werde ihr besonderes Augenmerk auf die anständige Behandlung der jüdischen Zwischendeckpassagiere richten. In einem zweiten Schreiben teilt die Direktion des Lloyd mit, daß sie Vorsorge getroffen habe, um die Uebelstände, die sich hinsichtlich! der Beköstigung der jüdischen Emigranten ergeben hatten, abzustcllen. Palästina. Jerusalem. Im Hinblick auf die jetzigen Tage ernster Selbstprüfung, die die Herzen bereiter zum Geben machen, .seien die Inden West-Europas auf das hiesige ' *. - Krankenhaus „Schaare Zedek" angelegentlichst hingewiesen. Das modern ausgestattete Krankenhaus, dessen Verwaltung in Franksilrt a. M. ist, und um das sich besonders Dr. Israel Roos-Franksurt a. M. unsterbliche Verdienste erworben hat, verfügt über einen Raum von 80 Betten, hat jedoch nur zur Gratisaufnahme von 30 Kranken die Mittel.' Es beherbergt^ in den Jahren