Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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> Seite 2. spielte absichtlich den Unwissenden, unl mit nichtssagenden und zu nichts verpflichtenden Worten die Feinde der zionistischen Sache ans dem arabischen wie auch jüdisch-assimilatorischen Lager zu beruhigen. Was nun die Erschwerung des Bodenkaufs in Palästina betrifft, so war diese Maßnahme in erster Linie gegen Inden, die unter fremdem Schutz stehen, gerichtet, und wenn auch gewisse Schwierigkeiten anfänglich auch den einheimischen Juden gemacht wurden, so geschah dies einerseits aus Furcht, daß der Bodenkans in Wirklichkeit für die fremden Brüder gemacht wurde, anderseits aus Rücksicht auf die christlichen Araber, das intelligenteste und gebildetste Element unter den Arabern, die der Niederlassung der Juden feindlich gesinnt sind. Diese Rücksichtnahme auf die chrsstlichen Araber kann jedoch nur vorübergehend sein, eine muselmanisch-türkische Regierung kann unmöglich ein christliches Aräbertum, ein zweifach unsicheres Element, sich stark entfalten lassen; vielmehr hat die Regierung Interesse daran, an deren Stelle das durchaus zuverlässige Judentum groß werden zu lassen, — mid fürwahr! schon wird uns. gemeldet, daß der türkischen Regierung von einem hochstehhenden und sachkundigen Beamten, der nach Palästina zuM Zwecke der Erforschung der dortigen LaMvirtschast und Industrie entsandt worden war, eine Denkschrift dahingehend unterbreitet wurde, den Juden Palästinas iM Interesse der landwirtschaftlichen wie industriellen Entwicklung des Landes weitgehende Konzessionen zu gewähren. Diese Vorschläge fanden in den Maßgebenden Kreisen ernste Beachtung. Es ist klar, daß die Türkei von der Verleihung weitgehender Rechte an die Juden viel, sehr viel profitieren kann, nur müßten die einheimischen Juden geschlossen und nach drücklich dieselb en v er lang en und von ihnen den richtigen Gebrauch Lu machen wissen, zum eigenen Wohle und zum Wähle der gesamten Judcnhcit. Fortsetzung folgt.) Ans de« Ereignissen des Tages. 1. Würde und Ehre. — Zum Rausch-haschonohfeste. — An den Tagen des Rausch-haschonohfcstes beten wir in unserer Schcmaunoh-esreh jahraus, jahrein ein seltsames, merkwürdiges Gebet. Es lautet: Uwchein tein kowaud leamcchoh! Herr, verschaffe Ehre deinem Volke! Verschaffe uns Ehre: Ist cs nicht eine seltsame Bitte? Kann man Ehre verschaffen? Und wenn man es kami, ist verschaffene Ehre etwas wert? Wie? Ist es denn nicht überhaupt unbegreiflich, daß an den Tagen heiligster Herzensoffenbarung und reinster Seclenscheu, da wir vor unseren Schöpfer mit den heiligsten innersten Wünschen treten, die wir in den Tiefen unserer Seelen hegen, daß wir da ihn um etwas' bitten, was ja nur geeignet ist, seichte Alltagsnaturen und unwahre, banale Menschen zu besiiedigen: er solle uns Ehre verschaffen! Denn was ist Ehre? Doch nur der Respekt, den uns die anderen bezeugen, doch nur ein Moment, das unsere Bezichnngen zu unseren Mitmenschen betrifft, also im besten Falle ctivas Aeußerlichcs, Oberflächliches und Nebensächliches. Und darunr wollten wir unseren Schöpfer an den Rausch-häschonohtagen anflehcn? Nicht doch! Uns dünkt, daß der Sinn, den man diesem Gebete' bcigclegt und denizufolgc die Uebersctzung, die man ihm gegeben hat, seinen wahren Inhalt verkennt. Wir sollen nicht übersetzen: Gib mrs Ehre, sondern: Gib uns Würde! Würde! Etwas weit Tieferes, Innerlicheres und Größeres als Ehre! Jenes regelt nur unser Verhältnis zu unserer Umwelt, dieses unser Verhältnis zu uns selbst; jenes verleiht uns nur unseren äußeren Rang, dieses unseren inneren Stolz; jenes wird uns von der Gesellschaft erteilt, dieses können wir uns selbst gebeiw Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Und wie beiiN einzelnen, so beim Volk! Und das Gebet bezieht sich ja auch auf das Volk? Gib uns.Würde, dem ganzen, großen, jüdischen Kollektion»!! Wir bitten nicht um individuelle Würde, wir flehen um nationale Würde. . Die Eh're, die ein Volk genießt, bezeichnet nur seine äußere Machtstellung, seine politischen Erfolge, seinen Rang. Die Würde eines Volkes ist der Wertmesser seiner inneren Größe, seiner Lebenskraft, seiner Existenzsähigkeit. Keinem Staate wurde wohl je mehr Ehre gezollt als Rom. Es verlor. seine innere Würde und ging unter. Keinem Volke wurde je so wenig Ehre gezollt >vie dein jüdischen. Es behielt seine innere Würde und blieb bestehen. Ehre und Würde! Sie sind keine Gegensätze. Fm Gegenteil. Das eine bedingt das andere gewöhnlich. Ein Volk, das Würde besitzt, wird für gewöhnlich auch geehrt werden, und ein Volk, dem man Ehre zollt, pflegt auch Würde zu besitzen. Dies ist der normale Zustand! Damit ist schon gesagt, daß cs bei unserem Volke nicht so ist; denn das Normüle ist uns seit 2000 Jahren fremd geworden. Das Ungesunde ist uns zur Gewohnheit geworden, das Anormale zum historischen Gesetz. Ehre und Würde! Wenn man will, kann Man die ganze Leidensgeschichte unseres Volkes als die Geschichte des Verhältnisses zwischen unserer Ehre und unserer Würde bezeichnen. Als wir glücklich und gesund lebte» wie alle Völker auf eigenem Boden, da besaßen wir beides: innere Würde und! äußere Ehre. Wir ivaren stolz auf uns selbst und geehrt bei den anderen. Als aber unser Martyrium begann, als unser Staat fiel und unser Tempel in Ranch und Flannnen aufging, als wir in alle Welt verjagt und zersprengt wurden, da verloren wir unsere Ehre. Wir waren ja zu schwach, um geehrt zu werden, zu sehr auf die anderen Völker angewiesen, uni don ihnen geachtet zu werden. Aber wir behielten unsere Würde. Man trat uns, mißhandelte uns, beschimpfte und besudelte uns, und wir blieben stolz. Man führte uns auf die Scheiterhaufen, und wir verachteten unsere Henker und fangen triumphierend: „Schema Israel!" Man verlachte uns, verhöhnte uns, wir aber blieben ruhig, da wir wußten, daß wir besser sind als unsere Hühner. Bon außen geknechtet und innen selbstbewußt, bei den anderen ein Paria und bei sich ein Held, ein stolzer Sklave, dies war und ist der Jude des Ghettos. Es schien aber, als ob unsere Würde an Len Mauern des Ghettos hing. Denn als diese fielen, schwand unsere Würde. Wir erhielten einen Teil unserer Ehre wieder, aber unsere Würde wurde immer geringer. Wir wurden reich und mächtig und waren innerlich — Streber. Wir gewannen Erfolge über Erfolge und wurden innerlich feige. Wir erhielten Titel und Orden und ' wurden zu gleicher Zeit Kriecher und Nackenbeuger. Nach außen geehrt und innen geknechtet, von den anderen beneidet und von sich verachtet, dies ist der Jude von heute! Und hier ruht unser ganzes Unglück: in. dem Verluste unserer Würde. Der krasse Abfall von der Tradition der Väter, die traurige Indifferenz allem Jüdischen gegenüber, die Verleugnung alles Nationalen, cs sind alles nur Folgen dieses Verlustes unserer Würde. Wir reformieren unsere Synagogen und höhnen unsere Tradition, weil wir nicht jenes Gefühl der Würde haben, durch welches ein Volk die Traditionen seiner Väter heiligt. Wir sind indifferent, weil uns jenes Würdcgefühl mangelt, das einem Menschen die Interessen seines Volkes zu seinen eigenen macht. Wir verleugnen das Nationale, weil, uns das Bewußtsein der Würde abgeht, das ein Volk stolz sein läßt auf seine nationalen Eigenarten. Kein größeres Werk gibt es für -unser Volk zu leisten, als ihm seine Würde wiederzugcben. Und darum bitten wir! Und darum haben schon unsere Ahnen alljährlich in den heiligsten ' Nr. 38 Stunden ihres Lebens gebetet, weil sie instinktiv empfunden haben, daß daran alles hängt, daß alles verloren ist, wenn die Würde verloren ist. - Und so wollen wir denn unseren Gott um dieses Größte und Heiligst^ bitten. Seinen Gott aber um etwas .bitten, ist Heuchelei, wenn man nicht gleichzeitig den ehrlichen Willen hat, das Ersehnte zu erlangen. Erst dann, wenn wir selbst den tiefen Wünsch haben, unsere nationale Würde wiederzuerlangen, erst dünn hüben wir das Recht, vor unseren Gott hinzutreten und an ihn düs heilige, ernste, erhabene Gebet zu richten: „Herr, verleihe Würde deinem Volke!" 3. Der Tod Stolypins. Am 14. September wurden auf Graf-Peter Arkadjewitsch S t o l y p i n während einer Galavorstellung im Kiewer Stadtthcater von einem Attentäter zivei Schüsse abgefeuert,-und fünf Tage später ist er verschieden. Mit ihm scheidet einer der. gefährlichsten, raffiniertesten und herzlosesten Judenfeinde aus der Welt. Es ist nicht schön, über den Tod eines Feindes Freude zu bezeugen; doppelt nicht schön, wenn der Ausgang dieses Feindes so tragisch war wie hier; dreifach nicht schön in der milden, versöhnenden Stimmung der Sclichothtage. Aber wenn wir Juden auch das allzumeuschliche Gefühl der Freude zu unterdrücken vermögen, ein Gefühl des Mitleids über das tragische Los des russischen Ministerpräsidenten können wir nicht empfinden. Auch wir sind nur Menschen, und den Tod unseres größten Feindes und Hassers zu bemitleiden, darf man von uns nicht verlangen. Biele werden jetzt die Amtstätigkeit Stoly- Pins einem Rückblick unterziehen und seine „Verdienste" zu erkennen suchen. Er wird von vielen gelobt, von manchen getadelt nnd »nur von sehr wenigen verurteilt werden.. Wer die Psychologie der Menschen keimt, wird darüber nicht staunen. Wir aber sind sicher, daß, mag auch das Urteil der Nachwelt über Stolypin lauten, wie cs will, der Richterspruch späterer Generationen und derber Geschichte in ihm nur einen der vielen russischen Staatsmänner sehen wird, bereit Wirken vom sittlichen Standpunkt als unmoralisch und vom politischen und nationalen Standpunkt als unheilvoll zu bezeichnen ist. Stolypins Regierung bedeutet ein nicht wieder zutzumachcndes Unheil in der Geschichte des russischen Volkes. Allerdings er hat „Ruhe" nach der Revolution geschaffen. Aber diese Ruhe war nur die Ruhe des Friedhofes gewesen. Erhängte und Erschossene müssen schweigen, und insofern hat Stolypin gelviß viele Revolutionäre zum Schweigen gebracht. Für uns Juden bedeutet Stolypins Regierungszeit eine Epoche unerhörter Repressalien und noch nie dagewesener Unterdrückungen.' Bei den anderen Ministern Rußlands vor ihm war die Jndenunterdrückung nur einer der Punkte ihres Progranimes gelvesen, bei ihm wurde sie immer mehr und mehr zu der Hauptaufgabe seiner Tätigkeit. Es war ein hoher russischer Beamter, der frühere Gehilfe des Ministers des Innern, Gurko, der vor kurzem erst erklärt hat: „Stolypin ist so sehr mit der Unterdrückung der Nichtrussen beschäftigt, daß er für die Russen selbst keine Zeit Mehr übrig hat . , .!" Während seiner Amtsperiode wurde uns der Zugang zu allen Schulen nüd Universitäten fast gänzlich versperrt, wurden die JudenauÄveisungcn aus verschiedenen Provinzen des Reiches in großem Maßstab wieder ausgenommen, würde — und darin ivar er der erste — alles innere Eibische Leben unterbunden lind unterdrückt.. Das Schlimmste allerdings konnte er glücklicherweise nicht mehr ausführen. Bekanntlich trug er sich 1a in der letzten Zeit mit dem Plane, den Handel und den Kredit zu nationalisieren, d. h. die Juden von ihm auszuschließen. Dieser Plan, dessen furchtbare Kollsequenzen ungeheuerlich und unabsehbar wären, fand selbst in den reaktionärsten Kreisen heftigen Widerspruch, und es - ist das Verdienst des Finanzministers Kokowzew vor allem, bis heute die Ausführung desselben verhin-