Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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««d chefchLftsstekke: SranKfurt L. M.. JEanBe|lrn|e 7 V-refo« 10507. Aerausgeber: KalU Hets. 9. Jahrgang. Freitag, de« 29. Ellul 5671 (22. September 1911) Nr. 38. -:-:- ...—- JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile.... 25 Pfg. Die Reklamezeile. . MO .. Platz- und DateN-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. .... . - , Dies« Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Bierteljähr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -—-— Inhalt des Hauptölattes. Artikel: DaS Jahr 5671. -- Aus den Ereignissen dcs Tages: t. Würde und Ehr->; 2. Der Tod Stolypins. —AuS allerWelt. —Personalien und Kleine Mittei lungen. — Feuilleton: Das Wunder auf dem Jadenfriedhof. — K u n st u n d Literatur. — Wochen-Kalender. — Fami lien Nachrichten. Das Jahr 5671. Wir stehen vor - der Wende eines Jahres. Das Rad der Zeit hat wiederum ein neues Blatt zun: Buche der Menschheit geschrieben. Ein neues Blatt ist in der Geschichte der Völker vollendet, ein neues Platt also auch, in der Geschichte Judas... Verschieden in Ton und Inhalt die Worte, die auf diesen. Blättern geschrieben, verschieden auch die Schrift. Alle Farben kommen da zum Vorschein, und gar viel missen die Worte und die Farben der Schrift zu erzählen. Farbenkundige bedürfen keiner besonderen Erörterungen; sie verstehen es, von den Farben aus die Worte, auf den' . Inhalt zu schließen. Doch auch an Unkundigen, -an Färben b l i n d e n fehlt es nicht, die grau als hell und rot als weist sehen. Diese bedürfen einer Erörterung des Inhalts. Aber.' auch die Färbenkundigcn bedürfen einer Zusammenstellung, einer Aneinanderreihung von Tatsachen, und'somit ist die Frage berechtig!: Was besagen die geschriebenen Worte auf dem jetzt vollendeten Blatt in dem Geschichtsbuche Judas- und was deren Inhalt? 'Allein Juda sitzt schon längst nicht Mehr aus seiner eigenen Scholle; will man also einen Gradmesser an den Stand seiner Verhältnisse anlegcn, so genügt es nicht bloß, die Blätter seiner Geschichte zu lesen, vielmehr bedarf's eines eingehenden Studiums in den Geschichtsbüchern aller Völker, auch deren neu hinzugekommene Blätter müssen gelesen werden. Juda ist ja zerstreut, zerstreut nach -allen Windrichtungen. . . . Welches sind nun die Gesamterrignisse des vorigen Jahres innerhalb der Völker? Welches die Ergebnisse? Zunächst in unserem Geburtsland Deutschland.? Das Jahr 5671 hat keine Aenderung in der inneren Politik dieses Landes gebracht. Der rein konservative Kurs, der mit dem Scheitern des Bülowschcn Blocks und Bülows Abgang eingeschlagen worden ist, hält noch an, —. und daß int Zeichen des Konservatismus hier wie überall der Antisemitismus — mit oder ohne Ueberzeugung — gedeiht, braucht nicht erst gesagt zu werden. Gelten doch die Juden von jeher als die Träger der Aufklärung, und überdies .machen sie -sich. noch eines zweiten Vergehens schuldig, des Vergehens des waschechten D emokratiSmus. - Zwar sind Ausbeutertum und Kapitalanhäufungssucht die Hauptanklagen des Antisemitismus gegenüber der Judenheit, Makel, die im Widerspruch zum . echten Demykratismus stehen; doch. es ist . nicht Sache der Reaktion, nach Logik zu fragen, und die Verleumdung kümmert . sich um Widersprüche herzlich wenig. Der Grad der Jndofobie ist bei den Parteien der Reaktion freilich verschieden; unser Zentrum ist z. B. weniger judenfcindlich als die Partei der Junker und Großagrarier, schon deshalb weniger, weil beide Konfessionen, die katholis ch e wie die jüdis ch e, in Preußen die geduldeten sind, und weil es, das Zentrum^ immerhin d e m okratische; Allüren hat. Tie antisemitische Behandlung der Juden seitens der Regierung auf allen staatlichen Gebieten — anders wie antisemitisch kann diese Handlungsweise trotz aller Schönfärbereien und geflügelter Worte nicht benannt werden — ist auch in diesem Jahre — wenn auch stattlich und manierlich — gehandhabt worden. Vergebens waren all die Bemühungen des Verbandes der Deutschen Juden, vergebens auch die scharfen Proteste des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, — es blieb alles beim alten. Der Geist Stöckers lebt auch nach seinem Tode fort. Was die äußere Politik unserer Regierung betrifft, so hat sich manches in diesem Jahr ereignet. Die 'Annäherung Rußlands an Deutschland bei der Potsdamer Vereinbarung, die nahe bevorstehende Verständigung behufs Marokkos mit Frankreich trotz aller Quertreibereien Englands sind ernste Schritte zur Sicherung des W e l t f r i e d e n s, und tvir Juden als Frievensvolk, deren ungesicherte Existenz ohnehin nur bei einem normalen und g eordn eten Gang der Z u st ä n d e der Völker bloß teilweise gesichert ist uird bei einer e t w a i g c n V ö l ker - K atastr o p h e s ch w e - rer Gefahren gewärtig sein muß, wir müssen uns doppelt, ja zehnfach ob der Sicherung des Weltfriedens freuen. Ztvar könnte man, von einer nationaljüdischen Politik ansgehend, gewisse Bedenken hegen, daß diese Verständigung zur Auslieferung gewisser türkischer Interessen an unseren, ivie auch der Türkei geschworenen Feind Rußland , führt und somit diese sonst erfreuliche Verständigung eine Schwächung der Türkei nach sich ziehen könnte, was zur Schädigung unserer nationalen- Aspirationen in jenem Lände beitrüge, — allein bas Interesse Deutschlands an den: Bestände einer starken Türkei ist zu groß, um diese anderen ausliefern zu lassen. Soweit Deutschland. Was die Lage der Juden in O e st e r r e i ch betrifft, so hat sie sich in diesem Jahre wenig geändert. Die Juden Galiziens darben wie zuvor, und die wirtschaftlichen Schäden, die die dortige Judenheit durch die Antipathie der Christenheit Oesterreichs von jeher erduldet, haben sich nicht vermindert. Wohl sind'die Antisemiten von Beruf, die Christlich-Sozialen, bei den im Frühjahr stattgefundenen Reichs'ratswahlen aufs Haupt geschlagen worden, — sie haben eine nennenswerte Einbuße an Mandaten erlitten, und fast alle ihre Führer wurden zur Strecke gebracht —, doch mit der Abnahme der Bciufsantisemiten hat der Antisemitismus als solcher in: Parlament noch lange nicht abgcnommen. An lauten und an stillen Antisemiten mangelt es in jenem Lande, wie überall, nicht,' und die letzteren können unter Umständen gefährlicher als die ersteren werden. An Stelle von Baron Bienert ist Baron Gautsch getreten. Bieneris Verhältnis zu den Juden ist ja zur Genüge bekannt, seine Beamten, in Drohobitsch . haben es mit greifbaren Taten aller Welt bekundet! Und Baron Gautsch? Allein auch judenfrcundliche Minister können in Ländern de-s permanenten Nationalitätenhaders und inmitten eines Geschlechtes des Turmes zu Babel wenig ausrichten. Der besonderen Erwähnung verdient das Ende des jüdischen Klubs im Reichsrat. Nur eines seiner Aritglieber, 'Abgeordneter Dr. Straucher, ist wieder ins Parlament zurückgekehrt. Tie 'Assimilation und deren Geist, der die Inden au die anderen Nationalitäten verschachert und die Völker an die jüdische Sklaverei und Liebedienerei gewöhnt hat, haben das jähe Ende des Klubes verschuldet. Wenn auch der Klub keinen besonderen praktischen Wert hatte — war er doch an. Zahl seiner Mitglieder zu gering, um die Lage der galizischcu Juden verbessern zu können —, so war doch sein Bestand von erzieherischem Werte in der Richtung des nationalen Stolzes und der Rückgradigkeit. Auch in Ungarn hat sich die Lage der Juden in diesem Jahre nicht geändert. Die kleine Besserung, die mit dem Ministerium Khuen-Hederwary eingetreten ist, hält an, und es ist zu hoffen, daß das allseitig geforderte und in Aussicht stehende demokratisierte Wahlrecht eine weitere Besserung ihrer Lage nach sich ziehen wird. Allerdings hängt viel ab von der Ge sch l oss euch eit und dem bewußten Auftreten der ungarischen Judenheit, die, wie bekannt, sich gerade durch das Gegenteil davon auszeichnet. . In der Türkei ist die günstige jüdische Lage konstant. Zwar fanden in den palästinensischen Kolonien seitens der Beduinen und 'Araber manche Ueberfälle statt, die judenfeindlichen Charakter trugen; allein dies ist mehr auf die noch ungeklärten, zum Teil chaotischen Zustände in der in der Verjüngung begriffenen und noch alten Türkei als auf den Judenhaß zurückzuführen. Der Regierung aber, die von tausend Sorgen umgeben ist und die Hände voll fast unüberwältigender Arbeit hat, dürfen diese Ausschreitungen nicht zur Last gelegt werden. Ernster jedoch sind die verächtlichen Worte des Großwesirs Hakki Pascha im türkischen Parlament gegenüber dem Zionismus und die Erschweruügen der jüdischen Ansiedelungen in Palästina; doch auch diese dürfen nicht allzu tragisch genonimen werden. Was Hakki Pascha über den Zionismus sagte, war gegen Tendenzen gerichtet, die der Zionismus niemals hatte und ihm nur von seinen Feinden, den .jüdischen Verrätern, unterschoben wurden. Der Großwesir ward entweder falsch unterrichtet und befand sich in einem leicht aufzuklärenden Jrrtnm, oder er