Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Seite 3. ganz Amerika hat cs bis heutekeine bedeutendere hebräische Zeitschrift gegeben. So galt es denn vor allein, dort eine h e b r öi s ch e T r i b n n e zu errichten. Dieser Versuch ist schon mehrfach unternommen worden, ist aber bisher immer gescheitert, teils, weil die richtigen Persönlichkeiten fehlten, teils aber, weil die materiellen Mittel nicht gesichert waren. Beides ist bei der neuen Zeitschrift nicht der Fall. Die Geldmittel sind in genügendem Maste dank der Vorsorge des Gründers vorhanden, und der Name Rüben Brainins bietet Garantie für die literarische und geistige Güte der Zeitung. Es ist sehr erfreulich, daß diese schon jetzt in der amerikanischen Judcnheit viel Interesse und Sympathie gefunden hat, selbst bis in die Kreise der liberalen Assimilationsjuden hinein. So ist denn zu hoffen, dast dem „Hadroe" eine lange, gesicherte Existenz bcschicden sein wird und er das Ziel, das ec sich gesetzt hat, die Belebung des Hebräischen innerhalb der amerikanischen Jndenhcit, erreichen Ivird. Damit aber werden er und seine Gründer sich ein großes, bleibendes Verdienst um das Judentum überhaupt, um das amerikanische im besonderen crtvorben haben, den erst wenn das amerikanische Judentum völlig hebräisiert und judaisicrt sein wird, wird sich drüben in Amerika in der Tat ein starkes, kräftiges, fruchtbares Judentum entwickeln können; dann tvird auch die „diene Welt" uns die besten Pioniere stellen zur Gewinnung und zum Auf bau unseres „Altneulandes". Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der Verband der Deutschen Inden wird seine diesjährige (vierte) Hauptversa »i m lnng am Sonntag, den 5. November in Berlin abhalten und zwar im Neuen Königlichen Opern thcater (Kroll), dessen Räume ihm durch das Entgcgenkommcil der Kgl. Gcneralintcndantnr überlassen worden sind. Berlin. Im S e e b a d e B i n z auf der Intel Rügen hatte der Gastlvirt P o t e n b e r g, der mich der Gemeindevertretung angehört, vor seinem Gasthof in der Nähe des Bahnhofes zwei Schilder mit der Aufschrift: „Jüdischer Besuch verbeten!" angebracht. Der „Zcntralvercin 'Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" richtete deshalb eine Beschwerde an den L a n d r a t und ersuchte ihn, der öffentlichen Beleidigitiig der Inden durch dieses Plakat ein Ende zu machen. Der Landrat hatte auch eine „ernste" Rücksprache mit Herrn Potcnbcrg. Die Folge des amtlichen Eingreifens lvar überraschend. Das beleidigende Plaakt wurde abgeändert und lautete nunmehr: „I ü di scher Besuch h ö f l i ch st v c r b e t c n!" Da in dieser Fassung von einer „beleidigenden Form" der Ankündigung keine Rede sein konnte, war allen lveitern Beschwerden die Spitze abgcsprochen... BreSlau. Auf die infolge vorgekommener Zurückweisungen jüdischer Praktikanten vcranlasttc Eingabe des Ausschusses der p re u st Aerzteka m m e r n hat der Reichskanzler, ivic das ,,Jüd Bolksbl." mitteilt, folgendes erwidert: „Zu einem behördlichen Eingriff in die den Kandidaten wie den Anstalten cingcräumte, wcchsettige Freiheit von Meldung und Annahme scheint mir um so weniger Veranlassung vorzulirgen, als die Zahl der in Preußen vorhandenen Praktikantenstcllen diejenige der geprüften Kandidaten um weit mehr als das Doppelte übersteigt, und es daher jedem Kandidaten möglich sein dürfte, eine seinen berechtigten Wünschen (?) entsprechende Praktikantenstcllc zu finden. Ein behördliches Bor gehen im Sinne der Eingabe würde nur dazu beitragen, auf dem seine»: Wesen nach konfessionell neutralen Gebiet der ärztlichen Vorbildung konfessionelle Gegensätze z schaffen oder zu beleben. Ich möchte daher von einem Vorgehen in dieser Richtung absehen." Diese Begründung der Ablehnung .ist nichts ivenigcr als schlüssig. Die konfessionellen Gegensätze brauchen gar nicht erst geschaffen zu werden sie sind vorhanden. Der Reichskanzler hätte also, lvenn er wirklich ernstlich bestrebt sein wollte, das, wie er Mit Recht sagt, „seinem Wesen nach konfessionell neutrale Gebiet der ärztlichen Vorbildung" vor Konfefsionalisierungstcndenzen jeder Art zil schützen, gerade aus diesen Vorkommnissen Anlaß nehmen müssen, deil Anstalten, soweit sie nicht tifkimgsgemäß einen konfessionellen Charakter tragen, )ic strikteste konfessionelle Skeutralität noch ganz besonders cinznschärfen. Stuttgart. Die Generalversammlung des „W ü r t t e m b. Landesverbands für die Interessen des gesctzcstreuen Judentums" faßte folgende Resolution: „Der Landesverband protestiert energisch gegen die von Rabbiner Dr. Tänzer in Göppingen in verschiedenen Blättern gebrachten Artikel, da diese die selbst an höchsten Stellen anerkannte Verschiedenheit der gcsetztrenen und ncologen Richtung im Judentum in Abrede zu stellen versuchten, um das orthodoxe Judentum und insbesondere einzelne Personen, die sich um dasselbe verdient gemacht, zu diskreditieren. Es handelt sich bei diesen Differenzen nicht um „Ritualformen, die Privatsache and", sondern um grundlegende Glaubenssätze des irr das Judentum für alle Zeiten verbindlichen Thorahgesetzcs." Hildburghausen. Am l. und 2. September feierte die hiesige Gemeinde das 100 jährige S y n a g o g e n j n b i l ä u IN. Im Mittelpunkt der Jnbclscier stand der am letzten Freitag Abend in der festlich geschmückten Synagoge abgehaltcne Festgottesdienst, zu dem auch die Vertreter der hiesigen Staats-, Stadt-, Kirchen- und Schulbehörden erschienen waren. Die Festrede hielt Landrabbiner Franke l. Superintendent Kirchenrat Dr. H n in a n sprach den Dank der geladenen Gäste aus und verlas eine Urkunde, Ivclche die Glückwünsche der evangelischen Kirchengemeinde enthielt und auch das schöne und innige Verhältnis zwischen den Konfessionen betonte. Samstag früh fand ein zweiter Fcstgottcsdienst statt und Samstag Abend ein Bankett. Ans den telegraphischen Festgruß sandte Herzog Georg eine Depesche, in der er für den Gruß v o n. Herzen dankt und ihn wärmstens erwidert. Giebelstadt (Untersranken). Bor einigen Tagen wurde in unserer kleinen Gemeinde die ' neue Synagoge eingeweiht. Die politische Gemeinde nahm regen Anteil an diesem Feste, indem die Einwohner ihre Häuser beflaggten und sich scNvvhl beim Zuge, als auch in der Synagoge mit ihren israelitischen Mitbürgern vereinigten. Der Fcstzug bewegte sich vom Hause des Kultusvorstandes, H. Schmidt, mit Vorantritt der Musik zur Synagoge. Dort angelangt,. trug die Tochter des Vorstandes ein Gedicht vor und überreichte den Synagogenschlüssel dem Bürgermeister, der nach einer Ansprache den Schlüscl dem Distriktsrabbincr Bamberge r - Würzburg, Verweser des Rabbinats Kitzingen, übergab. Dieser erwiderte dem Herrn Bürgermeister in entsprechender Rede und überreichte den Schlüssel dem Vorstande. Nach dem Einzuge wurde Ma-Town gesungen und die Umzüge mit den Thora-Rollen vorgenomnien.. Nachdem Vorstand Schmidt die Anwesenden in längerer Ansprache begrüßt hatte, bestieg Rabbiner ainbergcr die Kanzel und hielt die Einweih. ungs-Ncde, die sich darüber verbreitete, welche Namen unsere Stammväter den geheiligten Stätten beilegten, nämlich Berg, Feld und'.Haus, als Symbol für die Synagoge. Sie sei stets ein Berg zur Erhebung zur Gottesfurcht und Gott.eserkenntnis, ein Feld zur Aussaat von Liebe zu Gott und dem Nebenmenschen und ein Hans, in dem man sich jederzeit heimisch und glücklich fühlen solle. Die Rede schloß mit dem Königsgebet und einem Segen für die Gemeinde und die Behörden. Nach Absingung eines Psalms (150.) war die Feier beendigt. Von da aus bewegte sich die ganze Festversammlung unter Musikbegleitung in ein Gasthaus zur' geselligen Unterhaltung. Alle Anwesenden, darunter viele Fremde, waren sehr befriedigt von der außerordentlich gclnngencn Feier. Oesterreich-Uugarit. Wie«. Im Rathause erregte dieser Tage eine Deputation lebhafte Erregung. Peter Michael H i r s a n, Mitglied der christlich-sozialen Partei und der Bezirksvertretnng im Stadtteile Josesstadt, erschien nämlich an der Spitze mehrerer Herren, um in Angelegenheit des städtischen Oberbczirksarztes Dr. Ludwig 5k l a a r vorzusprcchen, welcher, weil Jude, seit 17 Jahren (seit dem Beginne des christlich-sozialen Regimes) in der Beförderung übergangen worden ist. Die Deputation gab dein Wunsche Ausdruck, daß Dr. Klaar zum Physikus außer der Reihe ernannt werde. Palästina. Jaffa. Unter der jüdischen Jugend in Hebron ist eine Bewegung im Zuge, die auf die Schaffung j[ ü d ischc r A ck e r b a u k v l o u i e n in der Uin gcb ung v o n Hebro n abzielt. In einem Brief ans Hebron, der in dem Jerusalemer „Hacheruth" abgcdruckt war, worden die vielen Vorteile erörtert, die solche landwirtschast-- liche Ansiedlungen in der Umgebung von Hebron für das gesamte jüdische Kolonisationswerk in Palästina im Gefolge hätten. Insbesondere wird auf die Aussichten eines rationellen Weiiibans und einer großzügigen Milchwirtschaft nebst Molkercibctrisb in dieser Gegend hingewiesen. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Dietzenbach bei Offenbach. Hier verschied im Alter von 65 Jahren Frau Jettchen Wolf Wwe. geb. Strauß, eine echt jüdische Frau. (L) Posen. In Schönlanke verschied P. M. Eppstein, der Begründer der dortigen Tabak-Industrie, in Schokken im 73. Lebensjahre — kurz nach seiner goldenen Hochzeit — Michaelis K o ch m ann, der in der politischen und in der jüdischen Gemeinde ehrenamtlich tätig war und sich eines glänzenden Rufes erfreute, und in C h a r l o t t e n b r u n n im 70. Lebensjahre Kommerzienrat Moritz B r a n n, der viele Jahre dem Magistrate in R «witsch angehörtc. Wildlingen. Veranlaßt durch einen jüngst vorgekomincnen Fall, haben die anwesenden jüdischen Kurgäste 1000 Jk gestiftet, damit beim Tode arin er Kurgäste sämtliche j nd isch e n Vorschriften beobachtet werden. Schmalkalden. Das Reichspostamt hat dem hiesigen Oberpostassistenten Gärtner wegen der Verbreitung antisemitischer Flugblätter seine Mißbilligung ausgefprochen. Liegnitz. Ludwig Danziger, Präses der Syiiagogeiigemeindc, feiert sein 25jähriges A in t s j u b i l ä n m. Amfterdau». Anläßlich des Geburtstages der Königin erhielten I. Simon er, Finanzrat im Haag, und S. I. Hirsch, zweiter Vorsitzender des Hohen Gerichtshofes in Nieder-Jndien,.den Orden des Niederländischen Löwen. Stratzbnrg. Photograph M. Gerschel ist für eine Reihe künstlerischer Arbeiten mit dem italienischen Verdienstorden ausgezeichnet worden. Pirmasens. Da an unserer Synagoge verschiedene Aenderungen vorgenomnien werden, stellte Oberbürgermeister Strobel den Stadtratssitz nngssaal zu m Ab halten des Gottesdienstes zur Verfügung. Budapest. Moses Freudiger de O-Buda. der langjährige Vorsteher der hiesigen orthodoxen Gemeinde, ist in hohem Greisenalter verschieden. In ihm verbanden sich jüdisches und allgemeines Wissen und treue jüdische Pflichterfüllung mit emer glänzenden sozialen Stellung. Türkei. Saloniki. Wie die „Epoca" mitteilt, sind hier in diesem Jahre nicht weniger als 32 jüdische Mädchen z n in I s l a in ü b c r g c t r e t e n. Der Grund dieser beklagenswerten Erscheinung liegt in der. d u r ch a ii s n n j ü d i s ch e n Erziehung, die die jüdischen Eltern in der Regel ihren Töchtern angedeihen lassen. Das Wunder auf dem Judenfriedhof. Von Klemens Junosza. Deutsch» von S. H o r o w i tz. lJortsetzung). Das Pferd verlangsamte den Lauf, denn der Weg' ging bergauf, und das Wagengerassel störte nicht das Gespräch. „Sie wissen, wie diese ganze Geschichte sich zugetragen hat? — Sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber ich werde es Ihnen erzählen. Ich weiß, daß Sie gern von jüdischen Dingen erzählen hören." „Ja, sehr gern." „Sie wissen wahrscheinlich auch, daß die Juden früher nicht solch arme Schlucker wie heute waren, sondern einen jüdischen König, jüdische Beamte und ein jüdisches Heer hatten. Und was für Soldaten! Lauter Gardetrüppen niit Lanzen und Säbeln, mit Trommeln und Kanonen, wie ein großes Heer sein soll! Es waren Generale und einfache Soldaten. Sie führten fortwährend Krieg und am meisten mit den Philistern. Diese waren ein überaus abscheuliches Volk, und unter ihnen befand sich ein sehr großer, sehr starker Baucrnlünimel, einfach ein ungebildeter Bancrnknecht, ein Grobian!" „Goliat!" „Das war ein ganzer Räuber. Er schlich in einem fort um unser Heer und suchte Händel, wahrscheinlich war er auch ein wenig betrunken und machte gern Krakehl. Er schimpfte, - fluchte, brach Streit vom Zaun, aber man kümmerte sich nicht um ihn. Schließlich meldete sich ein junger Bursch — er war höchstens sechzehn Jahre alt, war nicht einmal verlobt —, und Sie glauben vielleicht, irgend eine Persönlichkeit! Ein einfacher. Schäfer, ein ein-