Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 4 Frankfurter Israelitisches FamMerrblatk. Nr. 37. facher Ziegenhirt! Er sagte: „Lasset mich an /diesen Dickschädel heran! Ich werde cs ihm zeigen!" Die Krieger lachten. „Davidl," sagten sie, „Du scheinst wohl den Tod zu suchen!" Und er war so ingrimmig, daß er gleich laufen wollte, aber ohne Erlaubnis des Königs ging das nicht. Man mußte zum König gehen." „Und er ging?" »Mas sagen Sie? Bei uns, wenn man zum Bürgermeister geht, wird man auch nicht gleich vorgelassen, sondern man muß warten. David wendete sich au eine Mittelsperson, an einen Menschen, der über die Hintertreppe überall hingelangt. Anfänglich wollte der König nichts davon wissen, schließlich aber gab er nach. Der junge David verschmähte jede Waffe und erlegte den Recken mit einem Stein, daß im jüdischen Lager großer Jubel herrschte. Ja, das waren Zeiten! Wir hatten unsere Soldaten, Ehren, — und was haben wir heute? Jetzt ergeht es uns schlecht, sehr schlecht, und wenn nicht das wäre, daß unter den Juden sich immer sechsunddreißig Gerechte befinden, die das Gesetz befolgen und beten — weiß ich nicht, was noch mit uns geschähe." „Warum nur scchsunddreißig?" ,Meiß ich, cs muß so sein, — so ist es von Gott bestimmt „Und wo sind sie, diese Gerechten?" „Das, mein Herr, kann niemand wissen, — genug, daß sie vorhanden sind." „Eh, mein Berl, Du schwatzt, ohne selbst zu wissen, was." „Ich schwatze! Ha! Mag's drum sein — aber ich weiß, was ich weiß. Sie glauben, daß es auf der Welt nur diese Rabbiner gibt, die die Menschen kennen? Es gibt auch solche, die niemand kennt und die, kann man sagen, die Welt erhalten. Weiß ich, in welchen Personen ihre Seelen hausen? Weiß ich es? Manchmal scheint cs, daß ein armer Fuhrmann einhergeht, und bas kann eben ein weiserer und frommerer Mensch als selbst ein Rabbiner sein! Alles ist in Gottes Hand, und es passieren solche Sachen, die der Mensch nicht einmal zu fassen vermag. Sie glauben vielleicht, daß Elias, der Prophet, nicht voriges Jahr auf dem ' Jahrmarkt in Lubartow war? Bei meinem Gewissen, er war dort." „Aber!" >,Was, — aber! Wissen doch selbst lleine Kinder, daß der Prophet fortwährend auf der Welt wandelt." ,Mozu?" „Er weiß schon, wozu! Sie glauben, daß er wenig arme Leute ernährt. Er ist sehr barmherzig, sucht selbst verschiedene arme Schlucker auf und unterstützt sie. Er ist sehr barmherzig. Sie glauben es nichts , ,Menn Berl es sagt . . ." „Ich sage, ich weiß, was -ich sage." ,Serl glaubt an Wunder?" ,Marwn denn nicht? Hat es denn auf der Welt wenig Wunder gegeben?" „Früher! — Mer jetzt?" „Und auch jetzt passieren welche. Ich könnte Ihnen viele sagen, es ist aber besser, nicht zu reden, — denn wozu reden, wenn jemand keinen Glauben schenkt..." „Ich höre doch zu." »Ja, gnädiger Herr, es gibt eine Menge Wunder, jeden Tag kann ein Wunder geschehen und geschieht auch, obwohl wir davon nichts wissen, denn wer kann alles wissen? Und das ist schon ein Wunder, daß der Herrgott armen Leuten das Leben gibt und daß die Sonne um die Erde kreist." Berl hielt inne. „Wir waren schon in der Nähe von Lublin. Die Türme mehrerer Kirchen zeichneten sich am Horizont ab. Die Stadttore konnte man genau unterscheiden- Die Stadt, auf eine Anhöhe sich hinziehend, schaut malerisch aus und wird von einer schönen, weiten Landschaft eingefaßt. DaS silberne Band des Bhstrzhca-Flusses windet sich inmitten von Wiesen, und wohin man den Blick wirft, sieht man weiße, saubere Weile>-, die sich. entweder an den Höhenzug anschmiegen oder auch auf -en Anhöhen zerstreut sind. Adlf den nach der Stadt führenden Straßen herrscht ein reger Verkehr, und die alten Stadttürme und Mauern schauen majestätisch aus. Besonders von der Seite, von der wir kamen, ist die Einfahrt in Lublin sehr hübsch. Dann mündet die Sü:«che in eine tiefe Schlucht und enthüllt den Augen des Reisenden" neue Ausblicke. Der altertümliche Judenfriedhof auf einem hohen, an einer Seite ganz steil abfallenden Berge, voll von alten Bäumen und nach orientalischem Brauch senkrecht aufgestelllen Grabsteinen. Am Fuße des Berges, hart am Friedhöfe, die Ruinen einer Kirche, die jetzt eine Seifenfabrik ist; dann das geräuschvolle Judenviertel. Dieser altertümliche Judenfriedhof auf dem „Grodzisko" genannten Berge reicht, wie die Stadtchronik Zeugenschaft ablegt, in das Jahr 1554 zurück, «wer dies ist das Datum der Verleihungsakte. In der Tat hat er noch früher existieren müssen, denn es gibt keine Spur, daß die Lubliner Juden noch anderswo einen Friedhof gehabt hätten, und doch wohnten sie in Lublin seit Jahrhunderten. Mehr als einem der i» dieser Richtung Vorübergehenden fällt es auf, daß der Berg an der Kirchenseitc so steil abfällt, als ob Menschenhände dazu beigetragen haben. „Berl, schau," sagte ich, „wie wunderlich dies aussieht!" 1 .Munderlich?" fragte er, „was ist da wunderlich?" „Diese seltsame Nachbarschaft, — eine Kirche hart neben einem jüdischen Friedhof?" „Ich bitte Sic, das ist eben eine Stadt," erwiderte er, „war es auch früher, und in einer Stadt baick halt jeder dort, wo er einen Platz hat. Die Juden haben ein Grundstück gehabt, und so haben sie einen Friedhof angelegt, und die Geistlichen haben wieder auf ihrem Grund und Boden eine Kirche aufgeführt. Was ist da sich zu verwundern? Jeder nach scinein Ritual. Dieser „gute Ort" ist schon sehr alt." „Er hat mehr als dreihundert Jahre." „Wer Ihnen das gesagt hat, soll das Gelb zurückerstatten! Wer hat diese Jahre gezählt, wer kann solche alte Sachen denken?" „Es steht in den Büchern?" „Und was folgt daraus? Sagt denn jedes Buch die Wahrheit? Die Bücher sagen wahrscheinlich auch, daß dieser Berg und. dieser Platz, auf welchem die Kirche stand, ebenfalls früher waren!" „Nun ja!" ,Ha, ha, ha! Dann erzählen sic viel! Sie wissen viel! — Sie wissen soviel wie nichts!" „Mer das, was in historischen Büchern steht, stützt sich doch auf Dokumente!" „Meine Feinde mögen eine solche Stütze im Rücken haben, wie das wahr ist! Die Bücher schreiben, daß hier ein Berg und eine Niederung war, und ich sage Ihnen, es war weder das eine noch das aridere." ,Mas war also?" „Fragen Sie die Bücher," sagte Berl ironisch, „da die Bücher so weise sind, so nrögen sie sagen was gewesen ist." Mehr konnte ich nicht von ihm herausbekommen, um so mehr, als wir bereits in die Stadt hineinfuhren und. er große Lust hatte, vom Wagen zu springen und in die Stadt, wohin ihn verschiedene Geschäfte führten, zn eilen. ,Mann, gnädiger Herr, kehren Sic zurück?" fragte er. „Morgen, mit Sonnenuntergaug." „Nu, so werde ich morgen mit Sonnenuntergang beim alten Friedhof stehen. Sie werden mich wiederum eine kleine Strecke mitnehmen." „Wir werden sehen." „Ah, Sie werden mich mitnehmen, — ich bin schon ganz schwach auf den Beinen, und tote ich nur rasch gehe, bekomme ich ein Stechen in der Herzgegend! Gott beschütze einen, wie es sticht!" „Gut also. Du wirst mitfahren, Du mußt mir aber von diesem Berg und von dem was vorher war, erzählen." „Fürwahr, Sie sind immer neugierig! Warum sind Sie so neugierig?" „Ich möchte wissen." „Nu, nu, auf Wiedersehen!" sagte er, vom Wagen springend. Tags darauf verlies; ich Lublin. Die untergehende Sonne vergoldete die schlanken Türmchen, spiegelte sich in den Scheiben und tauchte die alten Mauern in rote Tinten. Neben dem alten Friedhof harrte Berl mit einem Bündel unterm Arni." „Guten Abend, guten Abend, gnädiger Herr!" rief er. „Sehen Sic, wie pünktlich ich bin! Finden Sie einen zweiten, so pünktlichen Menschen wie Berl?! Sie haben gesagt: Sonnenuntergang! Sehen Sie, jetzt im Augenblick ist Sonnenuntergaug." „Und wie wird's mit dem Berg sein?" „Ich habe geglaubt. Sie hätten daran schon vergessen! Ein Berg ist eben ein Berg! Möge er stehen, denn er ist ein Berg, und wir fahren, denn dazu sind wir Menschen. Ein Berg kann nicht fahren, und für uns schickt cs sich nicht zu stehen. Schauen Sie, selbst das Pferd versteht das, es rührt schon mit den Beinen, es zeigt, daß es Zeit sei zu fahren. Fürwahr, ein gescheites Pferd! Dies sagend, kletterte Berl auf den Wagen. Wir setzten uns in Bewegung. Auf dem alten Friedhof rauschten die Bäume, wir hatten sie bald passiert, ebenso die Vorstadt und den über den Byotrzyca-Fluß führende Brücke. Die Sonne war untergegangen; von den Wiesen stiegen phantastische Nebeldünste auf und zerflatterten in seltsame, unbestimnite, fortwährend sich verwandelnde Formen. Am Himmel begannen goldige, schalkhaft blinzelnde Sterne aufzutauchen, und ein Windhauch brachte von den Wiesen den Duft frischgemähten Heus: „Nun, Berl," fragte ich, „Du sagst, der Friedhof sei älter als drechundert Jahre?" - „Ha, ha! Viel älter!" >,Zum Beispiel?" „Ich weiß es nicht,- aber er ist sehr alt. Er ist so alt wie Lublin selbst, vielleicht noch älter. Sind Sie je dort gewesen?" „Nein." „So haben Sie nicht gesehen, was für alte Steine dort sind?" „Hat Berl sie gesehen?" „Nein. — Aber die Leute sage», daß jegliche Schrift, die auf den Grabsteinen cingemeißelt war, vom Winde verweht und vom Wasser weggcwaschcn wurde. Bedenken Sic, wieviel Wind und Wasser nötig Ivar, ui» eine Schrift aus dem Steine zu verwischen! — Und was für Schrift! Jeder Buchstabe wenigstens ein halber Zoll tief. Man sagt, daß manche Steine schon so tief in den Boden eingesunken sind, das; man sie kaum merkt. Erwäge» Sie mit Ihrem feinen Verstand, wieviel Zeit erforderlich ist, daß ein Stein von selbst in die Erde einsinkc und sich dort verstecke, — das ist keine Kleinigkeit!" ' „Auf diesem Gottesacker ruhen wahrscheinlich viele berühintc und gelehrte Juden?" „Ja, berühmte, gelehrte, fromme Rabbiner und viele reiche Männer! Eine ganze Gemeinde. Wenn ich ein Prozent des tausendsten Teiles ihres Verdienstes, den sie vor Gott haben, hätte, bann wäre ich sehr, sehr glücklich! Dort liegen große Männer, große Köpfe! Dort trifft man sogar einen Grabstein, auf welchem nicht viel und nicht wenig, nur ein Name geschrieben steht! Und wissen Sie, was für ein Name? Esther! Und wissen Sie, wessen Name das ist? Das war eine Jüdin, sogar vom geringen Stande, die Tochter eines armen Schneiders, aber dann Ivurdc sic eine jüdische Königin..." „Eine jüdische? Du bist schlecht unterrichtet, denn sie war ganz und gar keine Königin." „So? Sie werden vielleicht sagen, das; dieser König gar kein König unb diese Jüdin keine Jüdin war, daß er nicht an ihrer Seite gesessen und sie nicht neben ihm. Bei den Herrschaften ist alles unigckehrt!" „Im Gegenteil, ich gebe zu, daß sie gelebt hat und neben dem König gesessen ist." -(Fortsetzung folgt.) „Flt-sure" Pincenez doubl«, 14 k Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst., nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmitttel. „I. W. Albert, Inh. Pauk Wanderey, Haus Neptun, Ecke Neue Mamzrrstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt L" Kaiser Friedrich Quelle - Offenbaeh s. X. - Gegen Gicht and Bhemnatigmns bewährt. 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Aufruf von Himmel nno Erde als Zeugen, Israel das „Gute" und somit das „Leben" zur freien Wahl vorgclegt zu haben. — Ermahnungen Moses an Israel, Strasverkündigungen beim Abfall. Die Pflicht, die Thora abzuschreibeir und so zu deren Wahrung beizutragen. Soniitag beginnen die Selich aus tage. Freitag ist E r c w R au s ch - h a s ch o n o h. Es werden mehr Selichaus (Bußgebete) als an den vorhergehenden Tagen verrichtet. Das Schofarblafen unterbleibt, um einen merklichen Unterschied zu machen zwischen dein bisherigen freiwilligen Blasen während ganz Ellul und jenem am Rausch-haschonoh, an dem es Pflicht ist. Der Tag sei dcnr Ernste und der Buße gewidmet: Aussöhnung Befeindeter, Besuch des Friedhofs, Alinosenspenden, Fasten. Das Wichtigste des' Tages ist die Aussöhnung Befeindeter, denn wer sich mit seinen Mitmenschen nicht versöhnt, der kann voir Gott keine Verzeihung verlangen. ontnoacfter Drudtiuft-JVnlaflc Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. Unfibertroffene bewährteste TapplchrcInl0an0.