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Neue jüdische Presse · 1911-09-15 · Heft 37 (15.9.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Franksürker Israelitisches Familienblatk. Nr. 37 zugunsten der Abgebrannten organisiert und'' zu diescnr Zweck ein internationales Komitee gebildet. Außerdem fehlt cs auch nicht an privater Wohltätigkeit. Heute früh habe ich Ihnen bereits berichtet, das; Herr Pcrhi-Levy uns 400 Okka Brot und zwei Körbe Oliven zur Verteilung geschickt hat. Seitdem haben wir zwei liebenswürdige Beileidsschreiben von zwei Mitgliedern der hiesigen griechischen Gemeinde erhalten, denen 10 L. türkisch' rcsp. 2>/» L. beigeschlossen waren. Schließlich hat einer unserer Glaubeusgcnosscn verschiedene warme Decken, Unterkleider, Hemden und Strümpfe an die Abgebrannten verteilt. » * 27. August 1911. Eben komme ich von Seiner Exzellenz Nasim Pascha, der kurz vorher das provisorische Zeltlager unserer unglücklichen Brüder besucht hatte. „Bestellen Sic den Armen in meinem Namen," sagte er, „daß ich mit der größten Sorgfalt über sie wachen werde. Ich habe nach Konstantinopcl berichtet und habe soeben von der Hohen Pforte günstigen Bescheid erhalten. Man beauftragt mich, es Ihnen an nichts fehlen zu lassen und mich' zu Ihrer vollständigen Verfügung zu halten. Das habe ich, wie Sie wissen, seit gestern getan. Bitte wenden Sie sich! wegen aller Sachen, die Sic brauchen, direkt an mich. Wenn die vorhandenen Zelte Ihnen nicht genügen, verlangen Sie rnchr, ich werde sie Ihnen von Smyrna aus schicken. Ich habe dem Polizeikommissar aufgetragcn. Tag und Nacht aufzupässcn. Die Stadtverwaltung wird cs übernehmen, jeden Morgen durch ärztlichen Besuch den Gesundheitszustand der Abgebrannten kontrollieren zu lassen, damit in der augenblicklichen Epidemie-Besorgnis nicht noch schlimmere Ucbel zu befürchten sind. Seien Sie also ohne Sorge, und der Allmächtige gebe Ihnen die Geduld, die Sic so notwendig brauchen!" Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Eine historische Entscheidung. Der große Gedanke der Einheit hat sich stärker erwiesen als die Trennungstendcnzen: die M i s r a ch i k o n f e r c n z, die am 10. September in Berlin getagt hat, hat mit Zweidrittel-Majorität beschlossen, auch weiterhin in der zionistischen Organisation zu verbleiben. Alle Versuche innerhalb und außerhalb des „Misrachi", diesen zum Austritt zu veranlassen, haben nichts genützt; die Majorttät der Mitglieder des „Misrachi" hat gezeigt, daß der Gedanke der Einhett des ganzen jüdischen Volkes ihr so heilig und teuer ifl> daß sie trotz aller Versuchungen und Verlockungen nicht von ihm lassen will. Damit hat aber der „Misrachi" nicht nur sich einen Lorbeerkranz errungen, er hat auch den! Narnen der ganzen Orthodoxie neue Achtung und neues Ansehen verschafft. Der 10. September bedeutet nicht nur einen Ehrentag in der Geschichte des „Misrachi", er fft es auch in der Geschichte der gesamten jüdischen Orchodoxie, denn er hat gezeigt, daß «ocnigstens große Teile derselben reif und fähig geworden sind, die Leitung der Geschicke ihres Volkes selbst in die Hände zu nehmen. Der Beschluß der Konferenz wird nun freilich de»! „Misrachi" viele Angriffe cinbringen. All jene „Freunde" des „Misrachi", die ihn für sich zu geioinnen und dadurch dent Zionismus einen Schlag versetzen zu können hofften, werden nun, da ihnen der sicher gelaubte Bissen entgangen ist, mtt der ganzen Entrüstung von in ihren liebsten Wünschen getäuschten Menschen gegen ihn losziehcn, werden ihn wieder als nicht Mehr gcsetzestteu zu diskreditteren suchen; aber wir sind sicher, daß der „Misrachi" diesen Angriffen gegenüber die Ruhe bewahren wird, in dem sicheren Bewußtsein, die Wahrheit und das Interesse des Judentunis auf seiner Sette zu haben. Die Leitung des „Misrachi" wird ja nun auch von Frankfurt nach Hamburg verlegt werden; und wir hoffen, daß diese Verlegung nicht nur eine Aenderung des'Ortes und der Personen, sondern auch eine solche der Taktik und Wirksamkeit des „Misrachi" zur Folge haben wird; eine Aenderung, die in der Richtung liegen wird, die die Konferenz gewiesen hat, in der Stärkung der positiv schaffenden Elemente. Denn darin beruht die eigentliche innere Bedeutung der Berliner Konferenz für den „Misrachi" selbst: daß sie dem „Misrachi" den neuen Weg gezeigt hat, den er zu beschrciten hat, den Weg der Arbeit und des Sch affe n §. Wir haben schon vor einigen Wochen an dieser Stelle mit inniger Freude die Gründung des Verbandes für jüdische Kultur seitens des „Misrachi" begrüßt, in der wir das erste deutliche Symptom dieser posittv schaffenden Tendenz im „Misrachi" erblickten; der Beschluß der Berliner Konferenz ist das' zweite, iwch deutlichere Symptom dieser immer stärker werdenden Tendenz; und' wir hoffen und wünschen, daß die neue Leitung des „Misrachi" das dritte, blchcutsanistc Symptom sein wird, daß sie nicht nur diese Tendenz theoretisch' als die einzig richttge anerkennen, sondern sic auch praktisch zu vcrtvirklichen bestrebt sein wird. So glauben wir denn das Recht zu haben, die Hoffnung auszüsprechen, daß mit dem Beschlüsse der Berliner Konferenz und ddr nun folgenden Verlegung der Leitung nach Hamburg eine neue Aera in der Wirksamkeit des „Misrachi" eintreten wird, die Aera des positiven, vorbildlichen Schaffens, da man suchen wird, nicht Mehr nur durch Proteste und Resolutionen, sondern in erster Linie durch vorbildliche Arbeit und geistige Beeinflussung zu wirken. Und wir glauben ferner, behaupten zu dürfen, daß diese neue Aera nicht nur richtiger und schöner, sondern auch nutzbringender und fruchtbarer sein wird. Denn es Ivird dann dem „Misrachi" nicht schwer fallen, sich die Sympathien und' die Unterstützung der Majorität der zionistischen Organisation zu getvinnen, Sympathien, die bisher nicht besessen zu haben, in erster Linie die Schuld der verkehrten Takttk des „Misrachi" selbst war. Aber nicht nur dies: durch posittve Arbeit wird' auch der „Misrachi" nach und nach sich die Sympathien all jener gcsetzes'treuen Juden erringen, die noch nicht dem Zionismus angehörcn, aber das Gemeinschaftsgefühl mit dem ganzen jüdischen Volke noch nicht verloren haben. Denn die Propaganda nach außen wird eine der vornehmsten Aufgaben der neuen Leitung fein müssen. Biele Aufgaben stehen dem „Misrachi" bevor, und' keine Födcratton int Zionismus hat einen solch schwierigen Stand heute wie der „Misrachi". Wir wissen dies sehr wohl. Und d'enlioch schauen wir froh und ruhig in die Zukunft, denn >vir wissen, daß ehrliche, schöpferische Arbeit noch immer von Erfolg begleitet war. Möge nur der „Misrachi" den Willen haben, ehrliche, schöpferische Arbeit zu leisten, und er darf sicher sein, auf unsere Sympathie und Unterstützung rechnen zu können, wie er es hat inüner tun können, sofern er positiv gearbeitet hat. Er darf ferner sicher sein, seine Erfolge sich von Jahr zu Jahr steigern zu sehen, darf endlich sicher sein, mit der Zeit dds zu werden, was seiltgreiser Ehrenpräsident auf dem Kongreß erklärt hat: dicSceledcs Zionismus. Wir aber gestatten uns, diese Prophezeiung und diesen Wünsch noch zu ertveitern, indem >vir sagen: Der „Misrachi" darf sicher sein, durch posittve Arbeit nicht nur die Seele des Zionismus, sondern die Seele des Judentums zu werden! 2. Der erste Schritt zur Hebräifierung der amerikanischen Judenheit. Am 15. September beginnt in Amerika eine neue hebräische Wochenschrift zu erscheinen; ihr Name ist „Hadror" (Die Freiheit) und der Herausgeber der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben Brainin. - Der Gründung dieser neuen Zeitung-'kömmt eine viel größere Bedeutung zu als anderen Gründungen dieser Art. Demi diese neue hebräische Zeitschrift ist der erste Schritt zur Hebräisierung und Jüdaisierung des amerikanischen Judentums. Die „Neue Welt" spielt in der Geschichte des modernen Judentums eine große Rolle, und ihre Bedeutung wird in der Zukunft immer größer lverden. Nicht nur, daß Amerika bis heute und noch für geraume Zeit hinaus das wichtigste Land für "die jüdische Emigration ist, nicht nur, daß es politisch' und sozial einen bedeutsamen Faktor in unserem Volksleben darstcllt, ivird cs auch! mit der Zeit für unser Kulturleben von immer größerer Bedeutung werden. Denn Amerika ist das einzige Land, in dem einerseits die Juden in große» Massen zusammcnlcbcn- und andererseits volle politische und geistige Freiheit besitzen. Diese zwei Faktoren müssen sich aber vereinen, uM ein blühendes jüdisches Leben zu ermöglichen. Wo tvir in Massen leben, aber politisch entrechtet sind, wie in Osteuropa, da verhindert der äußere Zwang eine reiche, normale innere Entwicklung; wo wir politisch frei sind, aber mcht in Massen wohnen, da ist die einzig nottvendige Folge die Assimilation. Dort aber, in Amerika, ist beides gegeben, dort sind die äußeren Bedingungen für ein fruchtbares jüdisches Lebenvorhanden, wenn nur der Wille und die innere Liebe und Begeisterung hinzukommen. Daran aber hat es aber bisher in weitem Maße gefehlt. Die Einivandcrcr, die hinkamen mit der einzigen großen Begierde, Geld zu erwerben, wurden zu sehr von den Materiellen Interessen in Anspruch genommen, um noch viel Zeit für die Pflege ihrer geistigen Kultur übrig zu haben. Ihre Söhne aber, die schon im Besitze materieller Güter geboren wurden, erhielten nicht die Erziehung, die nötig gewesen wäre, um sie ihrem Volke zu erhalten, sie gingen größtenteils den Weg, den so viele unserer tvestcuropäischen Juden gingen, den Weg der Assimilation. Es hat sich erst vor kurzem anläßlich einer in Ncwyork angcstellten Enquete nochmals in erschreckender Deutlichkeit gezeigt, wie verwahrlost die Erziehung der jüdischen Kinder des Eastends ist. All diesen Schäden kann aber abgehölfen werden. Denn bei alledem haben wir in Amerika einen im Grunde guten Teil unseres. Volkes, der noch Liebe zu ihm hat und auch zu Opfern bereit ist, allerdings Meist nur in materieller Hinsicht. Den größten Nutzen, den uns die amerikanische Judenheit bisher gegeben hat, war materieller Natur. Großartige Spenden, Millionen- Sttftungen, von all dem gelangt ja die Kunde oft zu uns hinüber, und es ist ja schon beinahe Regel geworden, in Amerika eine Reise zu unternehmen, wenn cs nötig ist, den Geldbeutel einer jüdischen Institution Europas zu füllen. All dies ist ja natürlich! von nicht zu unterschätzender Bedeutung, aber es kann niemals Ersatz werden für die geistigen Ansprüche, die wir an die amerikanische Judenheit stellen. Diese zu befriedigen, das jüdische geistige Leben innerhalb der amerikanischen Judenheit zu schaffe n und zu kräftigen, dies ist die große Aufgabe, die ihre Führer jetzt zu" erfüllen haben. Daß die Hebung und Belebung des geistigen Lebens verbunden sein muß mit der Verbreitung wahrhaft jüdischen Geistes, daß sie nur im Sinne des vollen; überlieferten Judentums vor sich gehen muß, braucht nicht erst gesagt zu lverden. In erster Linie handelt es sich! um' die Belebung des Hebräischen. Eine Jargonkultur ist ja schon in Amerika erblüht; es hat sich aber gezeigt, daß diese doch nicht das Bollwerk des Jüdischen ist, wie diehebräische Literatur. Diese wurde aber in 'Amerika bisher nur wenig gepflegt.- Es ist tief traurig, daß wir in der heuttgen hebräischen Literatur keinen Schriftsteller von Namen Haben, der dem amerikanischen Judentum -entwachsen wäre. Ja, noch mehr, in

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