Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. MI. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschlarck und Oesterreich - Ungarn MI. 1,5V, sonstige Länder MI. 2.— C—___ Srsnklurl L. m.. 4Sitnge|lrit]|t 7 Pekefa« 10507. Herausgeber: Saly cheis. JnfertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. 9t unter Ro. 4864. S. Jahrgang. Freitag, de« 22. Ellul 5671 (15. September 1911) Rr. 37. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus Rußland. — Der Brand' in Aidin. — Aus den Ereignissen des Tages: 1 Eine historische Entscheidung; 2. Der erste Schritt zur Hebräisierung der amerikanischen Judenheit. — Aus allerWelt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Das Wunder auf dem Judenfriedhof. — Wochen-Kalender. — Bunte Chronik. — Spenden. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Brief aus Rußland. Ausweisungen. — „Bolksaufklärung". — Ausschließung der Juden aus der Armee? — Die Ausweisungen dauern mit wachsender Gewalt ,sort. Aus Wologda, Nikolajew und vielen auderen Städten kommen täglich! Nachrichten über neue Ausweisungen. Besonders interessant ist der Fall mit den. jüdischen Kaufleuten und kleinen Händlern, die den Jahrmarkt in Nischni-Nowgorod besuchten und ausgewiesen werden sollten. Das Jahrmarktskomitee, unterstützt vom Gouverneur, protestierte dagegen, da die Maßregel einen Schlag für die ganze Messe bedeuten werde. Stolypin hat aber seinen Willen durchgesetzt, und 500 Juden wurden ausgewiesen. Auch auf dem Gebiete der „Bolksaufklärung" wird eifrig gearbeitet. Es ist ja augenblicklich die Zeit der Aufnahme in die Universitäten, Hochschulen und andere höhere Lehranstalten. Trotzdem in diesem Jahre verhältnismäßig wenig Christen Aufnahmegesuche eingereicht haben, läßt Man eher eine Menge von Vakanzen frei, bevor man einen einzigen Juden mehr aufnim'mt, als es die Norm erlaubt. In ein Kiewer Institut wollten gegen 100 Juden und 10—20 Christen eintreten; da aber zur Aufnahme eines Juden die AusnahMe von mindestens 33 oder 34 Christen nötig ist, so wurde hier außer den 10—20 Christen kein einziger Jude ausgenommen. Biele Lehranstalten (besonders private) wandten sich ans Ministerium der Aufklärung mit der Bitte, die Norm zu erhöhen, um den Anstalten die Existenz zu sichern; aber der Minister Kasso, ein treuer Schüler Stolypins, hält das Banner des Antisemitismus wacker aufrecht. In Moskau und Kiew gibt es zwei Handelsakademien, die bis jetzt keine Rechte besaßen. Demgemäß durften sie natürlich so viel Juden aufnehmen, als sie wollten, und tatsächlich zählen sie heute 40—50°/o jüdischer Studenten. Nun will die Regierung den beiden Akademien die Rechte verleihen. Aber dadurch werden doch einige hundert Juden, die in den Akademien sind, ohne weiteres die Rechte erhalten! Das geht doch nicht! Und die Verleihung der Rechte wird deshalb verschoben und verschoben, und die Regierung zerbricht sich " über das' Problem den Kopf. Aber das größte Aufsehen, erregt das Projekt der Ausschließung der Juden aus der Armee. Es wurde seinerzeit von der Rechten in der Duma eingebracht und fiel durch. Dann wurde es aber von neuem eingebracht und rief einen lebhaften Protest aller jüdischen Kreise hervor. Wirklich ist die Politik der „Schwarzen hundert" sehr schlau. Bon dem Grundsätze: „Wer Rechte hat, hat auch Pflichten!" ausgehend, wollen sie den russischen Juden ihre bürgerlichen Pflichten nehmen, um ihnen so auch jeden Anspruch auf irgendwelche Rechte zu rauben und darauf womöglich die Judenentrechtungen noch auszudehnen. Und nun nimmt die Regierung zum ersten Male zum Projekt Stellung, und der Generalstab veranstaltet eine Enquete über die Taugbarkeit der Juden zum Militärdienst. Man kann sich denken, welche Aufregung ein solcher Schritt bei den russischen Juden hervorgerusen hat. Bor mir liegt eine Rede des früheren Bizeniinisters des Innern, Gurko, auf dem Moskauer Kongreß für die Bolksschulbildung, die Rede eines Mannes, den wohl niemand des Liberalismus verdächtigen kann. Die Regierung beschäftige sich nur mit der Unterdrückung der nichtrussischen Völkerschaften und lasse unterdessen das russische Volk in Unbildung und Unkultur versumpfen! Das war ungefähr der Inhalt von Gurkos Rede. 'Auch ein solcher Mann kam zur Erkenntnis' der Folgen des Stolypinschen Prinzips: Antisemitismus über alles! L. K. Der Braud in Aidin. Ueber die furchtbare Brandkatastrophc in Aidin, einer Stadt von 67,000 Einwohnern in Klcinasicn, wird der Alliance Jsraelite Universelle von ihrem Schulleiter Aranias folgendes geschrieben: Das Feuer ist gestern — 25. August — mittags 1 Uhr in dem nahe am Judcnviertel belegenen Hause einer Mohammedanerin ausgebrochen. Die Spritze unseres „Chewra-Kadischa"-Bereins war sofort an der Brandstätte. Unglücklicherweise fehlte cs an Wasser, sodaß bei dem heftigen Wind das Feuer sich mit unglaublicher Schnelligkeit verbreiten konnte. Im Verlauf voll zwei Stunden bildete das ganze Judenvicrtel einen einzigen großen Feuerherd. Beinahe 400 Häuser sind während dieses kurzen Zeitraums vollständig zerstört worden; dann sprang das Feuer auf eines der Türkenviertel über und vernichtete auch hier mehr als' hundert Häuser. Es ist mir unmöglich, die Trauerszenen zu beschreiben, die djas entsetzliche Schauspiel darbot. Ungefähr 80 Prozent der Betroffenen haben in unserem großen Schulgehäude Zuflucht gesucht. Im Innern des Schulhauses, in den Klassen und Gängen haben wir, so gut es ging, vierzig Familien untergebracht; die übrigen kampieren zur Zeit im Garten und haben dort auch die Nacht verlebt. Ich kann nur wiederholen, daß es' .mir an Mut und Kraft, ja. auch an der Fähigkeit fehlt, Ihnen bas Bild zu schildern, das sich meinen Blicken darbot. Es war herzzerreißend. Voll Schrecken überlegte man, ob man wirklich einer Tatsache gegenüberstand oder von einem Traumbild geängstigt wurde. Man hätte erwarten sollen, Laß am Tage nach der- Katastrophe schon etwas Ruhe in die Geniüter ciugezogcn sein würde, statt dessen wurde es heute morgen noch lveit schlimmer. Gestern abend hörte man nur das Geschrei der ersten allgemeinen Bestürzung; heute aber, da jeder die Ausdehnung seines Unglücks ermessen kann und an Stelle seines ehemalige» Besitzes und Eigentums nur Trümmer findet, beginnen die Klagen und die Tränen von neuem. Eine unter meinem Vorsitz gebildete Kommission hat versucht, die schwersten Leiden einigermaßen zu lindern. Alle diese Aermstcn, darunter viele Kinder, die seit gestern nichts zu sich genommen haben, bitten um Brot. In Begleitung eines Stadtratcs bin ich durch alle Bäckereien gelaufen und habe mir 400 Okka Brot und 10 Okka Oliven verschafft. Ein Privatmann, Perhi- Levy, hat mir ebenfalls 400 Okka Brot zur Verfügung gestellt, und das alles zusammen ist zum Frühstück an die Armen verteilt worden. Es ist 12 Uhr mittags, und eben meldet man mir die Ankunft . Seiner Exzellenz des Gouverneurs von Smyrna. Hoffentlich wird seine Anwesenheit den von uns gewünschten Erfolg haben. ' Bevor ich diesen ersten Bericht schließe, muß ick/ nochmals darauf Hinweisen, daß der Wassermangel die .Hauptursache der Katastrophe gewesen ist. Der Vorsitzende der Kommission für die Wasserversorgung der Stadt, der die Verteilung des Wassers an die einzelnen Stadtteile zu bestinnnen hat, verweigerte uns das zunr Löschen erforderliche Wasser unter dem Borgebcn, daß das Wasser zum Schutz der nahe dem Judenviertel belegenen Moscheen gebraucht würde. Erst nach zweistündigen Versuchen und Bitten, Weinen und Schreien ist das .Wasser zum Löschen im Judenviertel cingetroffen, — da aber war es zu spät, es waren nur noch einige rauchende Maucrreste vom ganzen Stadtteil übrig geblieben. Das Verhalten dieses Vorsitzenden ist unbegreiflich. Ucberall reden die Leute von Gesetzlichkeit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit; hier aber hat man nichts als Uebclwollen gefunden. Gewollt oder nicht, — jedenfalls find heute über'2 000 Personen zugrunde gerichtet, die Not ist groß, man kann wohl sagen unüberwindlich. Deshalb habe ich mir gestattet, Sic telegraphisch um eine erste Hilfe allzugehen. * Meinem Brief von heute morgen habe ich noch folgendes hinzuzufügen: Seine Exzellenz Nasim Pascha, der Gouverneur unseres Bilajets, hat unsere Klagen mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit angehört. Wie er sagte, hätte er es für seine Pflicht gehalten, selbst herzukommen und uns persönlich sein aufrichtiges Bedauern über das Unglück auszusprechen, das uns betroffen hat, und uns seiner herzlichsten Sympathie und Hilfsbereitschaft zu versichern. Für den Anfang hat er gleich 1000 Okka Brot aus Smyrna mitgebracht, hat uns 20 Zelte überwiesen und 30 weitere für morgen versprochen; er hat sofort eine Geldsammlung