Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692752--06412-2701413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Frankfurter Israelitisches Fannlienblati. Nr. 36. rung wird dazu führen, daß ein Drittel von ihnen zur Annahme deS Christentums gezwungen, ein Drittel gepeinigt und ausgehungert, und der Rest zur Auswanderung genötigt wird. Dies teuflische Programm wird auch seitdem planmäßig und unentwegt verwirklicht. Der allgewaltige Premierminister will es, wie es scheint, ganz vollenden. Und wenn der Prozeß der Judenvernichtung ihm ein wenig zu langsam vorkommt, dann wird er nervös und ungeduldig. Die jüdische Welt wurde dieser Tage von der sonderbaren Nachricht überrascht, es seien Haussuchungen in allen Abteilungen der „Jca" gemacht worden, wobei der betreffende Regierungsbeamte die Aeußerung tat, die gkegierung sei von der Tätigkeit der „Jca" enttäuscht: sie habe gehofft, die „Jca" werde die Judenemigration fördern; am Ende leistet sie gar solche Arbeit, die zur Verbesserung der Lage der Juden in Rußland dienen soll. Gleichzeitig erhielt das Zentralkomitee der „Jca" in Petersburg von der Regierung die Anfrage, wann und wie es die Liquidierung seiner Geschäfte bewerkstelligen könnte . . . Ja, die Stolypin'sche Regierung „korrigiert" jetzt die „Fehler" eines Plehwe. In einer Minute großmütiger Anwandlung verwandelte die Plehwesche Regierung huudertundeiu Dörfer in Städtchen, damit die Juden dort das Wohnrecht bekommen. Dieser „grobe Fehler" wird nun gut gemacht: jene Städtchen werden wiederum in Dörfer verwandelt, und außer ihnen bekam noch eine ganze Anzahl Ortschaften den Titel „Dörfer", damit die Juden von dort „gesetzmäßig" ausgewiescn werden können. Die glückliche Zcft, wo man mit einem Federstrich ein ganzes Volk aus dem Lande jagen konnte, ist „leider" nicht mehr da. Im zwanzigsten Jahrhundert ist die Sache viel umständlicher und unbequemer geworden; ober möglich ist sie im zwanzigsten Jahrhundert auch. Nur muß man anstatt eines Federstrichs eine Unmenge von Zirkularen und Verordnungen versenden, Pogrome hin und wieder veranstalten, Blutbeschuldigungen protegieren, Volkshetzen inszenieren und dergleichen Dinge mehr. Ms der hebräische Dichter Jehuda Löb Gordon in einem seiner Gedichte die gemarterten Brüder trösten wollte, da sagte er: „Al tiro, Jaakauw, al nafschecho toschnach. — riwiachus odom lofewach lau jachriva" (Habe keine Angst, Jakob, sei nicht seclenbctrübt, — zehntausend«: von Menschen wird man doch wohl nicht hinschlachten). — So dachte der jüdische Dichter vor etwa dreißig Jahren; damals war auch vielleicht nicht die Möglichkeit dazu gegeben, selbst in 'Rußland. Seitdem ist es viel anders geworden. Ein späterer Dichter, Chaim Nachman Bjalik, hatte die traurige Gelegenheit, Zehntausende von jüdischen Opfern zu beklagen. Und das jüdische Blut hat die russische Bestie nicht gesättigt, sondern ihren Appetit und Blutdurst noch gestärkt. Wie es scheint, besitzt eben jüdisches Blut eine solche Eigenschaft. . . Und der Riesenrachen des russischen Ungetüms ist weit genug, um eine millionenköpfige Beute zu verschlingen. Nisselowitsch hat einst in einer entbrannten Judendebatte in der Duma dem wütenden Schwarzhundcrt- Häuptliug Markow II. die zornerfüllten Worte zugerufen: „Ihr wollt das jüdische Volk verschlingen, — ihr werdet euch aber dabei erwürgen!" Jawohl; aber den Juden ist dadurch nicht viel geholfen. Als der große Herzl die Aufmerksamkeit der Welt aus bas furchtbare Elend der russischen Judenheft zu lenken versuchte und sefti Rettungswerk empfahl, da traten ihm die „Großen" in Israel mit der leichtsinnigen Prophezeiung entgegen, das Judenelend in Rußland sei seinem Ende nah, im Osten sei die Morgenröte im Anbruch, die Judenfrage werde bald au Ort und Stelle gelöst werden. Jetzt wissen wir alle, daß sie falsche Propheten waren. Das Judendrama im Zarenreiche gestaltet sich immer furchtbarer und blutiger. Und wer weiß, welche Entwickelung cs noch weiter nimmt.-L. S—o. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin, 31. Aug. Das von der Jugendschriftenkommission der Großloge für Deutschland VITT U. O. B. B. erlassene Preisausschreiben ist nunmehr erledigt. Gewünscht wurde eine Erzählung oder Novelle, die jüdisches Leben oder jüdische Gestalten derart schildert, daß die jüdische Sittenlehre für Juden unb Christen anschaulich, hervortritt, ohne daß die Tendenz ausdringlich sich bemerkbar macht.. — Neun Arbeiten sind cingclaufcn. Die Prüfung derselben lag in den Händen der Herren: Rabbiner Dr. Galliner-Charlottenburg, Verlagsbuchhändler Marcus-Breslau, Rcallehrer E. Gut und Dr. I. HcinemanmHranksurt a. M. und Hauptlchrer Theodor Rothschild-Eßlingen. Das Preisrichterkollegium war zu seinem Bedauern nicht in der Lage, auch nur einer der Arbeiten einen Preis zuzuerkennen; einigen derselben sind gewisse Vorzüge nicht abzusprechen; sie können wohl als gute Ghelloerzählungen gelten, entsprechen jedoch nicht den Forderungen einer Jugendschrist. München. Die Polizei hat einige seit vielen Jahren hier ansässige, aus Galizien und Rußland cingewanderte jüdische Hausierersamilien plötzlich ausgewiesen. Weitere Ausweisungen osteuropäischer Juden stehen bevor. Vor kurzem veranstaltete die Polizei eine förmliche Razzia in dem von ausländischen Juden bewohnten Stadtteile und notierte sämtliche Familien, die keinen Gewerbeschein vorzeigcn oder nicht Nachweisen konnten, woher sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Mehrzahl dieser Familie» soll ausgewiesen werden. (e.) Metz Hier fand eine von Vertretern jüd. Gemeinden Lothringens und Luxemburgs gut besuchte Versammlung statt, die eine Provinzialkasse für Wanderarme unter dem Namen „Armenzentralverband" begründete. Zugleich wurde der Beschluß gefaßt, sich der 1916 gegründeten „Deutschen Zentralstelle für Wanderarmensürsorge" anzuschließen. Odcukirchen lRheinprovinz'. Unter zahlreicher Beteiligung — auch der christlichen Bevölkerung — fand hier die Synagogen weihe statt. Das neue, in arabisch-maurischem Stil gehaltene Gebäude erhebt sich auf der Stelle, auf der die bisherige, 1817 erbaute Synagoge stand. - Großbritannien. London. 26 Ang eklagte, die sich wegen der Plünderung jüdischer Geschäfte in Tredcgar zu verantworten hatten, sind jetzt zu Gefängnisstrasen von 3 Wochen bis zu 3 Monaten verurteilt worden. Die Angeklagten waren nieistens Bergarbeiter mit ihren Frauen und standen-mit dem Eisenbahnerstteik in keinerlei Zusammenhang. Rußland. Petersburg. In Urals! erschoß der Polizeimeister zwei Juden — die Kauflcute Benjaminowitsch und Bjelostoyky —, well sic sich erkühnt hatten, gegen die unerträgliche Erpressungssucht des Polizeichefs, dem sie allmonatlich ihren „Tribut" entrichten mußten, und der den Tarif für diese „Abgaben" immer höher schraubte, Beschwerde zu führen. Nach vollzogener Tat erklärte der Mörder kaltblütig: „Nun werden die Jüblein keine Beschwerdeschriften mehr schreiben!" — Im Just izministcriu m wird gegenwärtig ein Gesetzentwurf zur Reform des Ab v o ka turw es ens ausgcarbcitet Es verlautet, daß der Entwurf die Bestimmung enthalten lvird, daß jüdische Advokaten nur Juden vertteten dürfen. — In W arf ch au' wurde vor kurzem eine S p a r- und Leihkasse^ eröffnet, die statutengemäß Juden keinen Kredit gewährt. Die Zahl derartiger antisemitischcr Institute nimmt in Polen ständig zn. Palästina. Jerusalem. Wie die hier erscheinende hebräische Zeitung „Hacheruth" erfährt, Haider Gro ßvesir infolge - der wiederholten Vorstellungen des Großrabbiners Haim Nahum den neuen Pascha von Jerusalem telegraphisch angewiesen, den Sicherheitsverhältnissen in den jüdischen Kolonien, namentlich in Galiläa, sein besonderes Augenmerk zuznwenden und darauf zu achten, daß den ottomanischen Juden beim Erwerb von Grund und Boden keine Schwierigkeiten seitens der lokalen Behörden in den Weg gelegt werden. Die Nachricht hat unter der jüdischen Bevölkerung des Landes große Beftiedigung hervorgerufen. Jaffa. Wie aus Pethach-Trkwah über die Ernte-Ergebnisse berichtet wird, sind die Erträgnisse der Mandeln gering, dagegen die der Esrogim vorzüglich. Da in Griechenland die Esrogim-Erute ungünstig war und Marokko infolge der dortigen Wirren nicht in Frage kommt, so sind die Preise hoch. — Die Anglo-Palestine Co. erhielt den offiziellen Besuch des neuen Paschas. Er weilte dort über eine halbe Stunde und ließ sich eingehend über die Einrichtungen und die Tätigkeit der Bank informieren. — Rabbiner A. I. Zitron -Wilna, der neue Rabbiner von Pcthach-Tikwah, hielt am 8. August seinen feierlichen Einzug. Rabbiner Zitron genießt den Ruf eines tüchtigen Talmudisten und verfügt auch über ein reiches Maß weltlichen Wissens. Er ist der europäischen Hauptsprachen durchaus kundig und spricht fließend hebräisch in der hier gebräuchlichen sephärdischen Aussprache. Das Wunder auf dem Judeusriedhof Von Klemens Iunosza. Deutsch von S. H o r o w i tz. lFortsetzung). ,Moher hast Du wissen können, was in Zukunft sein wird." „Woher? Es waren Anzeichen da. Wenn Sie hören wollen, so werde ich erzählen. Es sind jetzt 15 Jahre her, gerade während unserer Herbsteiertage, und ich ging aus der „Schul". Ich war dort ziemlich lange geblieben, und als ich heimkehrte, war es schon spät. Es war spät, aber nicht finster; im Gegenteil, es war hell, denn der Mond leuchtete. Ich. sang ein wenig. Warum hätte ich nicht singen sollen? Es war doch Feiertag! Mfttlerweile lief etwas an mir vorbei. Ich erschrak. Wer wäre nicht in der Nacht erschrocken? Die. Stadt war ganz verödet, niemand ging über die Straße. Ich erschrak also! Ich blickte in die Höhe, — und ich glaubte, mein Ende sei ge-, kommen. Kennen Sie das Haus Gdalies, des Fuhrmanns?" „Ja." „Nun ich sah, daß sie ans Gdalies Hans auf dem Dache sitzt." „Was für sic?" „Nun— sie; die schwarze Katze! Ganz schwarz, und ihre Augen glühten, wie Lichtlein. Ich. wollte schreien, — konnte aber nicht. Meine Zunge wurde wie ein hölzerner Pflock, - meine Kehle zusammengepreßt, und meine Zähne klapperten wie Groschen in einer Sammelbüchse. Ich habe keine Kraft gehabt, zu stehen, ich setzte mich; ich habe keine Kraft gehabt, zu sitzen, ich fiel um, ich lag..." „Und die Katze?" „Sie ging fort! Wohin sie gegangen ist, das will ich nicht wissen! Wozu soll ich wissen, wohin selch eine Kreatur.geht? Ich habe gesehen, daß sie nicht mehr da sei und stand auf. Tags darauf ging ich zu unserem Gemcindcältestcn und sagte, daß es ein Unglück geben wird. Ich riet nachzusehen, ob nicht ein „Gebot" irgendwo verdorben war. (Sic tvissen, solch ein Gebot in einer Blechkapsel, das sich an jedem Türrahmen befinden muß.) Ich riet aufzupassen, ob nicht irgend eine Jüdin eigenes Haar trage? (Sic glauben, daß' unter unseren Jüdinnen keine derartige leichtfertigen Weiber sich befinden?) Ich riet aufzupasscn, ob der Fuhrmann Gdalie alle Gebote der Heiligen Schrift befolge? Denn warum saß die Katze auf seinem und nicht aus einem anderen Dache? Ich bat, sagte, es Iverde ein Unglück passieren, die ganze Stadt Iverde zugrunde gehen. Sie wollten nicht hören.. Sic sagten: was bedeutet Bcrl! Berl bedeutet nichts." „Nun?" „Nun, es ging so vorüber. Unterdessen zeigte sich ein zweites Anzeichen." „Wiederum eine Katze?" „Nein. . . warum eine Katze? Wer wird ihr wehren, ein Ziegenbock zu werden? Oh, mein Unglück! Es war gleichfalls abends, sogar spät, sehr spät. Der Mond leuchtete ebenfalls. Ich hätte lieber gesehen, wenn er nicht geschienen hätte, denn dann würde ich das, was ich gesehen, vielleicht nicht gesehen haben. Ich. ging vom Bürgermeister; er hatte bei mir eine Weste bestellt. Während ich nach Hause gehe, sah ich ihn neben Gdalies Haus; er stand mit Hörnern, mit einem Bart und ganz schwarz wie Pech. . . „Wer stand?" „Sie fragen! Ein schwarzer Bock!" . - „Eine große Sache!" „Natürlich ist es eine große Sache. In der ganzen Stadt war nur ein Ziegenbock und dieser war gaüz weiß. Woher also gab es einen schwarzen? Ich bitte Sie, das war kein gewöhnlicher Bock, — ein Zeichen, daß in der Stadt ein Unglück geschehen wird ... „Ein Zeichen?" „Natürlich, ein Zeichen. Ich schlug wieder Lärm. Ich ging wicderunl zu unseren Gemeindeältesten. Aber was sind diese wert! Sie kümmern sich so um die Stadt wie um diesen Sand, der auf der Chaussee liegt. Wenn sie selbst nur Geld haben, so ist es für sie genug. Ich sagte, bat, weinte sogar!" „Und sie?" „Sie lachten! Sic sagten, dieser Ziegenbock sei ein einfacher Bock. Er habe an einer Stelle geschlafen, wo man Ruß ausgcschüttet, und deshalb sei er schwarz geworden. Das war natürlich nicht wahr. Mer was sollte ich machen? Ich wartete aufs dritte Zeichen." „Und cs stellte sich ein?" „Natürlich. Es waren noch, nicht zwei Monate verstrichen, und cs war da." „Was denn?" (