Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 36 S. Eine schwerwiegende Entscheidung. — Zur Mis'rachi-Kouferenz. — Sonntag, den 10. September, findet in Berlin eine Misrachikonferenz statt, die endgültig entscheiden soll, ob der Misrachi nach der Annahme der Kulturresolutionen durch den X. Kongreß innerhalb der zionistischen 'Organisation verbleibt oder ans ihr austritt. Niemals hat vielleicht noch eine Misrachikonferenz eine solche Bedeutung gehabt wie diese. Denn diesmal handelt es sich nur mehr als nur um die Erledigung einer innerzionistischen Parteifrage, es handelt ■ sich diesmal um das A n - sehen und die Bit r d e des gcsctzest reuen I u d e n t um s. Wir haben schon an dieser Stelle vor kurzer Zeit ans die traurige Tatsache hingelviescn, daß das gesetzestreue Judentum' im l9. Jahrhundert an allen großen, entscheidenden Taten des jüdischen Volkes nur geringen Anteil genommen und immer nur zu den widerwillig NachkoMmenden gehört hat. Die Gründung der Föderation „Misrachi" war der erste große Versuch, auch fiir das gesetzestreue Judentum' eine neue Aera positiver Mitarbeit an der Gestaltung des jüdischen Volksschicksals hcrbeizuführen. Sollte der „Misrachi" zu dem Entschlüsse kommen, 8er zionistischen Bewegung Valet zu sagen, so wäre Lies gleichbedeutend mit dein völligen Scheitern dieses Versuches und damit gleichbedeutend mit einer schweren Diskreditierung und Schädigung des gesetzestreuen Judentums überhaupt. Und welche Gründe könnten denn überhaupt für einen solchen Schritt sprechen? Wir haben hier des öfteren ausgefiihrt' und nachgewiesen, daß die Kulturresolutionen, die der Kongreß gefaßt hat, durchaus nicht in Widerspruch stehen ntit dem richtig verstandenen und richtig vertretenen gesetzestreuen Judentum. Die Zustimmung der vielen nicht dem Misrachi angchörenden gesetzestreuen Zionisten zu diesen Resolutionen und ihre schließliche Billigung durch die zwei größten rabbinischen Autoritäten des Kongresses beweist dies aufs deutlichste. Doch selbst wenn der „Misrachi" den Kulturresolutionen nicht hat .zustimmen können — und dies Ivar ja sein gutes Recht —, muß die Konsequenz seiner Niederlage der Austritt sein? Wir wollen nicht glauben, daß die Misrachiföderation, die doch im Zionismus die Anschauungen des altüberlieferten Judentums vertreten ivill, ein so gewagtes Spiel mit dem großen Grundgedanken desselben, mit dem Gedanken der Einheit, treiben wird. Es mag sein, daß gewisse Kreise im „Misrachi" erkannt haben, daß sie in der Tat nicht mehr zum Zionismus gehören, tveil sie innerlich nie zu ihm gehört haben, aber wir tverden uns hüten, die exklusiven Tendenzen dieser Kreise mit den Anschauungen des gesamten „Misrachi" identifizieren zu »vollen. Möge doch die Misrachikonferenz wohl untersuchen, unter tvelche» Einflüssen diejenigen stehen, die am lautesten jutu Austritt mahnen, und sie Ivird erkennen, daß zionistische und allgemeinjüdische Interessen diese Rufer am allerwenigsten in ihreni Tun beeinflussen. Ferner aber — und dies mag wohl der Punkt sein, den zu beachten der „Misrachi" nie vergessen darf — möge die Konferenz ruhig und ohne alle Selbsttäuschung sich die vollen Konsequenzen eines etwaigen Austrittes vor Augen halten; möge sich doch der „Misrachi" stets bewußt sein, daß der Austritt aus der zionistischen Organisation den Bruch mit der zionistischen Idee bedeutet; denn außerhalb der zionistischen Organisation gibt es keinen Zionismus. Lasse er sich nicht durch Einflüsterungen und Versprechungen beeinflussen, die von verantwortlichen und unverantwortlichen sogenannten maßgebenden Kreisen der deutschen Orthodoxie kommen, und die viel mehr von dem Wunsch diktiert sind, dem Zionismus zu schaden, als dem Wunsch, dem „Misrachi" zu nützen. Denn blühen .und gedeihen — dies soll man nie vergessen — kann und wird der „Misrachi" nur innerhalb des Zionismus. Frankfurker Israelitisches FanMenblatk. All dies möge die Misrachikonferenz am koinmenden- Sonntag sich vor Augen halten. Möge sie an ihre Aufgabe hcräntreten mit dem Ernst und' dem Vcrantwortlichkeitsvewußtsein, die angesichts einer so schwerwiegende», schicksalsschweren Frage notwendig sind. Und wenn die Konferenz in diesem Sinne an die Entscheidung über die Frage des Austritts aus dem Zionismus herantritt, so zweifeln!vir gar nicht, daß die überwiegende Majorität zu der Ansicht gelangen wird, daß diese Frage eigentlich niemals hätte bestehen dürfen, daß cs schon eine Versündigung am Gedanken der Einheit war, mit der Trennung überhaupt drohen zu wollen. Der greise, ehrwürdige Ehrenpräsident des „Misrachi", Rabbiner Reines, hat auf dem Kongresse das große Wort gesprochen: „Der Misrachi ist die Seele des Zionismus!" Wir können leider, Ivie der „Misrachi" heute ist, diesem Worte noch nicht beistimmen. Ein „Misrachi", in deni manche Führer mit dein Austritt drohen, kann nicht die Seele des Zionismus bilden. Wenn aber die Misrachikonferenz endgültig den Gedanken dn einen Austritt beseitigt haben wird, dann allerdings wird sie den Boden und die Möglichikeit geschaffen haben, daß der „Misrachi" durch positive, energische Arbeit innerhalb des Zionismus wachse und gedeihe; dann darf sie die Sicherheit haben, daß der „Misrachi" noch die Seele des Zionismus werden wird! In diesem Sinne begrüßen wir die Misrachikonferenz. und in diesem Sinne wünschen wir ihr den besten Erfolg! Von den „nationalen" Leistungen des „liberalen" Premierministers. Die russische Jndenpolitik hatte seit jeher zu ihrem Grundprinzip die alte Pharaonische Devise: ,.lic»vvo nisscdalrmo lau, pen jirde". Gar viel und verschieden waren die Wege und Mittel, welche zur Durchführung dieser Politik dienen sollten. Hamanische Pläne und pharaonischc Maßnahmen wechselten einander ab. Im gegenwärtigen Lenker ihrer Geschicke jedoch hat sie ihren genialsten und verschlagensten Verfechter und Verwirkliche! gefunden. Was Stolypin auf dem Gebiete der Judenverfolgung und Judenvernichtnng erfunden hat, übersteigt alles Dagewesene. Es waren Zeiten, da man sagte, die Juden erwecken Mißtrauen durch ihren Msonderungsgeist, durch jhren Fanatisnius, durch ihr negatives Verhalten zu jeder weltlichen Bildung, weshalb sie nicht als gleichgestellte Staatsbürger ausgenommen werden können, weshalb sie in ihren Rechten geschmälert und voin Staatsleben fern gehalten werden müssen; um die Zuneigung der übrigen Bevölkerung wie auch der Regierungskreise zu gewinnen, nrüßten sie sich in ihrer Lebensweise den Nachbarn annähern und vom allgenieinen Bildnngsanell genießen. Als jedoch der herausgerufene Geist sich zu regen begann, da schrak man vor ihm zurück. Und da begann das unmenschliche Zurückschleudern und Abstoßen der Juden, da kamen die wildesten Schulbeschränkungen, die sonderbarsten Zirkulare und Berordnunqen gegen die lerneifrigen und wissensdurstigen jüdischen jungen Leute, die P r o z e n tnormen mit de» Erlernchikaneu und ihren Begleiterscheinungen. Die Tätigkeit der Bildnngsminister in den letzten dreißig Jahren war eine ununterbrochene Reihe von Racheakten, Bosheiten und Grausamkeiten, welche an der lernenden jüdischen Jugend verübt wurden. Ebenso gab es Zeiten, tvo man die Judenbedrückungen damit begründete, daß die Juden bloß mit solchen Gewerbszweigen sich beschäftigen, die der russischen Bevölkerung nur schaden, daß sie dein Großhandel Rußlands und dessen Industrie keinen Nutzen bringen usw. Wenn die Juden beweisen könnten — nieinten die autoritativen Beamten des betreffenden Ressorts im russischen Ministerium —, daß sie auf diesem Gebiete was Tüchtiges und Nützliches zu leisten fähig sind, dann würden ihnen in dieser Beziehung alle Erleichterungen und Privilegien gewährt werden. Dem Drucke der Verhältnisse folgend, da alle Lcbensquellen ihnen verschlossen waren, wandten sich auch die Juden mehr dem Handel, dem Geschäftswesen und der Banktätigkeit zu. Was sie darin geleistet haben, bezeugen russische, nicht gerader» judenfreundlich gesinnte. Autoritäten. Die judenfresserische Presse aber hörte die ganze Zeit nicht auf, gegen die jüdischen Kanflente und Handelsunternehmer in der gehässigsten Weise zu hetzen. Mit dem Eintritt der Regierung in den neuen volitischen Kurs wurde ihr die Hetze erst recht begünstigt. Die gesamte Schwarzhundert-Presse, vom >,Nowoja Wrenrja" bis zum „Kolokol", erhob ein Zetergeschrei, Seite 3. der russische Handel sei völlig in jüdische Hände gekonrmen, die Juden hätten das Gctreidegeschäft gefährdet, die Finanzinstitute erobert und ähnliches Gefasel. Und der gefügige „liberale" Premier erhörte ihr Geheul. Er schmiedet nun die großartigsten Pläne, wie das russische Kapital zu nationalisieren, wie der Handel aus den jüdischen Händen zu reißen sei. Warum sollte den Juden wirklich die Geschäftswelt ganz offen stehen? Warum sollten sie gleich den „echten" Lanbessöhnen vom russische» Kapital unbeschränkten Nutzen ziehen? Schon wegen der Harmonie, des traditionellen Prozentnorm Prinzips sollte in der Reichsbank für die jüdischen Kaufleute eine Prozentnorin cingeführt werden . . . Nicht erhört bleiben die Stimmen der bewährtesten Finanzleute, die von allen Seiten sich vernehinen lassen, daß die Beschränkung der Juden im Finanzwesen für Rußland verhängnisvoll sei; umsonst protestieren Börsenversammlnngen gegen eine solche wilde Maßnahme, die geeignet wäre, den russischen Handel zu ruinieren: vergeblich ist auch die Mahnung der Finanz- und Handelsminister vor den sehr bedenklichen Folgen eines solchen Schrittes, — Stolypin sagt zusammen mit Elisabeth, Markow ll., Purischkewitsch und Konsorten: „Bon den Feinden des Heilands wollen wir keinen Nutzen haben" .. . Ist es auch Wahnsinn, so hat es Methode. Zu den Intentionen der Regierungen bis zur Pogromepoche gehörte es, die reicheren und intelligenteren Klassen der russischen Judenheit zu protegieren. So erfreuten sich die Diplomierten gewisser Privilegien, die großen sogenannten Gilde- Kaufleute genossen das Wohnrecht außer des Ansiedelungsrayons. Die schwerste Last der Begrenzungen und Bedrückungen ruhte auf den niederen und ärmeren Volksschichten. Dann kam eine neue Regierung mit einer neuen Politik. Die niederen Klassen sind schon genug verarmt, sind schon genug unterdrückt worden; jetzt müssen die höheren Klassen an die Reihe kommen. Unter den vorigen Regierungen äußerte sich hin und tvieder der Wunsch, die Landbevölkerung kulturell zu heben: damals war man um den Wohlstand des Landes bedacht, man war bemüht, die Entwicklung und den Fortschritt der Volkswirtschaft, des Handels und der Industrie zu fördern, zu welchem Zwecke man auch die jüdischen Kräfte als Faktor mitbenuken wollte. Ganz anders jetzt. Jetzt hat Rußland bekannntlich „zuviel" Bildung; die europäische Kultur steigt der ..konstitutionellen" Regierung zum Hals heraus. Der allmächtige Premierminister bat die Ausrottung der Juden beschlossen, und nichts kann ihm im Wege stehen. Und danach wird auch konseauent und unermüdlich gearbeitet. So wird den Beamten überall die geheime Weisung erteilt, nicht mehr'die Reichsarbeiten in die Hände jüdischer Unternehmer zu geben: jüdische Kanfleute werben rücksichtslos von den großen Jahrmärkten Messen) sortaejagt, trotzdem die Messe-Komitees in Bittschriften ack das Ministerium auf den ungeheueren Schaben Hinweisen, den die russischen Kau'l-u^e dadurch haßen; den ausnahmsweise iudenfreundlichen vrnvinziellen Regierunasbeamten wirb von der zentralen Regierung bedeutet, daß Verwendungen zu Gunsten von Juden u n m ö g l i ch zu erfüllen und selbstverständlich nicht zulässig sind . . . So wird auch die Verordnung erlassen, daß dieienigen Juden, welche im Auslande den Doktortitel sich erworben haben, zum Staatseranren in Rußland nur zu einem beschränkten Prozentsatz zugelassen werden, was einer völligen Nichtzulassung gleichkommt, da die Zahl christlicher Kandidaten ganz unbedeutend ist; und zwar wird diese Maßnahme dadurch begründet, daß man die reicheren Inden, die allein die Möglichkeit besitzen, nach dem Auslände zu gehen, ihren ärmeren Brüdern, die doch dieser Möglichkeit beraubt sind, gleich st ellen wolle .... Eine währe humane Tat — diese „Gleichstellung", nicht wahr? — Und die undankbaren Juden klagen noch über Unterlassung ihrer Gleichberechtigung!... Und so wird auch eine andere Ve-ordnung erlassen, daß die diplomierten Juden ihres Rechtes verlustig werden, außerhalb der „Tscherta" sich Immobilien anzueignen, ja soaar. daß die bisber gemachten Kamkontoakte ibre Kraft verlieren. Selbstverständlich wiederum aus dem großartigen Prinziv der. „Gleichstellung" . . . Und mm gar der originellste Plan der Ausdehnung de- Prozentnormsystems auf das Handelsgebiet! — Zwar heißt es, Stolvvin habe unter dem Drücke des großen Widerstandes Vonseiten der finanziellen Welt von der Ausführung seines Planes einstweilen Abstand genommen. Der bisherige Gang der Judenbedrückung und die Festigkeit und Konsequenz, mit welcher Stolvvin und seine Helfershelfer ibr Ziel verfolgen, zeigen uns zur Genüge, daß auch dieser Plan schließlich durchgeführt wird. Dann aber kommt über die Judenheit Rußlands eine neue gewaltige Katastrophe, deren Folgen noch ganz unabsehbar sind. Der russische Torquemada, der verstorbene Oberprokurator des heiligen Synods, Pobjedonoßz e w, legte seinerzeit das Programm der Regierung betreffs der Juden kurz und bündig dar: Die Behandlung der Juden seitens der russischen Regie-