Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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kr 36. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Seite 5 „Es war pfui! Ich werde darüber weder biel noch wenig reden; ich werde nur ein Wort sagen: Gdalie Fuhrmanns Tochter flüchtete!" „Das war ein Zeichen?" „Das war ein sehr garstiges Zeichen .... solch ein Mädchen! Sic war bereits verlobt. Psui! Und mit wem ergriff sie die Flucht? Mit dem Sohn des Tischlers Dzicuciolkowski, mit einem Christen! Und heiratete ihn. Psui! Damals wurde Lärm geschlagen. Die Gemeindeältestcn schämte» sich, '— und ich sagte: Nun?" Sie sagten: „Ein Unglück! Bert' hat recht gehabt, eS hat sich schon ein Unglück eingestellt!" Ich sagte: „Ncin, daS ist nur eine Schlechtigkeit, aber kein Unglück; das ist ein Zeichen, «in drittes Zeichen!" Denn ich bitte Sie, vor jedem Unglück ist, wie bei einem Segensspruch, dreimal ein Ausrufen, und nach dem dritten wird zugeschlagen. Ich bitte Sie, es waren kaum zweite Monate verflossen, — und es Hub gleich an..." „Was Hub an?" „Das Unglück! Geometer, Ingenieure kamen angefahren; sie begannen Messungen vorznnchmen . . . kurz gesagt, nach zwei Jahren war schon eine Eisenbahn." „Ist das ein Unglück?" Berl lächelte ironisch. „Ich bitte Sie, — das eben ist der ganze Ruin unserer Stadt. Ich will Gdalie, den Fuhrmann, nicht richten, aber cs scheint mir, daß er viel gesündigt hat. Aus seinem Hans zeigte sich eine schwarze Kaste, neben seinem Haus stand ein schwarzer Ziegenbock, ans seinem Haus ist ein Mädchen geflüchtet, — und schauen Sic, wer ist zuerst verarmt? Wen hat die Eisenbahn zuerst ruiniert? Gdalie, den Fuhrmann. Wer kam zunächst an die Reihe,. — die anderen Fuhrleute. Ich habe es auch so erwartet; denn ich bitte Sie, Fuhrleute sind'grobe Menschen: sie sind fortwährend unterwegs, und >vo kann man am leichtesten sündigen? Unterwegs! — Die Fuhrleute verarmten, dann die Kaufleute, Schneider, Schuster . . . alle. Nur der einzige David Jojnc ist ein reicher Mann, aber was haben wir davon? ES ist schlecht auf der Welt, es ist sehr schlecht, deshalb, tvcil die Menschen viel Schlechtes begehen . . . und die schwarze Kaste ist fortwährend auf der Hut, ihnen Verderben zu bringen." Dies sagend, senkte Berl sein Haupt und vcrsiel in ein Hinbrüten. * Es war dies auf der nach Lublin führenden Landstraße. Berl mar in mcineir Wagen mit eingestiegen, da er überhaupt ein solches System hatte zu reisen. Wenn er eine Reife anzutreten hatte, sorgte er sich gar nicht wegen einer Fahrtgclegenheit. Er ging zu Fuß zur Stadt hinaus,, schritt fürbaß aus und wartete, ob er nicht irgendwo werde einsteigen können. Es ist dies ein ebenso gutes System als ein anderes und dabei nicht teuer. Uebrigens könnte dieser denkende Mensch in Anbetracht seiner Vermögenslage weder in einer eigenen Equipage noch mit Extrapost reise». Die jüdischen Fuhrleute mochte er als grobe, ungebildete Menschen nicht leiden und vermied jegliche Beziehungen mit ihnen. Und so zog er es vor, zn jemandem einzusteigen. In einem fremden Wagen fahrend, fühlte er sich verpflichtet, dem Eigentümer der Fahrtgelegenheit die Reise durch eine freundliche und belehrende Unterhaltung angenehm zn machen. In dieser Beziehung war' er unermüdlich, er konnte ohne anszuscstcn, einige Stunden hintereinander reden... Die Wahl des Gesprächsstoffes war ihm gleichgültig. Er redete gern über Politik, über Geschäfte, verschiedene Klatschgeschichten der Gegend, über den Bürgermeister und Sekretär, worüber nian wollte. Aber ein Thema, das ihm Gelegenheit bot, seine tiefe Gelehrsamkeit hervorzukchren, war am meisten nach seinem Geschmack. Da blendete er den Hörer mit seinem Wissen. Und was für Gelehrsamkeit war das! Ein wahres Kunterbunt! Legenden, Ucherlieferungen, Ritualvorschriften, die Namen gewesener und zeitgenössischer Gelehrter und Rabbiner, Vorurteile, Merglaubc, die sonderbarsten Gaukelbilder, — all dies war in diesem Kopf. Und Berl trug ihn hoch, stolz, das; er solche Schätze beherberge. Er hatte kein Glück zum Geschäft, hatte kein Vermögen, besaß aber Gelehrsamkeit und Ehren. Ich fragte ihn, tvas für Ehren eigentlich? Er lächelte und streichelte sich den Bart. „Das verstehen Sie nicht," sagte er, „dazu muß man einen andern Kopf haben." - Ich erklärte ihm, daß, da ich meinen Kopf nicht gegen einen andern eintauschen könne, ich all meine Geisteskräfte aufbieten ivcrde, um wenigstens teilweise all die Würden, die Berl zuteil werden, zu begreifen. „Glauben Sie nicht," sagte er, „das; ich in jene große Synagoge gehe, wo viele Inden sich versammeln. Nein, wozu taugt mir das? Dort sind vornehme, aristokratische Herren, — unter ihnen wäre ich der letzte. Und wozu soll ich der letzte sein? Wir haben ein kleines Bethaus der Schneiderinnung,- dort bin ich der erste! Am Sabbat oder Feiextag versammeln sich bei mir Freunde, und wir singen. Ich war zweimal beim Rabbi in Biala, ich kenne verschiedene Mittel gegen Tenfelsspnk,.. Nun, ist das noch wenig Ehre! Und außerdem lese ich fortwährend." „Und Berl versteht natürlich alles, was er liest?" „Ha! Ha! Was sagen Sie, gnädiger Herr! Wer kann alles, was in den Büchern steht, verstehen? Nur wenige. Große Rabbiner höchstens, die von Gott begnadet sind, aber ein einfacher Mensch, — gilt, daß er wenigstens liest." „Was für Vergnügen bietet das Lesen, wenn man das, was geschrieben ist, nicht versteht?" „Ah, ah! Was für sonderbare Ansichten die Herrschaften haben! Ich vermag Ihnen nicht gut erklären, was für Wohlgefallen an diesem Lesen ist, — cs ist aber ein großer Leckerbissen! Ich habe gestern gelesen, und der Mund ist mir noch heute davon lecker." „Und wovon hat Berl gelesen?" „Wovon? Wovon kann man in einem frommen Buche lesen? Von frommen Dingen!" „Aber doch. Hat Berl von irgend einem Propheten oder von einer alten, hebräischen Sache gelesen?" „Wozu soll ich Ihnen das erzählen? Ich habe gelesen, — es genügt, daß ich gelesen 'habei „Du wirst es also nicht'sagen?" „Nn, was soll ich sagen? Nicht jede Sache läßt sich erzählen, nicht jede wiederholen, und cs schickt sich nicht, mit jedem Menschen über eine solche Angelegenheit zn reden. Die Herrschaften halten an ihren religiösen Satzungen fest, wir Juden an den nnsrigen. Wozu soll einer dem anderen in den Kopf hineinblicken?" „Nu, mein Berl, Du hast Dich vergaloppiert. Bei uns lernen doch selbst kleine Kinder das alte Testament. Von der Erschaffung der Welt, von Lot, von Aegypten, den Patriarchen, von den jüdischen Königen und Propheten." „Ich weiß es; — aber mit Verlaub, das ist eine jüdische Lehre, es muß dabei.irgend ein Fehler sein." „Ganz und gar nicht." „Wozu darüber reden.. . . jeder bleibe bei seinem ..." „Aber bei uns lehrt man ja nicht, daß Gvliat David erschlagen habe, sondern umgekehrt." „Sie kennen diese Geschichte?" „Ich sage Dir ja, daß selbst kleine Kinder sie kennen." „Nun, — iver hat diesen Grobian erschlagen? Wer hat ihm den Kopf abgeschnitten? Sollte ein anderer es versuchen, es mit ihm aufzunehmen! Ich weiß all dies, ich weiß es sehr gut, so als wenn ich selbst dabei gewesen wäre!" Dies sagend, glättete Berl sich den Bart und seine Augen glänzten vor Freude, das; er seine Gelehrsamkeit zeigen konnte. (Fortsetzung folgt.) „Fit-sure" Pincenez double, 14 lc Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst , nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez: Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmitttel. „I. W. Albert, Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt 1/' Kaiser Friedrich Quelle Ottenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 u. 714. Beobachtungen pr. 8t. 1 Mk. Ermitpfpollir. telungen, Recherchen n. Auskünfte |lvkVUlll v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ans- 90 instttnt fohrung u. strengste Diskretion als Frazeil'i%tL’Mehrjähriger Polizein. Kriminal- Tel. ii3ei. ■ beamte gesichert. Wochen-Kale«der. (Zeitangaben nach dem I>nacb.) Samstag, den 9. September (= 16. Elluli: Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Min, in Berlin 7 Uhr 20 Mn. Wochenabschnitt: Ki-sowau. — Pflicht, die Bikkurim, d. h. die Erstlingsfrüchte nach Jerusalem zn bringen. (Nur jene 7 Arten, welche den Ruhm, des Landes bilden, find bikkurimpslichtig!) Es war ein freudiger Akt. Dankbar warf man einen historischen Rückblick aus Israels Lcidenszeit, bevor cs das Land besaß, dessen erstgereifte Frucht man dem Priester übergiebt. Man erwähnt Jakobs schwere Dienstjahre bei Laban, die Knechtschaft in Egypten, die Erlösung, den Besitz des schönen Landes Kanaan. (Das Hinaufziehen mit Erstlingsfrüchten war nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Es erstreckte sich bis in die Winterzeit. Man vereinigte sich meist zu ganzen Karawanen, unter Posaunenschall und frommen Liedern dahinzichend). — Der „zweite Mauser", den der' Eigentümer selbst in der Gottesstadt zu verzehren hatte. Auch hierbei wurde ein Bekenntnis (Widduil abgelegt. Mindestens alle drei Jahre mußte man den „Maaserscheini" aus dem Hanse räumen, d. h. nach Jerusalem bringen. — Aufstellung von zioöls Steinen am Jordan, mit Kalk übertüncht, darauf man die „Worte der Lehre" schrieb. — Verkündigung von zwölf Fluchformelu gegen den Berg Ebal hin, dann inck entgegengesetzten Sinn gefaßt (als Scgensformcln) gegen den Berg Gerisim. Ans beiden Seiten standen dabei je sechs Stämme, im Tale unten dazwischen die Priester und Leviten mit der Bnndcslade. — Den Schluß der Sidra bildet die sogenannte Tanchocho, d. i. große Strafpredigt, das Unglück prophezeihend, welches Israel später traf. (Eine ähnliche Ende des 3. B. M.). Man liest den Abschnitt mit gedämpfter Stimme, Stellen froher Verheißung mit lautem Tone. Oiftnbacber Druckluft-Anlage Telefon 123. Oflanbach a. H. Telefon 123. Unttbert-offene bewährteste TlOplchrtlnlBUlC. Schweizer Stickereien F. C. Strubberg «Ss Co. nur 25 Neue Mainzerstrasse 25. Kunst und Literatur. Leo Tolstoi Briefe 1818—1910. Gesammelt und herausgegeben von P. A. Sergejenko. Autorisierte vollständige Ausgabe. 560 Seiten. Berlin, I. Ladyschnikow. Einblick in die gewaltige Persönlichkeit Tolstois zu bekommen, hat deshalb einen seltenen Reiz, weil Tolstoi in sich das ganze Widerspruchsvolle des russischen Bolkscharakters, all sein Unausgeglichenes, Gegensätzliches in sich vereinigt. Wer die Briefe angefangen hat zu lesen — und das ist sonst bei Bliesen wohl nur selten der Fall —, liest sie mit Spannung bis zu Ende. Für unser spezifisch jüdisches Interesse enthalten die Briefe nur weniges. Am 5. August 1860 schreibt er aus Kissingen: „Ich fand hier Auerbach (Berthold Auerbach), den ich gern sehe." Im Juli 1894 schreibt er an I. B. Feinermann: „Ein amerikanischer Jude, der Rabbiner Dr. Josef Kranskopf, will bei der Regierung vorstellig werden, daß man russischen Juden Land zur Kolonisation in Rußland anweist. In Amerika wird Kapital gesammelt, und cs werden Delegierte entsandt, um diese Kolonie einzurichten. Der Plan ist gut, die Einwilligung der Regierung erscheint aber zweiselhaft. Trotzdem habe ich den Leuten meine, völlige Sympathie ausgedrückt und ihnen einen Brief an Sie mitgegeben, weil ich glaube, daß Sie ihnen gute Ratschläge erteilen können. Das Hinfahren lohnt sich für Sie nicht. Der Mann hat durchaus keine christliche Gesinnung. Er hat mir ein Buch mit seinen Predigten hinterlassen; in einer steht, man dürfe anderen nicht die Wange Hinhalten und ihnen seinen Rock geben, sondern müsse ihnen die Faust und Peitsche' zeigen, damit man nicht geschlagen und einem der Rock nicht weggenommen würde. Seiner Gesinnung nach 'ist dieser Mann uns ganz fremd. . ." Auch über das Blutbad in Kischinew äußert er sich und zwar in einem sehr großen, vom 27. April 1903 datierten Briefes. Er spricht seinen Ahfcheu gegen die Geschehnisse in Kischinew aus und ratet den Inden, nicht mit Gewalt, sondern durch ein gerechtes Leben gegen die Regierung, die die Kischinewer Greuel verschuldet hat, zu kämpfen. Eingesandt. Sehr geehrte Redaktion! Bei den zirkulierenden verschiedenartigen Gerüchten über den hiesigen Talmud-Thoraverein gestatte ich mir. Folgendes zu bemerken: 1. Die erfolgte Anstellung eines Vereinsrabbiners ist gegen meinen ausdrücklichen Protest geschehen. 2. habe ich schriftlich und mündlich wiederholt erklärt, daß ich im Prinzip ein Gegenr a b b i n a t p e r h o r r e s z i e r e. 3. Der ad hoc einbernfenen Versammlung bin ich serngehlieben. 4. Ans die mir erteilte schristlichc Mißbilligung seitens der Versammlung habe ich sehr deutlich geantwortet und bin ich ans dem Vorstand und aus dem Verein ansgetreten. Wiesbaden. Dr. nicd. Rainer, Arzt. 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