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Neue jüdische Presse · 1911-09-08 · Heft 36 (8.9.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. und' wuchs in den Ideen der Emanzipations- Periode auf. Seinen religiösen Anschauungen nach gehörte er zwar der konservativen Richtung an, aber in den sonstigen, das Judentum betreffenden Fragen hat er — wenn auch wohl unbewußt — die Assimilation mitgemacht. Er erhielt das englische Judentmn der Orthodoxie, aber nur der Form nach. Die englischen Synagogen blieben orgellos, . aber das jüdische Leben der Gemeinde ließ er zu dem Tiefstand sinken, durch! den die extremste Reform notorisch ist. Orthodoxe Synagogen mit Mitgliedern, die nach den Prinzipien der Reform leben. Ein Judentums das weder für die Thora noch für die Wisseuschast des Judentums etwas geleistet hat. Seinem Wesen nach war Dr. Adler eigentlich mehr Administrator als Rabbiner. Die Rabbinerwürde schien er mehr als Nebengebiet seines Amtes aufzufassen, als Mittel, die osteuropäischen Juden, deren Zahl immer -mehr zunahm, an sich zu fesseln. Das steie autonome Leben der jüdischen Gemeinden und chrer Institutionen kam ihm als eine Anarchie vor, der ein Ende zu machen er sich berufen sah. Er zentralisierte das englische Judentum und baute es zu einer Organisation aus nach dem Muster der anderen Kirchen des Landes. Organisation und Zentralisation waren seine Ideale, für die er feine ganze Kraft und unermüdliche Energie einsetzte, und denen er manches vom Inhalt des Judentums widmete. Bei dem Ausbau dieser Organisation konnten chm die breiten Masten wenig behilflich sein. Er war gezwungen, sich an 'die Reichen und Mächtigen zu wenden. Diese Alliance brach seine Kraft und seine Autorität und Popularität bei den Massen. Sie zwang ihn zu Kompromissen, die ohne Zweifel gegen seine innere Ueberzeugung waren, da sie sich meistens gegen das überlieferte Judentum richteten, und nahm ihm zuletzt auch die Führerschaft. Was er in den letzten Jahren tat, geschah fast ausnahmslos auf Befehl von Lord Rothschild, in der Diplomatensprache „nach Beratung" mit Lord Rochschild. Diese Nachgiebigkeit nach oben müßte eine Unnachgiebigkeit nach unten zur Folge haben, und so nahm die Unzufriedenheit iumier mehr zu, bis sie in der Get-Frage zur offenen Revolution ausbrach, die die letzten Monate seines Lebens verbitterte. Die Genossen waren mit dieser Führerschaft zuftieden, da sie chnen eine fteie Hand gab. Sic sehen der Zukunft mit Zuversicht entgegen, denn sie wissen, daß es ihnen nicht schwer fallen wird, einen Mann zu finden, der bereit sein wird, diese Rolle fortzuseßen. Was ein Dr. Adler sich gefallen ließ, werden sich sicherlich Leute gefallen lasten, die weder an Persönlichkeit noch an Gelehrsamkeit ihm gleichkommen. Brief ans Ungar«. Für die Gleichberechtigung und gegen den Antisemitismus. — Juden gegen Juden. Der Sommer geht zur Neige. Die Gluthitze gibt nach-. Die Gedanken werden ruhiger. Worte und Taten werden bei uns' ausgelöst, die zu schönen Erwartungen berechttgen. So spricht u. a. der Bischof von Debreczen mit einer Ueberzeugung über die Gleichberechtigung der jüdischen Konfession, daß wir -manche Bitterkeit vergessen, die uns in dieser Zeit widerfuhr: „Wir stehen im Dienste des Friedens; doch fürchten wir den Krieg nicht, wenn es gilt, im Namen des Herren der Heerscharen mit Mut für den Frieden unter den Konfessionen und ftir ihre Gleichberechtigung einzustehen." „Ich werde mit allen Mitteln dafür wirken, daß der Staat seine ganze Autorität in den Dienst der vollen Toleranz stelle, daß er den Gesctzartikcl XX vom Jahre 1898, der allen Konfessionen gleiches Recht Wert, verwirkliche, damit so die edelste Humanität zum Siege gelange und mchr keine Entftemdung und Verbitterung zwischen den Brüdern statthabe." Auch der Ministerpräsident hat sich in den letzten Wochen mit beißender Schärfe Frankfurter Israelitisches Familienblatk. gegen den Antisemitismus, diese westeuropäische Unkultur, die unser Batcrlaitd bedroht, geäußert. Er ließ seinen Worten gleich die Tat folgen und entsetzte den Stropkoer Stnhlrichter seines Amtes, weit er einen seit 17 Jahre» ansässigen jüdischen Tischlermeister ohne jeden Grund aus denr Lande verwiesen hatte. Der beim Minister vorsprechcnde Redakteur des ncologen Blattes, Max Szabolcsi, ließ auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne sein patriottsches Empfinden zu entladen und sich bitter über das Eindringen jener fremden jüdischen Elemente zu beklagen, die, aus Galizien kommend, den ungarischen Nationalstaat durchs das "Festhalten an ihren Sitten, Bräuchen und ihrer Tracht erschüttern. Er und seine Gesinnungsgenosse — so äußerte er — seien hie erbittertsten Gegner dieser einwandernden Elemente, und sie würden gerne jedes Mittel unterstützen, das den Staat von dieser galizischen Invasion befreit. Anstatt sich darüber zu fteuen, daß durch Las Zuströmen dieses urkrästigen Elements das Judentum erhalten wird, sieht er in den landflüchtigen Kaftanträgcrn nichts als die Bedroher des autochtonen, noch immer nicht genug magyarisierteu Elements nick» vergißt, daß er selbst es ist, der in allen Skalen das Lied von der Assimilotionsfähigkeit der jüdischen Rasse siygt. Zu wiederholten Malen hat er die Wurzeln der Stammbäume unserer größten Literatoren bloßgelegt und nachgewiesen, daß die Lengyel, Brody, Kiß, Agai st tutti guanti, und nicht zuletzt er in höchsteigener Person Abkömmlinge der Kaftanträger sind, vor deren Schütten er dem ungarischen Staat gruselig Machen wlll . . . Zion i. Aus de« Ereignissen des Tages. 1. Die Mahnung des Schofars. Jetzt in den Tagen des Ellulmonates, da die ernst-ttauten Töne des Schofars wieder an unser Ohr dringen und uralt-heilige Erinnerungen und Empfindungen in unseren reiner gestimmten Seelen wieder aufsteigen, empfindet man wie von selbst das Bedürfnis, sich von den Niederungen und Kleinlichkeiten des Alltagslebens mit seinen Kämpfen und Gezänkeu, mit seinen Entfreindungen und Anfeindungen zu erheben und in den reineren Regionen höchsten jüdischen Gedankenfluges und höchster jüdischer Weltanschauung Stärkung und Heilung zu suchen. Und gerade in diesem Jahre, in diesen Monaten,, da unsere jüdische Welt durch so viele Kämpfe und' Streitigkeiten, durch gehässige Bruderfeindschaft und kleinlichen Parteihaß so oft und' so empfindlich getrübt worden ist, gerade in dieser Zeit drängt sich dem höher denkenden Juden, der in den höchsten Sphäre» der jüdischen Weltanschauung neue Anregung sucht, sicher unwillkürlich ein Gedanke auf, eine Idee, die die Grundidee der gesamten Mischen Weltanschauung bildet: die Idee der Einheit, der Gedanke der Synthese. Denn wenn mau nach der Idee im Judentum sucht, die alle anderen in sich umfaßt, nach denr Urgedanken, der alle anderen geboren hat, nach dem Tiefften und Größten, was Las Judentum der Welt gegeben hat, so wird man inyncr wieder letzten Endes auf diese eine große' Idee, auf die Idee der Einheit, der Synthese stoßen. Synthetisch faßt der Jude die Welt auf, von denk Gesichtswinkel der Einhctt betrachtet er sie. All das Mannigfache in der Natur: die Majestät des Kosmos und die Lieblichkett der Pflanzen, die Größe der Berge und die Stille der Bäche, die Gewalt des Sturmes und den Zmiber des leise säuselnden Windes, die Falschheit der Schlange und die Reinheit der Taube, die Tücke der Natur und ihre Güte, das Böse der Welt und Las Gute in ihr, die Unendlichkeit des Mannigfaltigen, die scheinbar so unvereinbar ist; deM Juden offenbarte sich der eure gemeinsame Ausgangspunkt all dieser Mannigfaltigkeit, der Rr. 36 eine Schöpfer dieser .Verschiedenheit':-'die eine Gottheit. Der Grieche schuf für jedes Wesen in der Natur seinen besonderen Gott, denn er betrachtete die, Welt analytisch, für beit Juden gab cs für alles nur den einen Gott; er erfaßte die Welk synthetisch. Und denselben Standpunkt der Synthese, dieselbe Idee der Einheit finden wir in all de» anderen großen Gedanken des Judentums. .Der G x i e ch e kannte nur die einzelnen Völker, fiir ihn waren die einzelne» Nationen besondere Organismen, zwischen denen keine Verbindung bestehen konnte; der I u L e erkannte, daß es noch ein Höheres gibt als die einzelnen Völker, daß es fiir die Verschiedenheit in der Welt der Menschen doch noch eine Einheit gibt, er erkannte die Idee, die alle anderen zusaminenfaßt: er schuf die I d e c Ler Menschhei i Der Grieche sah im einzelnen Menschen eine unendliche Mannigfaltigkeit der Triebe, Empfindungen und Gedanken, er erkannte die Gegensätze im Menschen, ftir die er keine Versöhnung fand und' schuf die Menschliche Tragödie: der Jude erkannte, daß die Gegensätze wohl zu vereinen sind, daß die verschiedenen Triebe sich harmonisch zusammenfassen lassen, er erkannte den Begriff im Menschen, der alle anderen in sich umschließen kann, er schuf die Idee des einen Menschen, er stellte das Postulat der Persönlichkeit auf. Die drei größten Ideen, die das Judentum der Welt gegeben hat: die Idee d'ereinenGottheit, der einen Menschheit und des einen Menschen, sie sind alle jenem Urtriebe entsprungen, der das Judentum beherrscht, jenem elementaren Streben, das das Wesen des Inden ausMacht: dem Streben nach der Synchcsc, nach der Einheit. * Ein Volk lebt, zerrissen, gespalten, in unversöhnlichen Gegensätzen; es ist äußerlich gespalten durch, die Schuld der anderen, iimerlich aber durch seine eigene. Es beherbergt Gegensätze in .sich wie kein anderes Volk, birgt Weltanschauungen in sich von schroffstem Gegensätze und — fühlt sich wohl. Das Traurige ist nicht, daß, es Gegensätze in sich enthält, daß es in Parteien gespalten ist; nein, das Furchtbare ist, daß viele, die zu ihm gehören,- die .Gegensätze gar nicht überbrücken wollen, daß viele in ihm den S i n n. f ü r d^e Einheit verloren haben. Der Fremde wird staunen, wenn er erfahren wird, wer dieses Volk ist; wir aber wissen cs:wirselbst. Wir, das Volk der Synthese, das Volk, dessen größtes Verdienst cs ist, den Gedanken der Einheit geschaffen zu haben, wir haben zum großen Teil den Sinn und Len Willen zur Einheit verloren. Soweit verloren, daß Juden, die die Eigenart und Originalttät des JudeMums ,rn chrer reinsten Fornr zu vertreten meinen, den Gedanken der Trennung als eine Forderung des Judentums ausgeben wollen. Wie weit müssen wir uns von dem wahren Judentum entfernt haben, wemr solche logische Unmöglichkeiten bei uns zu Alltäglichkeiten geworden sind . . Darum : jetzt, in den Tagen des Ellul, da der Klang des Schofar an unser Ohr tönt, der Klmrg, der doch die Mahnung des' Judentums und die Mahnung zum Judentum in sich trägt, jetzt sollten wir uns wieder auf diesen großen Grundgedanken des Judentums besinnen; wir alle, besonders aber wir gesetzestreuen Juden, die wir doch den Willen zum wahren, unverfälschten Judentum in uns tragen, wir sollten doch die ersten - sein, die die Grundidee des Judentums, die chm seine Eigenart und Originalität verleiht, wieder in uns' aufnehmen und betättgen.... Keine stärkere Mahnung richtet der erhaben-ernste Ton der Schpfar an ims als die Mahnung z u r E i n h e i t; keinen Wünsch! will er mchr in uns wach'rufen als Len Willen zur Einheit! . ä s

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