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Neue jüdische Presse · 1911-09-08 · Heft 36 (8.9.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hed-Ktt-« imchefchaftsDelle: Zrankturr s. m„ 4Btt»tgcprngt 7 v-r-f-« 10507. Herausgeber: Kalg chsis. 9. Jahrgang. Freitag, den 15. Ellul 5671 (8. September 1911) Nr. 36. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. - ÄbonnementSpreis vro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mt. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— - ■■ ______;_ r .. .. ■■■ 11 ■ Insertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . 25 Pfg. Die Reklamezeile. . 100 .. Platz» und Datrn-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in-Frankfurt a. 9L unter Ro. 4864. C_ _ Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Brief aus England. — Brief aus Ungarn. — Aus den Ereignissen des Tages : 1. Die Mahnung des Schofars. 2. Eine schwerwiegende Entscheidung. — Von den „nationalen" Leistungen des „liberalen" Premierministers. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das Wunder auf dem Judenfriedhof. — Wochenkalender. — Kunst und Literatur. — Eingesandt. — Familiennachrichten. Brief aus England. Von Dr. I. M. S—d. Die Frage des C h i e f-R a b b i n a ts. Die Frage, die jetzt das englische Judentum am meisten interessiert, zugleich auch beunruhigt, ist natürlich die des Chies-Rabbinatts. Die englisch-jüdische Presse befaßt sich zwar noch nicht mit dieser Frage. ,Jhr Stillschweigen ist dem llmstarch zuzuschreibcn,! daß augenblicklich alles, fort ist, holiday making, und daher die Temperatur der Gcmeindcpolitik sehr niedrig ist. 'Aber schon hat man Rosch-Chodcsch Ellul gebenscht, die hohen Feiertage sind nicht allzu fern, und die Frage wird in der nächsten Zukunft auf die Tagesordnung komme» müssen. Was soll aus dem Chief-Rabbinat werden? Soll das Amt erhalten werden oder soll cs abgeschafft werden? Die orthodoxen und die nationalen Elemente sind für die letztere Lösung der Frage. Sic sagen: Das Amt ist eine Schöpfung der Adlcrschen Dynastie und soll mit dem Ende dieser Dynastie aufgelöst werden. Das Amt »tag deni Judentum nach außen nützlich gewesen sein, nach innen hat es den jüdischl-kulturellen Tiefstand der englischen Inden verursacht. Jede Gemeinde solle von -.nun an autonom sein und einen Rabbiner (keinen Prediger) an ihrer Spitze haben. Die kleineren Gemeinden, die sich keinen Rabbiner leisten können, sollen sich nm die ihnen am nächsten gelegene Gemeinde, die einen Rabbiner hat, gruppieren und ihm in religiöser Hinsicht unterworfen sein. Die Interessen, die die Gesamtheit des englischen Judentums berühren, überwacht ja ohnedies das Board of Deputies. Uebrigens könnten Rabbinerkonfereuzcn von Zeit zu Zeit abgehalten werden, die die Arbeiten erledigen würden, für die das Board of Deputies nicht kompetent ist. Wenn ich auch diese Ansicht teile und vollständig überzeugt bin, daß sie die beste Lösung der Frage gibt, so halte ich sie dennoch fite unausführbar. Unausführbar nicht weil sie an und für sich unpraktikabel ist, sondern weil diejenigen, die jdie Macht in den Händen haben, sie einfach verwerfen werden. Die leitenden Männer sind gewohnt, einen Chief zu haben und bilden sich > ein, daß cs ohne dieses Amtnicht gehe; ihnen liegt mehr an dem Repräsentativen im Rabbiner als am Rabbi. Das Land hat einen König, und die Juden müssen einen Chief-Rabbi haben, der sie bei dein' König und auf sonstigen „Ltate functions" vertritt. Wäre der Chief-Rabbi in Wirklichkeit der Oberrabbiner von England und seinen Kolonien, wie es in Frankreich sogar nach der Trennung der Fall ist, so hätten die Orthodoxen und die nationalen Elemente, die bei weitem die Majorität ausmachen, eine Gelegenheit, ihren Standpunkt zu verfechten, vielleicht auch mit Erfolg, aber wie die Dinge gegcMvärtig liegen, wird der -Chief-Rabbi eigentlich nur von 16 Synagogen in London gewählt und zu i h r e in Chief-Rabbi ernannt und erst dann England und seinen Kolonien um den Hals gehängt. Hier läßt sich nichts machen, da die orthodoxen und die nationalen Elemente außerhalb dieser Synagogen stehen. Das Exarchat (vielleicht richtiger Exilarachat, Rabbon schel kol berei hagoulah) wird demnach! seine Existenz fortsetzen. Nun taucht aber die Personen frage auf. Wer soll als Chieferwählt -werden? Soll nran sich nach einem ivürdigcn Nachfolger Dr. Adlers im Ausland, vornehmlich! in Deutschland, nmsehen? Oder soll einer der besten Minister iir England, und wenn er auch eine Größe zweiten oder dritten Ranges, ist, mit diesem Amt bedacht werden? ' Die hiesige jüdische Presse, die das Lobhudeln so gut versteht, will dem Publikum einreden, daß an einen Chics-Rabbi, der nur irgendwie Dr. Adler gleich käme, gar nicht zu denken sei. In . Wirklichkeit -aber besitzt jetzt das englische Judentum zwei Männer, die nicht nur würdig sind, den vakant gewordenen Posten auszufüllen, sondern nochdurch ihre jüdische und allgemeine Gelehrsamkeit den verstorbenen Chief - Rabbi überstreffen. Es find der Chief-Rabbi der sephandischen Gemeinden, Dr. M. Ga st er und der Leiter des englischen Rabbinerseminars, Prof. Dr. B ü ch l e r. Es bestünde also keine Notwendigkeit, auf die Suche zu gehen; aber das englische Judentum befindet (sich in einem wahren embarras de richesse. Niemand wird die wissenschaftliche Bedeutung und die sonstigen großen Vorzüge Her beiden genannten Herren in Abrede stellen, aber sic haben einen Fehler, der ihre Kandidatur von vornherein unmöglich macht. Sie haben zu wenig diplomatische Schulung; als Juden sind sie zu bewußt, sie lieben stets das Kind' bei seinem Namen zu nennen. Diplomatie jedoch war der große Vorzug, 8er den verstorbenen Chief - Rabbi auszeichnete und chn bei den englischen Juden beliebt gemacht hat, und sie ist auch die prima res, die von seinem Nachfolger verlangt werden wird. Ist doch auch Samson Raphael Hirsch wegen seines Mangels an Diplomatie hier durchgefallen. Die Möglichkeit, daß man sich einen Chie' Rabhi aus dem Ausland holen werde, ist meiner Ansicht nach nicht ernst zu nehmen. Die Zeiten, wo die Rabbiner von Oldenburg und Hannover sich uw das Chief-Rabbinat bewarben, silck» vorbei. Lord Rothschild will einen Rchiräsentanten der Juden haben, was einer. der nicht klassisches Englisch spricht, nicht sein kann, mag er auch ein noch so großer Talmudist und Gelehrter sein. Es bleibt daher nur die zweite Möglichkeit, die die, besten Chancen auf Erfolg zu. haben scheint. Man nennt auch hier zwei Rabbiner, die als die eigentlichen Kandidaten betrachtet werden. Man kann sie kaum als würdige Nachfolger Dr. Adlers betrachten, aber sie scheinen die Eigenschaft zu be- 'itzen, die ihr Herr Lord Rothschild als Londitio sine qua non stellt, sie haben diplomatische Schulung. Einer der Herren gab uns eine glänzende Probe davon in der Get-Affäre, wo er, um die Handlung des Board of Deputies zu recht- 'ertigen, das jüdische Gesetz als invalid erklärte. Oberrabbinate haben ihre Traditionen. Sic sind meistens in großen alten Gemeinden anzutreffen, die auf ihren Ruf stylz sind und daher immer danach streben, Männer an ihrer Spitze zu haben, die durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit weit und breit bekannt sind. Derartige Persönlichkeiten sind ihrem ganzen Wesen nach Führer und nicht Gemeindediener. Sic sind Autoritäten und bringen bei jeder Gelegenheit ihre Autorität zum Ausdruck. Sie tragen stolz die „Krone der Thora" auf ihrem Haupte, und ihre Gemeinden finden es nicht nur in der Ordnung, sondern können sich überhaupt einen anderen Zustand gar nicht vorstcllen. So ist es noch bis auf den heutigen Tag in der altehrwürdigen sephardischen Gemeinde zu London. So sehr die Mitglieder dieser Gemeinde mich assimiliert und angliziciert sind, so achteten sie doch auf die Persönlichkeit des Kandidaten, als das Amt des Oberrabbinats bei ihnen vakant wurde und ernannten Dr. Gaster zu ihrem geistigen Führer. Sie wissen wohl, daß Dr. Gaster ein begeisterter Zionist ist, und daß er sich niemals ein Blatt vor den Mund nimmt, 2lber so wenig sie mich mit seinen Ansichten übereinstinnnen, so sind sie doch mit ihm zufrieden und betrachten ihn als die- Zierde ihrer Gemeinde.- Denn sie rechnen mit der Würde des Amtes und wissen, daß es von Dr. Gaster ausgefiillt wird. Diese Tatsache genügt ihnen vollständig. Ganz anders verhält es sich mit der hiesigen Aschkenasi-Gemeinde, die jung ist, und deren Oberrabbinat, das noch viel jüngeren Datums ist. Das Chieftabbinat in seiner gegenwärtigen Form und Entwicklung ist ganz das Werk des verstorbenen Dr. Adler, wenn er auch der dritte Chief Rabbi war. Seine Vorgänger, sein Vater Dr. Nathan Adler, und der vor ihm amtierende Chief Rabbi Rabbiner Salomon Hirschel waren altmodische deutsche Rabbiner, der eine akademisch gebildet, der andere ohne Doktortitel, die beteten und lehrten und wenig an weltliche Macht dachten. Sie waren nicht einmal der Landessprache mächtig und kümmerten sich herzlich wenig um Hof und staatliche Funktionen. Sie waren ganz dem Studium der Thora ergeben. Der letzke Chief-Rabbi jedoch war ein moderner Rabbiner. Er genoß ehre englische Erzichung i Rabbi

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