Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite Str. 35 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. scheu Sprache und zur hebräischen Kultur. Llls > Theodor Herzl den Zionismus schuh da war , ihm der Gedanke vom Hebräischen als der eini zigcn Nationalsprache des jüdischen Volkes gar ' nicht in den Sinn gekommen, und noch in seinem ' „Altneuland" schilderte er das zukünftige jüdische Land ohne Hebräisch als National- und Umgangssprache. Und den Bestrebungen, die i Arbeit zur Förderung der hebräischen Kultur in den Zionismus hineinzutragen, stand er bekanntlich kühl, ja ablehnend gegenüber. Demgemäß hat Mich aus den Kongressen zu Herzls Zeiten das Hebräische rein äußerlich nur einen geringen 'Platz eingenommen. Hebräische Reden waren seltsr, und wenn sie gehalten wurden, wurden sie von den meisten nicht verstanden und blieben ünbeachtet. Mit der fortschreitenden Entwicklung des Zionismus zum Jüdischen hin hat auch das H cbräische einen immer größeren Platz einznnehmen begonnen. Die hebräische Sprache wurde schon auf dem 8. Kongreß im Haag als die offizielle Sprache des Kongresses erklärt und ein offizielles Parteiorgan in hebräischer Sprache — Haolam — gegründet. Und auf diesem letzten, dem 10. Kongresse, war Hebräisch, wenn auch noch! nicht zu der Sprache des Kongresses, so doch zu der wichtigsten. Sprache nach dem Deutschen geworden. D c r 10. Z i o - Nistenkongreß war der erste Kongreß, ans dem eine ganze Sitzung. — die Kulturdebatte am Sonntag — ganz in hebräischer Sprache abgehalten >v u r d c. Man bedenke, was das bedeutet. In einer ganzen Sitzung mit den Reden und Debatten, mit der Leitung und den Ordnungsrufen, mit den Abstirnmungeu und Geschäftsordnungsangelegenheiten wurde nur hebräisch gesprochen, Außerdem wurden noch manche andere Reden hebräisch gehalten. Rechnet man die Eröffnungssitzung ab, so kann Man fast sagen: die besten Reden des Kongresses — wir denken vor alleni an Ussischkins Rede — wurden hebräisch gesprochen. Und rund um den Kongreß war es ebenso. Draußen auf dem Kasinoplatze, in den Couloirs, auf den Straßen überall hörte ntan hebräische Laute durch die Lust schwirren. Eine große Bersämmlung der „Organisation. für hebräische Sprache und Kultur" wurde mit großem Erfolge abgehalten, einige Tagungen dieser Organisation fanden statt; mit einem Worte: man sah, fiihlte, und empfand, daß Hebräisch in der Tat zur wirklichen Sprache des Kongresses wird. Es ist eine Enquete angestcllt worden, um die Zahl der Kongreßdelegierten zu ermitteln, die hebräisch verstehen; cs ergab sich die unerwartet hohe Zahl von 75<yo. Allerdings gehören zu den noch fehlenden 25»/o zu unserem Bedauern ein guter Teil der prominentesten zionistischen Persönlichkeiten Westeuropas, und es hat sich gerade auf diesem Kongresse gezeigt, welche unumgängliche Pflicht es für jeden Zionisten — und selbst wenn er Führer ist — ist, hebräisch zu erlernen. Und wir hoffen, daß diejenigen, die es noch nicht getan haben, bis zum nächsten Kongresse es' nachgeholt haben werden. Denn nicht eher wird der Zionistenkongreß wahrhaft ein echt jüdisches Gepräge tragen, als bis er ganz in Hebräisch abgehalten werden wird. Dazu hat aber der 10. Zionistenkongreß den ersten, wirklichen Anfang gemacht. Die erste Sitzung, in der in hebräischer Sprache.debattiert wurde, ist eine historische. Und derselbe Kongreß, der in .der Geschichte der zionistischen Bewegung die Bedeutung hat, die Arbeit .für die hebräische Kultur in den Zionismus hineingetragen zu haben, wird für alle Zeiten das große Verdienst haben, den ersten Schritt getan zu haben, das Hebräische zu der Sprache des Zionismus zu Machen. Brief a«s England. Das Unerwartete hat sich ereignet. Der Antisemitismus, dessen Existenz auch hier in England uns Zionisten eine Gewißheit war, .ist .wie ein Erdbeben aüsgebrochen und ergoß seinen Lavastrom über eine Reihe von kleinen Gemeinden in South Wales. Wie Hiobspostcn trafen die Nachrichten ein; zuerst Tredcgar, dann Bargoed, Caim, Ebv Vale, Rhymncy Valley, New Tredegar re. rc. Uebcrall ein Bild ocr Zerstörung, wie nach einem Kriege: demolierte Häuser und Läden, Glassplitter in den Straßen, johlende Mengen von Hooligans, unzählige Familien, die sich in großer Hast nach der nächsten Bahnstation begeben, um ocr Wut des Pöbels zu entfliehen. Tont comme chez uous im großen Zarenreiche. Vor einigen Wochen noch waren die Augen der ganzen zivilisierten Welt auf England gerichtet, in dessen Hauptstadt ein Rassenkongres; ragte und die Mittel und Wege behandelte, wie den zweifüßigen Raubtieren etwas mehr Gerechtigkeit und Bruderliebe beizubringen sei, und nun vernimmt das Ohr aus diesenr Musterlande der Freiheit den Wehruf von unzähtigcn Familien, die in das tiefste Elend gestürzt wurden, weil sie Mitglieder des am meisten mißhandelten Voltes find.. Ein Pogrom in England! Wie ist das möglich?! Die Nachricht, mit der sich jetzt jeder jüdische Berichterstatter aus England, tcrder, beschajtigcn muß, klingt fast unglaublich, wie ein Märchen aus veralteten Zeiten! Der Akt ist ebenso russisch, wie dessen Beirennung, meinen viele, und hätte öarstin leinen Platz im freien und liberalen England, wo die Inden es bereits so weit gebracht haben, daß sie nicht nur Offiziere werden können, sondern drei jüdische Minister aus einmal haben. Aber die Geschichte wiederholt sich. Don Isaak Abrabanel war Minister in Spanien zu einer Zeit, als die Judenöertrcibnng' ans jenem Lande beschlossen und ausgcfiihrt wurde, und der Umstand, daß das gegenwärtige englische Ministerkabinett drei Juden zu seinen Mitgliedern zählt, konnte nicht verhindern, daß in einer Reihe von englischen Städten Pogrome ansbrachcn, die an Brutalität und Grausamkeit den russischen Pogroms nicht nachstehen. Was im zwölften Jahrhundert unter den Plantageneten geschah, kann auch im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter Asquith und Lloyd George Vorkommen; was der vertierte SJhijif des Zarenreichs sich leisten .kann, darf sich auch der aufgeklärte und sozialistisch angehauchte Minenarbeiter in Wales erlauben. Es ist der alte Haß, wie wir ihn, leider, seit dem Begimt unsrer blutgetränkten Geschichte im Exil kennen, der Haß, der weder zeitliche noch räumliche Grenzen kennt, und der sich bei jeder gegebenen Gelegenheit in seiner ganzen Jntensivität offenbart. Der Jude wird.verbrannt! Warum? Nitschewo! Gestern, weil sie den Herrgott gekreuzigt hatten, heute, weil sie die Brunnen vergifteten, morgen, weil sic die Bevölkcrrtng beschwindeln und ausbeutcn. Die Unruhen begännen in Tredegar, einem Städtchen unweit Cardiff, das etwa 70 jüdische Familien zählt. Der.Pöbel stürzte sich plötzlich, nur Mitternacht, aus die jüdischen Häuser und Geschäfte, von denen er dreißig demolierte oder nur plünderte. Es' wurden Versuche gemacht, die Häuser in Brand zu stecken, was jedoch, dank der Wachsamkeit der Feuerwehr, mißlang. Die Polizei, von der sich etwa ein Dutzend am Platze befand, war zu ohnmächtig, dem Andrang der nach Tausenden zählenden Menge Halt zu gebieten. Man telephonierte um Militär nach einer benachbarten Stadt. Die Soldaten kamen jedoch zu spät; es gelang ihnen nur, die Hooligans, die nach vollendeter Tat sich aus dem Marktplatz versammelten und johlend und Hymnen singend die Beute verteilten, in ihre Wohnhäuser zu jagen, wobei einige Arrestanten gemacht wurden. Die Unruhen iviederyolten sich am solgenden Tag, jedoch in kleinerem Maßstabe. Ein Teil der Menge begab sich nach, den benachbarten Städtchen, die ich oben erwähnt habe, wo jic die Szenen ron Tredegar mit mehr oder weniger Erfolg repetierten. An manchen Plätzen vereinigten sich die ruhigen Elemente der Bevölkerung mit der Polizei und beschützten ihre.jüdischen Freunde und Nachbarn, bis Militär eintraf und die Wenge zersprengte. Die Zahl der jüdischen Familien, die durch die Unruhen ruiniert wurden, soll sich ans etwa hundert belaufen. Der Schaden wird ans 60000—70000 Pfund geschätzt. Schreckergrisfen verließen die jüdischen Einwohner von South Wales ihre Häuser, die sie barrikadierten, und flüchteten sich unter dem Gejohle der Menge nach dem nahen Newport und Cardiff, deren Gemeinden einstweilen für sie sorgen. Bon tätlichen Vergreifungen an Juden ist einstweilen nichts bekannt. An einem Hause jedoch soll der Mob eine Wöchnerin aus : dem Bett geschleppt und das Bett in Stücke zcr- . schnitten haben. Die arme Frau wurde wahnsinnig. ’ Der Jude Barnett stellte sich in den Eingang seines Ladens mit einer geladenen Flinte und drohte, ■ auf die Menge zu schießen, falls sie sein Geschäft i attackieren wollte. Die Drohung erzielte auch den gewünschten Erfolg, .und die feige Menge bog in eine Nebenstraße zun. Mit der Nachricht von den Unruhen verbreitete zugleich eine igewisse telegraphische Agentur, daß sie durch die Erbitterung der Bevölkerung über - die jüdischen Hausbesitzer, die den Mietzins erhöht haben, veranlaßt ßvorden sein' sollew Ich merke 1 leider, daß diese Anklagen auch von einigen jüdischen ’ Zeitungen ohne jede Kommentierung wiederholt wurden. Ich habe in Wales gelebt und kenne die Gegend, insbesondere, dje jüdische Bevölkerung, ziemlich gur. Ich bin daher berechtigt zu konstalieren, daß diese Anklage nichts als eine falsche Verleumdung ist. Die Inden in South Wales bestehen zum größten Teile ans armen Emigranten aus Rußland, die sich dort in den letzten 10 oder tü Jahren niedergelassen haben. Tie sind arme Handwerker, darunter auch Stohleiigrubenarbeiter jtitö Händler, die schwer für ihr Leben arbeiten müssen. "Nur wenige von ihnen sind mehr oder weniger wohlhabend, als wirtlich reich ist skeincr unter ihnen bekannt. ' To geschickt sie aiich als Kauslente sein inögen, so jst es doch ausgeschlossen, daß sie in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts in Wales es so weit gebracht hatten, eine Anzahl von Häusern zu besitzen. In Tredegar gibt cs nur einen einzigen Juden, der einige Häuser besitzt. Eine andre Anklage, die gegen sie hcrvorgehoben wird, ist, daß sie infolge des Eiscnbahnstreiks die Preise von Nahrungsmitteln kolossal erhöht haben. Auch diese Anitage ist erdichtet, da cs im ganzen Gebiet kein einziges jüdisches Uoloirialmarengeschäft zu sindcn ist. Eine Erhöhung der Preise fand wohl slati, nur geschah es in South Wales wie überall in England seitens der christl. Kauslente, in deren Händen der Kolonialwarenhandel liegt. Aber diese Anklagen sind uns zur Genüge betannr. Sie dienen den Antisemiten der Presse als Mittel, ihre Freunde, die Hooligans, reinznwaschen. Behaupten doch auch die Russen.nach jedem Pogrom, daß er ein Vergeltungsatt der Masse sei für die ihr seitens der Juden angetanene llnvill. In cineni gewissen Teil der englischen Presse macht sich eine Meinung breit, die Unruhen hätten nichts mit dem allgemeinen Streik gemeinsain, sondern wären von den Hooligans vorgenommen worden, um eine Möglichkeit zu haben, wahrend der allgemeinen Unruhe zu stehlen und zu rauben. Auch diese Ansicht entspricht nicht der Wahrheit. Der Pogrom in Wales ist eine direkte Folge des Streiks, Die erbitterten Arbeiter konnten nichts gegen die mächtigen Kohlcngrubenbesitzer und Eisenbahnverwaltungen ausrichten, die von Polizei und Militär gut geschützt waren, da kühlten sie ihr Mütchen an den schutzlosen Juden, an die der Minister des Innern, Mr. Churchill, zufälligerweise nicht gedacht hat. Der Jude wird verbrannt! Bricht eine Katastrophe aus, so mutz der Jude das „Kapporo-Hühuchen" spielen. Zu dieser Rolle scheint er ja von der Geschichte bestimmt worden zu sein. Das Verhalten der liberalen Presse zu den Unruhen in South Wales ist ebenso sonderbar wie das der Regierung, die erst dann genug Soldaten und Polizei nach Treoegar geschickt hatte,, als sie von Lord Rothschild und den anderen Vorstehern der Londoner Judenschaft dringend darum ersuch: wurde. Die liberale Presse verschwieg zuerst die "Angelegenheit, sie sah sich jedoch gezwungen, dazu Stellung zu nehmen, als die kontinentale Presse sich damit zu beschäftigen begann. Und auch dann kamen die "Nachrichten, die täglich von frischen Pogroms einliefcn, recht lakonisch und nicht ohne die Anklagen, die ich oben.behandelt habe. Die konservative Presse handelte diesmal viel anständiger. Sie gab ihrer Entrüstung ohne Vorbehalt Ausdruck und geißelte die Brutalität der Masse und.die Schlappheit der Regierung. Unsre „Großen" haben -jetzt ihre Hände voll. Es ist keine Kleinigkeit, ab und zu von den Zeitungen interwievt zu werden. Tredegar :c. ist zwar für die Herren eine große Ueberraschuag, jedoch finden sic es für notwendig zu betonen, daß. die Vorgänge keinen Beweis für den "Ansbruch des Antisemitismus in England liefern. Vielleicht haben sie auch recht. Der "Antisemitismus ist auch hier anders als in Rußland. - Denn dort wird rein Pogrom ohne einen Wink von Oben unternommen, während hier, Im demokratischen England, „der souveräne Wille des Volkes" selbst znm Ausdruck kommt, ohne oder gegen den Willen der Regierung. Viel schändlicher ist noch der Umstand, daß manche von ihnen die obenerwähnten dummen und grundlosen "Anklagen gegen ihre verunglückten Brüder in WaleS wie Papageien wiederholen. Sv verhält cs sich mit der wohlbekannten jüdischen Solidarität. Daß das Unglück in South Wales unsere „Großen" eines besseren belehren loerde, ist kaum zu erwarten. Denn „verstockt ist das Herz dieses Volkes". Das; es aber die Hooligans in Rußland, vor allein die offiziellen Hooligans, zu neuen Taten ansporncn wird, unterliegt keinem Zweifel. Darin liegt die Bedeutung und die Gefahr der Pogroms in Wales. Dr. I. M. S—d. Aus edler Wstt. Oesterreich-Ungar«. Wien. Blochs Wochenschrift berichtet aus Satoralja-Ujhely folgendes: Eine an der Schicke der hiesigen jüdischen Gemeinde angestellte Lehrerin ist jüngst, infolge einer Mischehe, die Gattin eines Katholiken geworden, und es ist bezeichnend sür die Auffasswng der jüdischen Kreise Ungarns,