Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692751--06400-2701399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4, 5Ht. 35. Hwatlfürfcr Israelitisches! FanMeMüÜ. daß stmi darüber eine Kontroverse entstehen konnte, ob die Lehrerin auch weiterhin an einer rein jüdischen Schule tätig sein könne. Und noch bezeichnender ist es, daß diese Frage gar nicht ohneweiteres beantwortet werden kann, da es noch zweifelhaft ist, ob ihre Entlassung auch von dem ungarischen Unterrichtsministerium bestätigt werden ivürde. In den Regicrungskreisen ist; man nämlich der Ansich, daß Mischehen in Ungarn gestattet sind, und die genannte Volksschullehrerin hat demnach nichts getan, was gegen die Landesgesetze oder die guten Sitten verstößt. Wan, Kst in den Kreisen der ungarischen Judenschaft naturgemäß auf die endgiltige Lösung dieser wichtigen prinzipiellen Fratze sehr gespannt. Interessant ist «s, daß dieser Fall nicht vereinzelt dastxht. In einer anderen Gemeinde in Waag-Neustadtl wirkt gleichfalls eine Lehrerin an der dortigen «jüdischen Volksschule, die schon vor Jahren eine Mischehe niit einem Nichtjuden einging. Der dortige Kultusgcmeindevorstand hat diesen ßlssront ruhig hingenommen, und so swirkt die betressende sfiehrerin auch heute noch an der jüdischen Kolksschule. Budapest. Der aus dem Grerizstädtchen Sztropko ton der Grenzpolizei ausgewiesene jüdische Tischler Moritz Tkats war beim Ministerpräsidenten Grafen Khuen-Hedervary in Audienz erschienen, um die Zurücknahme des ungerechten Ausweisungsbefehls zu erbitten. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Ministerpräsident sehr abfällig über die auch in amtlichen Kreisen immer mehr zutage tretenden antisemitischen Tendenzen. Nunmehr hat der Ministerpräsident nach Prüfung der Akten den Ausweisungsbefehl annulliert und die Grenzpolizei hierron telephonisch in Kenntnis gesetzt, indem er sie zugleich ermahnte, in Zukunft derartige Uebergrjffe zu unterlassen. Lemder«. In Kürze wird hier eine Konferenz der galizisch-jüdischen Kaufmannschaft stattfinden. Man wird über die Sonntagsruhe, den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe, das Hausiergesetz rc. 2c. beraten. Frankreich. Parts. Wie der Schulleiter der Alliance Jsraelite Universelle telegraphisch berichtet, sind durch den Brand in Aidin (Kleinasiens, der besonders in dem dortigen Judenviertel gewütet hat, <500 Familien mittel- und obdachlos 'geblieben. Zur vorläufigen Linderung der Not hat die Alliance Jsraslite üsiiiverselle sofort 5000 Francs auf telegraphischen Wege gesandt. DasWnnder ans dem Judeusriedhof. Bon Klemens Junosza. Deutsch von S. H 0 r 0 w i tz. Berel Guzik pflegte zu sagen, die Gelehrsamkeit sei oas größte Gut, ein Schatz, welchem gegenüber der herrlichste Reichtum so viel wie nichts bedeute. „Gnädiger Herr bedenken Sie das selbst mit Ihrem Verstand! Sie kennen wahrscheinliche unsere reichen Leute? Wer kennt sie oenn nicht? Das sind große Personen! Gros-: Leute! Solch ein David Jojue beispielsweise hat ein Haus — und wo hat er es? Mitten im Ringplatz! Er hat ein Wirtshaus! Und wo hat er es? An einer Straßenecke! Sie wissen, was das bedeutet: ein Haus am Ringplatz und ein Wirtshaus an einer Straßenecke! Das ist ein Reichtum! Aber damit ist die Sache noch nicht zu Ende. Er hat reich geheiratet; die Frau hat ihm als Mitgift 600 Richel gebracht, und im Geschäft hat er Glück gehabt; er hat eine große Prozeßsachc gewonnen, hat an Getreide, an Holz ein Vermögen gemacht, — und heute ist er ein Herr! Ich bitte, zu ihm nach Hause zu gehen und sich seinen Reichtum anzusehen! Er hat einen Samovar, Leuchter, Löffel aus Neusilber, — und seine Frau trägt Ohrgehänge mit Brillanten, daß einem die Augen vom Schauen weh tun! Doch! was hat er von all dem?" ,Wie denn? Er ist eben reich." „Das ist richtig. Er ist der reichste Mann der Gegend. Fahren Sie nach Lubartow, Firlej, Kamionka, und Sie werden keinen so reichen Mann finden. — Aber blicken Sie in seinen Kopf hinein! Was ist in seinem Kopfe? — Nichts, ganz und gar nichts!" „Etwas muß doch drin sein, wenn er durch seine Arbeit zu Vermögen gekommen ist." Berel lachte auf. „Ich sehe, daß Sie von Geschäften nicht viel verstehen." „Das mag sein." „Ohne Ihrer werten Person nahe zu treten, werde ich Ihnen das erklären. Zum Geschäft ist ein Kopf ganz und gar nicht notwendig." „Nur was?" „Glück! Wer Glück hat, dem geht jedes Geschäft flott vonstatten, — und wer keines hat, dem helfen auch zehn Köpfe nicht. Ein solches Gesetz war seit dem Anfang der Welt, ist auch jetzt und wird bis ans Ende sein." „Dann möge Berel mir erklären, wozu der Kopf eigentlich nutzt?" „Ha! Ha! Der Kopf dient zur Gelehrsamkeit. Der Kopf ist ein Koffer, ein Felleisen, eine ganze Vorratskammer! — Und wissen Sie, warum der Kopf hart ist? Weil in ihm teure Sachen aufbcwahrt werden. — Bedenken Sic: Wie der Mensch zum Ausbewahren von Geld sich einen starken Koffer oder einen eisernen Kasten anschafft, so hat auch Gott für solch einen Reichtum, der iin Kopfe stecken kann, einen guten, festen Koffer beschert." „Erkläre mir aber, auf welche Weise es stockdumme Menschen gibt, da doch jeder Mensch einen Kopf hat." „Das ist richtig. — Aber sehen Sie, zwischen einem Kopfe und dem anderen ist ein Unterschied. Ich will nicht von allen Köpfen, sondern nur von den jüdischen reden. Wie, glauben Sie, kommt solch ein 'gewöhnliches Judenjüngcl zur Wclt^ — klug oder dumm?" „Was sür Frage!" „Ha! Sie glauben dumm! Ganz und gar nicht. Denn es war vor der Geburt nicht müssig, es hat nicht die Zeit vergeudet . . ." „Was, zum Kuckuck, hat cs denn getan?" „Der Bub' hat gelernt; an seiner Seite war ein Engel, und der hat ihm die Heilige Schrift erklärt und hat ihm alles, wie dem besten Rabbiner, gelehrt. „Wozu schickt Ihr daun Kinder in die Schule?" . „Das werde ich Ihnen erklären. Der Mensch ist eben ein Mensch; er hat Glück und Unglück. Der Herrgott gibt ihm gute Sachen, — der Satan aber will diese guten Sachen dem Menschen entreißen, will ihn zugrunde richten. Bei jedem Anlasse spielt er gern einen bösen Streich. Den alten Leuten setzt er zu, und die Kinder möchte er, wenn er es könnte (daß ich es nicht in einer schlechten Stunde ausspreche) auffressen. Er ist ein Hallunke, nnd durch ihn nrüssen unsere Kinder in die Schule gehen ..." „Durch ihn?" „Durch ihn. Sehen Sie: solch ein kleiner Judenjunge ist, ehe er zur Welt kommt, schon so klug und in der Schrift bewandert wie ein Rabbiner. Kaum aber kommt er zur Welt, wartet der Teufel auf ihn und versetzt ihm, als erste Begrüßung, einen Nasenstüber! Sie glauben cs nicht? Nun benrerkcn Sie, daß jeder Mensch an der Stelle, wo der Teufel ihm einen Stüber versetzte, ein Grübchen hat." „Aber was folgt daraus?" ..Wie denn: was? Solch ein Kind ist doch zart und furchtsam. Sobald es den Satan erblickt, schreit es, und, wenn es von ihm «inen Stüber kriegt, erschreckt es so, daß es alles, was cs gekannt, was es vom Engel gelernt, sofort vergißt! Darin steckt die ganze Kunst! Wenn nicht er, wenn nicht dieser Lump, hätten die Kinder nicht nötig gehabt, zu lernen, — und alle wären sogleich sehr gescheit. — Sie lachen, Sic glauben nicht, daß dies wahr ist? Ich weiß ... die Herrschaften haben ihren Aberglauben. Sie werden. vielleicht sagen, daß es keinen Satan gebe? Oh! Daß ich so kein Unglück mehr sähe, wie ich ihn mit meinen eigenen Augen selbst gesehen habe! Ich weiß nicht, auf welche Weise er in die Stube kam." — „Wie hat er ausgesehen?" „Daß er zugrunde gehe! Daß meine Augen ihn nicht sehen! Er hat ganz wie eine schwarze Katze ausgcsehen! Pfui! Pfui! Lachen Sie nicht, denn es kann. Gott behüte ein Unglück passieren!" „Ich lache auch nicht, — nur sind wir von unserem Gegenstand abgekommen. Berl, Du hast mir nicht erklärt, warum — obwohl jeder Mensch einen Kopf hat — cs doch an dummen Leuten kein Mangel ist." „Kein Mangel?! Ha! Ha! Wenn ich so viel Groschen im Vermögen hätte, wieviel dumme Menschen man antrisft, so würde ich fragen, was ganz Lublin kostet!" „Also?" „Nun, so toärc ich sehr reich. Was Gescheite und Dumme betrifft, werde ich Ihnen gleich erklären. Wenn auf der Welt nur Kluge wären, dann gäbe es keine Dummen, und wenn bloße Dumme wären, dann gäbe es keine . . ." „Gescheiten." „Nein, dann gäbe es keine Dummen, denn jedem Dummen käme es vor, er sei klug. Erwägen Sie mit Ihrem seinen Verstand: Jede Ware muß ihr Maß haben; Essig wird mit eurem Quart gemessen, Zucker auf Pfunde gewogen, Tuch oder Schnittware wird auf Ellen gerechnet. Nun, was für Elle werden Sie zum Messen von Klugheit finden? Ein dummer Mensch ist eben solch eine Elle! Wenn Sie einen Gescheiten neben einen Dummen hinstellen und beiden heißen, daß sie reden. wird ein Maßstab sein. — Aber hören Sie weiter. Auf der Welt ist alles notwendig, auch verschiedene Köpfe. Gewöhnliche sind viele nötig, große wenig, denn ein großer Kopf denkt, für kleine. Ich erzähle Ihnen nicht von sremden, ausländischen, mir von jüdischen Köpfen. Die Herrschaften lachen, — aber die jüdischen sind von einer feinen Sorte! Bei meinem Gewissen! Nur kann nicht in jeden Kopf eine große Weisheit dringen, manche sind ein wenig untauglich ... „Enge, beschränkt?" Berl schnitt eine Grimasse. „Es gibt auch beschränkte, . . . aber dazu ist die Schule, um zu probieren . . . Gleich, von Kindheit au sieht mau, ob der Iopf brauchbar ist oder nicht. Ist er tauglich, ist es ein Glück, das; dct größte Reichtum ihm nicht gleichkommt." „Entschuldige die indiskrete Frage, aber sage mir, Berl, was denkst Du von Deinem eigenen Kopse?" - Der Jude zauderte. „Was ich denke?" sagte er nach einer Weile, „was ich denke? Was soll ich. denken? Ich denke nichts." „Aber doch..." „Wenn ich die. Wahrheit sagen soll ... ich bin mit mcincnr Kopfe zufrieden. Er möge gesund sein! Gott hat ihn mir gegeben, und ich" — fügte er stolz hinzu — „habe keine Kosten gescheut. Ich! habe in diesen Kopf hineingepackt, was er zu fassen vermochte und bereichere ihn noch immer. Ich lese fortwährend, wie ich nur Zeit habe, wie der Sabbat kommt, lese ich, wenn ich in die „Schul" gehe ebenfalls, oder höre zu, was kluge Leute reden." „Deshalb eben hast Du vielleicht zu Geschäften kein Glück." „Sie haben die Wahrheit gesagt, — ich habe kein Glück! Ich bin nicht reich, sogar ein wenig arm, dafür aber habe ich meine Ehre. Mich kennen die Leute." „Das mag sein, aber die Arbeit geht Dir nicht besonders." „Was läßt sich da tun! Wem geht jetzt die Arbeit? Wer hat sein Brot? Vor zehn, fünfzehn Jahren... ja, vor fünfzehn Jahren, habe ich gesagt, daß unsere Stadt ganz verarmen wird, daß unsere Juden ein bitteres Leben haben werden. Wer nicht gewußt hat, was in meinem Kopfe ist, der hat gelacht. Es waren aber auch solche, die glaubten. Sie fragen, ob sich, alles bewahrheitet hat? Es hat sich bewahrheitet! Heute wissen alle, daß unsere Stadt heruntergekommen ist, daß es keinen Verdienst, keinen Handel gibt! Wer aber hat das vor fünfzehn Jahren voransgesehen? Nur Berl!" (Fortsetzung folgt.) „Fit-sure" Pincenez double, 14 k Goldauflage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5.50. Operngl., Feldst, nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lomnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmitttel. „I. W. Albert, Inh. Paul WanSerey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt I." Hateer Friedrich Quelle -- Offenbach a. M. - Gegen Gicht and BheumattannB bewahrt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankfurt a. M., Stollborgstr. 9. Tel 259 n. 714. Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermittelangen, Recherchen a. Auskünfte Ml^EK/tFaaU y. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ans- •w Institut führong n. strengste Diskretion als mehijfthriger Polizeiu. Kriminal- ——. xsl. 11881. beamte gesichert. Wocherr-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 2. September (--- 9. Ellnl): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 40 Min Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 55 Min. in Berlin 7 Uhr 40 Min. Wochenabschnitt: Ki-seize. — Zunächst wird uns von der Aneignung eines kriegsgesangenen Weibes berichtet. (Die Erlaubnis sie zu ehelichen, ist nach der Tradition gleichsam eine Konzession an den >/bösen Trieb.") Das Erbrecht des Erstgeborenen. Die Bestrafung des ungeratenen Sohnes. (Eine Vorbeugungsmaßregel gegen spätere Entartung!) Schonmig der Menschenehre auch beim Delinquenten, der gehängt wird. Zurückerstattung gefundenen Gutes. Strengzüchtige Geschiedenheit der Geschlechter in Kleidung. — Eine Vogelmutter nicht samt den Jungen ämd Eiern zu ^nehmen. Am Hausdach Geländer anzubringen, um Blutschuld zu verhüten. Mischgattuungen nickst im Weinberg anzusäen. Tiere verschiedener Gattung nicht zu verbinden, ebenso Woll- und Leinenstosf in Kleidern. — Aufnahmefähigkeit heidnischer Volksgenossen in Israels Gemeinschaft. (Ammoniter, Moabiter, Edomiter, Egypter.) — Menschlichf-züchtiges Verhalten bei Verrichtung menschlicher Bedürfnisse des Körpers. Unzucht nie ju dulden in Israels Kreis. Nicht.Zins von