Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Ui. 35 schen Juden, es ist auch das der westeuropäischen im allgemeinen und wird früher oder später auch das Schicksal aller Inden werden müssen. Tenn der Prozeß, der im Buche beschrieben wird, ist ja keine Folge eigenwMgcr Launen der deutschen Judcnheit, sondern die einfache, geschichtliche, logischnotwendigcKonsequenz der Judenemanzipation. Ein Volk von 12 Millionen, das über die ganze Welt zerstreut ist, muß eben für die Dauer (und diese Dauer kann ja einige Jahrhunderte betragen) in den anderen Völkern untergehen. Dies ist eine Wahrheit, die an Richtigkeit der nicht Nachsicht, daß 2 mal 2 gleich 4 ist. Und wenn man dies erkannt hat, dann ergibt Ich für den Menschen, der noch eine Spur von logischen! Denken auf der einen Seite und ein Iota von Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe auf der anderen hat, daß es nur Lösungen in dieser Frage gibt: entweder man gibt sich! damit zufriedeu, daß die Juden unlergchcn, oder aber man fftrebt danach, das Volk zu sammeln und ihm ein Land zu erwerben, auf dem seine Angehörigen die Mehrzahl bilden; und erkennt man ferner, daß dieses eine Land aus echischen, politischen, ökonomischen und praktischen Gründen nur Palästina sein kann, dann hat man den Zionismus vor sich. So gibt es in der Tat in der ganzen heutigen Judcnheit nur zwei konsequente Standpunkte: der der vollständigen, bedingungslosen Assimilation einerseits und der des Zionismus andererseits; 'alles übrige ist Halbheit, Inkonsequenz und Unwahrheit. _ Mit dem Standpunkt des „liberalen Judentums" brauche ich mich wohl nicht auseinanderzusetzen. Es trägt den Stenipel seiner Halbheit und Inkonsequenz schon auf der Stirne. Jur übrigen versucht cs garnicht, eine Antwort auf die Judenfrage zu geben; ein Kind widerstreitender Strömungen, die Geburt von Menschen mit zwei Seelen in ihrer Brust, von denen die eine zur Assimilation, die andere zum Judentum zieht, wird sein Dasein nur ein sehr kurzes sein können; die zwei Seelen werden sich scheiden müssen, und .schon beginnt auch für seine Anhänger die Stunde der Entscheidung zu kommen. Aus all den übrigen Antworten und Vorschlägen höre ich nur noch eine Stimme, die verdient, beachtet zu werden, weil sie zu grotesk und zu tragikomischl ist. Sie argumentiert so: Waruur ist all die Gefahr für den Untergang der deutschen Judcnheit gekommen? Weil sic das Judentum, d. h. die Thora, als das vornehmste Symbol desselben verließen; was muß sie also tun, um die Gefahr zu beseitigen? Ganz einfach.! Zur Thora zurückkehrcn! In der Tat, der Witz wäre gut, wemr er nicht so unsäglich traurig wäre. Sie kennen ja alle den berühmten Witz vom hungernden Bettler, der zum Reichen kam und ihm sagte: „Herr, ich hungere schon seit einigen Tagen!" „Du hungerst", erwiderte der andere, „ei, so kaufe Dir ein Beefsteak, und Du wirst satt sein!" Sehr richtig: Wenn der Bettler Geld für ein Beefsteak hätte, wäre er niemals zum Reichen gekommen. Und wenn die deutsche Judcnheit zur Thora zurückkehren wollte oder könnte, bestände die ganze Frage nicht. Ich sage „könnte" und man mißverstehe mich nicht! Es ist sehr wohl möglich, es ist sogar anzunehmen, daß die meisten deutschen Juden mit der Zeit insoweit zur Thora zurückkehren werden, als sie sich nicht taufen und keine Mischehen eüigehen werden; sie werden auch dazu kommen, die Feiertage einzuhalten, viele vielleicht den Sabbath zu beobachten. Wird aber dadurch die Zahl der Juden in Deutschland größer? Wird dadurch vcm Geburtenmangel abgeholfcn? Nicht im geringsten. Dies wäre nur dann möglich, wenn die Thora, der religiöse Glaube -wieder dieselbe Macht über die deutschen Juden erhielte, wie er sie im Ghetto hatte, eine Macht, die alle Lcbenscntschlüsse, alle Handlungen und Taten beeinflußt und sogar lenkt und die die Kraft hätte, ihn zur Befolgung des Gebotes der Thora: „pru Frankfurter Israelitisches Familienblatt. urivu" und so zur Erschwerung seines ganzen Lebenskampfes zu zwingen. Kann aber ein moderner Jude, der noch ein wenig Dculkraft zu logischer Erwägung und ein wenig Charakter zu ehrlichem Bekenntnishat, dies annehmen? Ich sehe nur drei Möglichkeiten für Juden, die solches laut zu verkünden den Mut haben: Entweder sie sind so bedauernswert blind, die Wahrheit nicht zu erkennen, oder sie sind so unwahr, die erkannte Wahrheit nicht aussprechcn zu wollen, oder aber — sic verlassen sich auf das Eingreifen einer höheren Macht, auf die Wirkung „transzedenter" Faktoren. Mit all diesen Kategorien aber vernrag ich, nicht zu strecken. Blinde kann man nicht sehend machen, Unehrliche nicht ehrlich machen und „Gläubige" dieser Art, die alles den transzcdcnten Faktoren überlassen, nicht weise machen. Eins nur bewegt mich, an dem guten Glauben dieser „Gläubigen" Zweifel zu hegen: sie, die in Volksfachen sich allein auf die transzcdcnten Faktoren verlassen, Pflegen in eigenen, persönlichen Geschäften diesen „Faktoren" nichts zu überlassen. „Gläubige Heilige" in Volkssachen und egoistische, praktische Geschäftsleute in eigenen Sachen! die Verbindung erscheint mir sehr, sehr merkivürdig, fast unverständlich merkwürdig. ... Für uns und alle anderen Juden aber, die bei allem Vertrauen zu ihreni Gotte und zum Gotte Israels, denselben Maßstab der Logik und Energie, den sie für ihre Angelegenheiten gebrauchen, auch auf Angelegenheiten des ganzen Vo lkes anwcndcn, Ergibt sich aus dem wertvollen Buche Theilhabcrs hie eine Wahrheit: Es gibt nur ein Entweder — Oder: Entweder Untergang oder Zionismus- Uns aber in dieser ftlndamentalen Erkenntnis, die das Wesen der ganzen modernen Judcnfragc ausmacht, bestärkt zu haben, viele andere von dieser Erkenntnis erst überzeugt zu haben, dies ist das Bedienst Felixx Theilhabcrs, für das wir ihm und das jüdische Volk mit uns aufrichtigen Dank schulden. Aus de« Ereignissen des Tages. 1. Pogrome in England. Pogrome! Das Schrcckenswort, das wir uns eben erst ein wenig zu vergessen anschicktcn, erschallt wieder! Und die alten Bilder tauchen wieder auf. Juden werden überfallen, jüdische Geschäfte geplündert, jüdische Häuser demoliert, Todcsschrcie gegen die jüdischen Schädlinge ertöne», wilde Banden stürzen sich auf die wehrlosen Juden, die Zügel der Zivilisation werden durchbrochen, die äußere Hülle ' der Kultur abgelegt und die menschliche Bestie zeigt sich in ihrer Nacktheit. Und all dies ist nicht etwa eine Nachricht aus dcnl degenerierten Zarenreiche; nein, all dies ist geschehen in unseren Tagen, im 12. Jahre des 20. Jahrhunderts in — England! Und die Polizei ist anwesend, Müitär ist in Fülle vorhanden, die Mittel zur Unterdrückung der Gewalttaten sind reichlich gegeben; aber die Polizei bleibt stunrm, das Militär rührt sich nicht, teilnahmslos, ja sogar innerlich erfreut schauen die Wächter der öffentlichen Ordnung dem brutalen Wüten des entfesselten Mobs zu; cs sind ja nur Juden, die man plündert, verwundet und demoliert. Und diese Polizei ist nicht etwa die durchseuchte Beamtenschaft des korrumpierten Zarenreiches, das Militär ist nicht die hcrabgckommene, rohe Soldateska des barbarischen Russenlandcs; nein, es ist die Polizei, cs ist das Militär — Englands! . ... Progromc in England! Wißt ihr, was es bedeutet! In England! In dem Snnfcc mit der ältesten Volksvertretung Europas, in dem Lande der größten persönlichen Frecheck, dem Lande der nüchternsten, ruhigsten Nation der zivilisierten Menschheit, dem Lande der vorbildlichen Ordnung und Disziplin, dem Lande, das von je den Anspruch darauf erhebt, der Hort und Schützer der Freiheit in der Welt zu sein; in diesem Lande haben Pogrome stattgefunden! ... Und wann? Im 12. Jahre des 20. Jahrhunderts! Im 20. Jahrhundert? In deni Jahrhundert der unbegrenzten Kritik, dem Jahrhundert der unbesieglichen Demokratie, dem Jahrhundert der größten sozialen Fürsorge, dem Jahrhundert des schrankenlosesten Individualismus, dem Jahrhundert der feinsten, raffiniertesten, cntwickelsten Kultur! in diesem Jahrhundert haben Pogromme stattgcfunden! Hier kann mair nicht mehr von finsteren Jahrhunderten reden, wie bei den Judenmetzeleien des Mittelalters; nicht mehr von barbarischen, unzivilisicrtcn Staaten sprechen, wie bei den Pogromen in Rußland; nicht einmal eine irregeleitete, heftige, leidenschaftliche Volksseele als Entschuldigungsgrund anführen, wie bei der Dreysusaffäre. — Nein, ganz einfach; es waren einige Arbeiternnruhen entstanden, die niederen Massen waren in Erregung geraten; was taten sie? sie überfielen die Juden und tobten so ihre» Grinun aus. Und das Mottv? Ganz, einfacher, nackter, unverhüllter, brutaler Antisemitismus! Wie hatte doch der ulte Pinsker recht mit seiner Lehre von der angeborenen, ererbten „Judophohie" aller Arier . . . Jetzt, nachdem in England Pogrome stattgesunden haben, ist nichts mehr ausgeschlossen; jetzt ist cs wohl möglich, daß eines Tages bei der geringsten Störung des öffentlichen Lebens >vir hier in Deutschland Pogrome haben, wir in Oesterreich, Frankeich, Italien und auch in Amerika noch Pogrome erleben können. Was der Zionisnrus so oft, so bis zum Ucbcrdruß oft behauptet hat, daß in Europa unter den Ariern kein Platz sei für uns Juden, das hat sich hier erfüllt, einmal mit furchtbarer Ueberzeugungskraft gezeigt. Freilich, so lange alles hübsch geht, so lange die oberflächliche Hülle der Kultur die Bestie im Menschen verdeckt, merkt man diesen angeborenen Judenhaß der Arier nur an kleinen Nadelstichen; es braucht aber das Gleichgewicht nur ein wenig gestört zu werden, und die Hülle fällt ab, die Bestie kommt zun: Vorschein, und der Pogrom ist da! Wer dies bisher nicht geglaubt hat, dem werden wohl die Pogrome in Südwales eine überzeugende Lehre erteilen können. Freilich, unsere Hmnanitätsschwätzer. und Mcnschlichkeitsdnsler werden auch daraus ’ nichts lernen wollen. Sie werden noch fernerhin unentwegt von der Mildherzigkcit ihrer arischen Brüder, von deni Fortschritt des Jahrhunderts und von der kommenden allgenicincn Menschenliebe faseln! Ihren ruchlosen Optimismus — es ist der einzige Fall, fiir den der Ausdruck paßt — kann nichts umändern. Ihnen ist eben nicht zu Hessen! Für sie sind Pogrome nur eine wohlverdiente Strafe. . . * * * 2. Der Zionismus und die hebräische Sprache. Wer die 10 Zionisteukongressc bisher verfolgt hat, wird an ihnen eine Tendenz wahrgcnommeii haben, die auch in der ganzen Entwicklung des Zionismus bis auf den heutigen Tag zum Ausdruck kommt: die Tendenz, den Zionismus jüdischer zu gestalten, ihn sozusagen zu, judaisieren. Der Zionismus, wie er uns als die Schöpfung ^Theodor Hcrzls entgegenkitt, hatte außer dem Grundgedänken, dem Willen, die Judenftage radikal zu lösen, nur sehr wenig Indisches in sich; seine Methoden, seine Mittel, seine Maßnahmen waren mehr westeuropäisch als jüdisch. Und er mußte so sein. Denn er war die Schöpsiing eines Mannes, der wohl die glühende Sehnsucht nach dem Judentum hatte, aber seiner ganzen inneren Entwicklung und Geistesrichtung nach nicht die Möglichkeit hatte, ganz jüdisch zu sein. In den 15 Jahren seiner Entwicklung ist der Zionismus allmählich immer mehr jüdisch geworden; die großen Momente seiner Geschichte, der Ugandastreit, der Exodus der Territorialisten, die Niederlage ß>es polittschen Zionismus, waren alle nur Stufen seiner Heraufentwicklung zum Judentum, und nicht mit Unrecht sagt man heute: -Der Zionismus hat sich von Herzl zu Achad-Haam entwickelt. Diese innere Entwicklung des Zionismus kann inan wohl nirgends so deutlich, so klar wahrnehmcn wie in feinem Verhältnis zur Hebräi-