Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4 d 4- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS vro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins HauS. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaLkts« ««d chefchLftssterke: Srankfurt a. m.. %tZtfon 10507. Ker»UsgöVer: Kalg chsis. Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Psg. Die Reklamezeile ..100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. 9t. unter Ro. 4864. S. Jahrgang. Freitag, den 8. LUul 5671 (1. September 1911) Nr. 35. Inhalt deS Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken..— Aus den Ereignissen des Tages: 1. Pogrome in England; 2. Der Zionismus und die hebräischeSprache. — Brief aus England. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das Wunder auf dem Judenfrirdhos. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Briefkasten. Aus der Welt der Gedanken. (Betrachtungen und Besprechungen) Von B e n - K o h e l e t h. . X. Entweder — Dder. Große Wahrheiten pflegen meist vorher intuitiv erfaßt zu werden, bevor cs gelingt, sic empirisch zu beweisen. Auch die große Wahrheit, die den Grundgedanken des Zionismus bildet, ist lange vorher intuitiv erkannt worden, ehe sie empirisch bewiesen werden konnte. Als Theodor H e r z l in jener großen Stunde seines Lebens, da sich seine tiefe innere Wandlung vollzog, mit prophetischen! Adlerblick erkannte, daß cs für die Judenheit der Diaspora nur eine Alternative gebe: Untergang oder Zionismus, und diese Erkenntnis in seinem „Judenstaat" der Welt verkündete, da wurde er von den meisten seiner Leser: fiir einen extremen Ideologen und Schwärmer gehalten. Als Max Nord au einige Jahre später seinen bekannten Satz prägte: „Das Judentum tvird zionistisch sein oder wird nicht sein", da wurde diese Behauptung von den meisten als eines der übertriebenen Paradoxe dieses Feuerkopfes angesehen. Und so mußte denn notwendigerweise die ganze folgende Arbeit zur wissenschaftlichen Begründung des Zionismus darin bestehen, diese große Erkenntnis empirisch wissenschaftlich zu beweisen. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit an dieser Stelle auf, ein Werk hingewiesen, das den großen -Versuch unternommen und ausgeführt hat, diesen Nachweis fiir die gesamte jüdische Rasse zu führen: ich... meine das epochale Werk über „Das Rassenproblem" von Zollschan. Ich habe heute die Freude, hier ein neues Buch anzeigen zu können, das denselben Nachweis für einen bedeutsamen Teil des gesamten jüdischen Volkes zn führen sucht und auch führt: ich meine das bedeutsame Buch Dr. F. Theilhabers: „Der Untergang der deutschen Jude n". *) Zollschan ging entsprechend der umfassenderen, großzügigeren Aufgabe, die er sich gestellt hatte, mich in einer umfassenderen, breiteren Weise an die Frage heran als Theilhaber, dessen Aufgabe bei weiteni kleiner und beschränkter war; Zollschan behandelte das Problem von rassen¬ *) Dr. Felix A. Theikhaber: Der Untergang der deutschen Juden. München. Ernst Reinhardt. Es ist mir bei der Wichtigkeit des Themas und dem Umfange der Beweise nicht inöglich, auch nur kurz den Inhalt des Buches hier wiederzngeben. Ein jeder kaufe und lese es! biologisch - geschichtsphilosophischein Standpunkt, Theilhaber beschränkt sich auf die Mittel der Statistik; so ist sein Nachweis, ivie gesagt, sicherlich nicht so großzügig und imposant, wie der Zollschan's, minder beweiskräftig ist er aber sicher nicht. Es ist ein interessantes Buch, aber ein sehr trauriges Buch. Scheinbar so trocken. Vom Anfang bis zum Ende nur Zahlen. Wenn man das Buch überblickt, so glaubt man als Laie sich garnicht in diese Fülle von Zahlen hincinfinden zn können. Doch wenn man das Buch nur zu lesen beginnt, )vie klar wird dies alles! Die Zahlen nehmen dann gewissermaßen eine andere Gestalt an. Sie sind uns dann nicht mehr die kalten Zeichen abstrakter Deduktionen; sie verlieren den Charakter von logischen Abstraktionen; sic lverden uns lebend, erscheinen uns als die lebenden Zeugen unseres Unterganges, als die Hiobsbotschaften unseres Verfalles, als' die Trauer- Herolde unserer Schande. Sie sind unerbittlich, diese Zahlen. Du suchst umsonst nach Auswegen aus der qualvollen Lage, in die sie dich schließen; umsonst nach Angriffspunkten, ihre traurige Wahrheit zu widerlegen; nach Angriffspunkten, ihre Zukunftsprophezeiungen Lüge zn strafen. Dies sind nicht pathetische Ausrufe, die man als übertrieben abtun kann; sind nicht mal. nur logischabstrakte Schlüsse, deren Wahrheit man anzweifeln kann; sie sind Zahlen, lveiter nichts als Zahlen; und Zahlen kann man nicht widerlegen. Man inag sich sträuben, widerstehen, bedauern und seufzen; früher oder später muß man sich ihnen ergeben. Theilhabers Buch ist nicht originell. Der Grundgedanke ist schon oft genug gesagt und verkündet worden; aber es ist ernst, streng wissenschaftlich im besten Sinne des Wortes in seinem Nachweise,, und das ist kein geringes Verdienst. Ja, noch mehr, wenn man 'will,- kann man ihm auch in seinem Nachweise ein gennsses Maß der Originalität zuerkennen. Wenn nran bisher vom Untergang der deutschen Juden sprach, dächte man in erster Linie an M i s ch e h e und Taufe; Theikhaber ist es gelungen,, uachzuweisen, daß diese zwei Faktoren weit zurücktreien hinter einem anderen: Geburtenmangel. In dem! statistischen Nachweis dieses Geburtenmangels beruht auch in erster Linie der große Wert des Buches. Die Zahlen für Taufe und Mischehe waren schon bisher bekannt und oft angefiihrt worden; die Aufmerksamkeit der jüdischen Ocsfentlichkeit vor allem auf den Geburtenmangel gelenkt zu haben und die Verhältnisse in dieser Beziehung in ihrem ganzen erschreckenden Umfang unwiderleglich nachgewiesen , zu haben, ist Theilhabers großes Verdienst. Theilhaber hat sich bemüht, sein Buch streng wissenschaftlich zu gestalten; das ist sein Vorzug aus der einen Seite, sein Nachteil auf der anderen Seite; sein Vorteil, indem er dem Buche damit den Charakter eines unanfechtbaren, unwiderleglichen Nachweises gibt; sein Nachteil, indem Theilhaber dadurch. verzichtet hat, sowohl auf die tieferen Ursachen als auch auf die radikalen Heilmittel dieser Erscheinung einzugehen. Was die Behandlung der Ursachen betrifft, so werde ich zur Not auf sie verzichten; sie ist so wichtig, schwierig und umfassend, daß sie eines besonderen Werkes bedarf; nicht verzichten kann ich, aber auf die Untersuchung der Heilmittel, denn sie ist mir gar zu wichtig. Theilhaber ist zwar am Ende seines Buches auch darauf eingegangen; aber in der Form, wie er es getan hat, wäre cs schon besser gewesen,. er hätte es nicht getan. Denn diese Mittel, die er empfiehlt, sind gar zu kleinlich. Es ist, wie wenn man einem tätlich verwundeten Menschen als Rettungsmittel ein englisches Pflästerchen empfiehlt. Und wenn ich nicht wüßte, daß Theilhaber Zionist ist, daß er sogar auf dem letzten Kongresse noch eine namhafte Spende zum Bau von Arbeiterhäusern in Palästina gemacht hat, dann würde ich ihn in der Tat für einen einen jener Killepolitiker halten muffen, die in der Gründung von Armenkaffen und Wöchnerinncnheimen die Lösimg der Judenfrage erblicken. .Ich betone: man täte Theilhaber ein Unrecht. wenn man chn zu dieser Kategorie der Dutzendpolitiker zählen wollte, die er selbst bekänlpft. Aber einen besseren Schluß hätte er dem Buche doch geben können. Und wenn er schon nicht aus wissenschaftlichen Gründen auf dem Zionismus als die einzige Lösung Hinweisen wollte — was ich garnicht so billigen kann —, dann hätte er schon überhaupt auf die Behandlung der Heilmittel verzichten sollen. Entweder — Oder: entweder er schließt das Buch in derselben pessimistischen, trostlosen, unerbittlichen Note, in der es gehalten ist, oder aber, wenn er der Tragödie, die ec schildert, den versöhnenden Schluß geben will, dann zeige er wirklich auf die große, radikale, einzige Lösung hin. So wie er ist, stört der Schluß die Harmonie des Buches: so konsequent, radikal, großzügig in dem Nachweis der Gefahr und so klein und halb in der Angabe der Heilmittel. Es wird die Aufgabe. Theilhabers sein, bei einer neuen Auflage des Buches — die ich ihm aus vollem Herzen wünsche, und die auch gewiß bald erfolgen wird —, diesen einzigen großen, störenden Mangel seines Buches auszumerzen und auszubessern. Und damit bin ich schon auf das gekommen, was erst den eigentlichen großen Wert des Buches ausmacht, was für mich und all die, denen die Zukunft des jüdischen Volkes am Herzen liegt, die Hauptsache ist: auf die Frage der Heilung des kranken jüdischen Körpers, die Frage der Mittel zur Beseitigung der Gefahr, die Frage der Lösung der Judenfragc. Denn darüber kann wohl jetzt bei all den Juden, die die Fähigkeit der Erkenntnis und den Mut der Wahrheit haben, kein Zweifel sein: was Theilhaber in seinem Buche nach weist, bildet im letzten Grunde den wichtigsten Teil der Judenfrage. Denn dieser drohende Untergang der deutschen Juden, den er nachweist, ist nicht nur das Schicksal dieser den t-