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Neue jüdische Presse · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr. 34 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Weil ihre ganze Tendenz pädagogischer oder prophylaktischer Natur war, so gingen besondere Bcstimnmngen — namentlich auf dem Gebiete der Ernährung und Ehe — darauf aus, Krankheiten zu verhüten. Tic jüdischen Gelehrten, deren Lehrmciiumgcn der Talmud wiedcrgibt, schlugen eine ganz andere Lösung der sozialen Frage vor als die Urchristen. Eine Gesellschaft ohne die Klaffen der Annen und Reichen konnten sic sich nicht vorstcllcn. Die Pflicht der Reichen, lehrten sic, sei die Zcdokoh gegen die Unbemittelten, und die Annen wicdenim sollten sich nrit chrcm Lose zufrieden geben. Sie lehrten, der Hauptbestandteil menschlicher Glückseligkeit und Zufncdcnhcit ist das eheliche Glück. „Ein liebes Weib, ein wohnlich Dach, Dazu ein Stücklcin Brot, Wer diese drei sein eigen nennt, Mit dnn hat's keine Not." (Weinberg, Ewige Weisheit.)*) Sic waren die Begründer der Monogamie, nick) die Verfolgungen der Juden haben viel dazu beigctcagcn, die monogamische Ehe zum Fundament der Gesellschaftsordnung zu stenipcln. Namentlich das Schicksal der jüdischen Frauen und Jungfrauen hat das bewirkt, welche von Christen verbrannt oder nach der Verheiratung mit Christen umgcbracht ivurdcn oder freiwillig in. den Tod gingen, uni der Schändung zu entrinnen. Die Gelehrten des Talmuds und die nachfolgenden Rabbiner vertraten zwar den Standpunkt, das Weib müsse des Mannes Dienerin sein, ' verstanden aber Bestimmungen zu treffen, welche dnn Rechte der Mutter und dem Rechte des Kindes cutgcgcnkamcn, Bcstimnmngen, von welchen die Jurisprudenz der Gegenwart noch weit entfernt ist. Bon der Ghcttozcit aus boten sich ffir die weitere soziale Bewegung der Juden zwei Möglichkeiten: 1. Die Annahme ihres sozialen Gesetzes durch die Wirtsvölkcr. 2. Die Schaffung einer chncn entsprechenden sozialen Form. Was die crstere betrifft, so hat cs nicht an Uebertritten zum Judentum sowohl zu Beginn der Zerstreuung als im Mittelalter gefehlt. Ein Unterschied zwischen verschiedenen Nationen und Raffen war dem Gesetze unbekannt. Wer immer sich zum Judentume bekehrte, wurde als vollwertig anerkannt. In der Zeit der Refonnation, als die hebräische Sprache gewürdigt wurde, hat cs auch Lehrrneister unter den Juden für Andersgläubige gegeben. Aber die Sprache des Talmuds war zu schwierig und die Isolierung der Juden zu groß, als Laß sic diesen geheim gehaltenen Schatz preisgcbcn wollten, was namentlich die Hygiene und Pädagogik, aber auch die Refonnation wesentlich beeinflußt haben würde. Es komrte nur die zweite Möglichkeit der Entwicklung, die Schaffung einer sozialen Form, verwirklicht werden. Es dauerte Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis man den Juden zunächst das Privileg des Schutzjuden und sodann in einzelnen europäischen Ländern die bürgerliche Gleichberechtigung gewährte. Im Jahre 1781 schlug ein deutscher Nationalökonom — Christian? Wilhelm Dohm — die Schaffung einer besonderen sozialen Form vor: die Juden sollten als Bauern angesiedelt werden. Selbstverständlich fand dieser Vorschlag, der die Erhaltung der jüdischen Gesetze und Gemeinden ganz im Sinne Dohms gesichert hätte, heftigen Widerspruch auch seitens der Juden selbst. Von den Regierungen wurde er überhaupt nicht beachtet. Die soziale Form, ivclche den Juden schließlich in Westeuropa gewährt wurde, war die bürgerliche Gleichberechtigung, d. h. cs wurde ihnen kein Bcrusszwang — ivie etwa die ausschließliche Zuweisung zu Ackerbauern —, sondern die Freiheit der Berufswahl zuteil, wenn dieselbe auch in mancher Beziehung nur auf dem Papier stand. *) Hendcl'sche -Bibliothek. Das war für die weitere soziale Bewegung der Jndcit selbst und ihrer Wirtsvölker von ausschlaggebender Bedeutung. Nicht daß sic, wie mau aus Sombarts Gcdankcngängen entnehmen könnte, den Kapitalismus begründeten, sic selbst hatten ja die technischen Fortschritte und den Ausbau des Verkehrswesens nicht bewirkt; vielmehr lieferten sie die für den Werdegang des Kapitalismus notwendige geistige Arbeit, sic stellten einerseits die Köpfe, tvclche die Kapitalskonzcntration verstanden und durchsetzten, andererseits gingen aus .ihren Reihen die ersten geistigen Arbeiter hervor, namentlich die Vertreter des Handels, tvclche mit Hilfe des neuen Verkehrswesens de» Warenaustausch und auch den Allstausch geistiger Güter aller Art bcivirktcn. Ihren Schultern tvurdc die treue Welt des Kapitalismus aufgcbürdet. Und um diese Last zu tragen, mußten sie sich! anpassen, die Assimilation war die notwendige Folge der Emanzipation. Diese Anpassung bestand zunächst darin, daß ein ihnen unwesentlich erscheinender Baustein aus ihrem sozialen Gesetz entfernt tvurdc, die Frühehe; diese war ihnen das unbequemste Hindernis. Denn sobald sic sich — Ivie ihre Eltern und Großeltern — zu 18 oder 20 Jahren verheirateten, konnten sic nicht Kapital konzentrieren, sondern hätten tviedcr viele Kinder gezeugt und ihnen eine unsichere proletarische Zukunft gegeben. ' Das neuerlvorbene Bürgerrecht dazu auszunützen, ihre Söhne zu Ackerbauern zu.machen, damit dieselben die Frühehe nicht aufzngcben brauchten, kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn und ^widersprach ihr ein Streben, daß die Kinder ein besseres Los als sie selbst haben und das hintcrlasscne Kapital vermehren oder in einen akademischen Berns aufsteigen sollten. Also der erste Schritt der Assimilation bestand in der Hinausschiebung der Ehe, in der Annahme der Malthusschen Lehre. Malthus hatte ja zuerst die Lehre ausgesprochen, tvclche in der neuen kapitalistischen Zeit tief' begründet war,' daß jeder seines Glückes Schmied sein könne, tvenn er spät heirate. Die Juden folgten alsbald dieser neuen Moral genau so wie Malthus geraten hatte. Sie setzten das Heiratsalter hinauf oder blieben Junggesellen —, aber trotz der späten Heirat hatten sie zuirächst dennoch viele Ander. (Fortsetzung folgt.) Josef Israels, ei« jüdischer Künstler. Von G. I. Josef Israels tvar das schöne Los bcschjedcn, hoch über dein Alltagsgctriebe ein tvahrhastes Künstlerleben zu fiihrcn. Er hatte auch daS seltene Glück, sein Lcbcnstvcrk ganz und gar vollenden zu können und es mit Ehre und Ruhm gekrönt zu sehen, lind nun nach jahrelanger Arbeit ist er ruhig, tvic er gelebt und gewirkt, dahingegangen. Denjenigen aber, die ihn kannten, schätzten und liebten, ist cs, als ob ein altvertrautcs, wohltönendes Lied leise ausgcklnngcn tvärc. * Josef Israels tvar ein jüdischer Künstler. Denn er besaß ein gutes Stück iüdischcr Seele, die sich durch die Tiefe der Empfindung und den hohen sittlichen Ernst auszeichnet. Er hatte, auch etwas von jener Neigung, die uns eigen ist, von jener Neigung zum Forschen und zur Grübelei.. Josef Israels ging sogar noch weiter. Er suchte diese leisen, verborgenen Regungen in Farbe zu übersetzen, sie in allen ihren feinen Nüancen sichtbar zu machen. Ans Israels spricht auch jene unendliche Müdigkeit und Wehmut, die uns im Goluth ansgedrängt wurden, durch die aber zuweilen die lebensfrohe Heiterkeit ihre lachenden Strahlen hindurch sendet. Darum malte' er auch bald ernste, traurige, bald hcrzerftischende, von naiver Freude erfüllte Bilder. Man nannte Josef Israels den „holländischen Millet". weil er gleich diesem die herbe Wahrheit des Lebens schilderte, weil auch er einfache Motive wählte nnd sie zu großen Kunstwerken. gestaltete. Ich inöchte sagen, Israels war der -.jüdische Millct", denn wohl hatte er in seiner Malweise vieles von dem großen Rcmbrandt gehabt, aber seine schöpferische Art tvar eine jüdische, und seine Malereien sind von jenem Geist erfüllt, der nur seinem Stamm eigentümlich ist. Einigen seiner Gemälde hat Israels auch äußerlich. einen. jüdischen Inhalt gegeben. Und hätte er nur diese Werke hervorgebracht, er wäre für uns schon ein großer Künstler gewesen. Denn diese Bilder, die nur tvir verstehen können, sind so wahr und so groß empfunden, daß sie unser Innerstes aufs tiefste bewege». „Der Thoraschrcibcr". — In seinem Ivniidervollen Buch „Reise nach Spanien", schildert Israels, wie er die erste Anregung zu diesem Gemälde empfing. Auf jener Reise, in Algier glaube ich, in einem halb verfallene» Haus fand er einen ■ steinalten Juden, der das heilige uralte und dennoch ewig neue Buch auf Pergaweiitrollcn niederschrieb. Ein einfaches, vielleicht nicht einmal malerisches, dafür ein ergreifendesfast tragisches Bild. Ein anderer wäre darüber hinwcggcgangcn, aber dem Juden Israels grub sich dieses Bild mit eisernen Strichen in die Seele cm. Er trug cs mit sich nach Holland, in sein Atelier und schrieb es hier auf die Leinwand nieder. Er bildete aber nicht nur den äußeren Vorgang ab, sondern auch das, was sich in der Seele des Thoraschrcibers abspieltc. Denn tvährend Israels dieses Bild malte, durchlebte er gleich jenem alten Inden die Freude über die stolze Vergangenheit, den Schmerz über die traurige Gegenwart und die Hoffnung aus die glänzende Zukunft. „Ein Sohn des alten Volkes". — Wer kennt ihn nicht, diesen seit zwei Jahrtausenden wandernden Jude»? Einst hatte er ein eigenes Land, nnd jetzt hat er nicht einmal eine Heimstätte. Damals lvar er auch reich an Geist und Gütern, tvar ein schöngewachsener. freier Mensch nnd ist nunmehr ein Trödler, ein mißhandelter Krüppel getvorden. Dieses alles verkörpert Israels in der c i n c n Gestalt. „Saul nnd David". — Wer von uns las nicht zu tvicdcrholtcn Malen jene einfache und doch tragische Geschichte. Israels stellte nun die Szene dar, da der nnwidcrrnslich verurteilte, an seiner Ehre gekränkte und durch Mißerfolg verbitterte König den jungen David die hellklingende Harfe schlagen läßt. Und was Israels schuf, tvurdc keine Illustration, sondern eine große Schöpfung, eine in Farbe übertragene jüdische Tragödie. * Einst werden tvir, wenn auch nach vielen Jahrzehnten, eine einheitliche, große jüdische Kunst haben. Und wenn inan dann durch unsere Nationalgalcrie in Jerusalem wandcr» wird, dann wird das Porträt eines alten Mannes mit einer Palette in der Häuh die Aufmerksainkeit jedes Besuchers auf sich ziehen. Denn die scharfen, durchdringenden Augen hinter der - Brille beherrschen den ganzen Raum und dieses kluge Gesicht mit einem kaum merklichen Lächeln. Mer auch die runzlige, knochige Hand, die einen festen Willen, eine Persönlichkeit kennzeichnet, fesselt den Beschauer. Und ans dem Rahnien wird er die kurze Inschrift lesen: „Josef Israels Selbstporträt." Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Herr Hermann Struck, der Vorsitzende der Misrachi-Födcrativn, ersucht uns um Aufnahme der folgenden Zeilen:, . „Ich habe meinen Antrag, der das Direktorium des Nationalfonds verpflichtet, für Respektierung der jüdischen Gebote ans dessen Besitztümern zu sorgen, nicht „zurückgezogen", sondern unter dem Beifall des Kongresses folgende Erklärung abgegeben: Nach der Erklärung, die der Präsident des Kongresses und der Direktor d e s N a t i o n a l f v n d s mit Z n st i m m n n g des Kongresses abgegeben habendaß sie mit unserer Forderung c i n v er st « „ - den sind, verzichte ich auf die Abstimmung. über den Antrag. Ich tat dies mit Rücksicht baranf, baß cs kurz vor Schabbos war nnd daß Tschlciiotv ganz bestimmt formulierte znstimmcnde Erklärungen ex pracsidio abgegeben hatte. Eine Mstimmung hätte zweifellos die Annahme des Antrages ergebe»." Berlin. Das E. A. C. erläßt folgenden Aufruf: Gesinnungsgenossen! Der 10. Zionistenkongrcß ist vorüber, und alle, die an ihm teilgeiioinwen haben, stehen unter dem Eindruck der imposanten Größe, die ihm die Zahl der Delegierten nnd Gäste, die Festlichkeit seiner .Veranstaltungen, die Einmütigkeit seiner Willensäußerungen verlieh. Der tiefe Ernst, der die Verhandlungen erfüllte, die strenae Sachlichkeit der Beschlüsse, die in den Kommissionen durch gründliche Arbeit vorbereitet wurden, heben den 10. Kongreß zu nnaetnölmliwvr Bedeutung empor und bilden den verheißungsvollen Beginn einer neuen Arbeits- Periode. Durch Beschluß des Kongreßes ist die Leitung der zionistischen Bcinegung nach Berlin verlegt und das Unterzeichnete Engere Mtions-Komitec mit der Führung der Partcigesckmfte betraut worden.. Beseelt von dem Wunsche, durch eine Politik der Sammluna alle lebendigen Kräfte, die in unserer Bewegung tätig sind und tätig sein können, zusmnmenzufassen, ans'der Ideenwelt, die den Zionismus' schuf, iiitincr aufs neue den Geist zu schöpfender die Tat belebt, 1 vollen wir dazu schreiten, die Tätigkeit - unserer -. Organisation weiter apszubauen

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