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Neue jüdische Presse · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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lyr'-riTfirfflij Hettnae z« He. M des #nm6fttck IsrackMm FaMmlilLÜK. Judentum und Sozialismus. Von Dr. med. H. L. Eiseil sta dt-Berlin. Alle Bestrebungen, »vclche die Bedingungen menschlicher Arbeit und Wirtschaft zu verbessern suchen, lvirkeu auf die soziale Form des Daseins. Alle Vorschriften hingegen, lvelche dem Leben des Individuums einen bestimmten Inhalt zu geben suchen, gehören in den Bereich der sozialen Gesetze. Soziale Form und soziales Gesetz zn vcreinigen, das ist bisher weder der sozialen Bewegung der Gegenivart noch den beiden großen Bewegungen der Geschichte, nämlich im römischen und jüdischen Staate, gelungen. Im alten Nom wurden von den Kaisern staatssozialistischc Versuche gemacht, teils auf dem Gebiete der Bodenreform, teils um die Familie als die Grundlage des Staates wiedcrherznstellcn. Hierher gehörten die Besteuerung der Jnnggcsellen, die Prämien für Erzeugung ehelicher Kinder, die Gesetze gegen Unzucht, das Staatskindcrsystem, d. h. die Anfzichnng von Kindern auf Kosten des Staates, Auch lvurden Vorschriften Entwertung der Frauen durch offizielle Prostituierte und das Auftreten degenerierter Personen (ungeratene Kinder, hysterische Frauen). In dieser Zeit trat zum ersten Male eine aus der Tiefe des Volkes geborene soziale Vereinigung auf, die U r ch r i st e n. Die Mühseligen, Beladenen, Verstoßenen schlossen sich zusammen und fordcrteir die Reichen ans, ihnen beizutreten, absichtlich arm zu werden. Es lvar ein Urbild der Konsumgenossenschaft (Brentano). Der Grund, warum ■ sich diese soziale Vereinigung auf die Dauer nicht halten konnte, lag weniger an den Verfolgungen durch die Besitzenden, welche ihr Eigentum bedroht sahen, als in der Unvollkoinmenheit der Theorie, ans welcher die Vereinigung gegründet war. Ihre Voraussetzung lvar ja die Enthaltung von Glanz und Luxus; würden sich nun die Genossen zahlreich vermehrt haben, so wäre ja der ökonomische Vorteil aus der Vereinigung lviedcr verloren gegangen. Es war also die Enthaltsamkeit die notwendige Boranssetzung für den Bestand der Genossenschaft. „Weib, lvas habe ich mit dir zu schassen", lvar die Losung; der natürliche Verkehr der Geschlechter wurde als Sünde erklärt (vergleiche. uährung und im Verkehr der Geschlechter ihr Leben verbrachten. Es haben wohl schon früher, solange es Religionen gab, Menschen in t c r r i t o r i a l begrenzten Landesteilen bestimmte soziale Traditionen iir der Berufstätigkeit, Ehe und Ernährung erfüllt, so im alten Sparta, Rom, Palästina. Hier deckten sich Religion und Sozialpsyche vollständig ans der Grundlage der Berufs einheit (Ackerbau und Viehzucht). Sobald aber die Bcrufscinheit durch Eroberungszüge und Großgrundbesitz verfiel, da verfiel auch die Religion, es breiteten sich verschiedene Berufsständc ans, an die Stelle der Sozialpsyche, an die Stelle der Religion trat die Sozialpsychopathie. Allein daß die versprengten Abkömmlinge einer Ration, der Heimat beraubt, täglich den Verfolgungen ausgesetzt, nur geduldet, wo man sie brauchte, zu einer so ansehnlichen Zahl sich vermehrt und bis auf den heutigen Tag erhalten haben, dieses Wunder ist nicht leicht zu erklären. Haben sich ja auch die Zigeuner noch bis heute erhalten, aber ohne Vergleich mit der Zahl und Bedeutung der Juden. Nur wenn man sich überlegt, daß kein anderer Volksstannn solche Ge- Bom Wirken des Hilssvereius der deutschen Inden. 1. Bild : Zöglinge des Mädchenwaiscn- Hauses in Tarnvpol. Diese 1908 von Frau Julie Fleischmann errichtete Anstalt untersteht Frönlein Helene Krämer aus Frankfurt a. M. und birgt zur Zeit 15 Kinder. Die Anstalt gehört einem Verein von über 350 Mitgliedern. Der Jahresbeitrag des Hilfsvereins beträgt 500 Mark. erlassen, tvelchc für gewisse Berufsstände Mindesttaxcn sichern sollten. Aber alle diese Maßnahmen koilntcn der Bevölkcrungsschwindsncht der eingeborenen Römer keinen Halt gebieten. Immer mehr Barbaren lvurden von Sklaven zu Freigelassenen befördert und nach und nach sogar zu den höchsten Aemtcrn zngelasscn. Die staatSsozjalistischcn Versuche der römischen Kaiser lvaren unlvirksamc soziale Gesetze, sie vermochten nicht, beü einzelnen Bürger zur Frühehe und Häuslichkeit zurückzufühern. Im jüdischen Staate zeigte sich schon zu Zeiten der Könige ein tiefgehender Klassengegensatz zwischen Reichen und Annen. Als uneigennützige Anlvälte der Unterdrückten traten hier die Propheten auf und drängten auf soziale Reforni, nämlich auf die Wiederherstellung der alten religiösen Gesetze, insbesondere der Zedokoh und des Sabbats. Am Ausgange der jüdischen Volksgemeinschaft lvaren alle die Symptome am Bolkskörper zu bemerken, lvelche wir heute als unzertrennliche Begleitcrscheinnngcn der kapitalistischen Kultur sehen können, ein lvirtschaftlicher Abstand zwischen Großgrundbesitzern und Besitzlosen, entstanden durch die fortwährenden feindlichen Invasionen, Seuchen und Hungersnöte, eine Rahida Remy: Das jüdische Weil Kap. II, > Christliche Auffassung von Weib und >-.-). I Und genau so unvollkommen sind die verschiedenen sozialen Theorien der Gegenwart geblieben. Es ist ein ungelöstes Problem, wie an einen begrenzten Personenkrcis die Verteilung der Güter stattfindcn soll, wenn diesen Personen die natürliche' Vermehrung gestattet würde. Die Tatsache der Geburtenabnahme in den europäischen Staaten findet lveder bei den Gcwcrkvcreinen noch bei der politischen Vertretung der Arbeiter die gebührende Beachtung. In dem weitverbreiteten Buche Bebels „Die Frau und der Sozialismus" lvird sogar angenommen, daß sich die natürliche Fruchtbarkeit allmählich ganz von selbst verringern werde. Das größte Ereignis in der Geschichte des Sozialismus, tvelchcs mit Ausnahme von Svmbart die Nationalökonomen von Fach kaum der Beachtung würdigten, geschweige denn verstanden, lvar das Leben dcr Iud cn in der Diaspora, ihre Wanderung durch das europäische Festland. Zum ersten Male in der Geschichte träten mit den Ghettogemeinden Menschen auf, die nach bestimmten sozialen Gesetzen in der Ermeinschaft bildende und Individuum erhaltende, Vorschriften wie den Talmud sein eigen nannte und befolgte, kann dieser Vorgang verstanden werden. Je mehr die Inden unterdrückt wurden, um so eifriger kamen sie ihren Gesetzen nach und forderten dadurch ihre Umgebung wieder zur Verfolgung heraus; durch diese eigentümlichen Gesetze lvurden sie nämlich zur Vermehrung in quantitativer und qualitativer Hinsicht und Lur Lebensverlängerung erzogen. Es ist falsch, die Juden in der Diaspora als eine gemeinsame Nation zu erklären. Es tvar bei dem Mangel eines Verkehrswesens die Gemeinsamkeit nationaler Jdecnkreisc ausgeschlossen. Noch bis .tief in das 19. Jahrhundert dauerte ja die Trennung zwischen Sephardim und Aschkenasnn. 9hir ein und dasselbe Gesetz und ein und dieselbe wirtschaftliche Isolierung erzeugten gleiche Gemeinschaften. Ebenso wie die talmudische» Lehren lvaren deren Vertreter, die jüdischen Gelehrten, ftir die soziale Bclvegung ausschlaggebend, denn diese sorgten mit peinlichster Exekutive für die Durchführung der Gesetze. Ihre besondere Eigenheit bestand in merkwürdigen hygienischen Geboten.

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