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Neue jüdische Presse · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. KranHürker Israelitische^' FamilienblaÜ. Nr. 34. Tagesordnung über und nominierten einen Christen. Hoffentlich haben die Juden nun so viel Charakter, einen jüdischen Gegenkandidaten aufzustelleii. Personalien«. Kleine Mitteilungen. Berlin. Anläßlich des SO. Todestages Fri.edrich Julius Stahls, des Begründers der preußischen konservativen Partei, brachte der „Berl. Bors. Cour." eine Würdigung dieses Mannes, der folgende Zeile» entnommen seien: „Friedrich Julius Stahl, der konservative Politiker, der das Lexikon politischer Schlagwörter mit den geflügelten Worten vorn „christlich-germanischen Staat", Autorität nicht Majorität", „da, wo der Verstand aufhört, beginnt der Glaube" und „die Wissenschaft muß umkehren", bereicherte, einer der glänzendsten Kämpen der Reaktion, dabei einer der bedeutendsten Gelehrten im Fache des Staatsrechts, starb heute vor einem halben Jahrhundert. In jedem Falle war Stahl einer der ungewöhnlichsten Gclehrtencrscheinungen des alten Berlin, auch in seiner äußeren Erscheinung, denn devi Manu, der mit dem Rüstzeug eines hervorragenden Scharfsinns die protestantische Orthodoxie vertrat, verriet in seiner äußeren Erscheinung sofort die israelitische Abstammung, und derselbe Kämpe, der die preußischen Junkerinteressen im Herrenhaus« wahrnahm und „vom Kleinhandel der Mark, der schon vor den Hohenzollern da war", so rührend sprach, war ein Keiner, schwarzer Mann, der in seiner Sprache einen deutlichen süddeutschen Anflug hatte, war er doch am 18. Januar 1802 in München von jüdischen Eltern geboren." Karlsruhe. David Ettlinger erhielt das Ritterkreuz 2. Klasse vom Zähringer Löwenorden. (L.)Posen. JnMoschin verschied Michaelis Loewh, langjähriger Vorsitzende der Synagogen gemeinde und Magistratsschöffe. — Ju das Wrcschener Krankenhaus wurde der 72jährige Geflügelhändler Nagel er nebst Frau und Tochter gebracht, die auf der Landstraße von Strolchen überfallen, ihrer Barschaft beraubt und schwer verletzt worden waren. Konstanz. Großherzogin Luise empfing am 16. d. M. Frau Dr. Bodenheimer (Köln), Frau Simon-Friedberg (Heidelberg) und Frau Dr. I. Thon (Jaffa) als Deputation des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina in Audienz auf der Mainau. Budapest. Oderhausmilglied Karl v. SV ab ist im 83. Jahre seines Lebens verschieden. In Csongrad geboren, hat er sein Studium in Budapest vollendet. Im ungarischen Freiheitskriege diente er unter General Bern als Leutnant und Berns Adjutant. Vom Jahre 1875—1885 gehörte er als Reichstagsabgeordneter der liberalen Partei an. Dann wurde er in das Oberhaus entsendet. Im Jahre 1902 erhielt er den ungarischen Adel. Budapest. Professor Dr. Jonas Baron, der Chefarzt des jüdischen Hospitals, erlag wäh rend seiner Krankenhaus-Sprechstunde einem H e r z schlage. Er war ein vortrefflicher Mensch und ein hervorragender Operateur. Paris, vanptmannRaymond Weil! erhielt von der Akademie der Wissenschaften eine Beihülfe von 600 Frcs. zu archäologischen Forschungen in Aegypten. — L. Schalof erhielt den Portecoulant- Preis und Cößmann den Foutaunes- Preis. Rouen. Infolge eines Automobilunfans wurde der 22jährige Louis Löwe, ältester Sohn des im Vorjahre verschiedenen Geh. Kommerzienrats Isidor Löwe-Berlin, getötet. Loudou. Wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstage verschied Bernard Birnbaum- Mit begründcr und eifriges Vorstandsmitglied der im eisigen Winter des Jahres 1853 gegründeten Suppcnanstalt, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der North London Synagoge usw. Bialostok <Rußland). Im 48. Lebensjahre verschied hier David Suchowolski, infolge seiner hervorragenden Charaktereigenschaften und sei nes warmen jüdischen Herzens einer der angesehen sten Juden der Stadt. Rew-Nork. Die Autobiographie William Parets, des verstorbenen Bischofs von Maryland, enthält die Mitteilung, daß seine Mutter Jüdin war. In Denver verschieb der Advokat Alfred Müller, Präsident des Jüd. .Krankenhauses für Lungenkranke und Vizepräsident der Wohlfahrts organisation und der Gesellschaft für Jngendnnter Weisung. Er wurde 1862 - in Frankfurt a. M. geboren. Aleppo (Klein-Asten). Als ein jüdischer Leichen zug durchs christliche Viertel ging, bewarfen ihn fanatische Christen mit Steinen. Die Leidtragenden muhten die Bahre stehen lassen und flüchten. Verschiedene wurden schwer ver> wundct. Die Polizei erschien erst nach einigen Stüw den, und erst dann 'konnte die Bahre nach dem Friedhofe gebracht werden. Ohne Wohnrecht. Skizze aus dem jüdischen Leben Petersburgs von Leo Kadinsky-Petersburg. (Schluß). Als sie nach Petersburg gekommen war, war re zuerst sehr freudig gestimmt. Eine heitere Zntnnst leuchtete ihrer Phantasie entgegen. Sic war sicher, ins Ävnservatorium aufgenvmmen zu iverden und Privatstnnden zu bekommen. Das erste Mißgeschick lvar, daß sie ins Konervatorinm, in dein vor kurzem die Prozentnorm cingcfiihrt rvordcn lvar, nicht aufgenoinmen tvnrdc. Stunden fand sie zuerst auch nicht, und erst nach längerem Suchen wurde sie in dem Hanse eines Generals als Lehrerin und Erzieherin skr dessen Kinder angestellt. So lvar sie materiell versorgt und konnte auch, ihre Atilttcr versorgen. Doch die Nichtaufnahme ins Konservatorium hatte bittere Folgen. Ms sic nach. Petersburg gekommen war, mietete sie ein Zimmer, konnte aber trotz mehrfachen Verlangens seitens ihres Hauswirts ihren Paß nicht cinrcichen. Sie wußte, dag man sic onst ausweisen würde. Da sie nun ins rkvnservatorinm nicht eintreten pnd damit das Wohnrecht nicht erhalten konnte, so mußte sie das Zinimcr, das ic bewohnte, verlassen. Der General, dessen Kinder ie u nterrichtete, hatte gewünscht, sic solle in seinem Hause wohnen. Wer Nadjeschda erklärte, sic wohne bei ihrer Mutter und könne diese nicht ganz verlassen. Sie mußte die Lüge erfinden, tim den ivahren Grund, warum sie beim General nicht wohnen wollte, zu verbergen. Hätte sie doch ihre Stelle augenblicklich verloren, ivenn dem General ihr Judentum bekannt geworden wäre, und durfte sic doch als Wohnrcchtlose Überhaupt nirgends rvohncn. Infolgedessen dachte sie zuerstnach, Pinsk übcrzusiedeln; aber Ivürdc sie in Pinsk eine so gute und vorteilhafte Stelle finden? Außerdem .hoffte sie, nächstes Frühjahr ins Konservatorium einzutrctcn,' was ihren Leiden ein Ende machen würde. So bechloß sie denn, in Petersburg zu bleiben und vorläufig während der Nächte auf der Straße ninherzuwandcrn. Im Sommer, dachte sic, sei ein solches Leben.noch irgendwie erträglich, und sür den Winter hoffte sie noch das Wohnrecht zu erhalten. Mit Geld und durch Bekanntschaften, so meinte sie, sei in Rußland alles erreichbar. Sie hatte in ihrem Leben viel gelitten, sie war gegen jegliche Qualen abgehärtet und war bereit, die Schwierigkeiten, die ihr nunmehr begegnen sollten, ebenso zu ertragen. Und sic blieb in Petersburg. So verbrachte sie nun ihre Tage; vom Morgen bis zum Abend war sie im Hause des Generals, der mit seiner Familie den Sommer aus verschiedenen Gründen in Petersburg verbringen mußte; und kam die Nacht, so ioandertc sie durch die Straße», schlief manchmal auf einer Bank in einem Garten, oder in einer Straßenecke, ivo sie niemand sehen konnte, ein. Der ganze Sommer verging so. Ihre mehrfachen Bemühungen, das Wohnrecht j» erlangen, schlugen fehl, und als der Winter herankam, schien es ihr, sic müsse nun doch nach Pinsk fahren. Und wieder dachte sie ans Konservatorium und an ihre Stelle; wieder befürchtete sie, sie werde keine Stunden in Pinsk bekommen, und ihr« alte Mutter und sie werden verhungern müssen. „Einen Winter werde ich es so ertragen müssen!" dachte sic. Und sic 'blieb wieder. Weiter verging so ihr eintöniges Leben. Weiter mußte sie des Nachts wandern, frieren, physisch und moralisch leiden, in der ewigen Angst ansgewiescn oder verhaftet zu werden und nur durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft anfrechtgchaltcn. II. Nadjeschda erwachte, als cs noch völlig dunkel lvar. Die Straße war Wie ausgestorben. Wie jeden Morgen freute sic sich darüber, daß die Nacht glücklich, vorbei war, daß man sic nicht verhaftet hatte, daß sic von keinem Hooligan bestohlen oder überfallen worden war. Sie mußte ihre ganze Kraft anwcnden, um sich von der Bank zu erheben. Ihre Glieder waren steif wie Holzklötze, sie fror und zillertc, hustete stark, hatte Halsschincrzen und .Kopfschwindel und fühlte eine unsagbare Schwäche. Der Gedanke an den Tod, der ihr Gehirn gar oft beschäftigte, quälte sie jetzt wie noch nie. Es schien ihr, daß ihre Mutter in diesem Augenblick vor ihr stünde. Wie, wenn sic sterben und die Mutter, die arme, unglückliche Mutter verhungern wird! Und ihr eigenesLÄcn, ihr junges Leben, ihre Hoffnungen und Pläne, all das soll vernichtet werden! . . . Sie ging durch die menschenleeren Straßen, die vom Schnee bedeckt waren, über eine Stunde lang. Es war heller geworden. Die Sonne ging auf und zerstreute völlig die Finsternis. Nadjeschda betrat ein Restaurant, ^nin zu frühstücken und sich ein wenig am Ofen zu erwärmen. Sie fühlte sich mit jeder Stunde unwohler. „Ach, wie herrlich war cs auf den Pinsker Fluren und bei der Dame in Paris!" dachte sie. Als sie das Restaurant verließ, um ins Haus des Generals zu gehen, erfüllte schon ein buntes Treiben die Straßen. ' Geschäftsleute eilten, ihre Geschäfte zu öffnen, Kinder gingen zur Schule, Dworniks fegten die Trottoirs. Droschken und Trambahnlvagen rollten in großer Anzahl vorbei. Als Nadjeschda das Haus des Generals betrat, liefen ihr die drei Kinder .freudig entgegen. Sie hatten Nadjeschha lieb gewonnen, obwohl sie erst acht Monate in dem Hause unterrichtete. Es wären zwei Mädchen und ein Knabe. Die Kinder waren 7, 9 und 10 Jahre. Es waren hübsche Kinder, die stets schön gekleidet ivarcn und öadnrch noch lieblicher erschienen. Nadjeschda und die Kinder lvarcn in die Lroßc Kinderstube gegangen. Die Kinder setzten fici> an den Tisch, und Nadjcschha diktierte ihnen. Dann sprachen die Kinder französisch, spielten Klavier, tanzten, plauderten. So verging der ganze Morgen, Nadjeschda mußte sich sehr anstrcnge», um ihr Unwohlsein zu verbergen und allen Wünschen der Kinder entgcgenzukominen. Jetzt kam die Generali» und rief Nadjeschda und die Kinder zmir Mittagessen. Sie war eine noch junge Frau, nicht sehr hübsch, aber sympathisch und freundlich gegen jedermann. Die Kinder und Nadjeschda folgten ihr und gingen in den Speisesaal, wo der General, ein noch verhältnismäßig junger Mensch, sie schon erwartete. Die Kinder liefen auf ihn zu, ilmarnrtcn und küßten ihn. Alsdann reichte er Nadjeschda die Hand und bat sie, am Tische Platz zu Nehmen Während des Mittagessens war es der sich immer unwohler fühlenden Nadjeschda fast unmöglich, .ein Wort zu reden. Sie aß so wenig, daß man sie fragte, ob sic sich unwohl fühle. Sic erwiderte, sic wolle ein wenig abwarte». und denke, es werde ihr noch besser werden. Nach dem Essen gab sic den Kindern Aufgaben aus und begab sich selber ins Nachbarzimmcr, um auf dem Sopha anszurnhen. Sie legte sich und wollte cinschlafcn, aber die schaurigsten Gedanken stürmten in ihrem Gehirn und gönnten ihr keine Ruhe. Sic fühlte, daß sic starkes Fieber hatte-» daß sic gefährlich krank war. Wieder stand der Tod vor ihren Augen, wieder die vom Hunger zugrunde gehende Mutter. ' i Und wieder kam ihr ein Plan in den Kopf, der in ihrem Gehirn oft aufblitzte, den sic aber stets verdrängt hatte. Es war ein Plan, der ihren körperlichen Leiden ein Ende gemacht, ihre seelischen Leiden aber verdoppelt hätte und sie warf den Plan wie ein Ungeziefer von sich, sie wollte Jüdin bleiben. Ihre Schwäche wuchs und wuchs. Sie fühlte, ihre Kraft lvar aus. Mit Mühe erholte sie sich, verabschiedete sich schnell und fuhr in einer Droschke ins städtische Krankenhaus. Hl. Nadjeschda lag bewußtlos in ihrem Bette. Eine schwere Lungenentzündung. Die Aerzte hielten sie für rettungslos verloren. Ein Polizist kam und erklärte, Nadjeschda dürfe titt Krankenhaus nicht bleiben, denn sie habe kein Wohnrecht. Die Aerzte erwiderten, Nadjeschda sei schon im Zustande der Bewußtlosigkeit und werde nicht mehr lange leben, worauf der Polizist nur , „Ach, so!" sagte und sich entfernte. Und jn diesem „Ach, so" klang ein Ton der Beruhigung, ein Ton, der sagen lvollte: „Nun, Sterbende wollen wir nicht treiben!" .... Das Bewußtsein, das Nadjeschda verlassen hatte, kam jetzt wieder. Noch einmal sah sie ihre Mutter vor sich, die nach ihrem Tode, dessen Nähe sie in diesem Augenblicke spürte, verhungern wird, noch einmal dachte sic an ihr junges Leben, an ihre Pläne . . . „Wozu das alles?" seufzte sie mit der Unschuld und Treue eines Kindes. Sie machte eine Bewegung, ihr Haupt fiel ans das Kissen zurück, und ihr Atem verstummte... . . . Am nächsten Tage trugen zwei Juden einen Sarg, auf dem ein Kranz lag, durch den Korridor des Krankenhauses. Derselbe Polizist, der am Tage vorher mit dem Ausweisungsbefehl erschienen war, war wieder da und sprach zu den Aerzten: „Die Polizei verlangt, daß Nadjeschda Milmanowa in ein Krankenhaus im Ansiedlungsrayon übergeführt wird!" „Diese hier?", fragte einer der Aerzte, auf den Sarg zeigend. Der Polizist starrte die Aerzte, dann den Sarg andarauf zog er die Mütze ab und bekreuzte sich. Und der Sarg wurde hinäusgetragen und auf einen schwarzen Wagen gestellt. Niemand folgte dem Wagen, nur der Kranz; den die Kinder des Generals geschickt hatten, schmückte ihn . . . .... Niemand wußte , von ihrem Tode, ebenso wie niemand von ihren! Leben in der letzten Zeit etwas gewußt hatte....

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