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Neue jüdische Presse · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 34. Frankfurter Israelitisches Fannlienblatt. Jedesmal, wenn inan über das Problem der jüdischen Frau spricht, zitiert man ein schönes Wort Theodor Hcrzls; und es ist nötig, es inimer wieder zu zitieren: „Was ist uns die jüdische Frau? Nichts! Was kann sie uns sein? Silles!" Dieses Wvrt ist in seiner scharf zugespitzten Antithese zweifellos etwas übertrieben;'aber im Grunde ist cs sehr wahr. „Was kann Uns die jüdische Frau sein? Alles!" Was war uns die jüdische Frau? Wir ivollen nicht sagen: alles, aber jedenfalls: sehr viel. Man gehe zurück in die finsteren Jahrhunderte des Ghetto und frage nach dem wichtigsten erhaltenden Faktor im .Leben des verfolgten, geschlagenen Juden, und man wird finden, daß es das jüdische Weib war. Es ist eine Binsenwahrheit, die man nicht mehr zu rviedcrholen braucht, daß das, was den Ghcttojuden dem Judentums so treu erhalten hat: das jüdische Hans, die jüdischc Familie war. Während der Jude des Ghetto sonst überall in der Welt verfolgt, 'gepeinigt, mit Füßen getreten wurde, war sein Haus die einzige Stätte, in der er sich von seinen sonst unerträglichen Leiden erholen konnte. Es war das Heilmittel gegen die tötenden Giste seines sonstigen.Daseins. Wer aber war es, der dieses jüdische Haus zu dieser Bedeutung erhoben hat, der ihm jene heilende, versöhnende, ermutigende und rettende Kraft verliehen hat? Wer sonst als das jüdische Weib? Der. Mann stand draußen im Leben, wurde von tausend Einflüssen bestürmt und müßte den Stempel fremder Eigenart erleiden; das jüdische Weib blieb in seiner häuslichen Sphäre und war so in der Lage, die Ueberlieferungen der nationalen Schätze in ihrer ungetrübten Reinheit Zu bewahren. Man kann richig sagen: das jüdische Weib des Ghettos war jüdischer als der jüdische Mann. Als aber die Epoche der Emanzipation kam. und die Abgeschlossenheit des jüdischen Familienlebens durchbrochen wurde, als auch das jüdische Weib aus seinem bisher ungestörten jüdischen Hause herausgerissen wurde, da erst begann die traurige Zeit des jüdischen Weibes: cs hörte auf, jüdisch zu sein. Es assimilierte sich, und gründlicher noch als der jüdische Mann. Denn seine durchaus konservative Natur, die chm auf der einen Seite die Assimilation schwerer machte als dem leichter wandelbaren Manne, bewirkte ans der anderen Seite, daß, wenn die Assimilation einmal erfolgte, sie weit gründlicher erfolgte. Das 19. Jahrhundert Bebentet die traurigste Epoche in der Geschichte des jüdischen Weibes.' Es verlor allen auch indirekten Einfluß auf das jüdische Leben, cs verlor alle Beziehungen zu ihm, es stand in allen jüdischen Fragen abseits. Es ist daher nur wenig übertrieben, wenn .Herz! sagte: „Was ist uns das jüdische Weib? Nichts!" Aber es kann wieder alles werden wie einst. Es kann wieder zum festesten Pfeiler des jüdischen Lebens werden, kann wieder die Bedeutung gewinnen, die cs hatte, wenn es wieder dem Judentum zurückgewonnen wird. Dies ist schlver, unsäglich schlver; iveit schlvcrcr, als den jüdischen Mann wiederzrigewinnen, ihn, der sich nicht so gründlich ° assimilierte wie das jüdische Weib, ihn, der wandelbarer ist als das Weib. Dafür aber, wenn wir nur wieder die jüdischen Frauen uns wiedergewonnen .haben, sind sie uns für immer gewonnen. Man versteht daher, welche unabsehbare Bedeutung dem Probleme der jüdischen Frau zukommt. Es .ist fast eine der Lebensfragen des modernen JudentmrS. Wir ivollen hier nicht untersuchen, welches die einzelnen Mittel zur Erreichung dieses großen Zieles sind. Dies bleibe berufeneren Arbeitern ans diesem Gebiete überlassen. Wir wollen nicht entscheiden, ob es besser ist, eine besondere Frauenorganisation zn gründen, oder ob die gemeinsame Arbeit vorzuziehen sei. Eins aber können tvir sagen: Der wichtigste Teil der Arbeit kann nur.durch die persöiiliche Agitation geleistet werden; von Mund zu Mund, von Kopf zu Kopf, von Frau zu Frau, uur^so werden wir die jüdische Frau uns wiedergewinnen. ’ Wir glauben, es genügt, die Wichtigkeit dieser Frage zn erkennen, mn sich zu geloben, selbst daran mitzuarbeiten. Wir hoffen darum, die beste und eindringlichste Ermahnung zur Mitarbeit an der Lösung dieses Problems daiuit gegeben zn haben, indem lvir es versuchten, seine immense Bedeutung nachzulveiscn. Aus cttrer Wett. Deutsches Reich. KönigShütte. Der Jüdische Jugendverein hatte einen SliiSstug mach der Kolonie Gischcwald bei Kattowitz unternommen. Als die Ausflügler bei der Rückfahrt iin Automobil gegen Oyl. Uhr abends in Zawodzie die Straßenbahnlinie kreuzten, erfolgte ein Zusammenstoß mit einem Motorwagen, vor dein der Chauffeur noch über die Schienen hinwegzukommen versucht hatte. Der Motorwagen erfaßte das Automobil und zertrünrmerte es. Hierbei wurden zehn Personen teils schwer, teils leicht verletzt. Zwei junge Damen, Fräulein Rosenb u n d und Fräulein Cohn erlitten Beinbrüche. Mainz. In feierlicher Weise wurde die Grundsteinlegung der neuen Synagoge vorgenommcn. Stadtverordneter Kommerzienrat Beruh. Mayer begrüßte die Erschienenen. Rabbiner Dr. S a l f e l d gab sodann einen geschichtlichen Ueberblick über die Mainzer Synagogen. Wir erfuhren u. a. daraus, daß die erste urkundliche Erwähnung einer Synagoge in Mainz aus dem Jahre 1093 stammt, und daß die jetzige Synagoge 1844 erbaut wurde. Stach der Rede Dr. Salfelds wurde in den Grundstein eine Kapsel mit Werken über die Geschichte der Gemeinde, mit Abbildungen der Synagoge und mit einer von Rabbiner Dr. Salfeld verfaßten hebräischen und deutschen Urkunde eingefügt. Oesterretch-Urrgarn. Teplitz. Ein unerhörter Vorfall ist hier Tagesgespräch. Der 70 jährige, angesehene Kaufmann Nathan Lipsker aus Krakau, der hier alljährlich weilt, veranstaltete im Kreise seiner Bekannten für eine arme Jüdin eine Sammlung. Ein Polizist, der das sah, verhaftete ihn wegen Bettelei und führte ihn vor den Oberstnhlrichter. Dieser schnitt Herrn Lipsker jedes Wort ab und verfügte die sofortige Ausweisung. Der alte Alaun mußte mit dem Polizisten nach seiner Wohnung zurück, und von dort zur Bahn. In Hölak wurde er. der Grenzpolizei übergeben, die ihn in das Gefängnis setzte. Inzwischen hatten die angesehenen Bürger Teplitz' bcinr Oberstnhlrichter interveniert. Darauf sah sich der Oberstnhlrichter veranlaßt, eine Droschke nach Hölak zn schicken und Herrn Lipsker znrückbringen zu lassen. Großbritannien. . London. Die Erfahrung lehrt, daß sich auch in unserem freien Jnselrciche dann und wann Vorkomnrnisse ereignen, die Zeigen, daß in der hiesigen Bevölkerung der Judenhaß ebenso vorhanden ist. wie ans dem Festlande. Die Streiks haben in mehreren Orten von Südwäles Au s s ch r e i t un g c n gegen die I n d e n zur Folge gehabt. In Tredcgar wurden sämtliche jüdischen Läden und einige Privat h ä u s e r a n s g e p l ü n d e r t. London. Der bekannte Pastor R. I. Camvell hielt jüngst, gestützt auf Sacharja 7, 23, eine Predigt über die Besonderheit des jüdischen Volkes. Er sagte n. a.: In gewisser Weise sind die Inden das wunderbarste Volk der Erde, und es ist ihre Religion, die sic dazu gemacht hat. Was gibt diesem Völkchen die Beharrlichkeit, sich Jahrhunderte hindurch als Nation zu erhalten, obwohl cs seit 2500 Jahren in politischer Abhängigkeit und seit 1900 Jahren ohne eigenes Land lebt? Was anderes, als daß Gott selbst ,es znm geistigen Vermittler ztvischen sich uitö der Menschheit erwählt hat. Seine Nationalität und seine Religion sind von einander untrennbar. Von keinem anderen Volke in der Geschichte kann man dasselbe sagen. Es ist dies ein höchst bemerkenswertes Phänomen . . . Was Sacharja und seine Zeitgenossen erhofften, ist unerfüllt geblieben, die Stationen pilgern nicht auf den Berg Zion. Slber in einem anderen Sinne — und vielleicht in denl Sinne, in dem sie hauptsächlich gemeint waren —.> haben sich bie Worte des Propheten erfüllt, die Quelle, von der aus der durstigen Welt alle Wasser zugeflossen sind, ist die jüdische Quelle. Das Heil kommt von den Juden. Jesus war ein Jude; keine andere Nation hätte ihn hervorbringen können. Das.Christentum hat die Judeir verachtet, verfolgt und unterdrückt, aber 'die Zeit wird kommen, in der das Judentum erkannt und verehrt iverden wird als Vaterstamm des Christentums. Rußland. Petersburg. Mit dem Aufgebot des ganzen amtlichen Slpparates lvird gegenwärtig die Orgänisakiou m i l i t ä r i s ch e r I u g e u d w e h r c u betrieben. Und seitdem COOO „Knaben-Soidaten" vor dem Zaren auf dem Marsfelde in Parade gestanden haben — Ver jüngste „Rekrnt" 0 Jahre 9 Monate alt —, verschwindet die Frage der Jugendwehreu gar nicht mehr ans den Spalten der Blätter. Sämtliche Knabeiikvmpagiiien, die heilte schon nach vielen Hilndcrlcn zählen, haben das eine gemein, daß sie keine I n d e n k n a d e n ans n e h - men. In den jüdischen Gesellschaftskreisen hat man diese Erscheinung nicht unbeachtet gelassen. Man sicht in derselben eine lvcitere vvrbereitenoe Maßregel für das von den rechten Parteien mit der größten Hartuäckigtcit verfolgte Ziel, die Juden von der Ableistung der Wehrpflicht zu „befreien" ccild damit die Rechtsgrundlage für die Beibehalttmg der Rechtsbcschränkungen für die „Bürger zweiter Klasse" zn gewinnen. Die Erreichnng dieses Zieles ist nicht etwa bloß ein Lieblingswunsch der russischen Reaktion; das Kriegsministerinin selbst steht der Befreiung der Juden vom Militärdienst durchaus sympathisch gegenüber. Allgesichts dieser Sachlage ivollen die Juden nicht passiv bleiben. Die jüdische Gemeinde i u K ischi ne >o hat die Initiative ergriffen, uild cs ist eine Deputation — bestehend aus jüdischen Teilnehmern des russisch-japanischen Krieges — nach Petersburg entsandt worden, um beim Kriegsminister und Minister des Innern die Erlaubnis zu erivirken, i lt Kischinew und Odessa jüdische Knab enkompagnien ins Leben zn rufen. Die reaktionären Blätter beschwören die Regierung, diese „jüdische Hinterlist" zu vereiteln. Die Juden, schreiben sie, möchten nur deshalb Jugendwehren gründen, um Kämpfer für die Revolution herauzubilden. Paliistiua. Jaffa. Seit langem ist es der Wunsch der hier ansässigen ottomanischen Juden, — sowohl der Scpyardnil als der Aschkenasiin —, einen C h a ch a m - B a s ch i (O'berrabbiner) zn wähle», der einerseits als religiöses Oberhaupt der hiesigen sephardischen Judenheit fungieren, anderseits von den Behörden als Vertreter sämtlicher ottoinanischer Juden unserer Stadt anerkannt iverden soll. Am 6. d. M. fand eine von dem temporären Komitee der ottomanischen Inden einberufene Versammlung statt, in der Rabbi Jakob Me Ir arcs Saloniki, der gerade hier lreikte, zum Vorsitzenden gewählt lvnrde. Rabbi Jatvb Mckr teilte mit, daß er die Zustimmung des Großrabbiners in Konstantinopel und die Mithilfe des hiesigen Oberrabbiners A. I. Knk zur Durchführung dieser Angelegenheit erlangt habe. Als Kandidaten für den Chachambaschiposten brachte R. Jakob Mekr die Chachainim Porath aus Konstantinopel, Sabbathai Bachbut aus Jaffa und Benzion Usicl ans Jerusalem in Vorschlag. Schließlich wurde ein Komitee, bestehend aus den Herren I. Dänin, Dr. Chissin, Markus Kohnn, Samuel Tager, I. E. Schalusch und M. Matalon, eingesetzt. Tags darauf fand i»r Beisein des Oberrabbiners Knk und Rabbi Jakob Meirs eine gemeiusame Sitzung des genannten Koncitees und des Waad- Halr statt. Es lvnrde beschlossen, den Betrag vvn 0000 Frcs. als Jahresgehalt des ueuznwahlende» Chachain-Baschi auszuwerfcn. Das Gehalt soll ans Beiträgen der Jäffaer Gemeinde und der benachbarten jüdischen Kolonien aufgebracht lverden. — Am 11. d. M. ist nun in einer Versammlung der Vertreter des Waad-Hair, der jüdischen Kolonien und des Komitees der ottomanischen Juden der Chachanr B e n z i o n 1l s i e l aus Jerusalem znm C h a ch a m b a s ch i v o u. I a f f a gewählt w o r - den, und zwar vorläufig für ein Jahr. Chacham Usiel ist in Jerusalem geboren, spricht französisch, hebräisch, arabisch und türkisch und genießt bei den Behörden großes Ansehen. Amerika. Montreal (Kanada). Wir stehen jetzt vor den P a r l a m e »t s w a h l e n. Jnl St. Lorenz-Viertel Montreals sind die Juden die Mehrheit der Wähler, tlnd inan trat daher an die liberale Partei, die Regierungspartei, mit dem Wunsch heran, in diesem Wahlkreise einen Inden — den angesehenen Bürger Peter Berkowitz — als Kandidaten auszustellen. Im Hinblick ans die 221 Kandidaten der liberalen Partei, war das Verlangen, auch einen Inden aufzustellen, wahrlich kein unbilliges. Doch die Herren von der liberalen Partei gingen über dieses Ersuchen zur

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