Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vtr. 34 Bewußtsein ihrer physischen- Macht handelte, nun ganz nach Belieben regieren kann und sich dabei nur /Von seinem Willen leiten zu lassen braucht. Daß die Juden hierbei in erster Linie zu leiden haben, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Vor kurzem hat sich der Finanzminister Kokowzow einem Journalisten gegenüber über die Judenfrage geäußert, wobei er aussührte, für ejne Besserung der Lage der Juden in Rußland sei es noch zu früh. Er gab dafür verschiedene nichtssagende Gründe an, die ich hier übergehe. Als aber der Journalistfragte, warum die Lage der Juden noch fortwährend verschlimmert werde, leugnete Kokowzow diese Behauptung. Die Presse stellte die Unwahrheit der letzten Aeußerung Kvkowzows fest, indem sie die Beschränkungen auszählte, die erst in der letzten Zeit eingeführt wurden: die Nichtaufnahme von Juden in die kriegsmedizinische Akademie, die Prozcntnorni für Externe, die Ausweisungen immer neuer Kategorien der jüdischen Bevölkerung, die Kinderausweisungen usw. Tagtäglich! berichtet die Presse von neuen und dem Gesetz zuwiderlaufcnden Ausweisungen. Großes Aufsehen erregt auch der Befehl des Odessaer Stadthauptmanns Tolmatschow, eine Liste der jüdischen Rechtsanwälte und Rechtsanwaltsgchllfen Odessas zusammenzustellen. Man befürchtet, das sei der Anfang für die Beschränkung der jüdischen Rechtsanwälte. Ferner verlautet, es solle eine Prozentnorm für die Juden, die im Ausland ihr Studiunr beendet haben und in Rußland das Staatsexamen machen wollen, eingeführt werden, was einen furchtbaren Schlag für die jüdische Intelligenz Rußlands bedeuten würde. Aber das bedeutsamste Projekt ist das der „Nationalisierung" des Handels, von dein schon berichtet wurde. Stolypin will die Juden hnf Handel zurückdrängen und zunächst die Kreditbeschränkung für die Juden einführen. Bekanntlich haben der Finanzminister Kokowzow und der Handelsminister Timaschow das Projekt abgelehnt, well seine Ausführung für den russischen Handel von großem Schaden sein würde. Sogar einige antisemitische Zeitungen teilten diesen Standpunkt. Stolypin läßt sich aber nicht einschüchtern. Um seine Handlungsweise zu erklären, erwähne ich die Aussage des offiziösen Blattes „Nowoje Wremja": „Der Finanz- und Handelsminister haben wohl die näheren, nicht aber die entfernteren Konsequenzen der eventuellen Durchführung des Projekts in Betracht gezogen." Was soll das heißen? Nichts anderes, als daß für Rußland die Bedrückung der Juden wichtiger ist als der Handel.*) Eine ähnliche Geschichte ist neulich vorgekommen: Das Haupt der Kicwer Kaufmannschaft bat Stolypin, die Judenausweisungen und die Konfiskation von Waren jüdischer Kaufleute in Kiew einzustellen, da diese Maßregeln dem Handel der Stadt Schaden bringen. Stolypin antwortete, Forderungen irgendwelcher „Vorrechte" für die Juden könne er nicht befriedigen. Allerdings meint die progressive Presse noch jetzt, Stolypin hätte sich allzu viel erlaubt, müsse und werde fortgehcn. Vielleicht hat sic darin recht: Ein Zusammenarbeiten Stolypins und der Duma ist seit den Vorgängen im Frühjahr allem Anschein nach umnöglich. Es bleibt also übrig: entweder Stolypin geht, oder die Duma wird aufgelöst. Aber das letzte wäre nicht so ganz leicht, denn eine Konservativere Dumai fals die dritte herbeizuschaffen, wird der Regierung zicnrlich schwer fallen. Schon die nächste Zukunft muß die Entscheidung bringen. Eines ist aber sicher: bleibt Stolypin anr Müder, so werden die russischen Juden geknechtet werden, geknechtet tausendmal schwerer als je zuvor. L. K. *) Inzwischen wird mitgeteilt, daß mit Rücksicht auf das Ausland Kvkowzows Ansicht einstwellen gesiegt hat. D. Redakt. A«s Le« Ereignissen -es Tages. 1. Erfreuliche Symptome. Am Nachmittage des Sabbats in der Kontzreßwoche, in der weihevollen Stimmung der Sabbatruhe, fand in Basel eine Versammlung statt, die sicherlich nicht die Beachtung gefunden Hot, die ihr gebührte, die vielleicht auch nicht den Verlauf genommen hat, der ihr angemessen war, der aber gewiß eine Bedeutung zukommt, die die meisten auf den ersten Blick nicht erkennen werden: wir meinen die erste Versammlung des Verbandes für jüdische Kultur. Dieser neue Verband, der — wie gesagt — in den letzten Wochen gegründet worden ist, ist eine Schöpfung des „Misrachi" und hat den Zweck, in Palästina positiv mitzuwirken an der neuen jüdischen Kultur, naturgemäß in jüdisch-nationalem und traditionellem Sinn. Wir wissen nicht, wer die .eigentlichen Leiter des Verbandes sind, wissen nicht, welches die einzelnen Ausgaben sind, die er sich gestellt Ijat, wissen nicht, auf welcher Basis er aufgebaut ist, und ob er die Kraft haben wird. Großes zu leisten, und trotz alledem halten wir es für unsere Pflicht, diesem neuen Verband unseren Begrüßungsruf zuzusenden und unsere große Freude über seine Gründung hier zum Ausdruck zu bringen und zu begrün d e n. Es ist eine bekannte Erscheinung in der Geschichte der Renaissance des jüdischen Lebens im 19. und 20. Jahrhundert, daß die jüdische Orthodoxie fast überall in der Nachhut blieb und in allen entscheidenden Momenten e n t w c d e r gänzlich, fehlte oder nicht so vertreten war, wie es ihr gebührte. Es ist dies eine Erscheinung, auf die hinzuweisen sehr traurig, doppelt traurig aber für einen orthodoxen Juden ist, auf die aber dennoch nachdrücklichst hingewiesen werden muß, jetzt besonders, da' sie allmählich zu verschwinden beginnt. An der Wiederbelebung der neuen hebräischen Literatur, dieser größten geistigen Tat des Judentums des 19. Jahrhunderts, hat die Orthodoxie int Verhältnis zu ihrer Größe und Bedeutung einen verschwindend geringen Anteil genommen, und auch an dem Aufbau - des neuen Lebens in Palästina, dieser größten nationalen Tat des jüdischen Volkes unserer Tage hat bis heute die Orthodoxie nicht in dem Maße mitgcarbcitet, wie man es von chr, der treuesten Vertreterin des Judentums, erwarten Mußte. Und wie es bei diesen zwei größten Leistungen des jüdischen Volkes der Neuzeit war, so war es überall. Während auf allen Gebieten des jüdischen Lebens die folgenschwersten Prozesse von günstigen und ungünstigen Folgen sich vollzogen, verharrte die Orthodoxie in ihrer Untätigkeit; überall regte cs sich und lebte, kochte es und brodelte, die Orthodoxie allein blieb ruhig, starr, energielos; sah zu, wie 'tausende unserer Besten uns verließen, wie uns tagtäglich blusige Wunden geschlagen wurden, lvie wir mit allen Kräften um unsere Existenz ringen mußten, und blieb ruhig, untätig, in sich versunken; das einzige, was sie tat: sie betete. Und so kam, was kommen mußte. Die neuen Prozesse und Entwicklungen, das neue Leben, ließen sich nicht aufhalten, es ging vorwärts und — da die Orthodoxie an ihm unbetclligt war oder es gar bekämpfte, schlug es eine entgegengesetzte Richtung ein und gelangte dahin — nun Brenner, Schitlowski und die neue Generation Palästinas zeigen, wohin es gelangte. Wir wissen wohl, es gibt Gründe, die dieses bisherige Verhalten der Orchodoxic einigermaßen entschuldigen können, aber wir wollen hier nicht auf all die Ursachen dieser unsäglich traurigen Erscheinung eingchen; einmal, well es uns hier zu weit führen würde, ferner aber, weil wir ja hier auf sie hingewiesen haben, nicht so'sehr, um die Orchodoxic dafür zu tadeln, daß sie diesen! verkehrten Weg bisher gegangen ist. als uni sie zu loben, daß sie chn heute zu verlassen fick)! anschickt. Denn in der Tat, die Symptome mehren . sich, die darauf hindeuten, daß ein n e u e r G e ist in die Orthodoxie eingezogen ist, daß sic endlich, erkannt hat, daß sie, die treueste Hüterin der nationalen Schätze, nicht mehr fehlen - darf, wenn das jüdische Volk die Fundamente seines neuen Lebens legt. Unsere Leser werden wahrscheinlich schon wissen, daß man in den maßgebenden Kreisen der Orthodoxie in Rußland daran geht, eine orthodoxe T a g e s z e itung in hebräischer Sprache zu gründen. Dies bedeutet aber den ersten Schritt der Orthodoxie als solcher zur positiven Mitarbeit an der hebräischen Kultur der Diaspora. Was auf diesem einen Gebiete aber noch Absicht ist, ist auf dem anderen, der Mitarbeit an dem neuen jüdischen Leben Palästinas, bereits zur Tatsache geworden, eben durch die Gründung dieses neuen Verbandes für jüdische Kultur. Jetzt erst, wenn die Orthodoxie von negattver Ablehnung zu positivem Mitschaffen übergegangen ist, dürfen loir hoffen, daß das neue jüdische Leben den Stempel nicht nur das nasionalen Judentums, den cs schon hat, sondern auch.des -traditionellen Judentums erhalten wird. Mit dem Momente, da ivir beginnen, posisiv, schöpferisch in unserem Sinne in Palästina kulturell mitzuschaffcn, dürfen wir bestimmt hoffen und erwarten, daß dort in unserem. Vaterlandc sich ein Leben entwickelt, das auch Geist von unserem Geiste in sich trägt. Man begreift daher, mit Ivelcher Freude die gesäurte Judenheit überhaupt, wir traditionellen Juden aber insbesondere diesen neuen Verband begrüßen müssen. Selbst wenn er nicht jene Leistungsfähigkeit erwerben sollte, die wir erhoffen, selbst toenn er von seinem Programme nur weniges > vollbringen könnte, — die Tatsache allein, daß er gegründet wurde, ist Grund genug zur Freude/ Denn dies zeigt, daß der Wille zu positivem kulturellem Schaffen in unseren Reihen erwacht ist. Und — ivie sagten unsere alten großen Weisen: „Ein dowor hoaumed bisne harozanu", „Dem Willen kann nichts widerstehen!" So begrüßen, wir denn den 'Verband für jüdische Kultur aufs herzlichste und wünschen, daß die großen Massen der Orthodoxie sich chm anschlicßen mögen und er so fähig wird, so zu arbeiten und zu wirken, wie cs seine Gründer und wir mit ihnen sehnlichst wünschen! 2. Das Problem der jüd. Frau. Auf der Tagesordnung des X. Zionistenkongresscs stand esn Thema, das bei vielen Zionisten Staunen hcrvorgerufen hat; und in der Tat kann man daran zweifeln, ob es nutzbringend und angebracht war, gerade auf diesem Kongresse über dieses Thema zu sprechen: über das Problem der j ü d i s ch e n F r a u- Es hat sich denn auch wirklich gezeigt, daß die Stiminung des Kongresses nicht ftir eine nutzbringende Erörterung dieses Problemes geeignet bar. Montag früh hielt Frl. Prof. Schach chr geistreiches Referat über „Die Frau im Zionismus" vor einem halblceren Saale; man knüpfte keine Debatte an das Referat, nahm selbstverständlich die harmlose Resolution der Refercntin an, und damit war die Sache erledigt. Daß eine solche Behandlung des Problems ohne den geringsten Nutzen ist, sicht wohl jeder ein. Und es wird sicherlich jetzt auch manche geben, die nach diesen Erfahrungen überhaupt daran zweifeln werden, ob diese Frage auf einem Kongresse nutzbringend behandelt werden kann. Ob der Kongreß sie aber behandelt oder nicht, ob er sie mit Erfolg behandelt oder nicht: die Frage der jüdischen Frau besteht. Sie macht sich nicht so fühlbar wie manche anderen Probleme des jüdischen Lebens, ist aber darum nicht nsinder schwerwiegend und wichtig. Und es ist gut, sich ab und zu ihre Bedeutung und ihre Natur vor Augen zu führen.