Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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*““■--> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AVonnementSpreiS vro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— . .. «nd chefchLfrssterle SranKfurt a. m.. Vetefon 10507. (r-- -:- -t JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Rellamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter Ro. 4884. < ■ ■ I 9. Jahrgang. Freitag, den 1. Ellul 5671 (25 August 1911) Rr. 84 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der X Kongreß und seine Ergebnisse. — Brief aus Rußland. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Erfreuliche Symptome; 2 Das Problem der jüd Frau. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Ohne Wohnrecht — Bunte Chronik —Kunst undLtteratur —Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Allgemeine Mitteilungen. Der X. Kongreß und seine Ergebniste. Welches waren die Aufgaben des X. Kongresses, und was sind die Ergebnisse, die er gezeitigt hat? In erster Linie war es die Frage der Leitung, die seit dem Kongresse im Haag ein Quell der Unzufriedenheit und Verdrossenheit ..für weite Kreise der Organisation gewesen ist. Wolsssohn war es, der den unglückseligen Fehler beging, die russischen Genossen, die doch Hen Eckstein der Belvcgung bilden, ans der Leitung zu eliminieren. Dem X. Kongresse fiel also die Aufgabe zu, diesen von Wolsssohn begangenen Fehler wieder gut zu machen, es sollte eine homogene, tatkräftige Leitung mit dem Sitze in Berlin, in der auch die Russen vertreten sein sollen, eingesetzt werden. Allein, um der Leitung Arbcitsmöglichkeit zu bieten, sollte in zweiter Linie der Kongreß der neu zu schassenden Leitung strikte Direktiven sowohl auf wirtschaftlicheni wie auch auf kulturellen: Gebiete erteilen. Wir sagen „auch kulturellem", denn in weiten Kreisen der Bewegung gelangte man zu der klaren Einsicht, daß die kulturelle jArbeit in Palästina nicht länger a n f g e s ch o b e n werden könne, und cs war daher die feste Absichit des Gros der Delegierten, dahingehende Beschlüsse zu fassen. Und wie hat sich der Kongreß dieser seiner zwei Hauptaufgaben entledigt? Schwere Aufgaben, sehr schwere waren die eine wie die andere. Wolsssohn wollte Führer bleiben, und dies wollte auch' seine Partei, die sich aus fast allen Landsmannschaften und Fraktionen rekrutierte. Doch die Mehrheit, in deren Mitte sich das Gros der Intelligenz der Bewegung befindet, wollte es nicht, deshalb nicht, weil Wolsssohn ' aütokratisch veranlagt ist, uild weil er nicht über alle Qualifikationen verfügt, die ein Führer der größten, mächtigsten und intelligentesten Bewegung in '.Israel, der riesige Ausgaben zu crftillen hat, besitzen muß. Neun Tage hindurch, vor und während des Kongresses, fast bis hart vor dem Schlüsse, rang die Partei Wolsssohn mit der Partei Ussischkin, bis schließlich die Partei Wolsssohn, getragen von dem festen Willen, den Frieden in der Bewegung herzustellen, nachgab. Es wurden daraufhin fünf Männer der Richtung Ussischkin ins Engere Aktions-Comite gewählt. Auch Marburg, der unter Wolsssohn im E. A. C. arbeitete, gehört nicht Wolffsohns Richtung, der Richtung des sogenannten politischen Zionismus, an. Man sieht also, daß nur die eine Richtung im E. A. C. vertreten, die andere aber von der Leitung ausgeschlossen ist. Gerade letzterer Umstand ist es, der uns mißfällt. Die Partei Wolsssohn wird sich mit der neuen Gestalt der Leitung nicht zuftieden geben, — und dies ist aus das tiefste zu bedauern. Der Zionismus, der von so viel Schwierigkeiten von innen und außen umgeben ist, kann sich, nicht den Luxus eines geordneten Parlamentarismus — in der Weise, daß seine Parteien abwechselnd die Regierung führen — leisten, vielmehr muß er seine besten Kräfte gleichzeitig ans allen Parteien für die Leitung holen. Also nicht Partei Ministerien sondern Koalitions Ministerien muß die Parole sein! Möge die neue Leitung noch so honwgen, noch so tatkräftig sein, mögeil die neuen Männer noch so tüchtig sein, so kann man sich mit der neuen Leitung ohne Wolsssohn doch glicht ganz zufrieden geben. Wir wollen hier nicht Untersuchungen anstellen, w i e es so gekommen ist und wen die Schuld trifft; wir wollen nur unser Bedauern darüber ausdrücken, daß es so gekonmien ist! Gleichzeitig aber wollen wir die Hoffnung aussprechen, daß der nächste Kongreß den eben gemachten Fehler gut machen wird zur Zufriedenheit aller und zum Segen der Organisation. Soweit die Leitung! Wie ist es nun mit den gefaßten Beschlüssen bezüglich der kulturellen Arbeit in Palästina? Unsere Leser wissen bereits, daß der Kongreß mit überwältigender Mehrheit eine Resolution dahingehend! gefaßt hat, die kulturelle Arbeit in Palästina zu organisieren und zentralisieren. Dieser Beschluß ist die Frucht tagelanger ernster Arbeit einer zu diesem Zwecke aus berufenen Männern aller Gruppen und Fraktionen — unter ihnen befanden sich auch die bekannten Gaonim Rabbiner Reines-Lida und .Rabbiner Rabinowitz-Liverpool — eingesetzten Kommission. Jeder Teilnehmer dieser Kulturkommission — auch die Redaktion dieser Zeitung war in der Kommission vertreten — wird bezeugen, daß fast alle ihre Mitglieder von dem festen Wunsche beseelt waren, der Tradition vollauf gerecht zu werden, sodaß auch die Rabbiner Reines und Rabinowitz, die durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit als Autoritäten gelten, zu der gefaßten Resolution ihre Zustinmuing geben konnten. Daß mit dieser Resolution alle wahrhaft traditionell gesinnten; und traditionell lebenden Männer, sofern sie auf dem Boden der E i n h e i t I s r a e l s stehen, sich zufrieden geben können, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ist doch diese Resolution dahin gerichtet, Haß alle vom Zionismus zu gründenden Schulen und Zeitungen auf der Tradition zu fußen haben! Nur solche Männer können dies als verderblich bezeichnen, die die Separation als ihr höchstes Ideal ansehen und viele Tausende von treuen, begeisterten Juden, sofern sie nicht zu ihnen halten, den „Kanaanitern" gleich stellen; verfolgen. sie doch, heimlich jene politische Llbsicht, die traditionellen Zionisten durch Gruseligmachen dem Zionismus zu entreißen und sie an sich zu ziehen. Und wahrlich, die Beschlüsse auf dem kulturellen Gebiete sind keine Laune einzelner und kein Zufall, sie sind vielmehr aus der tiefen Einsicht gekommen, daß sowohl der weitere Bestand des Zionismus als auch die Niederwerfung der bewußten Assimilation einzig und' allein durch planmäßige kulturelle Arbeit denkbar ist. Um aber mit ^Verständnis kulturell arbeiten zu können, mußten in die Leitung Russen kommen, die etwas von jüdischer Kultur verstehen, — und nur s o ist der Zusammenhang der neuen Leitung mit den Beschlüssen des Kongresses aus dem Gebiete der Kultur zu verstehen. Der X. Kongreß brachte die zionistische Bewegung in eine neue Phase; man kann jetzt mit Recht von einer Aera der Kultur und des Geistes im Zionismus sprechen. Die bloße Tatsache, daß auf diesem Kongresse zum ersten Mal seit Beginn der zionistischen , Bewegung eine ganze Nachmittagssitzung bei besetztem Saale und Galerie in Her hebräischen Sprache geleitet und debattiert wurde, beweist zur Genüge, wohin der Kurs geht und daß mit der Hebräisierung des jüdischen Volkes endlich Ernst gemacht wird. Vielleicht eben deshalb fand man es fiir billig, die Zionisten den Kanaanitern gleichzustellen . . Auch die Tatsache, daß der Misrachi eben zu Basel endlich den von uns längst empfohlenen und einzig richtigen Weg der positiven Arb-eit, den der Kultur (Siehe Rubrik „Aus den Ereignissen des Tages") beschritten hat, spricht für diese unsere Behauptung. Wir hätten noch auf die Festigung und Ausbauung der Organisatton, die aus dem starken Zudrang und dem Verlauf des Kongresses zu konstatieren war, Hinweisen können. Doch all dies ist aus unserem Berichte zu entnehmen. Auf noch mehrere erfreuliche Details könnte hingewiesen werden; wir wollten aber nur auf die ivesentlichen Punkte dieses Kongresses eingehen. In unseren Äugen bedeutet der X. Zionistenkongreß eine Wendung in der Geschichte Israels, ein großes, glückliches Bolksereignis, ein Vorwärtsschreiten zum Judenttims hin! Brief aus Rußland. Stolypin. — Die letzten Beschränkungen. — Die Nationalisierung des Handels. — Stolypin oder die Duma? Stolypin hat im Frühjahhr sowohl vom Reichsrate als von der Duma einige Mißtrauensvoten erhalten und ist dennoch auf seinem Posten geblieben. Ist es da nicht natürlich, daß er, das Haupt einer Regierung, die stets nur im