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Neue jüdische Presse · 1911-08-18 · Heft 33 (18.8.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Nr. 33. Seite 10 Wankftttter FsraelUsM MmMeMM. Antriebe« vortreWch; das System ist in den meisten Industrie Schools durchgeführt. Den Hauptwert ihrer Erziehung legt jedoch liste Vorsteherin: auf die individuelle Behandlung jedes einzelnen Kindes. Sie macht jeden Charakter zu einem Studium und erreicht es dadurch, daß die älteren, verständigen Mädchen in ihr die Freundin und treue Beraterin scheu. Im allgemeinen werden die Insassen für den häuslichen Dienst in guten Häusern als Köchin, Haus- und Kindermädchen ausgebildet; indessen gewährt das Komitee bei besonders hervorragender Begabung auch die Mittel zu einer anderen Ausbildung. Soweit cs möglich ist, werden die Wünsche der Kinder in der Berufswahl berücksichtigt. Neben der Eichung zur Arbeit wird aber auch das Erholungsbedürfnis der Zöglinge nicht vernachlässigt. Eine Spielzeit, entiveder in dem ausgedehnten Garten oder im Tanzsaal, ist für jeden Tag vorgeschen, und Freunde der Anstalt bringen nicht selten bei ihren .Besuchen ihre eigenen Kinder mit, damit sie in freundlicher Weise mit den Pfleglingen verkehren. Jeden Sommer wird die ganze Schar unter Leitung der Vorsteherin auf vierzehn Tage an die See geschickt. Auch sind Einladungen der Ehrendamen zu vergnügten Nachmittagen vdey kleinen Ausflügen keine Seltenheit. So geschieht alles, um aus den kleinen Enterbten des Lebens brauchbare und lebensfrohe Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft zu machen. Der Menschenfteund aber kann nur wünschen, daß eine solche Fürsorge nicht nur den gefährdeten Kindern zuteil würde sondern auch allen guten Kindern solcher braven Eltern, die es trotz redlicher Mühe und Arbeit nicht zu einem menschenwüMgen Dasein für sich und ihre Kleinen bringen können. Wir Juden dürfen mit Recht stolz sein auf die hier kurz geschilderte jüdische Musteranstalt, deren Besichtigung jedem Besucher Londons empfohlen werden kann. Der X. Zionistenkougretz. (Schluß). Dienstag/ 15. August. In der Vormittagssitzung werden die Anträge der Palästinakommission angenommen. Es folgt dann die Debatte über die neue Geschäftsordnung des Kongresses. Ein Punkt führt dabei zu großen Differenzen: die Wahlen zum P e r m a n e n z a u s s ch u ß. Dieser lereitet bekanntlich alle Wahlen des Kongresses vor und ist so die wichtigste Körperschaft neben ihm. Nach dem neuen Statut soll eine Landsmannschaft für je 10 Delegierte einen Vertreter im Permanenzausschussc haben. Dadurch würben all die kleinen Landsmannschaften (französische, belgische, holländische, italienische usw.) mit nur 3, 4, 5 Delegierten keinen Vertreter haben, wogegen sich diese natürlich sträuben. Nach einer außerordentlich heftigen Debatte und Reden von all den Vertretern der kleinen Landsmannschaften, deren Führer der energische Dr. A. Marmorekist,- einigt man sich daraus, daß eine Landsmannschaft schon bei 4 Delegierten eine» Vertreter im Permancnzausschutz haben soll. In der Nachmittagssitzung wird die Debatte über die Geschäftsordnung zu Ende geführt und diese mit einigen Aenderungen angenommen. Es folgt der Bericht der E m i g r a t i o n s - fommifjion; ihre Anträge werden angenommen, der von Trietsch auf Schaffung eines Emigrationskomitees abgelehnt. Es folgt die Beratung des B u-d g e t s der neuen Leitung. Nach längeren Debatten wird cs angenommen. Inzwischen ist es 8 Uhr geworden. Man tagt schon seit 4 Uhr, die Debatten waren teilweise erregt, man ist in einer sehr ernsten und gespannten Stimmung, denn noch ist das Wichtigste noch nicht gekommen: die Knltnrfrage. Endlich, nach 8 Uhr, erhält der Berichterstatter der Kulturkommission, die 2 Tage in langen Sitzungen getagt hat, das Wort. Der Saal füllt sich sofort; die Delegierten werden unruhiger, der Tribüne bemächttgt sich eine unruhige Spannung; man hat gehört, daß der Misrachi im Falle der Annahme der Resolutionen der Kommission ans der Bewegung austreten will. Dr. Daiches stellt vorher den merkwürdigen Anttag, die ganze Sache für den nächsten Kongreß zu vertagen; er wird natürlich abgelehnt. Aushalten läßt sich die Sache nicht mehr. Ing. Shrkin teilt mit, baß die Kommission eine Resolution gefaßt hat, der alle mit Ausnahme des Misrachi zugestimmt haben. Die Rcsolution lautet: 1. Der X. Zioiiistcnkongreß fordert das E. A.-K. auf, die Kulturarbeit in Palästina und im Orient zu organisieren und zu zentralisieren. 2. Der X. Zionistenkongreß gibt seinen Willen kund, daß in keiner der von der zionistischen Organisation geschaffenen Institutionen für Kulturarbeit irgend etwas unternommen werden darf, was der jüdischen Religion zuwiderläüft. 3. Der Kongreß erklärt die Kulturarbeit in den Ländern der Diaspora für eine autonome Angelegenheit der einzelnen Landesorganisationen und Föderationen; er legt jedoch jedem Zionisten und allen Landesorganisationen und Föderationen die Pflicht auf, für die Förderung und Verbreitung jüdisch-nationaler Kultur auf allen Gebieten jüdischen Schaffens und Volkslebens zu wirken. Es läuft ein Antrag Friedem ann/ Lichtheim, Struck ein, die Resolution dem E. A.-K. zur Prüfung zu überweisen; dies bedeutet natürlich Begrabuug der Angelegenheit. Struck erhält das Wort zu einer Erklärung namcnS d cs Alisrachi, die er unter atemloser Stille abgibt: Für den Misrachi ist die gemeinsame Arbeit auf dem Gebiete der Kultur unmöglich, diese muß den einzelnen überlassen werden. Er beschwört den Kongreß,' nicht die Resolutionen der Koinmission zu akzeptieren und so eine Spaltung herbeizuführen. Im Falle der Annahme der Resolutionen bdhält sich der Misrachi weitere Schritte vor und lehnt die Verantwortung für die weiteren Folgen ab. Die Erklärung macht auf den Kongreß wenig Eindruck; er ist fest entschlossen, die Kulturarbeit endlich einmal in den Zionismus hineinzuttageu. Dr. Friedemann wundert sich, daß man ohne Debatten über eine so wichtige Sache plötzlich absttmmt. S y r k i n widerspricht ihm. Kaplan-Kaplansky erklärt namens der Poale-Zion, daß sie für den ersten Antrag (Kulturarbeit in Palästina), aber gegen den zweiten, der.erklärt, daß nichts gegen die Religion unter» nommen würde, stimmen tverden. Dr. O. Thon teilt mit, daß in der Kommission die beiden anwesenden Rabbiner Reines und Rabbiuowitz-Liverpo o l für die Resolution g e st imm t haben. Diese Mitteilung macht einen großen Eindruck. Struck eilt zu den beiden Rabbinern, spricht erregt mit ihnen und ruft: Es ist eine Unwahrheit. Rabb. Reines gibt eine Erklärung ab, daß er stets gegen die Kulturarbeit geivesen sei, damit keine Spaltungen eintteten, doch, da sie von der Kommission im Sinne des Traditionellen angenommen ist, halte er es für Pflicht des Misrachi, sich nicht zu trennen. Dr. Tschlenow verliest einen Beschluß des 2. Kongresses, der den heutigen Resolutionen voll entspricht. Wir bestätigen also heute nur schon längst Beschlossenes. Rabb. Rabbinowitz; eine ehrwürdige Erscheinung und bekannt als Gaon, ergreift unter atemloser Stille das Wort: „Wenn der ganze Misrachi au s >d c m Zionismus a u s tr i t t, ich trete nicht aus." Die Versammlung erhebt sich und bereitet ihm eine ininutenlange, unbeschreibliche Ovation. Er würde es für richttger halten, wenn man die Kultursrage nicht anschnciden würde. Da es aber die Koinmission und der Kongreß für nötig hält, sttmme er dafür. Er wünsche aber, daß der Sabbat in allen zionistischen Institutionen beobachtet werde. Nach einer Bitte M. Berlins, doch nicht die Resolutionen anzunehmen und einem Schlußwort Syrkins schreitet man zur Abstimm u n g. Inzwischen hat inan sich überzeugt, daß die große Majorität des Kongresses für die Resolutionen sind. Der Antrag Friedcmann — Lichthciin hatte seine llntcrschrift zurückgezogen — wird abgelehnt. Die Resolutionen der Kommissionen mit erdrückender Majorität angenommen. Alle atmen auf. Die Beklemmung ist gewischcn. Man empfindet, daß es ein historischer Moment ist. Was jahrelang die Gemüter erhcht hat, ist entschieden. Und diese Erkenntnis gibt sich in brausendem Beifall kund. Man beschließt, die Wahle n sofort vorznnehmen. Prof. W e i z m a n n unterbreitet vorerst namens des Permanenzausschusscs die Vorschläge für das Kongreßgcricht, für den Kongreßanwalt, für das Ehrengericht, Revisoren und die Nationalbibliotheks-Kommission, die alle eu Hoc angenommen werden. - Es tritt eine Pause von 10 Minuten ein. Prof. Weizmann schlägt für das Große Aktionskomitee folgende Herren vor: David Wolffsohn (brausender Beifall), Dr. Bodc nheimer/ A. Böhm, I. Fischer, Dr. Friedemann, B.- Goldberg, Dr. Halpern, Dr. Hausmann, Jidclsohn, I. Kann, Keßler, Dr. Klee, I. Kremenetzkh, Dr. Marmorek (brausender Beifall), L. Motzkin, Neiditsch, Podlischewsky, Dr. Rosenbaum, I. Simon, A. Stand, Schein, Dr. Tschle« now (brausender Beifall), Ussischkin (brausender Beifall), Prof. Weizmann. Die Vorschläge werden on Hoc angenommen. Für das Engere Aktionskomitee schlägt er vor: Prof. Marburg (brausender Beifall), Dr. Hantle, Dr. Jakobsohn, Dr. Sch^ Lew in und N. S o k o l o w. Lu Hoc angenommen. Prof. Marburg verliest namens des E. A.-K. eine Erklärung, worin es gelobt, mit allen Kräften seinen Pflichten nachzukommen und Wolsfsohn und Kann für ihre bisherige Tättgkeit dankt. Dr. Tschlenow hält eine warmempfundene Ansprache; er erinnert an all die Kämpfe, die die Bewegung bisher durchgemacht hat. Der X. Knogreß hat ihr die Einheit wiedergegeben. Er soll nicht nur der Jubelkongreß, er soll der Friedenskongreß heißen. (Tosender Beifall.) Darauf hält Usch iskin eine feurige hebräische Ansprache: Der Held des heutigen Kongresses ist David Wolfssohn, denn er hat im Interesse der Bewegung auf sein Amt selbst verzichtet. Er ermahnt die neue Leitung, ernst zu arbeiten, denn gerade diejenigen, die sie gewählt haben, werden ihre Fehler auf dem nächsten Kongreß am. meisten kritisieren. Die Delegierten aber fordert er auf, jeder an seinen: Orte und nach seinen Kräften für das gemeinsanie große Ideal zu arbeiten. Seine Worte werden mit rauschendem Jubel ausgenommen und als er und Wolffsohn nachher -sich in die .Arme schließen und den Bruderkuß tauschen, wird der Jubel unbeschreiblich. Nachdem Julius Simon dem Präsidium für seine mühevolle Leitung 'der Geschäfte gedankt hat, hält Dr. B o d e n h e i m e r die Schluß-Ansprache: Der X. Kongreß wird in der Geschichte des Zionismus einen hohen Platz einnehmen. Die Bewegung ist endlich geeint und ihre Kraft dadurch bedeutend gestärkt worden. Stärker als alles aber macht uns das sichere Bewußtsein, daß wir die Besten des jüdischen Volkes vertreten und daß die Zukunst unseres Volkes unser ist. Ich schließe den X. Kongreß. -I- Unter den ernst-sehnsüchtigen, gefühlvollen und ergreifenden Melodien der „Hatikwah", die Delegierte und Gäste.stehend ansttmmen, leert sich der Saal. Der Eindruck, den die Schlußsitzung gemacht hat, läßt sich nicht beschreiben. Die Liebe zum nationalen Ideal, die Erinnerung an den großen Führer, dessen Geist — wie Tschlenow sagte — über dem Kongreß schwebte, das Bewußtsein der nationalen Zugehörigkeit, des Zusammensindens des ganzen Volkes, die hohe Empfindung von der Größe des Augenblickes und endlich die Freude über die endlich erfolgte Einigung, all diese starken Empfindungen, gemischt mit tausend anderen heiligen Gefühlen, vereinigten sich und verliehen dem Augenblicke eine historische Weihe. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Von den in den letzten.Wochen aus dem Judentum Ausgetretenen verzeichnen wir hier Apotheker Karl Auerbach, Kommerzienrat Jacques Mühsam, Rechtsanwalt E. B. Klempercr und Architekt Rudolf Mats. Berlin. Im 47. Lebensjahre verschied Paul Engel, Teilhaber der bekannten Firma Hermann Engel. — Die Sanitätsräte Dr. Jonas 'Neumann und Dr. Felix U n g e r sind zu Geheime n Sanitätsritcu und die Acrzte Dr. Felix Peltesohn, Dr. Leopold Feilchenfeld, Dr. Siegfried Sachs, Dr. Max Schweitzer, Dr. Hermann Straus, Dr. Georg Arnheim, Dr. Julius Rau-Berlin, Dr. Wolf Sachs-Christberg, Dr. Eduard Äronsohn-Ems, Dr. Ernst Kahn uich Dr. Julius Ascher-Frankfurt a. M. zu Sanitätsräten ernannt worden. Regensburg. Landgerichtsrat M. Wolfsthal ist zum Ersten Staatsanwalt in Frankenthal ernannt worden. Offenbach. Louis Wallerstein und Frau feierten letzten Sonntag die goldene Hochzeit. Mannheim. Dr. Alt mann ist zum stellvertretenden Direktor der Handelsfachschule gewählt worden. — Privatier Moritz Rothschild-Baden-Baden spendete der israelitischen Gemeinde Nordst c t t e n 2000 Jk und der katholischen Gemeinde dortselbst 1000 jL <L) Wresche». Im 62. Lebensjahre verschied Joseph Jadesohn, eines der angesehensten Mitglieder unserer Gemeinde. >I-.l Ostrowo. Die Dr. B. Cohn'schen Eheleute feierten die diamantene Hochzeit. Wien. Dr. Alfred Stern, Präsioent der Kultusgemeinde, feiert am 29. August seinen 80. Geburtstag. * '

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