Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mage z» ilr. IZiles Frankfurter Iftaeütififißii lamitienfitattes. Eine Fttrsorge-Erziehungs-Anstalt der „Jüdischen Gesellschaft zum Schutze von Mädchen und Frauen in London". Bon Mary Ehrlich, Berlin. „Menschliche Teilnahme, liebevolle Fürsorge, persönliche Hingabe, geduldiges Wohlwollen sind Kräfte, die nie versagen." Diese Worte stehen als Motto auf dem Titelblatt der Jahresberichte der englischen Gesellschaft zum Schutze jüdischer Mädchen und Frauen, und wer diese Berichte verfolgt, wird von Bewunderung erfüllt über den Umfang der sozialen Arbeit, welche eine gut organisierte private Hilfstätigkeit auf einem s» weiten und schwierigen Felde zu leisten imstande ist. Eine große Anzahl Damen und Herren aus den ersten jüdischen Kreisen teilen sich in die ehrenamtliche Tätigkeit an den verschiedenen Anstalten der Gesellschaft, an denen außerdem vorzüglich besoldete weibliche Kräfte ihres Achtes walten. Die Gesellschaft unterhält ein Rettungs- und! Erziehungsheint für geistig und körperlich nrinderivertige Jugendliche, ein A r b c i t e r i n n e n h c i m, eine Hauswirtschaftliche Bildungs-Anstalt, eine Fürsorg cerziehungs - (Anstalt (Industrial School) für Mädchen bis zum 16. Lebensjahre; ein provisorisches ,Unterkunftsheim für unerledigte Fälle, eine Bahnhofs- und H a f e u m i s s i o n und xinc Besuchs-Abteilung für alle weiblichen Personen, die jemals Gegenstand der Fürsorge der Gesellschaft gewesen sind. Außerdem beteiligt, sich die Gesellschaft in hervorragender Wjeife an allen internationalen Bestrebungen zum Wöhle des weiblichen Geschlechts. Das „H e r r e n - K o m i t e e" betätigt sich in erster Reihe an der Bekämpfung des Mädchenhandels, tckbei .Vs von allen englischen und allsländischen Behörden tatkräftig unterstützt wird. Ein Neffe jdes verstorbenen Philanthropen Sir Moses Montefiore, Mr. Claude Montefio re, ist Vorsitzender des Herren-Komitecs., Das Ausgabe-Budget der Gesellschaft beläuft sich auf jährlich ungefähr 3000 'Lflr. (60,000 Mk.), die zuiu allergrößtere Teil durch freiwillige Beiträge voir Gemcindemitgliedern gedeckt iverdcn. Wer sich eingehend mit der segensreichen. Tätigkeit der Gesellschaft bekannt machen rvill, möge sich einen ihrer Jahresberichte kommen lassen. Hier soll nur die „Jewish Girl's Industrial School", die Fürsorgeerziehungs-Anstalt für jüd. Mädchen, ein vorbildliches Institut seiner Art, ausführlicher geschildert werden. Steht doch auch in Deutschland gerade jetzt die sogenannte Fürsorgeerziehung. mit! ihren Erfolgen und Mißständeii im Vordergrund des sozialen Interesses, und die Leser dieses Blattes werden sicher mit Geinigtuung erfahren, in wie vorzüglicher Weise in London sür gefährdete jüdische Kinder gesorgt wird. Die staatlich zur Aufnahme von dreißig Mädchen konzessionierte „Jewish Girls' Industrial School" trat im Jahre 1905 ins Leben, als Folge der unermüdlichen Bemühungen von Frl. Bella Löwy, einem begeisterten Mitglied des Kuratoriums der Gesellschaft zum Schutze jüdischer Frauen und Mädchen. Frl. Löwy hatte seit lange lebhaft empfunden, wie wünschenswert es sei, daß (.jüdische Kinder nicht in christlichen Anstalten sondern in einer, solchen der eigenen Konfession untergebracht würden. Aber lange scheiterten ihre Anregungen an der Kostenfrage. Als jedoch Montefiore der Gesellschaft eine früher von seinen Großeltern bewohnte in großem Garten vorzüglich! gelegene Billa zur Verfügung stellte und auch Lord und Lady Rothschild eine bedeutende Summe beisteuerten, konnte an die Verwirklichung des edlen Planes gegangen werden. Im März 1906 wurde in Gegenwart einer großen .Versammlung von dem Oberrabbiner Londons die Einwechung der neuen Anstalt vollzogen. Sie liegt in Stamford Hill, einer, Hauptverkehrsstraße deH äußersten Londoner Nordens, Mit 14 Zöglingen im Alter von 3—14 Jahren eröffnet, nahm ihre Zahl von Jahr zu Jahr p. Schon im Jahre 1908 stellte sich heraus, daß eine Erweiterung an absehbarer Zeit nicht zu umgehen sein würde. In hochherzigster Weise stiftete wiederum Montefiore die Mittel dazu. Ein großer neuer Flügel wurde an die Villa auf seine Kosten angebaut, die Raum für 36 weitere Kinder bietet, sodaß jetzt die Anstalt zur Aufnahme von 66 Kindern konzeffioniert ist. Bei Gelegenheit der Einweihungdes neuen Flügels durch den Oberrabbiner sprach der die Feierlichkeit mit einer kllrzen Ansprache eröffnende staatliche Ober-Inspektor der Besserungs¬ und Erziehungsanstalten der durch die jüdischen Anstalten geleisteten Arbeit seine höchste Anerkennung aus. Er sagte: „Ich freue mich über die Errichtung der jüdischen Erziehungsanstalten, .weil ich fühle und jeden Tag mehr davon überzeugt werde, daß sie dem ganzen System der Industrial Schools überall im Lande von stutzen gewesen sind. Ich will nicht schmeicheln, doch ich fühle und muß es aussprechen, daß alle, die an diesen! Werke teilgenonimen haben, unbewußt und darum umso wirksamer dazu beigetragen haben, das allgemeine Interesse für diese noch im Hintergrund der sozialen Bestrebungen fortgeführten Arbeiten zu steigern. Diese beiden Schulen*) sind ein Vorbild der Zweckmäßigkeit im besten Sinne des Wortes nicht nur in Bezug auf Praktische Erfolge sondern auch in jener Sympathie und menschenfreundlichen Duldsamkeit, welche das innerste Wesen aller guten sozialen Arbeit ausmacht." Nicht weniger günstig lautete das Urteil des städtischen Inspektors, welches zur Folge hatte, daß die Anstalt in die Reihe der als „ausnahmsweise erfolgreich" bezeichncten aufrückte und als solche den höchsten vom County Council für diese Schulen festgesetzten Zuschuß erhält. Die Erziehungsarbeit in der Anstalt wird ausschließlich von weiblichen Kräften erfiillt. Auch eine Aerztin ist angestellt, und nur für besondere Fälle -valtet ein beratender, ehrenamtlich tätiger Arzt seines Amtes. Dank der vorzüglichen hygienischen Schulung der Borstcherin, Lizzie Nasch, ist der Gesundheitszustand der Zöglinge ein hervorragend jguter, was auch im Jahresbericht der Heiden ärztlichen .Beistände jedesmal zum Ausdruck kommt. Die Vorsteherin, eine Tochter holländischer, . in England eingewanderter Eltern, ist eine hochgebildete Dame, deren Herzenswärme und liebevolles Verständnis für das kindliche Seelenleben mächtige Hilfsmittel für die ihr übertragene schwere Erziehungsaufgabe sind, Ihr ist es gelungen, für ihre Pfleglinge eine Atmosphäre des Familienlebens zu schaffen, die sie sonst niemals kennen lernen würden. Die Anstalt nimnit nach den allgemeinen Regeln des englischen Fürsorgcerziehungsgesetzcs Kinder von 3—16 Jahren auf. Einer Industrial School werden solche' Kinder überwiesen, die wegen kleinerer Vergehen vor dem Jugendgericht erscheinen mußten, deren Eltern ihre Kinder mißhandeln oder vernachläffigen, sowie Kinder von kriminellen, unsittlichen oder trunksüchtigen Eltern. Der „London County-Council", d. ist die Zentralbehördevon Groß-London, hat für alle Schulbezirke je einen Industrial School Officer angestellt, dessen Amt es ist, alle Volksschulen seines Bezirks zu besuchen und die ihm von dem Schulleiter als der Fürsorgeerziehung bedürftig gemeldeten Fälle dem Jugendgericht überweist. Das Verfahren .ist sehr rasch. Die Jugendgerichte verhandeln.wöchentlich zweimal, und kein Fall darf mehr als einmal und mehr als acht Tage vertagt werden. Anträge können außerdem von Privatpersonen gestellt werden, und ganz besondere Wachsamkeit zeigt die Polizei, um ge¬ *) Es existiert auch eine Industrial School für jüdische Knaben. fährdete und verwahrloste Kinder aus schädlichen Verhältnissen zu retten. Der Polizist führt das betreffende Kind vor den Polizeirichter, und sobald der Tatbestand einwandftei bewiesen ist, wird es durch die Polizei der in Frage kommenden, seiner Konfession angehörenden Anstalt zugefiihrt. Im allgemeinen dauert in England die Fürsorgeerziehung bis zum 16. Lebensjahre mit Schutzaufsicht bis zum 18. Rur die wenigsten der in der Jewish Girls' Industrial School untergebrachten Kinder haben strafbare Handlungen begangen. Die Mehrzahl sind ihren (Eltern entpgen worden, weil diese ihre Behausung zu unsittlichen Zwecken hergaben und dadurch die sittliche Entwicklung chrer Kinder gefährdeten. Es handelt sich dabei meist um arme, eiugewanderte Juden aus dem östlichen Europa. Gelingt es, sie dauernd zur Aufgabe ihres schimpflichen Gewerbes zu bewegen, so steht der Rückkehr der Kinder in die Familie nichts entgegen. Je früher ein Kind aus den seiner Sittlichkeit drohenden Gefahren entfernt wird, desto leichter ist seine Rettung. In dieser Ueberzeuguug trennt die Behörde schon Kinder ini zarten Alter von 3—4 Jahren von den Eltern und führt sic der Industrial School zu, wo sie von der Vorsteherin, deren Gehilfinnen und den älteren Zöglingen mit größter Liebe gehegt und gepflegt werden. Es ist eine besondere Ehre für eines der größeren Mädchen, wenn ihr die Sorge für so ein kleines Pflegekind übertragen wird, und die Betreffende sucht ihren Stolz darin, das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Ucbcrhaupt versteht cs Airs. R a s ch in hervorragendem Maße, auf ihre Schutzbefohlenen durch Hebung 'des Ehrgefühls erzieherisch zu wirken. Die Hauptgrundlage ihres Erziehungssystenis ist, die Freude an der Arbeit ihren Zöglingen einzuprägen. Arbeiten zu dürfen, ist bei ihr Ehre und Belohnung; schlechtes Betragen straft sie durch Entziehung der Arbeit, ebenso schlecht geleistete Arbeiten durch lleberweisung geringer bewerteter Arbeiten oder völlige Entziehung auf bestimntte Zeit. Die Erfolge lehren, das; ihr Weg der richtige ist. Die widerspenstigsten Elemente werden ftigsam nach kurzer Zeit gezwungenen Müßiggangs, und alle wetteifern, um ein Lob oder ein aufmunterndes Wort von ihrer Vorsteherin zu erhalten, an der sie mit zärtlicher Liebe hängen. In ganz schweren Fällen von Unbotmäßigkeit und Bösartigkeit, wie sie, wenn auch selten, bei schon stark verwahrlosten größeren Mädchen Vorkommen, schickt (sie die Schuldige ins Bett und setzt sie auf Krankenkost; denn, sagt sie, nur ein Kranker kann sich so unverantwortlich betragen. Der Erfolg ist stets baldige Unterwerfting. Nur in Fällen hochgradiger moralischer Verkommenheit wird ausnahmsweise zur Prügelstrafe gegriffen; drei- bis viermal im Jahr ist die höchste Zahl der bisherigen Prügelsälle gewesen. Geringere Strafen sind noch Isolierung auf Stunden, Entziehung von Lieblingsgkrichten, die dann durch trockenes Brot ersetzt werden und in besonders hartnäckigen Fällen statt der gewöhnlichen Mahlzeit eine solche von trockenem Brot mit Milch und Wasser. Je nach ihrem Betragen haben die Kinder Anspruch auf einen halben bis zu zwei Pence Belohnung wöchentlich. Für Unarten werden Tadelpunkte notiert. Kein Punft in der Woche bedeutet zwei Pence Taschengeld, zehn Punkte ---- iy2 Pence, 20 Punkte 1 Penny, 30 Punkte (4 Penny. Wer mehr als 30 Punkte sich zugezogen hat, kommt auf die Liste für schlechtes Betragen und verliert alle ihr sonst zustehenden Vergünstigungen, während die erste Wteilung in die Lobliste eingetragen wird. So werden die Kinder einerseits durch Erweckung des Ehrgefühls, andererseits durch materielles Interesse zu sittlichem Wohlverhalten angespornt. Für das hier in Frage kommende Kindermaterial bewährt sich diese Verbindung von idealen und materiellen